Epilepsie, COVID-19 und Impfung: Eine Risikoabwägung

Die COVID-19-Pandemie hat weltweit zu erheblichen gesundheitlichen Herausforderungen geführt. In diesem Zusammenhang stellt sich für viele Menschen mit chronischen neurologischen Erkrankungen, wie Epilepsie, die Frage, ob eine Impfung gegen COVID-19 ratsam ist. Dieser Artikel beleuchtet die potenziellen Risiken und Vorteile einer COVID-19-Impfung für Epilepsiepatienten und gibt einen Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse und Empfehlungen.

COVID-19 und neurologische Manifestationen

Das Coronavirus SARS-CoV-2, der Auslöser von COVID-19, wurde erstmals im Dezember 2019 in Wuhan, China, identifiziert. Seitdem hat sich die Krankheit weltweit ausgebreitet und Millionen von Menschenleben gefordert. Neben den primären respiratorischen Symptomen wurden auch neurologische Manifestationen im Zusammenhang mit COVID-19 beobachtet.

Eine frühe Studie aus Wuhan zeigte, dass 36,4 % der hospitalisierten COVID-19-Patienten neurologische Symptome aufwiesen. Diese umfassten Enzephalopathie, Geruchs- und Geschmacksstörungen, Kopfschmerzen, zerebrovaskuläre Erkrankungen (wie Schlaganfälle), epileptische Anfälle und hypoxische Hirnschädigung. Auch para- und postinfektiöse Syndrome wie das Guillain-Barré-Syndrom und die akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM) wurden beobachtet.

Epileptische Anfälle als Symptom von COVID-19

Epileptische Anfälle können ein Symptom von COVID-19 sein und sogar zur Erstvorstellung in einer Notaufnahme führen. Studien haben gezeigt, dass bei einem kleinen Prozentsatz der COVID-19-Patienten ein epileptischer Anfall der Hauptgrund für die Krankenhauseinweisung war. Interessanterweise hatten viele dieser Patienten zuvor keine Epilepsie-Diagnose.

Eine Studie aus dem Iran ergab, dass 0,8 % der hospitalisierten COVID-19-Patienten aufgrund eines epileptischen Anfalls aufgenommen wurden, wobei nur 9 % dieser Patienten eine Epilepsie-Anamnese hatten. Ähnliche Ergebnisse wurden in einer Studie aus Boston, USA, gefunden.

Lesen Sie auch: Kann ein Anfall tödlich sein?

Mögliche Ursachen für Anfälle bei COVID-19

Die Ursachen für epileptische Anfälle im Zusammenhang mit COVID-19 sind vielfältig. Eine direkte Invasion des Virus in das zentrale Nervensystem (ZNS) wurde diskutiert, aber die Evidenz dafür ist begrenzt. SARS-CoV-2 kann zwar an den ACE2-Rezeptor binden, der in verschiedenen Bereichen des ZNS exprimiert wird, aber der Nachweis von Virus-RNA im Liquor ist selten.

Es wird angenommen, dass indirekte Mechanismen und Auswirkungen der systemischen Erkrankung auf das Gehirn eine größere Rolle spielen. Dazu gehören metabolische Entgleisungen, Hypoxie, Sepsis und Entzündungen. Das Zusammenspiel dieser Faktoren kann bei kritisch kranken Patienten das Auftreten von Anfällen begünstigen.

Status epilepticus und COVID-19

In einigen Fällen wurde über das Auftreten eines Status epilepticus (SE) in Verbindung mit einer SARS-CoV-2-Infektion berichtet. Ein systematischer Review fand 47 Fälle von SE in Assoziation mit COVID-19, wobei nur wenige Patienten eine bekannte Epilepsieerkrankung hatten. Die Ätiologie des SE war oft unklar, aber vaskuläre, septische und inflammatorische Ursachen wurden vermutet.

Es wird vermutet, dass der nichtkonvulsive SE (NCSE) aufgrund von Limitationen in der EEG-Diagnostik bei infektiösen Patienten unterdiagnostiziert sein könnte.

COVID-19 bei Kindern und Fieberkrämpfe

Kinder können ebenfalls von einer SARS-CoV-2-Infektion betroffen sein, entwickeln aber seltener schwere COVID-19-Symptome. Fieberkrämpfe sind besonders mit viralen Infektionen assoziiert, und es gab Berichte über eine erhöhte Anzahl von Krankenhausaufnahmen aufgrund von Fieberkrämpfen während der COVID-19-Pandemie.

Lesen Sie auch: Cortison-Therapie bei Epilepsie im Detail

COVID-19-Impfung bei Epilepsie: Nutzen und Risiken

Angesichts der potenziellen neurologischen Komplikationen von COVID-19 ist es wichtig, die Risiken und Vorteile einer Impfung für Epilepsiepatienten abzuwägen.

Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO)

Die Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts (STIKO) stuft Epilepsie nicht als generelle Kontraindikation für Impfungen ein. Epilepsiepatienten haben grundsätzlich Anspruch auf eine Impfung gemäß den Priorisierungsrichtlinien der STIKO. Ein Anspruch auf bevorzugte Impfung besteht jedoch nur bei Vorliegen von Komorbiditäten oder Grunderkrankungen, die eine Priorisierung rechtfertigen.

Risiko-Nutzen-Abwägung

Es sollte immer eine differenzierte Risiko-Nutzen-Abwägung erfolgen. Dabei muss berücksichtigt werden, dass Fieber als Folge einer Impfung die Anfallsbereitschaft erhöhen kann. Dem steht jedoch der zu erwartende Nutzen durch die Verhinderung einer COVID-19-Erkrankung gegenüber.

Aktuelle Daten und Empfehlungen

Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) hat festgestellt, dass derzeit kein erhöhtes Risiko für das Auftreten von epileptischen Anfällen als Nebenwirkung von COVID-19-Impfungen bekannt ist. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass Impfreaktionen wie Fieber die "Krampfschwelle" herabsetzen können.

Interaktionen mit Anfallsmedikamenten

Es gibt Hinweise darauf, dass es nach Influenzaimpfungen zu durch Zytokine vermittelten Änderungen in der Expression von hepatischen Cytochrom-P450-Enzymen kommen kann, was die Konzentration von Anfallsmedikamenten (z. B. Carbamazepin) beeinflussen kann. Bei der Behandlung von COVID-19-Patienten sind mögliche pharmakokinetische Interaktionen zwischen Anfallsmedikamenten und COVID-19-Therapien zu berücksichtigen.

Lesen Sie auch: Ein umfassender Leitfaden zur idiopathischen generalisierten Epilepsie

Fallbeispiele und Einzelschicksale

Trotz der allgemeinen Empfehlungen gibt es Einzelfälle, in denen nach einer COVID-19-Impfung neurologische Komplikationen aufgetreten sind. Ein Beispiel ist der Fall von Sophie G., die nach einer Impfung mit dem Impfstoff von BioNTech Gelenkschmerzen, einen Ausschlag, eine Sinusvenenthrombose und schließlich Epilepsie entwickelte. Solche Fälle sind selten, können aber für die Betroffenen gravierende Folgen haben.

Es ist wichtig zu beachten, dass der kausale Zusammenhang zwischen der Impfung und den aufgetretenen Gesundheitsproblemen in solchen Fällen oft schwer nachzuweisen ist. Gerichte verweisen häufig auf die Bewertung der europäischen Arzneimittelbehörde, die das Nutzen-Risiko-Verhältnis der COVID-19-Impfung als positiv bewertet.

Neue Erkenntnisse: COVID-19 erhöht Risiko für Krampfanfälle und Epilepsie

Eine Studie der Universität Oxford hat gezeigt, dass es im Anschluss an COVID-19 häufiger zu Krampfanfällen oder einer Epilepsie kommt als nach einer Grippe. Kinder waren häufiger betroffen als Erwachsene, und ambulante Patienten häufiger als hospitalisierte Patienten. Die Forscher fanden heraus, dass in den ersten 6 Monaten nach der Diagnose von COVID-19 0,81 % der Patienten wegen Krampfanfällen behandelt wurden, während eine Epilepsiediagnose bei 0,30 % der Kohorte gestellt wurde.

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass COVID-19 das Risiko für neurologische Komplikationen erhöhen kann, was die Bedeutung einer Impfung zur Vorbeugung von COVID-19 unterstreicht.

Empfehlungen für Epilepsiepatienten vor einer COVID-19-Impfung

  • Konsultieren Sie Ihren Arzt: Besprechen Sie Ihre individuelle Situation und mögliche Risiken mit Ihrem behandelnden Arzt.
  • Immunsuppression: Wenn Sie immunsuppressiv behandelt werden, besprechen Sie mit Ihrem Arzt, ob die Impfung für Sie sinnvoll ist.
  • Fieberprophylaxe: Wenn bei Ihnen früher im Rahmen von Infekten oder Impfungen epileptische Anfälle ausgelöst wurden, besprechen Sie mit Ihrem Arzt, ob Sie prophylaktisch ein fiebersenkendes Medikament einnehmen oder vorübergehend die antikonvulsive Medikation erhöhen sollten.
  • Allergien: Wenn bei Ihnen Allergien bekannt sind, besprechen Sie mit dem impfenden Arzt, ob im Impfstoff Allergene enthalten sind und ob ein alternativer Impfstoff gewählt werden kann.

tags: #epilepsie #covid #impfung