Blutversorgung des Gehirns: Anatomie, Funktion und klinische Bedeutung

Das Gehirn, ein Wunderwerk der Natur, ist das Kontrollzentrum unseres Körpers. Seine komplexe Struktur und Funktionsweise faszinieren Mediziner und Laien gleichermaßen. Eine zentrale Rolle für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit des Gehirns spielt seine kontinuierliche und ausreichende Blutversorgung. Dieser Artikel beleuchtet die anatomischen Grundlagen der Hirnblutversorgung, die Funktion der beteiligten Gefäße und die möglichen Folgen von Durchblutungsstörungen.

Einführung in die Anatomie des Gehirns

Das Gehirn, auch Cerebrum oder Enzephalon genannt, ist der Teil des Zentralnervensystems, der sich im Kopf befindet und durch die Schädelhöhle vor äußeren Einflüssen geschützt wird. Es besteht hauptsächlich aus Gliazellen und Neuronen. Die Neuronen sind für die Reizweiterleitung zuständig, während die Gliazellen die Ernährung, Stützung und den Schutz der Neuronen übernehmen.

Man unterscheidet zwischen grauer und weißer Substanz. In der grauen Substanz befinden sich vorwiegend die Zellkörper der Zellen, während die weiße Substanz die Nervenfasern enthält, die als Leitbahnen der Informationsübermittlung dienen.

Das Gehirn gliedert sich in fünf Hauptbereiche:

  • Großhirn (Endhirn): Verantwortlich für visuelle Wahrnehmung, Verarbeitung akustischer Reize, Gedächtnis, höhere Denkvorgänge und Instinkte.
  • Zwischenhirn: Steuert Wahrnehmung, Gefühle, Schlaf-Wach-Rhythmus und Hormonsteuerung.
  • Hinterhirn: Umfasst Kleinhirn und Brücke (Pons) und ist zuständig für Bewegung, Gleichgewicht und unbewusstes Lernen.
  • Mittelhirn
  • Nachhirn

Der Hirnstamm, bestehend aus Mittelhirn, Brücke und Nachhirn, ist für vegetative Funktionen, Reflexe und die Verarbeitung von Sinneseindrücken zuständig.

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Die Rolle der Arterien bei der Blutversorgung des Gehirns

Das Gehirn wird durch zwei große Arterien mit Blut versorgt:

  • Arteria carotis interna (ACI): Sie entspringt der Halsschlagader und verläuft seitlich am Hals.
  • Arteria vertebralis (AV): Sie befindet sich hinten am Hals und tritt durch das Hinterhauptloch in den Schädel ein.

Diese Arterien speisen den Circulus arteriosus Willisii, einen arteriellen Gefäßring an der Gehirnbasis, der eine wichtige Rolle bei der Sicherstellung der Hirndurchblutung spielt.

Der Circulus arteriosus Willisii

Der Circulus arteriosus Willisii, auch Circulus arteriosus cerebri genannt, ist ein arterieller Gefäßring an der Gehirnbasis. Er wird von den folgenden Gefäßen gebildet:

  • Arteria carotis interna (ACI)
  • Arteria cerebri anterior (ACA)
  • Arteria cerebri media (ACM)
  • Arteria cerebri posterior (ACP)
  • Arteria communicans posterior (ACoP)
  • Arteria communicans anterior (ACoA)
  • Arteria vertebralis (AV)
  • Arteria basilaris (AB)

Der Circulus arteriosus Willisii ermöglicht einen Kollateralkreislauf, der Druckunterschiede zwischen den verschiedenen Stromgebieten ausgleichen und so eine gleichmäßige Durchblutung des Gehirns sicherstellen kann. Er kann auch langsam fortschreitende Einengungen der zufließenden Gefäße bis zu einem gewissen Maße kompensieren.

Im Bereich des Circulus arteriosus Willisii treten häufig zerebrale Aneurysmen auf, Aussackungen der Gefäßwand, die bei Ruptur zu einer Subarachnoidalblutung (SAB) führen können.

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Die Arteria cerebri anterior (ACA)

Die Arteria cerebri anterior (ACA) ist ein wichtiger Ast der Arteria carotis interna und gehört zum vorderen Kreislauf des Gehirns. Sie verläuft entlang der medialen Oberfläche der Gehirnhalbkugeln und versorgt vor allem den medialen Anteil des Frontal- und Parietallappens.

Die ACA unterteilt sich in mehrere Segmente, darunter das A1-Segment (zwischen der Arteria carotis interna und der Arteria communicans anterior) und das A2-Segment (nach der Anastomose mit der Arteria communicans anterior).

Die ACA versorgt hauptsächlich den Frontallappen, insbesondere den präfrontalen und prämotorischen Kortex, sowie den Parietallappen und das Septum. Über ihre Äste werden auch Strukturen wie die Commissura anterior, die Capsula interna, das Striatum, der Globus pallidus und der Nucleus caudatus mit Blut versorgt. Über die A. communicans anterior werden zusätzlich das Chiasma opticum, das Infundibulum und der Hypothalamus versorgt.

Die Arteria cerebri anterior (ACA) gibt mehrere Äste ab:

  • Die Arteria pericallosa, die das Corpus callosum und angrenzende Hirnareale versorgt
  • Die Arteria callosomarginalis, die den Gyrus cinguli und benachbarte Bereiche versorgt.
  • Perforierende Äste versorgen tiefere Strukturen wie die Basalganglien und den Hypothalamus.
  • Die Arteria communicans anterior (AComA) verbindet die beiden ACAs und ist Teil des Circulus arteriosus Willisii, der die Blutversorgung des Gehirns sichert.

Die von der Arteria cerebri anterior (ACA) versorgten Hirnregionen sind vor allem für die Motorik und Sensibilität der unteren Extremitäten zuständig. Dies betrifft insbesondere den primären motorischen und somatosensorischen Cortex, der die Bewegung und Wahrnehmung der Beine steuert. Zusätzlich spielt die ACA eine Rolle bei kognitiven Funktionen wie Planung, Entscheidungsfindung und Exekutivfunktionen, die im präfrontalen Cortex angesiedelt sind. Auch der Gyrus cinguli, der für Emotionen, Motivation und Gedächtnis verantwortlich ist, wird durch die ACA versorgt.

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Klinische Bedeutung: Der ACA-Infarkt

Ein Verschluss der Arteria cerebri anterior ist mit etwa 5 % aller Hirninfarkte relativ selten, kann jedoch charakteristische neurologische Ausfälle verursachen.

Da ihr Versorgungsgebiet den prä- und postzentralen Gyrus im Bereich der Mantelkante einschließt, führt ein Infarkt typischerweise zu einer beinbetonten sensomotorischen Hemiparese kontralateral zur Läsion. Zusätzlich können Antriebsstörungen, Aufmerksamkeitsdefizite und eine Apathie auftreten, da auch präfrontale Strukturen betroffen sein können.

Bei einem ACA-Infarkt können motorische Defizite wie Lähmungen der unteren Extremitäten, sensorische Störungen (Taubheitsgefühle), sowie kognitive Beeinträchtigungen (z. B. Apathie, Verlangsamung des Denkens) auftreten. Auch Harninkontinenz und in seltenen Fällen eine Lähmung der unteren Gesichtshälfte sind mögliche Symptome.

Schlaganfall: Eine plötzliche Durchblutungsstörung im Gehirn

Ein Schlaganfall ist eine plötzlich einsetzende Durchblutungsstörung im Gehirn, die in den meisten Fällen durch ein Blutgerinnsel verursacht wird, welches ein Blutgefäß im Gehirn verstopft. Die Folgen eines Schlaganfalls können unterschiedlich stark sein und hängen vom Ort der Durchblutungsstörung und der Größe des betroffenen Gehirnbereichs ab.

Symptome eines Schlaganfalls können sein:

  • Lähmungen
  • Gefühlsstörungen
  • Hängender Mundwinkel
  • Sprachstörungen
  • Sehstörungen
  • Bewusstseinsverlust

Ein Schlaganfall ist immer ein Notfall und erfordert sofortiges Handeln. Bei Verdacht auf einen Schlaganfall sollte umgehend die Rettung gerufen werden.

Risikofaktoren für einen Schlaganfall

Verschiedene Faktoren können das Risiko für einen Schlaganfall erhöhen, darunter:

  • Vorhofflimmern: Diese Herzrhythmusstörung begünstigt die Bildung von Blutgerinnseln im Herzen, die sich ablösen und einen Schlaganfall verursachen können.
  • Rauchen: Rauchen schädigt die Gefäße und fördert Ablagerungen, die den Durchmesser der Gefäße verringern.
  • Bluthochdruck: Erhöhter Blutdruck kann die Gefäße schädigen und das Risiko für einen Schlaganfall erhöhen.
  • Diabetes mellitus: Diabetes kann die Gefäße schädigen und das Risiko für einen Schlaganfall erhöhen.
  • Erhöhte Cholesterinwerte: Hohe Cholesterinwerte können zu Ablagerungen in den Gefäßen führen und das Risiko für einen Schlaganfall erhöhen.

Prävention von Schlaganfällen

Es gibt verschiedene Maßnahmen, um das Risiko für einen Schlaganfall zu senken:

  • Regelmäßige Einnahme von blutgerinnungshemmenden Medikamenten bei Vorhofflimmern: Diese Medikamente verhindern die Bildung von Blutgerinnseln.
  • Beenden des Rauchens: Rauchen schädigt die Gefäße und erhöht das Risiko für einen Schlaganfall.
  • Regelmäßige Kontrolluntersuchungen: Diese Untersuchungen helfen, Risikofaktoren frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
  • Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten kann das Risiko für einen Schlaganfall senken.
  • Regelmäßige Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität kann den Blutdruck senken und das Risiko für einen Schlaganfall reduzieren.

Die Blut-Hirn-Schranke: Schutzschild des Gehirns

Das Gehirn ist durch die Blut-Hirn-Schranke vom Blutkreislauf abgetrennt. Diese Schranke wird durch die Gliazellen gebildet und verhindert, dass schädliche Substanzen, Krankheitserreger und andere Stoffe in das Gehirn gelangen und das innere Milieu stören können. Nur bestimmte Substanzen können die Blut-Hirn-Schranke passieren und so in das Gehirn gelangen.

Fazit

Die Blutversorgung des Gehirns ist ein komplexer und lebenswichtiger Prozess. Der Circulus arteriosus Willisii spielt eine zentrale Rolle bei der Sicherstellung einer ausreichenden und gleichmäßigen Durchblutung des Gehirns. Störungen der Hirnblutversorgung, wie beispielsweise ein ACA-Infarkt oder ein Schlaganfall, können schwerwiegende neurologische Ausfälle verursachen. Eine gesunde Lebensweise und die Behandlung von Risikofaktoren können dazu beitragen, das Risiko für solche Ereignisse zu senken.

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