Diazepam, ein Wirkstoff aus der Gruppe der Benzodiazepine, findet vielfältige Anwendung in der Medizin. Ursprünglich in den 1950er-Jahren von Hoffmann-La Roche synthetisiert, zeichnet sich Diazepam durch seine sedierenden, muskelrelaxierenden und antikonvulsiven Eigenschaften aus. Es wird zur Behandlung von Epilepsie, Angstzuständen und Schlafstörungen eingesetzt.
Historischer Hintergrund und Verbreitung von Benzodiazepinen
In den 1960er-Jahren kamen Benzodiazepine wie Chlordiazepoxid (Librium®) auf den Markt und verdrängten aufgrund ihrer großen therapeutischen Breite und Sicherheit die Barbiturate. Diazepam wurde 1977 in die Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aufgenommen. Obwohl die Verordnungen in den letzten Jahrzehnten aufgrund bekannter Risiken zurückgegangen sind, nehmen immer noch etwa 10 bis 17 Prozent der Menschen in Deutschland im Laufe eines Jahres mindestens einmal ein Benzodiazepin-Präparat ein.
Wirkungsweise von Diazepam
Diazepam wirkt, indem es an Untereinheiten des GABAA-Rezeptors am ligandengesteuerten Chloridkanal bindet. Dieser Ionenkanal ermöglicht bei Aktivierung durch GABA (Gamma-Aminobuttersäure) einen Chlorid-Einstrom in die Nervenzellen, was die Signalweiterleitung dämpft. Diazepam verstärkt die Wirkung von GABA, indem es die Affinität des Chloridkanals für GABA erhöht (allosterische Modulation). Da Benzodiazepine nur bei Vorhandensein von körpereigenem GABA wirken und die Kanalöffnung nie stärker als physiologisch möglich ist (Ceiling-Effekt), resultiert eine große therapeutische Breite und Sicherheit.
Anwendungsgebiete von Diazepam
Diazepam wird bei verschiedenen Erkrankungen und Zuständen eingesetzt:
- Epilepsie: Insbesondere zur Behandlung des Status epilepticus, eines anhaltenden epileptischen Anfalls.
- Angst- und Erregungszustände: Kurzzeitige Behandlung von Angst-, Spannungs- und Erregungszuständen.
- Schlafstörungen: Als Schlafmittel, wenn gleichzeitig eine beruhigende Wirkung am Tag erwünscht ist.
- Muskelverspannungen: Behandlung von Zuständen mit erhöhter Muskelspannung.
- Prämedikation: Vor operativen oder diagnostischen Eingriffen zur Sedierung.
- Fieberkrämpfe bei Kindern: Als Notfallmedikament.
Dosierung und Anwendung
Die Dosierung von Diazepam ist individuell anzupassen und hängt von Faktoren wie Alter, Gewicht, Art und Schwere der Erkrankung ab. Es ist wichtig, die Dosis so gering wie möglich und die Behandlungsdauer so kurz wie möglich zu halten.
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Enterale Anwendung
- Tabletten: Unabhängig von Mahlzeiten mit ausreichend Flüssigkeit einnehmen, bei Schlafstörungen etwa 30 Minuten vor dem Schlafengehen.
- Tropfen: Wie bei Tabletten.
- Rektale Anwendung: Rektallösung oder Zäpfchen gemäß Produktinformation verabreichen.
Parenterale Anwendung (Intravenöse und intramuskuläre Injektion)
- Intravenöse Injektion: Langsame Injektion in eine große Vene unter Beobachtung von Blutdruck und Atmung.
- Intramuskuläre Injektion: Langsame Injektion tief in einen großen Muskel.
Diazepam in der Epilepsiebehandlung
Status epilepticus
Beim Status epilepticus empfiehlt die Leitlinie den Einsatz von Benzodiazepinen als erste Wahl. Hier sind vor allem parenterale Darreichungsformen gefragt: Lorazepam, Clonazepam, Diazepam und Midazolam intravenös und intramuskulär sowie Diazepam-Rektiolen. Midazolam-Ampullen können auch über einen Vernebelungs-Applikator mit Luer-Lok-Anschluss (zum Beispiel MAS 300) über die Nase verabreicht werden, was dem Patienten eine rektale Gabe, zum Beispiel zu Hause oder im Heim, ersparen kann (17). Die Buccaltabletten sind nur für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren zugelassen. Midazolam wird rasch über die Rachenschleimhaut resorbiert - auch bei Applikation als Nasenspray.
Dauermedikation
So essenziell Benzodiazepine im Status epilepticus sind, so ungeeignet sind sie als Dauermedikation, da eine schnelle Toleranzentwicklung mit Absinken der Krampfschwelle eintritt. Die S1-Leitlinie Epilepsie (Stand 2017) der Deutschen Gesellschaft für Neurologie empfiehlt, ausschließlich Antiepileptika als Dauermedikation einzusetzen, zum Beispiel Levetiracetam, Gabapentin und Valproat (15).
Risiken und Nebenwirkungen
Wie alle Medikamente kann auch Diazepam Nebenwirkungen verursachen. Häufige unerwünschte Wirkungen sind:
- Sedierung, Tagesmüdigkeit und Schläfrigkeit
- Beeinträchtigung von Aufmerksamkeit und Reaktionsvermögen
- Muskelschwäche, Mattigkeit, Ataxie
- Verwirrtheit, Depression, Schwindelgefühl
- Erhöhtes Sturzrisiko
Bei längerer Einnahme besteht das Risiko der Toleranzentwicklung und Abhängigkeit. Das Absetzen von Diazepam sollte daher schrittweise erfolgen, um Entzugserscheinungen zu vermeiden.
Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
Diazepam kann Wechselwirkungen mit verschiedenen anderen Medikamenten eingehen:
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- Zentraldämpfende Arzneimittel: Verstärkung der Wirkung von Hypnotika, Sedativa, Analgetika, Psychopharmaka, Lithium, Anästhetika und Antihypertonika.
- CYP-Inhibitoren und -Induktoren: Beeinflussung des Abbaus von Diazepam.
- Valproat: Verstärkung der Wirkung von Oxazepam und Lorazepam.
- Digoxin: Erhöhung der Plasmaspiegel von Digoxin.
- Opioide: Erhöhtes Risiko von Sedierung, Atemdepression, Koma und Tod.
Kontraindikationen
Diazepam darf nicht angewendet werden bei:
- Überempfindlichkeit gegen Benzodiazepine
- Abhängigkeitsanamnese
- Akuter Intoxikation mit Alkohol, Schlafmitteln, Analgetika oder Psychopharmaka
- Myasthenia gravis
- Schwerer Ateminsuffizienz
- Schlafapnoe-Syndrom
- Schwerer Leberinsuffizienz
- Schwangerschaft (außer in Notfällen)
- Stillzeit
Diazepam in besonderen Patientengruppen
Ältere Menschen
Bei älteren Menschen ist die Eliminationsgeschwindigkeit von Diazepam verlangsamt, was zu einer Akkumulation führen kann. Daher sollte Diazepam bei älteren Menschen mit Vorsicht eingesetzt werden, insbesondere aufgrund des erhöhten Sturzrisikos, des verzögerten Reaktionsvermögens und möglicher kognitiver Funktionseinschränkungen.
Kinder
Bei Kindern sollte Diazepam nur bei zwingender Indikation eingesetzt werden. Die Dosierung ist entsprechend dem Körpergewicht anzupassen.
Schwangere und Stillende
Während der Schwangerschaft sollte Diazepam nur im Notfall und nicht dauerhaft eingesetzt werden, da es die Plazentaschranke überwinden und beim Neugeborenen zum "Floppy Infant Syndrom" führen kann. In der Stillzeit sollte Diazepam nicht angewendet werden, da es in die Muttermilch übergeht und unerwünschte Wirkungen beim Säugling verursachen kann.
Alternativen zu Benzodiazepinen
Aufgrund der Risiken und Nebenwirkungen von Benzodiazepinen sollten alternative Behandlungsmethoden in Betracht gezogen werden. Bei Schlafstörungen können beispielsweise Antidepressiva mit schlaffördernder Wirkung (Mirtazapin, Agomelatin, Trazodon, Trizyklika) oder Antipsychotika (Pipamperon, Melperon) eingesetzt werden. Bei Angststörungen können Psychotherapie und selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) eine wirksame Alternative darstellen.
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