Epilepsie ist eine der häufigsten chronischen neurologischen Erkrankungen, von der weltweit über 65 Millionen Menschen betroffen sind. Die Erkrankung kann mit Stigmatisierung, sozialer Ausgrenzung und Einschränkungen im täglichen Leben einhergehen. Glücklicherweise gibt es heute eine Vielzahl von Behandlungsmöglichkeiten, die vielen Patienten ein weitgehend normales Leben ermöglichen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Epilepsie-Medikamente, ihre Wirkungsweise, Anwendungsgebiete sowie aktuelle Forschungsergebnisse und Therapieansätze.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie umfasst eine Vielzahl von chronischen Erkrankungen des zentralen Nervensystems, die aufgrund einer Überaktivität der Nervenzellen im Gehirn auftreten. Wenn Nervenzellen übermäßig aktiv sind, können sie anfallsartige Funktionsstörungen auslösen. Diese reichen von kaum merklichen geistigen Abwesenheiten (z. B. Absencen bei Kindern oder kognitive Anfälle bei Erwachsenen) über Wahrnehmungsstörungen bis hin zu schweren Krampfanfällen mit Bewusstseinsverlust.
Arten von Anfällen
Es gibt verschiedene Formen epileptischer Anfälle. Um diese zu ordnen, hat die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) im Jahr 2017 ein System entwickelt, bei dem die Anfallsformen nach ihren Merkmalen klassifiziert werden. Im ersten Schritt der Anfallsklassifikation unterscheidet man nach dem Beginn eines Anfalls:
- Fokaler Beginn: Der Anfall findet in einer Hirnhälfte statt.
- Generalisierter Beginn: Der Anfall geht von beiden Hirnhälften aus.
- Unbekannter Beginn: Es ist nicht bekannt, wie der Anfall angefangen hat.
Anfälle mit fokalem Beginn werden darin unterschieden, ob der*die Betroffene sie bewusst oder nicht bewusst erlebt. Sie werden anschließend nach ihrem anfänglichen Erscheinungsbild klassifiziert. Hierbei unterscheidet man einen motorischen Beginn von einem nicht-motorischen Beginn.
- Motorischer Beginn: Muskelaktivitäten, wie beispielsweise Muskelzuckungen oder -krämpfe aber auch eine Muskelerschlaffung (Atonie, atonisch)
- Nicht-motorischer Beginn: Symptome während eines Anfalls wie Innehalten, kognitive Einschränkungen, emotionales Verhalten, autonome Reaktionen, sensible/sensorische Störungen (Sinnesstörungen)
Anfälle mit generalisiertem Beginn wird von den Betroffenen niemals bewusst erlebt. Man beschreibt diese Anfälle nach ihren motorischen und nicht-motorischen Symptomen.
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- Motorische Symptome: tonisch, klonisch und myoklonischen Muskelaktivitäten, der Atonie und den epileptischen Spasmen
- Nicht-motorische Symptome: Anfälle mit generalisiertem Beginn und nicht-motorischen Symptomen können auch als Absencen bezeichnet werden.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Ursachen der Epilepsie sind noch nicht vollständig geklärt. In vielen Fällen ist eine Form der Epilepsie schon früher in der Familie aufgetreten, was für eine erbliche Veranlagung spricht. In einigen Fällen kann man Veränderungen im Erbmaterial (Genmutation) erkennen. Manche Anfälle können sich in Folge von Unfällen (posttraumatisch) oder als Reflexantwort ereignen. Bei anderen Anfällen können Veränderungen in der Gehirnstruktur (z. B. eine fokale kortikale Dysplasie) ursächlich sein.
Auslöser (Trigger) von epileptischen Anfällen
Epileptische Anfälle können aus heiterem Himmel auftreten. In vielen Fällen sind aber auch bestimmte Trigger eines Anfalls bekannt. Die Auslöser können sich im individuellen Fall unterscheiden. Zu den häufigsten Triggern von epileptischen Anfällen gehören unter anderem:
- Schlafmangel
- Unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus
- Starke körperliche oder seelische Belastung (Stress)
- Hohes Fieber
- Alkohol und Alkoholentzug
- Drogen oder Schlafmittelentzug
- Eher selten flackerndes Licht (Computerspiele, Stroboskopbeleuchtung in Clubs)
Medikamentöse Behandlung der Epilepsie
Die medikamentöse Behandlung ist ein Eckpfeiler in der Therapie der Epilepsie. Ziel ist es, Anfallsfreiheit zu erreichen oder die Anfallshäufigkeit deutlich zu reduzieren, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.
Antiepileptika (ASM)
Antiepileptika (ASM), auch Antikonvulsiva genannt, sind Medikamente, die speziell zur Behandlung von Epilepsie entwickelt wurden. Sie wirken, indem sie die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn herabsetzen und so die Entstehung epileptischer Anfälle verhindern oder reduzieren.
Wirkmechanismen
Es gibt über 30 verschiedene Antiepileptika mit unterschiedlichen Wirkmechanismen. Einige der wichtigsten Wirkmechanismen sind:
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- Blockade von Natriumkanälen: Diese Medikamente verhindern, dass Natriumionen in die Nervenzellen eindringen, wodurch die Erregbarkeit der Zellen reduziert wird. Beispiele hierfür sind Carbamazepin, Oxcarbazepin, Phenytoin und Lamotrigin.
- Verstärkung der GABA-Wirkung: GABA (Gamma-Aminobuttersäure) ist ein wichtiger inhibitorischer Neurotransmitter im Gehirn. Medikamente, die die GABA-Wirkung verstärken, erhöhen die Hemmung der Nervenzellen und reduzieren so die Anfallsbereitschaft. Beispiele hierfür sind Benzodiazepine, Barbiturate, Valproinsäure und Tiagabin.
- Blockade von Kalziumkanälen: Diese Medikamente verhindern, dass Kalziumionen in die Nervenzellen eindringen, wodurch die Freisetzung von Neurotransmittern reduziert wird. Beispiele hierfür sind Gabapentin und Pregabalin.
- Hemmung der Glutamat-Wirkung: Glutamat ist ein wichtiger exzitatorischer Neurotransmitter im Gehirn. Medikamente, die die Glutamat-Wirkung hemmen, reduzieren die Erregbarkeit der Nervenzellen. Beispiele hierfür sind Topiramat und Perampanel.
Auswahl des geeigneten Medikaments
Die Auswahl des geeigneten Antiepileptikums ist ein individueller Prozess, der von verschiedenen Faktoren abhängt:
- Art der Epilepsie und Anfallsform: Einige Medikamente sind wirksamer bei bestimmten Anfallsformen als andere.
- Alter und Geschlecht des Patienten: Einige Medikamente sind für bestimmte Altersgruppen oder Geschlechter besser geeignet.
- Begleiterkrankungen und Komedikation: Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten müssen berücksichtigt werden.
- Nebenwirkungen: Jedes Medikament hat ein individuelles Nebenwirkungsprofil, das bei der Auswahl berücksichtigt werden muss.
Dosierung und Einnahme
Die Dosierung des Antiepileptikums wird individuell angepasst, um eine optimale Anfallskontrolle bei minimalen Nebenwirkungen zu erreichen. Es ist wichtig, die Medikamente regelmäßig und gemäß den Anweisungen des Arztes einzunehmen.
Polytherapie
In manchen Fällen ist eine Monotherapie mit einem einzigen Antiepileptikum nicht ausreichend, um Anfallsfreiheit zu erreichen. In diesen Fällen kann eine Polytherapie mit zwei oder mehr Medikamenten erforderlich sein.
Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (Nebenwirkungen)
Wie alle Medikamente können auch Antiepileptika Nebenwirkungen verursachen. Die Art und Schwere der Nebenwirkungen können je nach Medikament und Patient variieren. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören:
- Müdigkeit
- Schwindel
- Gangstörung
- Ataxie
- Somnolenz
- Stimmungs- und Verhaltensauffälligkeiten
- Kognitive Beeinträchtigungen
Es ist wichtig, alle Nebenwirkungen dem behandelnden Arzt zu melden, damit die Therapie gegebenenfalls angepasst werden kann.
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Langzeitfolgen und Überwachung
Die längerfristige Einnahme von Antiepileptika kann verschiedene Langzeitfolgen haben, die regelmäßig überwacht werden sollten:
- Einfluss auf den Lipid- und Hormonstatus: Einige Medikamente können den Lipid- und Hormonstatus beeinflussen und das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen erhöhen.
- Auswirkung auf die Knochendichte: Einige Medikamente können die Knochendichte negativ beeinflussen und das Risiko für Osteoporose erhöhen.
- Medikamenteninduzierte Leberschädigung: Einige Medikamente können eine Leberschädigung verursachen.
- Hyponatriämie: Einige Medikamente können zu einem Natriummangel im Blut führen.
- Nierensteine: Topiramat und Zonisamid können die Bildung von Nierensteinen begünstigen.
- Gingivahyperplasie: Phenytoin kann zu einer Zahnfleischvergrößerung führen.
- Dermatologische Nebenwirkungen: Haarausfall, Akne oder Hirsutismus können bei der Einnahme von Levetiracetam, Valproinsäure oder Phenytoin auftreten.
Regelmäßige ärztliche Kontrollen undScreening-Tests sind wichtig, um mögliche Langzeitfolgen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
Therapie-resistente Epilepsie
Etwa 30-40 Prozent der Patient*innen werden durch die medikamentöse Therapie nicht vollständig anfallsfrei. Wenn zwei sorgfältig ausgewählte Medikamente in ausreichender Dosierung versagen, gilt eine Epilepsie als pharmakoresistent, d.h. sie spricht nicht ausreichend gut auf medikamentöse Therapien an.
Ursachen der Therapieresistenz
Eine mögliche Ursache für die Therapieresistenz könnte auf molekularer Ebene liegen. Epileptische Anfälle setzen einen Botenstoff frei, der letztlich die Produktion des Moleküls P-Glycoprotein initiiert. Dieser Arzneimitteltransporter verhindert wohl die Aufnahme der Medikamente in das Gehirn und damit auch deren Wirkung.
Behandlungsoptionen bei Therapieresistenz
Für Patienten mit therapieresistenter Epilepsie gibt es verschiedene Behandlungsoptionen:
- Chirurgische Entfernung des Epilepsieherdes: Wenn eine Stelle im Gehirn (Fokus) zu erkennen ist, von der die Anfälle ausgehen, kann eine Operation Patient*innen mit einer pharmakoresistenten Epilepsie unter Umständen helfen.
- Stimulationsverfahren: Moderne Stimulationsverfahren wie die Vagusnervstimulation oder die tiefe Hirnstimulation können versucht werden, die Anfallsfrequenz zu reduzieren.
- Gentherapie: Ein grundlegend neuer Ansatz zur Behandlung von therapieresistenten TLE-Betroffenen ist die Gentherapie, mit der ein spezielles Gen selektiv in die Nervenzellen jener Gehirnregion eingeschleust wird, von der die epileptischen Anfälle ausgehen.
Vagusnervstimulation
Ein Beispiel für ein Stimulationsverfahren ist die Vagusnervstimulation. Aliyah, ein 11-jähriges Mädchen mit einer schweren, schwer behandelbaren Epilepsie, hat einen speziellen Gehirn-Schrittmacher eingesetzt bekommen. Das etwa fünf Zentimeter große Gerät wurde unterhalb der linken Schulter unter der Haut eingesetzt. Von dort sendet es nun alle fünf Minuten 30 Sekunden lang einen bis zu zwei Milli-Ampere starken Strom-Impuls aus. Dieser fließt durch einen Draht und über eine Schlinge in den linken Vagus-Nerv. Der seitlich im Hals hinablaufende Hirnnerv leitet den Strom weiter ins Gehirn. Durch die Mini-Stromschläge sollen epileptische Anfälle verhindert werden. „Der Strom des Schrittmachers konkurriert mit der anfallsauslösenden Erregung im Gehirn, und kann die Anfälle so verringern. Davon merkt der Patient aber nichts“, sagt der Neuropädiater.
Gentherapie
Forschungsgruppen der Charité - Universitätsmedizin Berlin und der Medizinischen Universität Innsbruck haben einen grundlegend neuen Ansatz zur Behandlung von Temporallappen-Epilepsie entwickelt: Eine Gentherapie soll ermöglichen, dass beginnende Krampfanfälle gezielt am Ort ihrer Entstehung und nur bei Bedarf unterdrückt werden. Die Methode erwies sich im Tiermodell als erfolgreich und soll nun für die therapeutische Anwendung bei Patientinnen und Patienten optimiert werden. Die neue Methode basiert auf einer gezielten Gentherapie, mit der ein spezielles Gen selektiv in die Nervenzellen jener Gehirnregion eingeschleust wird, von der die epileptischen Anfälle ausgehen. Das Gen liefert die Produktionsanweisung für Dynorphin, eine körpereigene Substanz, die vor übermäßiger neuronaler Erregung schützen kann. Sobald die Neuronen das Gen aufgenommen und gespeichert haben, produzieren sie dauerhaft den Wirkstoff auf Vorrat. „Bei hochfrequenter Stimulation der Nervenzellen, wie zu Beginn eines Anfalls, wird Dynorphin ausgeschüttet. Es bewirkt eine Dämpfung der Reizweiterleitung und der epileptische Anfall bleibt aus“, beschreibt der Neurobiologe und Epilepsie-Experte Prof. Schwarzer die Methode. „Da der Wirkstoff nur bei Bedarf von den Zellen abgegeben wird, sprechen wir von einer ‘drug on demand‘-Gentherapie.“
Epilepsie und Lebensqualität
Die meisten Epilepsie-Patienten können mit Hilfe der modernen Medizin heute ein weitgehend normales Leben führen. Es ist wichtig, dass Betroffene und ihre Angehörigen gut über die Erkrankung informiert sind und lernen, mit ihr umzugehen.
Umgang mit einem epileptischen Anfall
Wenn man Zeug*in eines epileptischen Anfalls bei einer anderen Person wird, ist es sehr wichtig, ruhig und besonnen zu bleiben. Vor allem sollte man überlegen, wie man die Person vor Verletzungen schützt. Alles andere hängt von der Stärke und der Art der Anfälle ab.
- Leichte epileptische Anfälle mit wenigen Symptomen: Bei kurzen Absencen oder Muskelzuckungen besteht keine unmittelbare Gefahr. Danach können sich die Betroffenen unsicher fühlen und Unterstützung benötigen.
- Anfälle mit eingeschränktem Bewusstsein oder Verhaltensänderungen: Wenn Menschen mit einem epileptischen Anfall verwirrt wirken, ist es wichtig, sie vor Gefahren zu schützen (z. B. im Straßenverkehr). Gehen Sie dabei mit der Person ruhig um und fassen Sie sie nicht hart an. Hektik, Zwang oder Gewalt können zu starken Gegenreaktionen führen. Versuchen Sie dem oder der Betroffenen Halt und Nähe zu vermitteln.
- Große generalisierte epileptische Anfälle: Bei einem großen generalisierten Anfall verkrampft der ganze Körper und die Person verliert das Bewusstsein. In diesen Fällen sollten Sie den Notruf 112 wählen, für Sicherheit sorgen, den Kopf des*r Betroffenen abpolstern, enge Kleidung am Hals lockern und Menschen, die in der Situation nicht helfen können, bitten, weiterzugehen.
Selbsthilfegruppen und Beratung
Der Aufbau einer Selbsthilfegruppe betroffener Familien und ihnen Nahestehenden kann sehr hilfreich sein. Der Austausch mit anderen Betroffenen und Experten kann dazu beitragen, Ängste abzubauen, Wissen zu erweitern und Strategien für den Umgang mit der Erkrankung zu entwickeln.
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