Epilepsie bei Kindern: Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten

Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch eine übermäßige und synchrone Entladung von Nervenzellen im Gehirn. Obwohl viele Kinder und Jugendliche mit Epilepsie gut behandelt werden können und die Erkrankung sich nach einigen Jahren sogar vollständig zurückbilden kann, gibt es auch Fälle, in denen die Epilepsie ein Leben lang bestehen bleibt und kaum auf Medikamente anspricht. Bei Kindern manifestieren sich die Symptome oft unterschiedlich und werden anfangs häufig falsch interpretiert.

Was ist Epilepsie?

Epilepsie ist keine einheitliche Erkrankung, sondern ein Überbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Ursachen und Anfallsformen. Die lebenslange Auftretenswahrscheinlichkeit (Prävalenz) einer Epilepsie liegt bei etwa 3-4%. Das häufigste Symptom ist ein epileptischer Anfall, bei dem es zu einer synchronen Massenentladung von Nervenzellen im Gehirn kommt. Art, Ausprägung und Dauer eines Anfalls können sehr unterschiedlich sein.

Epileptische Anfälle

Epileptische Anfälle können sich sehr unterschiedlich äußern. Manche dauern nur wenige Sekunden und sind kaum bemerkbar, während andere starke Krämpfe am ganzen Körper auslösen. Bei Neugeborenen und Säuglingen sind Anfälle oft schwerer zu erkennen als bei älteren Kindern. Sie können sich durch Augenbewegungen, Schmatzen, Armrudern und Zuckungen äußern.

Aus Fernsehfilmen und aus der Literatur bekannt fällt einem beim Stichwort Epilepsie meist der generalisierte zerebrale Krampfanfall ein. Bei einem sogenannten „großen Anfall“ fällt der Betroffene mit oder ohne Vorankündigungszeichen oft begleitet von einem Initialschrei zu Boden, bäumt sich starr auf, verliert das Bewusstsein, hält die Luft an und zeigt eine bläuliche Verfärbung des Gesichtes und beginnt nach einer kurzen Phase der Starre dann an, rhythmisch mit den Armen und Beinen hin und her zu schlagen, d. h. rhythmisch zu zucken. Ist die Phase motorischer Bewegungen des Krampfanfalls vorbei, fällt der Betroffene meist in eine sog.

Es gibt jedoch auch sog. kleinere Erscheinungsformen des epileptischen Anfalls, sog. Absencen. Bei diesen Absencen klinkt sich beispielsweise ein Betroffener im Gespräch kurz aus, äußert sich nicht mehr, wirkt auf sein Gegenüber wie abwesend, begleitend kann ein Verdrehen der Augen nach oben beobachtet werden. Es gibt jedoch auch Anfälle, bei denen beispielsweise bei erhaltenem Bewusstsein ein Arm oder ein Bein anhaltend zuckt, ohne dass es zu einem großen Anfall der oben geschilderten Art kommt.

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Häufigkeit und Auswirkungen

Etwa 0,5 % aller Kinder und Jugendlichen haben eine Epilepsie. Leichtere Formen sind kaum einschränkend. Dagegen kann eine Epilepsie mit häufigen Anfällen ein Kind und seine Familie stark belasten. Dann ist neben der medizinischen Behandlung auch eine Unterstützung im Alltag sehr wichtig. Viele Epilepsieformen beginnen bereits in der Kindheit und halten bis ins Erwachsenenalter an. Die Symptome sind zwar individuell unterschiedlich, hängen aber nicht vom Lebensalter ab. Es gibt jedoch spezielle Epilepsiearten, die im Kindes- und Jugendalter auftreten und danach nicht mehr.

Häufige Anfälle können dagegen körperlich und psychisch belasten. Konzentrationsstörungen: Die Kinder sind müde oder sehr unruhig. Dies kann ihre Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.schwaches Selbstwertgefühl: Viele Kinder schämen sich wegen ihrer Anfälle. Epileptische Anfälle können verunsichern, weil sie sich nicht kontrollieren lassen.Angst vor dem nächsten Anfall: Sie begleitet viele Kinder und ihre Eltern. Deshalb unternehmen sie weniger mit anderen und treiben seltener Sport - auch wenn das für viele von ihnen ohne wesentliche Einschränkungen möglich wäre.Hinzu kommt das Verletzungsrisiko, zum Beispiel durch einen anfallsbedingten Sturz. Eine verlässliche Unterstützung und ausreichende Behandlung können aber trotz Epilepsie eine gute Lebensqualität ermöglichen.Bei Menschen mit einer Epilepsie sind Entwicklungsstörungen, Hirnschäden und geistige Behinderungen häufiger.

Ursachen von Epilepsie

Bei Kindern wie bei Erwachsenen gilt: Manche Epilepsien haben keine erkennbare Ursache, andere sind durch eine Hirnschädigung, Stoffwechselkrankheiten oder genetische Faktoren bedingt.

Die häufigsten Anfälle im frühen Kindesalter sind Fieberkrämpfe. Die meisten der betroffenen Kinder haben aber keine Epilepsie, da sie nur bei Fieber einen Anfall haben. Etwa 3 % aller Kinder bekommen bis zum 7.

Im Kindesalter sind insbesondere genetische Ursachen, durch ‚Sauerstoffmangel‘, Infektionen, Infarkte, Blutungen oder Traumata entstandene Hirnschäden und Hirntumore zu nennen.

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Man kennt den genauen Grund einer Epilepsie meist nicht. Ebenso wenig ist bisher bekannt, warum es zum Entladen einzelner Nervenzellen kommt. Reifungsvorgänge des kindlichen Gehirns können bei der Tätigkeit der Nervenzellen eine Rolle spielen. Deshalb treten viele Epilepsien bei Kindern altersgebunden auf. Veränderungen im Bau der Nervenzelle oder Störungen im Stoffwechsel der Zelle können die Anfallsbereitschaft erhöhen. Hirnschäden vor oder während der Geburt oder im frühen Kindesalter können aufgrund von Sauerstoffmangel, Verletzungen, Entzündungen oder Entwicklungsstörungen auftreten. Dabei kommt es zu Defekten oder Narben im Nervengewebe des Gehirns, die benachbarte Nervenzellen in ihrer Tätigkeit stören können und somit auf bestimmte Areale des Gehirns beschränkte (lokale) Anfallsherde ausbilden. Störungen im Stoffwechsel der Nervenzellen können die Anfallsbereitschaft erhöhen. In einigen Fällen sind gutartige, ungewöhnliche Gewebsbildungen, wie Blutschwämmchen oder Zellknötchen im Gehirn oder eine Steigerung des Hirndrucks, Anlass für Anfälle. Bösartige Hirntumore sind bei Kindern seltener der Grund für eine Epilepsie. Epilepsie ist keine Erbkrankheit. Eine Veranlagung zu einer erhöhten Anfallsbereitschaft kann jedoch genetisch bedingt sein. Einige Formen der Epilepsie treten daher familiär gehäuft auf. Des Weiteren gibt es Erbkrankheiten, die mit epileptischen Anfällen verbunden sind.In der Regel findet sich allerdings nicht nur eine einzige Ursache: Begünstigende Anlagen, altersgebundene Reifungsvorgänge, hirnorganische Störungen und starke Reizung einzelner Sinne, am häufigsten des Sehsinns, bewirken meistens zusammen einen epileptischen Anfall. Zusammen mit dem Anfallstyp wird die Ursache herangezogen, um die Epilepsie einzuordnen.

Diagnostik

Epilepsien werden bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen auch ähnlich diagnostiziert und behandelt. Die Diagnose Epilepsie wird gestellt, wenn mindestens ein epileptischer Anfall aufgetreten ist und die Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Anfall sehr hoch eingeschätzt wird.

Die Anamnese ist bei der Diagnose entscheidend. Oft folgen epileptische Anfälle demselben Muster, und bei deren Einordung sind Beschreibungen von Bezugspersonen und Videoaufzeichnungen zentral.

Als Eckpfeiler der apparativen Diagnostik stehen insbesondere Elektroenzephalographie (EEG), radiologische Untersuchungstechniken und Laboruntersuchungen zur Verfügung. Meist werden in der Routine-EEG-Untersuchung bereits typische und für eine Epilepsie sprechende Befunde sichtbar, manchmal sind ergänzend Schlaf-EEG-Ableitungen, Video-EEG-Oberflächenmonitoring und/oder invasives Video-EEG-Monitoring notwendig. Zur Ursachenabklärung ist in den meisten Fällen eine hochauflösende Magnetresonanztomografie (MRT) des Kopfes indiziert. Hier steht die Frage nach einer strukturellen Veränderung des Gehirns als Ursache für die Epilepsie im Vordergrund. Je nach individueller Konstellation sollten Laborwerte aus Blut, Urin und Nervenwasser bestimmt und die Diagnostik auf andere Organsysteme ausgeweitet werden.

Spezielle Epilepsieformen im Kindesalter

Einige Epilepsieformen treten speziell im Kindesalter auf und haben besondere Merkmale:

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  • Absence-Epilepsie: Dabei ist das Kind während eines Anfalls für wenige Sekunden abwesend. Es wird blass, hat einen starren Blick und reagiert nicht auf Ansprache. Zusätzlich kann es mit den Lidern zucken, die Augen verdrehen oder den Kopf nach hinten legen. Solche kurzen Abwesenheiten (Absencen) können bis zu hundert Mal am Tag auftreten.
  • Rolando-Epilepsie: Während des Anfalls zuckt eine Gesichtshälfte, manchmal auch ein Arm oder ein Bein. Es kann auch zu Kribbeln, Taubheitsgefühlen, Sprech- und Schluckstörungen oder vermehrtem Speichelfluss kommen. Dabei ist das Kind in der Regel bei Bewusstsein. Die Anfälle treten meist beim Einschlafen oder Aufwachen auf.
  • Juvenile myoklonische Epilepsie: Sie zeigt sich erstmals in der Pubertät. Zu den Anfällen mit Muskelzuckungen und mitunter ausfahrenden Arm- und Schulterbewegungen kommt es meist morgens nach dem Aufwachen. Manchmal knicken auch die Beine ein.
  • West-Syndrom: Diese schwere Epilepsieform beginnt fast immer im Säuglingsalter. Während eines Anfalls beugt und streckt sich der ganze Körper des Kindes, die Nacken-, Hals- und Rumpfmuskulatur verkrampft ruckartig. Die Anfälle treten ebenfalls meist kurz nach dem Aufwachen oder beim Einschlafen auf.

Behandlung von Epilepsie bei Kindern

Meist wird mit einer ambulant eingeleiteten, medikamentösen Therapie mit sogenannten Antikonvulsiva (Synonym Antiepileptika) begonnen, die das Auftreten von Anfällen unterdrücken soll. Art und Dosierung eines Antikonvulsivums werden vom behandelnden Arzt so gewählt, dass das Medikament möglichst gut vor Anfällen schützt und keine oder nur geringe Nebenwirkungen verursacht. Eine vertrauensvolle Patient- und Bezugspersonen-Arzt-Beziehung ist eine wesentliche Grundlage für eine erfolgreiche Therapie.

Etwa 60 % aller Kinder werden durch die Behandlung mit dem ersten Medikament anfallsfrei.Bei etwa 10 % gelingt dies erst nach dem Wechsel auf ein anderes Medikament.Etwa 30 % aller Kinder haben trotz Medikamentenbehandlung weiter epileptische Anfälle.

Wenn ein Kind zum ersten Mal einen Anfall hat, werden oft noch keine Medikamente verschrieben, weil es häufig bei einem oder wenigen Anfällen bleibt. Erst wenn sich Anfälle häufen, sind Medikamente sinnvoll.Manchmal müssen verschiedene Präparate ausprobiert werden, bis eins davon wirkt. Je mehr Medikamente ausprobiert werden müssen, desto geringer wird aber die Wahrscheinlichkeit, dass eine wirksame Behandlung möglich ist. Es können auch zwei oder mehr Medikamente kombiniert werden. Ob dies Vorteile hat, ist aber unklar.

Wenn ein Kind anfallsfrei ist, wartet man noch eine gewisse Zeit (zum Beispiel zwei Jahre), bis die Medikamente abgesetzt werden. Ob und wann sie abgesetzt werden können, hängt von der Ursache und der Epilepsieform ab.

Die meisten Epilepsiemedikamente für Erwachsene werden auch bei Kindern eingesetzt. Einige davon sind für Kinder zugelassen, andere nicht. Wird auf letztere zurückgegriffen, können sie nur im Rahmen eines Off-Label-Use verschrieben werden - das heißt, außerhalb der eigentlichen Zulassung.

Ketogene Diät

Bei schwer behandelbaren Epilepsien empfehlen Ärztinnen und Ärzte manchmal eine bestimmte Ernährungsform - die ketogene Diät. Dabei werden nur wenig Kohlenhydrate und stattdessen vor allem Fette aufgenommen.Diese Diät hat zur Folge, dass sich der Stoffwechsel umstellt: Um Energie zu gewinnen, wird Fett statt Zucker abgebaut. Der erhöhte Gehalt an Fettsäuren im Blut soll wiederum die Signalübertragung der Nervenzellen im Gehirn beeinflussen und zu weniger Anfällen führen. Bei den meisten teilnehmenden Kindern traten deutlich weniger Anfälle auf als vorher.Sie fühlten sich insgesamt aktiver und weniger ängstlich.

Mögliche Nebenwirkungen der ketogenen Diät sind Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung und Durchfall. Eine weitere Hürde: Vielen Kindern fällt es schwer, die Ernährungsumstellung durchzuhalten.Zu den langfristigen Auswirkungen der ketogenen Diät fehlen bislang Studien. Ärztinnen und Ärzte empfehlen, eine ketogene Diät nach etwa zwei Jahren zu beenden.

Epilepsiechirurgie

Eine Operation kommt infrage, wenn sich eine belastende Epilepsie nicht gut mit Medikamenten behandeln lässt. Sie ist nur möglich, wenn die Anfälle von einer ganz bestimmten Stelle im Gehirn ausgehen (fokale Epilepsie). Anfälle, die das gesamte Gehirn erfassen (generalisierte Epilepsie), können nicht operativ behandelt werden.

Es sind verschiedene Operationsverfahren möglich. Dabei wird häufig das Hirngewebe in dem Bereich entfernt, in dem der epileptische Anfall entsteht. Es ist auch möglich, diesen Bereich stillzulegen, indem Nervenfasern durchtrennt werden.

Studienergebnisse zeigen, dass nach einem Eingriff zwischen 30 und 80 von 100 Kindern anfallsfrei waren. Ein Teil der Kinder benötigt anschließend keine Medikamente mehr. Die Erfolgsaussichten einer Operation hängen von der Ursache der Epilepsie und von der betroffenen Hirnregion ab. Jeder Eingriff hat Risiken, da die Entfernung von Gehirngewebe auch unerwünschte Folgen haben kann.

Vagusnerv-Stimulation

Dabei wird eine Elektrode links am Hals eingepflanzt und mit einem kleinen Gerät verbunden, das im Brustbereich unter der Haut eingesetzt wird. Das Gerät sendet über die Elektrode elektrische Impulse an den Vagusnerv und weiter ans Gehirn. Diese Impulse sollen bestimmte Gehirnaktivitäten hemmen und dadurch Anfällen vorbeugen. Für den Nutzen dieser Therapie gibt es bisher nur wenige aussagekräftige Studien.

Was tun bei einem epileptischen Anfall?

Wichtig bei der Erstversorgung des Betroffenen ist es, dass Erste Hilfe organisiert und herbeigeholt wird.

Bei einem generalisierten epileptischen Anfall sollte man:

  • Nachschauen, ob durch den Sturz relevante äußere Verletzungen eingetreten sind und ggf. Erste Hilfe leisten.
  • In jedem Fall ist ein erstmals aufgetretener epileptischer Anfall ein Notfall, bei dem ein Krankenwagen oder Notarzt gerufen werden soll, damit der Betroffene in eine Klinik gebracht werden kann.

Während des Anfalls können Anwesende eine weiche Unterlage unter den Kopf legen und harte Gegenstände aus der Umgebung entfernen. Die Person sollte während des Anfalls nicht festgehalten werden. Bringen Sie die Person nach dem Anfall in die stabile Seitenlage. Wenn bei der Person keine Epilepsie vorbekannt ist, sollte der Rettungsdienst gerufen werden (112), auch wenn der Anfall vorbei ist. Anfälle über 5 Minuten gelten als Notfall - rufen Sie den Rettungsdienst! Bei zwei Anfällen in kurzer Zeit ohne zwischenzeitige Erholung müsse…

Begleiterkrankungen und Komplikationen

Epilepsie kann mit verschiedenen Begleiterkrankungen und Komplikationen einhergehen:

  • Entwicklungsstörungen, Hirnschäden und geistige Behinderungen: Diese treten häufiger bei Menschen mit Epilepsie auf.
  • Konzentrationsstörungen: Die Kinder sind müde oder sehr unruhig, was ihre Leistungsfähigkeit beeinträchtigen kann.
  • Schwaches Selbstwertgefühl: Viele Kinder schämen sich wegen ihrer Anfälle.
  • Angst vor dem nächsten Anfall: Sie begleitet viele Kinder und ihre Eltern.
  • Verletzungsrisiko: Durch einen anfallsbedingten Sturz kann es zu Verletzungen kommen.

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