Seit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie ist die Entwicklung und Verteilung von Impfstoffen ein zentrales Thema. Insbesondere für vulnerable Bevölkerungsgruppen stellt sich die Frage nach der Priorisierung und Sicherheit der Impfung. Dieser Artikel beleuchtet die Situation von Menschen mit Epilepsie im Kontext der COVID-19-Impfung, unter Berücksichtigung der Priorisierung, der potenziellen Risiken und Nebenwirkungen sowie der aktuellen Empfehlungen.
COVID-19 und neurologische Erkrankungen
Die COVID-19-Pandemie hat weltweit zu erheblichen Einschränkungen in der Gesundheitsversorgung geführt. Das SARS-CoV-2-Virus manifestiert sich hauptsächlich als Atemwegsinfektion, kann aber auch neurologische Symptome verursachen. Seltene Manifestationen sind epileptische Anfälle und Status epilepticus. Komorbiditäten wie das Down-Syndrom oder geistige Behinderung, die häufig mit Epilepsie einhergehen, können das Risiko für schwere Krankheitsverläufe und Hospitalisierung erhöhen.
Auswirkungen der Pandemie auf die Gesundheitsversorgung von Menschen mit Epilepsie
Die Pandemie hat zu Einschränkungen in der allgemeinen Gesundheitsversorgung geführt, einschließlich der Behandlung von Menschen mit Epilepsie. Daher ist eine wirksame Bekämpfung der Pandemie entscheidend, um die Gesundheitsversorgung für alle zu verbessern. Neben Hygienemaßnahmen und sozialer Distanzierung spielen Impfstoffe eine wichtige Rolle.
Priorisierung der COVID-19-Impfung
Die Ständige Impfkommission (STIKO) in Deutschland hat Empfehlungen zur Priorisierung der COVID-19-Impfung herausgegeben. Die Priorisierung basiert auf dem Risiko für schwere oder tödliche Krankheitsverläufe sowie auf beruflicher Exposition oder engem Kontakt zu vulnerablen Gruppen.
Epilepsie und Priorisierung
Epilepsie wird von der STIKO nicht als generelle Kontraindikation für Impfungen oder als besonderes Risikokriterium für eine Priorisierung genannt. Menschen mit Epilepsie haben keinen Anspruch auf eine bevorzugte Impfung, es sei denn, es liegen Komorbiditäten oder Grunderkrankungen vor, die eine Priorisierung rechtfertigen.
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Individuelle Risiko-Nutzen-Abwägung
Es ist wichtig, eine differenzierte Risiko-Nutzen-Abwägung vorzunehmen. Einerseits besteht die Möglichkeit einer erhöhten Anfallsbereitschaft durch Fieber als Folge der Impfung. Andererseits steht dem der Nutzen durch die Verhinderung einer COVID-19-Erkrankung gegenüber.
Fallbeispiel: Eilbeschluss des Verwaltungsgerichts Frankfurt am Main
Ein Eilbeschluss des Verwaltungsgerichts Frankfurt am Main (Az.: 5 L 219/21) verpflichtete die Stadt Frankfurt, ein schwerstbehindertes Mädchen mit Epilepsie bei der Vergabe von Impfterminen mit hoher Priorität zu berücksichtigen. Das Gericht stufte das Mädchen aufgrund ihrer geistigen Behinderung in die Personengruppe mit hoher Priorität ein, auch wenn der Impfstoff für Kinder nicht zugelassen ist. Das Gericht wies darauf hin, dass im Einzelfall die Möglichkeit der Gabe von zugelassenen Arzneimitteln außerhalb der Parameter ihrer Zulassung (Off-Label-Use) besteht.
Berücksichtigung von Komorbiditäten und Einzelfallentscheidungen
Die STIKO-Empfehlung berücksichtigt nicht alle Krankheitsbilder oder Impfindikationen vollständig. Daher sind Einzelfallentscheidungen möglich, die die Gesamtzahl der Vorerkrankungen und das Expositionsrisiko berücksichtigen. Es obliegt den für die Impfung Verantwortlichen, Personen, die nicht explizit genannt sind, in die jeweilige Priorisierungskategorie einzuordnen.
Sicherheit der COVID-19-Impfstoffe für Menschen mit Epilepsie
Aktuell gibt es keine Hinweise darauf, dass für Menschen mit Epilepsie ein besonders hohes Risiko für Nebenwirkungen bei einer Impfung zur Vorbeugung der COVID-19-Erkrankung besteht. Klinische Studien und Fachinformationen der Impfstoffe führen epileptische Anfälle und Epilepsien nicht als bekannte Nebenwirkungen auf.
Mögliche Beeinträchtigung der Wirksamkeit bei Immunsuppression
Die Wirksamkeit der Impfung kann möglicherweise bei einer bestehenden Immunschwäche oder bei einer Behandlung, die die Immunantwort vermindert, beeinträchtigt sein. Dies betrifft insbesondere die Einnahme von Kortikosteroiden, Azathioprin oder monoklonalen Antikörpern. Patienten, die immunsuppressiv behandelt werden, sollten das Ansprechen auf die Impfung und die Nutzen-Risiko-Abwägung mit dem behandelnden Arzt vor der Impfung erörtern.
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Fieber als Anfallsauslöser
Nach jeder Impfung kann es zu Fieber kommen, was bei einigen Patienten mit Epilepsie Anfälle auslösen kann. Dieser anfallsprovozierende Faktor ist in der Regel bei den betroffenen Patienten durch vorherige fieberhafte Infekte oder Grippeschutzimpfungen bekannt. In solchen Fällen können fiebersenkende Mittel wie Ibuprofen oder Paracetamol eingesetzt oder vorübergehend die Dosis der Antiepileptika erhöht werden.
Allergische Reaktionen
Die Fachinformationen der Impfstoffe sind zu beachten, insbesondere können Impfstoffe zur Vorbeugung der COVID-19-Erkrankung Inhaltsstoffe enthalten, gegen die eine Allergie bestehen kann.
Empfehlungen für Menschen mit Epilepsie
- Impfschutz: Menschen mit Epilepsie sollten den gleichen Impfschutz erhalten wie andere Menschen auch.
- Keine Kontraindikation: Zuvor in zeitlichem Zusammenhang mit Impfungen aufgetretene epileptische Anfälle sind keine Kontraindikation für eine Impfung zur Vorbeugung der COVID-19-Erkrankung.
- Priorisierung: Eine generelle Priorisierung für die Impfung liegt bei Menschen mit Epilepsie nicht vor, relevante Komorbiditäten oder schwere Grunderkrankungen können jedoch zu einer Priorisierung führen.
- Individuelle Beratung: Patienten sollten das Ansprechen auf die Impfung und die Nutzen-Risiko-Abwägung mit dem behandelnden Arzt vor der Impfung erörtern.
- Fiebermanagement: Nach der Impfung sollte auf das Auftreten von Fieber geachtet und gegebenenfalls fiebersenkende Mittel eingesetzt werden.
Überblick über COVID-19-Impfstoffe
In Deutschland stehen verschiedene Impfstoffe zur Verfügung, die unterschiedliche Wirkmechanismen haben:
- mRNA-Impfstoffe: Comirnaty® (BioNTech/Pfizer) und Spikevax (Moderna)
- Vektorimpfstoffe: COVID-19 Vaccine AstraZeneca und COVID-19 Vaccine Janssen
Die Impfstoffe sind für Personen ab einem bestimmten Alter zugelassen (in der Regel ab 16 oder 18 Jahren). Die Wirksamkeit der Impfstoffe ist hoch, aber eine Infektion nach der Impfung ist nicht ausgeschlossen.
Die Rolle der Fachverbände und des Gesundheitssystems
Fachverbände für Menschen mit Behinderung fordern, dass Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung sowie die Mitarbeitenden in Einrichtungen der Eingliederungshilfe in die höchste Prioritätsstufe einbezogen werden. Sie weisen auf die hohe Zahl an schweren Verläufen und Todesfällen bei Menschen mit geistiger Behinderung hin.
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Das Gesundheitssystem spielt eine entscheidende Rolle bei der Organisation und Durchführung der Impfungen. Die Bundesländer regeln die Anmeldung zur Impfung, und die Impfungen werden von qualifizierten Ärztinnen und Ärzten sowie geschultem medizinischem Fachpersonal durchgeführt.
Fehlinformationen und Aufklärung
Im Zusammenhang mit der Impfung gegen COVID-19 gibt es viele Fragestellungen und es kursieren in den sozialen Netzwerken und manchmal auch in der Presse falsche Darstellungen oder es werden voreilig Schlüsse aus nicht vollständigen Informationen gezogen. Es ist wichtig, sich auf korrekte und fundierte Informationen von offiziellen Stellen wie dem Robert-Koch-Institut (RKI), der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) und den Angaben der Hersteller zu verlassen.