Wissenschaftlich betrachtet sind Migräne und Epilepsie chronische Anfallsleiden mit episodischen Manifestationen. Während sich die Inzidenzen beider Erkrankungen um den Faktor 20 unterscheiden, ist ihre Komorbidität auffallend hoch. Die komplexe Interaktion zwischen beiden Entitäten zeichnet sich durch unterschiedliches zeitliches Auftreten, Lateralisation und verschiedenartige genetische Hintergründe aus. Gemeinsames therapeutisches Ziel ist jedoch die Anfallsfreiheit durch geeignete pharmakologische und chirurgische Interventionen.
Einführung
Die Frage, ob Migränebetroffene eine größere Gefahr haben, auch an Epilepsie zu erkranken, oder ob umgekehrt Menschen mit Epilepsie häufiger an Migräne leiden, beschäftigt die medizinische Forschung schon länger. Eine britisch-niederländische Arbeitsgruppe sichtete Ergebnisse mehrerer Untersuchungen über die Verbindung zwischen Migräne und Epilepsie mit insgesamt 1,5 Millionen Teilnehmenden. Es zeigte sich, dass unter Epilepsiepatient:innen die Häufigkeit von Migräne - verglichen mit der in der Epilepsie-freien Gesamtbevölkerung - um mehr als die Hälfte (52%) erhöht war.
Epidemiologie und Kosten
Die Prävalenz der Migräne beträgt etwa 12 Prozent, während Epilepsie nur in etwa 0,7 Prozent der Patienten vorkommt. Migräne ist demnach etwa 20-mal häufiger als Epilepsie. Die Forscher beleuchten Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Epilepsie und Migräne, die bis heute weitestgehend Bestand haben. Der Krankheitsbeginn, die Aktivitätsmuster der Erkrankung und die Geschlechterverteilung bei Migräne und Epilepsie unterscheiden sich deutlich.
In einer Metaanalyse haben Gustavsson und Kollegen Kostenschätzungen des Jahres 2004 mit denen des Jahres 2010 für Europa verglichen. Betrachtet wurden nur die direkten Kosten, ohne Diagnosekosten, Krankheitstage und Ausfallskosten. Die Untersuchung bestätigt die um den Faktor 20 unterschiedliche Prävalenz: in Europa leiden schätzungsweise 2,6 Millionen Patienten an Epilepsie und etwa 50 Millionen unter Migräne. Hinsichtlich der Kosten zeigen sich jedoch erhebliche Unterschiede zwischen den Erkrankungen. Epilepsie erzeugt etwa um den Faktor 13 höhere Medikamentenkosten. Auch kommt es unter Epilepsie häufiger zu Krankenhausaufenthalten im Vergleich zu Migräne.
Periiktale Kopfschmerzen und Lateralisierung
Im Rahmen einer Studie wurden 201 Epilepsiepatienten untersucht, von denen jeder dritte über einen periiktalen Kopfschmerz klagte. Unter dem Begriff periiktale Kopfschmerzen werden präiktale und postiktale Kopfschmerzen zusammengefasst. Präiktale Kopfschmerzen beginnen innerhalb von 24 Stunden vor dem Anfall, postiktale innerhalb von 24 Stunden nach dem Anfall. In der Regel treten diese Schmerzen zeitlich nahe dem epileptischen Anfall auf. Ein Fünftel der Patienten mit periiktalen Kopfschmerzen hatte einen präiktalen Kopfschmerz, vier Fünftel einen postiktalen. Mehr als ein Viertel der periiktalen Kopfschmerzen waren migränösen Charakters, erfüllten also die Kriterien einer Migräneattacke. Patienten mit generalisierten, tonisch-klonischen Anfällen litten sehr häufig an periiktalen Kopfschmerzen.
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In einer Studie der Montreal-Gruppe zur Lateralisierung von Kopfschmerzen wurden 100 Patienten mit fokaler Epilepsie im prächirurgischen Monitoring rekrutiert. 50% der temporalen Patienten berichteten über periiktale Kopfschmerzen und bei 90 % dieser Patienten war die Seite des Kopfschmerzes mit dem Anfallsfokus identisch. Im Gegensatz dazu gab es bei den Patienten mit extratemporalen Epilepsien keinen Zusammenhang zwischen der Seite des Kopfschmerzes und dem Anfallsfokus.
Iktaler Kopfschmerz und Migralepsie
Der iktale Kopfschmerz ist eher eine Rarität: In einer Studie aus Seoul an 831 Patienten wurden mittels Video-EEG sechs Patienten (also 0,7 Prozent) identifiziert, bei denen der Kopfschmerz maßgeblich oder wahrscheinlich die epileptische Aura darstellte. Es gibt Epilepsiesyndrome, die mit Kopfschmerzen als iktales Phänomen assoziiert sind. Diese kommen insbesondere im pädiatrischen Bereich vor und werden als Panayiotopoulos-Syndrom oder kindliches Epilepsiesyndrom bzw. benigne occipitale Epilepsie vom Typ Lennox-Gastaut bezeichnet. Beim kindlichen Epilepsiesyndrom sind Kopfschmerzen elementarer Teil der Anfallssymptomatik.
In der Literatur wird das zeitgleiche Auftreten von Migräne und Epilepsie mitunter als „Migralepsie“ bezeichnet. In der International Classification of Headache Disorders (IHS) ist die Migralepsie per se nicht klassifiziert, wohl aber der zerebrale Krampfanfall, der durch eine Migräneaura getriggert wurde. Die Diagnose ist erfüllt, wenn a) die Migräne, die Kriterien einer Migräne mit Aura erfüllt und b) sich ein zerebraler Krampfanfall, der die Kriterien eines Epilepsietyps erfüllt, während oder innerhalb von einer Stunde nach einer Migräneaura ereignet.
Komorbiditäts-Kategorien
Die Arbeitsgruppe von Josemir Sander aus London hat sich intensiv mit Komorbiditäten von Epilepsie beschäftigt und insgesamt fünf Komorbiditäts-Kategorien gebildet:
- Epilepsie und eine andere Erkrankung treten ohne jeglichen Zusammenhang auf.
- Komorbiditäten, die direkt oder indirekt zu Epilepsie führen können (z.B. Schlaganfall).
- Die Epilepsie kann dazu führen, dass andere Erkrankungen auftreten (z.B. Frakturen).
- Gemeinsame Risikofaktoren lösen sowohl Epilepsie als auch eine andere Erkrankung aus (z.B. perinatale Hypoxie).
- Bidirektionaler Zusammenhang zwischen Epilepsie und einer anderen Erkrankung.
Eine Metaanalyse zum Thema Komorbidität zwischen Migräne und Epilepsie ergab, dass bei Patienten mit Epilepsie ein 1,52-faches Risiko besteht, eine Migräne zu entwickeln. Die umgekehrte Situation, also das Auftreten von Epilepsie bei Migränepatienten, tritt mit einem Faktor von 1,79 häufiger auf als bei Patienten ohne Migräne.
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Genetische Aspekte
Eine niederländische Arbeitsgruppe hat mögliche Gen-Loci identifiziert, die an der Entstehung von Migräne beteiligt sein können. Die Forscher konnten 13 Suszepitbilitäts-Genvarianten identifizieren, die in Clustern auf fünf verschiedene pathophysiologische Pathways hindeuten. Insbesondere für die genetischen Hintergründe der epileptischen Enzephalopathien liegen belastbare Daten vor. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder einzelne Familien, bei denen ein konkreter Gen-Locus identifiziert wurde, der für die Entstehung seltener, familiärer occipitotemporaler Epilepsien und Migränen mit visueller Aura verantwortlich ist.
Pathophysiologische Mechanismen
Pathophysiologisch unterliegen sowohl Epilepsie als auch Migräne einer neuronalen Hyperexzitabilität. Die Migräne-Aura zeichnet sich durch die "spreading depolarisation" aus. Dieser Prozess, sowie das Auftreten der Aura, dauert üblicherweise 15 bis 20 Minuten an. Normalerweise beginnt der Prozess der neuronalen Depolarisation occipital und wandert mit einer Geschwindigkeit von drei Millimeter pro Minute nach vorne. Der Migräne-Kopfschmerz an sich ist mit einer Aktivierung des trigemino-vaskulären Systems assoziiert.
Therapieansätze
Ziel der Behandlung chronischer Erkrankungen mit episodischen Manifestationen, wie Epilepsie oder Migräne, ist die Aufrechterhaltung eines möglichst normalen Lebensstils für die Patienten. Dazu gehört eine bestmögliche Symptomkontrolle. Bei der Behandlung der Migräne steht die Pharmakotherapie im Vordergrund, begleitet von Verhaltenstherapie und Ausdauersport. Zur Pharmakotherapie der Epilepsie sind in der Monotherapie zahlreiche Medikamente zugelassen.
Weitere Aspekte und Begleiterkrankungen
Migräne betrifft Frauen zwei bis drei Mal häufiger als Männer. Jeder dritte Epilepsie-Patient hat einen schweren periiktalen Kopfschmerz, ein Viertel ist migräneartig.
Zusammenhänge zwischen Epilepsie und Migräne wurden lange Zeit eher als zufällig angesehen. Forschungsergebnisse lassen jedoch erkennen, dass Migräne- und Epilepsiesyndrome in vielen Fällen interagieren. Migräneattacken können epileptische Anfälle auslösen und umgekehrt - dies vor allem bei Basilarismigräne. Epilepsien finden sich bei Migränepatienten häufiger als in der übrigen Bevölkerung. Bei Betroffenen mit Temporallappen-Epilepsien tritt Migräne familiär gehäuft auf.
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Abgrenzung und Diagnose
Migräneattacken entwickeln sich oftmals langsam, das heißt, Vorboten wie Müdigkeit oder Gereiztheit kündigen den Anfall an, bis dann gegebenenfalls eine Aura entsteht und schließlich die Kopfschmerzen beginnen. Schlussendlich kann nur ein Arzt die treffende Diagnose stellen. Ein weiterer Zusammenhang zwischen Migräne und Epilepsie besteht darin, dass sich die beiden Erkrankungen gegenseitig auslösen können. So ist es möglich, dass nach einem epileptischen Anfall eine Migräneattacke entsteht. Generell ist eine Migräne bei einer Epilepsie nichts Seltenes.
Migräne-Aura: Ursachen, Symptome und Behandlung
Bei der Entstehung einer Migräne-Aura sind vermutlich mehrere Mechanismen beteiligt, die während eines Migräne-Anfalls im Gehirn ablaufen. Über eine Aktivierung der schmerzleitenden Nervenfasern und Schmerzzentren im Gehirn werden verschiedene Botenstoffe, so genannte Neurotransmitter, ausgeschüttet. Diese sogenannte Schmerzkaskade löst wiederum eine Entzündung der Hirngefäße und damit eine vorübergehende Durchblutungsstörung der Hirnrinde aus. Die Symptome der Migräne-Aura entstehen vermutlich durch eine Erregungswelle, die über die Hirnrinde läuft und zu einer vorübergehenden Störung führt.
Typische Symptome einer Migräne-Aura sind Sehstörungen in Form von Flimmersehen, die von den Patient*innen als Blitze, Punkte, Zacken- oder wellenförmige Bewegungen wahrgenommen werden und die sich meist langsam über das Gesichtsfeld ausbreiten. Weitere, seltenere Symptome sind vorübergehende Sprachstörungen oder Sensibilitätsstörungen, sehr selten auch Lähmungen einer Körperhälfte. Eine typische Migräne-Aura dauert 5 bis 60 Minuten, seltener auch mal etwas länger.
Zur Behandlung der Migräne mit Aura werden dieselben Medikamente wie bei einer Migräne ohne Aura eingesetzt. Leichte Migräne-Anfälle lassen sich häufig gut mit Paracetamol, Ibuprofen, Aspirin und ähnlichen Schmerzmitteln behandeln. Bei Unwirksamkeit dieser Medikamente kann man spezielle Migränemittel, die so genannten Triptane einsetzen. Wichtig bei einer Migräne mit Aura ist, dass Triptane erst nach Abklingen der Aura-Symptome eingenommen werden sollten. Außerdem kann man die Migräne mit Aura auch vorbeugend behandeln.
Triggerfaktoren und Prävention
Viele Patient*innen kennen Auslöser, so genannte Trigger, die bei ihnen zu einem Migräne-Anfall führen können. Das sind zum Beispiel unregelmäßiger Schlaf, längere Phasen ohne ausreichend zu essen und zu trinken, Stress, starke psychische oder körperliche Belastungen, bestimmte Reize wie Flackerlicht oder schlechte Luft, Alkohol oder bestimmte Nahrungsmittel.
Wirksame Präventionsmaßnahmen sind regelmäßiger Ausdauersport, Entspannungstechniken wie Yoga, progressive Muskelrelaxation und autogenes Training oder Biofeedback-Techniken. Auch psychologische, zum Beispiel verhaltenstherapeutische Verfahren können helfen, insbesondere wenn auch eine Depression oder eine Angststörung bestehen. Wenn diese Maßnahmen nicht reichen, können verschiedene Medikamente zur Vorbeugung von Migräne eingesetzt werden. Dazu gehören Blutdruckmittel wie Betablocker, Antidepressiva und bestimmte Mittel, die eigentlich gegen Epilepsie wirken. Seit einigen Jahren gibt es eine neue Behandlung mit so genannten Antikörpern gegen einen bestimmten Botenstoff, das so genannte CGRP, das während des Migräne-Anfalls ausgeschüttet wird.
Weitere Gesundheitsrisiken bei Migräne
Wenn Sie unter Migräne leiden, ist es gut, sich über mögliche Zusammenhänge mit anderen Gesundheitsrisiken im Klaren zu sein. Dazu gehören Depressionen, Angststörungen, Schlaganfall (insbesondere bei Migräne mit Aura), Epilepsie, Herzkrankheiten, Asthma, Fettleibigkeit, chronische Schmerzzustände, Verdauungsprobleme und Bellsche Lähmung.