Sexuelle Unlust und Erektionsstörungen bei Epilepsie: Ursachen und Behandlungsansätze

Sexuelle Funktionsstörungen, einschließlich verminderter Libido und Erektionsstörungen, sind ein häufiges Problem bei Menschen mit Epilepsie. Diese Störungen können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und zu sozialem Rückzug und emotionaler Isolation führen. Glücklicherweise gibt es verschiedene Ursachen und Behandlungsansätze, die Betroffenen helfen können, ihr Sexualleben zu verbessern.

Hormonelle Ursachen

Hormonelle Störungen sind relativ häufig bei Frauen und Männern mit Epilepsie. Bei Frauen können sich diese als Zyklusstörungen, Hirsutismus und Infertilität äußern, während Männer unter Libidoverlust, Impotenz und Infertilität leiden können.

Einfluss von Epilepsie auf die Hypothalamus-Hypophysen-Achse (HPA)

Epileptische Anfälle oder temporolimbische Entladungen können die Hypothalamus-Hypophysen-Achse (HPA) stören, was zu Veränderungen in der Gonadotropinsekretion und einem veränderten LH/FSH-Quotienten führen kann. Studien haben gezeigt, dass Frauen mit Epilepsie ohne AED-Therapie eine erhöhte LH-Pulsfrequenz aufweisen. Bei einer Temporallappenepilepsie (TLE) kann das resultierende, gestörte LH-Pulsatilitätsmuster abhängig von der Lateralität des epileptogenen Fokus variieren. Ein rechtsseitiger Fokus führt häufiger zu einer LH-Suppression und einem hypogonadotropen Hypogonadismus, während bei einem linksseitigen Fokus eher eine gesteigerte Gonadotropinausschüttung auftritt.

Einfluss von Antiepileptika auf den Steroidhormonstoffwechsel

Antiepileptika (AEDs) können den Steroidhormonstoffwechsel beeinflussen. Enzyminduzierende Antiepileptika (EIA) wie Phenytoin, Phenobarbital und Carbamazepin können zu einem Anstieg von SHBG (Sex-Hormon-Bindungs-Globulin)-Konzentrationen führen. Dies kann im Laufe der Zeit zu einer Verminderung des bioaktiven Testosterons (BAT) und Östradiols führen, was zu einer verminderten Potenz bei Männern und Menstruationsstörungen bei Frauen führen kann.

Erektionsstörungen

Wenn ein Mann über einen Zeitraum von sechs Monaten in mehr als zwei Dritteln der Fälle keine Erektion bekommt, die für Geschlechtsverkehr ausreicht oder die Erektion nicht aufrecht erhalten kann, spricht man von Impotenz, also einer erektilen Dysfunktion. Das Risiko für eine erektile Dysfunktion steigt mit zunehmendem Alter. Bei Männern über 60 Jahren ist jeder Dritte beim Sex von einer erektilen Dysfunktion betroffen. In 80 Prozent der Fälle gibt es körperliche Ursachen für die Impotenz: Die Blutversorgung des Penis ist gestört oder die Penismuskulatur geschädigt. Krankheiten, die die Durchblutung stören, wie Diabetes, Arteriosklerose oder Bluthochdruck, erhöhen das Risiko für eine erektile Dysfunktion. Auch Testosteronmangel oder verschiedene Medikamente können eine ausreichende Erektion verhindern. Vor allem bei jüngeren Männern kann es auch psychische Ursachen für eine Impotenz geben.

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Verminderte Libido

Verminderte Libido oder Potenz tritt beinahe bei 20 % der Männer mit Epilepsie in strukturierten und unstrukturierten Fragebögen-Studien auf. Hypogonadismus bedeutet niedrige Serumtestosteronspiegel und/oder verminderte oder abnormale Spermienproduktion. Es zeigen sich vermindertes sexuelles Interesse, verminderte Potenz, Fertilität, Energie, Stimmung, Knochen und Muskelmasse und sekundäre sexuelle Charakteristika. Das Albumin-gebundene und freie Testosteron sind für Gewebe verfügbar und daher von klinischer Relevanz. Untersuchungen des bioverfügbaren Testosterons (BAT) zeigen, dass ein Hypogonadismus in etwa bei einem Drittel der Männern mit Temporallappenepilepsie auftreten kann. BAT vermindert sich altersabhängig bei Männer mit Epilepsie rascher als bei Kontrollen. Männer mit Epilepsie zeigen bei niedrig - normalen BAT-Spiegeln ein Vorhandensein einer sexuellen Dysfunktion, welche bei Männern der Allgemeinbevölkerung sich nicht klinisch manifestiert.

Antiepileptika und sexuelle Dysfunktion

AEDs können die Sexualfunktion beim Mann teilweise erheblich beeinflussen. Bereits in den 1850er-Jahren, als Brom zur Behandlung von Epilepsien eingeführt wurde, sah man, dass diese Salze zu Impotenz führen können. Später zeigte eine randomisierte Medikamentenstudie nach einem Therapiebeginn von Carbamazepin (CBZ), Phenytoin (PHT), Phenobarbital oder Primidon in Monotherapie bei 11-22 % der Männer die Entwicklung von Impotenz oder verminderter Libido. Es wurde ein Anstieg von einem SHBG-Serumspiegel und Abfall des freien (bioaktiven) Testosterons beschrieben. Begleitend dazu wurden verminderte Sexualfunktionen gefunden.

Enzym induzierende AEDs können die gonadale Testosteronsynthese direkt unterdrücken, die Testosteronbindung durch Induktion der Sexhormonbindungsglobulin (SHBG)-Synthese erhöhen und Serumöstradiolspiegel in absoluter oder relativer Hinsicht erhöhen. In einem Vergleich der sexuell/reproduktiven Funktion und reproduktiven Hormonspiegel bei 85 Männern mit Epilepsie, die unterschiedliche AEDs einnahmen (25 Carbamazepin [CBZ], 25 Phenytoin [PHT], 25 Lamotrigin [LTG] und 10 unbehandelt in den mindestens letzten 6 Monaten [keine AED]) und 25 Kontrollen fanden Herzog et al. [4], dass sexuelle Funktionscores („S-scores“), Hormonspiegel (bioaktives Testosteron, Östradiol), Hormonverhältnisse (bioaktives Testosteron/bioaktives Östradiol) und gonadale Effizienz (bioaktives Testosteron/luteinisierendes Hormon) signifikant höher als bei den Kontrollen und in der LTG-behandelten Gruppe als in der CBZ- und PHT-behandelten Gruppe waren. Das Sexhormonbindungsglobulin war signifikant höher in der CBZ- und PHT-Gruppe als in allen anderen Gruppen.

Weitere Ursachen

Neben hormonellen Faktoren und Medikamenten können auch psychosozialer Stress, Depressionen, Angstzustände und Beziehungsprobleme zu sexuellen Funktionsstörungen bei Menschen mit Epilepsie beitragen.

Diagnose

Um die Ursache für sexuelle Probleme bei neurologischen Patienten aufzudecken, sind Anamnese und klinische Untersuchung wichtig. Der Arzt sollte die verschiedenen Aspekte der Sexualität, wie Libido, Erregbarkeit und Orgasmusfähigkeit, gezielt abfragen. Es kann nützlich sein, mit der Partnerin bzw. dem Partner zu sprechen. Die Informationen aus der Anamnese geben Hinweise für die körperliche Untersuchung.

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Behandlung

Die Behandlung von sexuellen Funktionsstörungen bei Epilepsie umfasst in der Regel einen multidisziplinären Ansatz, der sowohl medizinische als auch psychologische Interventionen beinhaltet:

  • Hormonelle Therapie: Bei nachgewiesenem Hypogonadismus kann eine Testosteron-Ersatztherapie in Erwägung gezogen werden.
  • Anpassung der Medikation: Wenn AEDs die Ursache für sexuelle Funktionsstörungen sind, kann ein Wechsel zu einem anderen Medikament oder eine Dosisanpassung in Absprache mit dem Arzt erwogen werden. Oxcarbazepin, ein Antiepileptikum aus der Gruppe der neuen Antiepileptika, beeinflusst das Enzymsystem der Leber kaum bzw. gar nicht. Unter einer Therapie mit Oxcarbazepin bleibt die SHBG Synthese weitgehend unbeeinflusst und freies Testosteron steht ausreichend zur Verfügung.
  • Psychotherapie und Paartherapie: Psychotherapie kann helfen, psychische Ursachen wie Stress, Depressionen oder Angstzustände zu bewältigen. Paartherapie kann bei Beziehungsproblemen und Kommunikationsschwierigkeiten hilfreich sein.
  • Medikamentöse Therapie: In der Behandlung bei ED dominieren die Phosphodiesterase-5-Inhibitoren (PDI). Erektionen lassen sich auch mithilfe der Schwellkörper-Autoinjektionstherapie (SKAT) erreichen. Die intraurethrale Applikation von Alprostadil firmiert unter dem Kürzel MUSE (Medikamentöses Urethrales System zur Erektion).
  • Lifestyle-Änderungen: Ein gesunder Lebensstil mit ausreichend Bewegung, einer ausgewogenen Ernährung und dem Verzicht auf Nikotin und übermäßigen Alkoholkonsum kann die sexuelle Gesundheit verbessern.

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