Epilepsie, Geburt und Kaiserschnitt: Risiken und Überlegungen

Epilepsie ist heutzutage nur selten ein Grund, der gegen eine Schwangerschaft spricht. Dennoch gibt es einige wichtige Aspekte zu beachten und mit Ärzten zu besprechen, um eine sichere Schwangerschaft und Geburt zu gewährleisten.

Medikamentenumstellung und Folsäure

Manche Antiepileptika können in unterschiedlichem Ausmaß Fehlbildungen hervorrufen. Deswegen ist es sehr wichtig, die verordneten Medikamente und ihre Dosierung möglichst schon vor Beginn einer Schwangerschaft überprüfen zu lassen und bei Kinderwunsch eventuell das Medikament umzustellen. Auch die tägliche Einnahme von Folsäure ist für Frauen mit Epilepsie besonders wichtig. Beginnen Sie damit schon vor dem Absetzen der Verhütung und nehmen Sie die Folsäure mindestens bis zum Ende des ersten Schwangerschaftsdrittels ein.

Auswirkungen von Epilepsie auf Schwangerschaft und Geburt

Solange der Medikamentenspiegel konstant bleibt, ändert sich die Anfallshäufigkeit in der Schwangerschaft meist nicht. In der Schwangerschaft kann es aber zu einem Abfall des Spiegels kommen, so dass die Dosis angepasst werden muss. Nach der Geburt wird sie dann unter ärztlicher Kontrolle wieder gesenkt.

Wahl der Geburtsmethode: Vaginale Geburt vs. Kaiserschnitt

Auf die Art der Geburt nimmt die Epilepsie kaum einen Einfluss. Einzige Ausnahme sind Frauen, bei denen häufig Anfälle auftreten. Wenn das Risiko hoch ist, dass eine Frau während der Geburt einen größeren Anfall haben wird, kann ein geplanter Kaiserschnitt die bessere Alternative sein. Auch wenn im Verlauf einer vaginalen Geburt Anfälle auftreten und die Frau deshalb nicht unterstützen kann, wird ein Kaiserschnitt gemacht. Wichtig ist, dass Sie auch während der Geburt Ihre Medikamente dabeihaben und sie weiter einnehmen.

Viele Frauen mit Epilepsie können eine natürliche Geburt erleben. Ein Kaiserschnitt ist nicht grundsätzlich erforderlich. Allerdings gibt es bestimmte Situationen, in denen ein Kaiserschnitt in Erwägung gezogen werden sollte, um die Sicherheit von Mutter und Kind zu gewährleisten.

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Gründe für einen Kaiserschnitt bei Epilepsie

  • Häufige Anfälle: Wenn bei einer Frau häufig Anfälle auftreten, insbesondere während der Schwangerschaft, kann ein geplanter Kaiserschnitt die sicherere Option sein.
  • Anfälle während der Geburt: Treten während einer vaginalen Geburt Anfälle auf und beeinträchtigen die Fähigkeit der Frau, aktiv mitzuwirken, kann ein Kaiserschnitt notwendig werden.
  • Sauerstoffmangel: Ein Anfall während der Geburt kann zu Sauerstoffmangel beim Kind führen, was Komplikationen verursachen kann.
  • Mütterliche Erschöpfung: Lange Wehen und Schlafmangel können das Anfallsrisiko erhöhen und einen Kaiserschnitt erforderlich machen.

Risiken und Vorteile eines Kaiserschnitts

Ein Kaiserschnitt ist ein chirurgischer Eingriff, der mit bestimmten Risiken verbunden ist, wie z.B. Infektionen, Blutungen und längere Erholungszeit. Andererseits kann er in bestimmten Situationen die sicherste Option für Mutter und Kind sein.

Individuelle Entscheidung

Die Entscheidung für oder gegen einen Kaiserschnitt sollte immer in Absprache mit dem behandelnden Arzt getroffen werden, unter Berücksichtigung der individuellen Situation der Frau, der Art und Häufigkeit ihrer Anfälle sowie möglicher Risiken und Vorteile beider Geburtsmethoden.

Stillen

Antiepileptika können beim Stillen in die Muttermilch übergehen. Fachleute halten den Nutzen des Stillens jedoch für größer als das Risiko, das dadurch entsteht.

Schutz des Kindes im Alltag

Bei einem epileptischen Anfall kann es unvermittelt zu einem Sturz kommen. Machen Sie sich am besten schon frühzeitig Gedanken darüber, wie Sie Ihr Kind vor Verletzungen schützen können, zum Beispiel, indem Sie es auf dem Fußboden wickeln, nur im Bett oder in einem Sessel stillen und es nicht allein baden. Ihr Arzt, Ihre Ärztin oder Ihre Hebamme kann Sie dazu beraten.

Genetische Beratung und Vererbung

Epilepsie wird nur selten vererbt. Mehr als 95 % der Kinder von Eltern mit Epilepsie erkranken nicht daran. Wer diesbezüglich Sorgen hat, kann bei einem Neurologie-Termin erfragen, ob eine genetische Beratung sinnvoll wäre.

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Weitere wichtige Aspekte

  • Verhütung: Antiepileptika können die Wirkung hormoneller Verhütungsmittel reduzieren. Bezüglich Schwangerschaft, Geburt und Stillen sollten werdende Mütter und Väter mit Epilepsie ärztliche Beratung und Betreuung in Anspruch nehmen.
  • Kinderwunsch: Menschen mit Epilepsie müssen nicht auf Kinder verzichten. Sie sollten aber ihren Kinderwunsch möglichst bei der neurologischen Behandlung ansprechen, bevor sie mit der Verhütung aufhören. Manche Medikamente zur Behandlung einer Epilepsie sollten nämlich nur bei sicherer Verhütung eingenommen werden oder wenn es kein anderes wirksames Medikament gibt.
  • Folsäure: Zur Vorbeugung von Fehlbildungen sollten Frauen, in Absprache mit dem Gynäkologen, bereits vor der Schwangerschaft ausreichend Folsäure zu sich nehmen. Die von Vätern eingenommenen Antiepileptika erhöhen nicht das Risiko für Fehlbildungen.
  • Hormonhaushalt und Fruchtbarkeit: Epileptische Anfälle können den Hormonhaushalt durcheinanderbringen und so die Fruchtbarkeit bei Männern und Frauen verringern. Deswegen kann eine gute Epilepsiebehandlung ggf. bei unerfülltem Kinderwunsch von Menschen mit Epilepsie helfen.
  • Sexuelle Funktionsstörungen: Bei Epilepsie können bei allen Geschlechtern sexuelle Funktionsstörungen vorliegen, z.B. der Verlust des sexuellen Interesses sowie Orgasmus- oder Erektionsstörungen. Ursache dafür können z.B. Betroffene sollten ihre Probleme unbedingt ärztlich abklären lassen, damit die Ursache der Funktionsstörung gefunden werden kann. Unter Umständen kann auf ein anderes Antiepileptikum ausgewichen werden. Spielen psychische Konfliktsituationen eine Rolle, kann eine psychotherapeutische Beratung oder Behandlung hilfreich sein, evtl. in Form einer Paartherapie.
  • Medikamentenspiegel: Schwangere mit Epilepsie sollten sich regelmäßig zu der Behandlung mit Medikamenten beraten lassen und auf keinen Fall eigenmächtig aus Sorge um das Kind die Medikamente absetzen oder die Dosis reduzieren. Denn Anfälle in der Schwangerschaft können nicht nur die Mutter, sondern auch das Kind gefährden. In der Schwangerschaft verändert sich der Stoffwechsel oft so, dass weniger von den Medikamenten im Blut der Schwangeren ankommt. Auch Erbrechen wegen der schwangerschaftsbedingten Übelkeit kann den Medikamentenspiegel senken. Schwangere sollten deswegen den Medikamentenspiegel im Blut regelmäßig kontrollieren lassen. Wenn er deutlich gesunken ist, muss die Dosis oft nach ärztlicher Absprache erhöht werden. Vorgeburtliche Diagnostik wegen des erhöhten Risikos für Fehlbildungen kann sinnvoll sein, aber auch belasten.
  • Stillen: Die Vorteile des Stillens überwiegen denkbare Risiken durch von der Mutter eingenommene Medikamente. Deswegen empfiehlt die wissenschaftliche Epilepsie-Leitlinie das Stillen auch dann, wenn Medikamente gegen Epilepsie eingenommen werden. Stillen senkt z.B. das Risiko des Kindes für Infektionen, Diabetes, Leukämie und plötzlichen Kindstod. Zudem hat es auch viele Vorteile für die Stillende, z.B. ein geringeres Risiko für Depressionen und Diabetes. Außerdem haben Stillende im Durchschnitt weniger Schlafmangel und Schlafmangel erhöht das Anfallsrisiko.
  • Schlafentzug: Bei einigen Epilepsieformen löst Schlafentzug Anfälle aus. Wenn ein Elternteil an einer solchen Epilepsieform leidet, sollte dieser sehr auf seine Nachtruhe achten. Die nächtliche Betreuung des Kindes sollte dann der gesunde Elternteil oder eine andere nahestehende Person übernehmen. Elternassistenz kann im Anfallsfall die Sicherheit des Kindes gewährleisten und einen Elternteil mit Epilepsie im Alltag unterstützen, z.B. Autofahrten bei fehlender Fahrtauglichkeit übernehmen.

Beratung und Unterstützung

Es ist ratsam, sich von verschiedenen Stellen beraten und unterstützen zu lassen:

  • Neurologe: Für die optimale Einstellung der Medikamente und die Überwachung des Krankheitsverlaufs.
  • Gynäkologe: Für die Betreuung während der Schwangerschaft und die Planung der Geburt.
  • Hebamme: Für die Begleitung während der Schwangerschaft, der Geburt und im Wochenbett.
  • Deutsche Gesellschaft für Epileptologie e.V.: Für Informationen und Beratung rund um das Thema Epilepsie.
  • Pro familia: Für Beratungen rund um das Thema Sexualität, Schwangerschaft und Kinderwunsch.
  • e.b.e.: Für Informationen für Eltern.

Beobachtungsstudien und Forschung

Prof. Dr. Bettina Schmitz leitet das deutsche Schwangerschaftsregister für Schwangerschaften unter Antiepileptika (German Registry of Antiepileptic Drugs in Pregnancy with Epilepsy GRAPE). Das deutsche Register gehört zum Internationalen Schwangerschaftsregister European Registry of Antiepileptic Drugs in Pregnancy (EURAP). „Im deutschen und auch im internationalen Schwangerschaftsregister sammeln wir Daten und vergleichen wir, wie sicher verschiedene Antiepileptika für das ungeborene Kind sind, vor allen in Bezug Fehlbildungen und Wachstumsverzögerungen im Mutterleib. Wir forschen so auch zu Medikamenten, die neu auf den Markt kommen“, fasst Prof. Dr. Schmitz zusammen.

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