Epilepsie ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte unprovozierte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch eine vorübergehende Störung der Kommunikation zwischen den Nervenzellen im Gehirn, was zu einer übermäßigen Aktivität einzelner Gehirnbereiche oder des gesamten Gehirns führt. Die Erkrankung kann in jedem Lebensalter auftreten, wobei Kinder und junge Erwachsene in den ersten zwei Lebensjahrzehnten sowie ältere Menschen nach dem 65. Lebensjahr verstärkt betroffen sind. In Deutschland befinden sich etwa 500.000 Menschen aufgrund von Epilepsie in haus- oder fachärztlicher Behandlung.
Ursachen und Auslöser von Epilepsie
Die Ursachen für Epilepsie sind vielfältig. Dazu zählen genetische Veranlagungen, Fehlbildungen im Gehirn, Hirnverletzungen, Schlaganfälle, Infektionen oder Stoffwechselstörungen. Auch Alkoholmissbrauch oder Drogenkonsum können Auslöser sein. In vielen Fällen lässt sich jedoch keine eindeutige Ursache finden.
Ein Anfall kann bei Epileptikern durch unterschiedliche Auslöser (Trigger) hervorgerufen werden: Bei einigen spielen flackerndes Licht, Videospiele oder laute Geräusche eine Rolle. Darüber hinaus sind auch die körperliche Verfassung (zum Beispiel Schlafmangel, hormonelle Schwankungen) und der Gemütszustand (wie Ärger, Angst) für die Entstehung eines Anfalls verantwortlich. Ein Krampfanfall kann ebenfalls durch Stress hervorgerufen werden.
Erscheinungsformen und Symptome
Die Epilepsie ist eine Erkrankung mit einem vielseitigen Erscheinungsbild. Die Anzeichen für Epilepsie sind wiederkehrende Anfälle, die sich sehr unterschiedlich äußern können. Möglich sind Krampfanfälle, Zuckungen, kurze Bewusstseinsverluste, plötzliche Verhaltensänderungen oder ungewöhnliche Sinneswahrnehmungen. Manche Betroffene spüren eine „Aura“, also eine Vorahnung vor dem Anfall. Die Symptome hängen stark von der Art der Epilepsie und der betroffenen Gehirnregion ab.
Man unterscheidet zwischen fokalen und generalisierten Anfällen. Die fokale Epilepsie entsteht zunächst nur in einem Teil des Gehirns. Von der Störung können die Nervenzellen betroffen sein, die beispielsweise für Sprache, Sehen oder Motorik verantwortlich sind. Dies äußert sich mitunter durch Zucken einer Hand oder Gesichtshälfte, Seh- oder Gefühlsstörungen. Einige Epilepsie-Patienten sehen ihre Umwelt während eines Anfalls verändert. Das heißt sie nehmen zum Beispiel Gegenstände größer wahr oder hören Stimmen. Andere ziehen Grimassen, stammeln oder laufen ziellos umher. Fokale Anfälle können aber auch mit Zuckungen oder Krämpfen einhergehen. Bei einigen Betroffenen breitet sich die fokale Form auf das gesamte Gehirn aus und wird zu einem generalisierten Anfall.
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Es gibt zudem Anfälle, die sich bei einigen Patienten durch bestimmte Sinneswahrnehmungen ankündigen. Die Epilepsie ist eine Erkrankung mit vielen Erscheinungsformen - das bezieht sich ebenfalls auf die Häufigkeit und Dauer der Anfälle. Diese können sich mehrmals am Tag, pro Woche oder Monat ereignen. Tritt ein Anfall auf, hält dieser in der Regel nur einige Sekunden bis Minuten.
Kommt es zu einem epileptischen Anfall, müssen sich die meisten Betroffenen im Anschluss erst einmal erholen. Viele Menschen fühlen sich in den Stunden danach erschöpft und schlafen zunächst. Mitunter kann es zu vorübergehenden depressiven Verstimmungen, Vergesslichkeit oder Lähmungserscheinungen kommen.
Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen
In der Regel verursacht eine Epilepsie keine bleibenden Hirnschäden oder geistigen Behinderungen. In Folge eines Epilepsieanfalls kann es zudem zu kleineren wie größeren Verletzungen kommen, vor allem, wenn es sich um generalisierte epileptische Anfälle handelt. Patienten mit wiederholten Anfällen leiden nicht selten an psychischen Problemen. Als auslösende Faktoren spielen beispielsweise die Angst vor einem Rückfall oder gesellschaftlicher Ausgrenzung eine Rolle. Aber auch die Scham, im öffentlichen Raum einen Anfall zu haben, kann psychisch sehr belastend sein. Eine Epilepsie begünstigt dahingehend eine Depression.
Die Lebenserwartung von Menschen mit Epilepsie ist grundsätzlich nicht herabgesetzt. Ein epileptischer Anfall kann dann lebensgefährdend sein, wenn der Betroffene beispielsweise infolge eines Anfalls einen Autounfall verursacht und sich schwerwiegende Verletzungen zuzieht.
Den meisten beruflichen Tätigkeiten können Epileptiker ohne Einschränkungen nachgehen. Es gibt jedoch bestimmte Berufsgruppen, die Betroffenen nur schwer oder gar nicht zugänglich sind, beispielsweise Pilot oder Busfahrer. Die berufliche Eignung ist immer auf den Einzelfall zu beziehen, sprich, es müssen Faktoren wie die Art der Anfälle, deren Häufigkeit sowie Schweregrad bei der Berufswahl berücksichtigt werden.
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Diagnose von Epilepsie
Für eine erfolgreiche Behandlung ist eine eindeutige Diagnose Voraussetzung. Um herauszufinden, ob der Anfall einer Epilepsie oder einer anderen Erkrankung zuzuordnen ist, sollte ein Neurologe (Facharzt für Erkrankungen des Nervensystems) aufgesucht werden. Eine behandlungsbedürftige Epilepsie liegt dann vor, wenn dem ersten Anfall weitere folgen oder ein erhöhtes Risiko hierfür gegeben ist.
Eine Beschreibung der Anfälle sowohl durch den Betroffenen selbst als auch durch Angehörige (Fremdbeschreibung) sind für die Diagnostik von enormer Bedeutung. Hilfreich können in diesem Zusammenhang auch Videoaufzeichnungen des epileptischen Anfalls oder die Beobachtung in einer spezialisierten Klinik sein.
Mithilfe der Elektroenzephalographie (EEG) wird die elektrische Gehirnaktivität aufgezeichnet. Bestimmte Muster lassen auf eine erhöhte Anfallsneigung schließen. Allerdings genügt das EEG allein nicht, um eine Epilepsie zu diagnostizieren. Die Magnetresonanztomographie (MRT) - auch Kernspintomogramm genannt - macht hirnorganische Veränderungen sichtbar, die wiederum Hinweise auf die Ursache geben können. In einigen Fällen untersucht der Arzt zudem das Hirnwasser (Liquor), beispielsweise, wenn der Verdacht auf eine Hirn- oder Hirnhautentzündung vorliegt.
Behandlungsmöglichkeiten von Epilepsie
So vielseitig sich die Erkrankung selbst zeigt, so unterschiedlich sind auch die Möglichkeiten der Therapie. Epilepsie ist derzeit nicht heilbar, aber in vielen Fällen gut behandelbar. Primäres Ziel ist die Anfallsfreiheit.
Medikamentöse Therapie
Am Beginn der Behandlung steht meist ein medikamentöser Ansatz, der bei optimaler Einstellung bei bis zu 70 Prozent aller Betroffenen zu einer Anfallsfreiheit führt. Patient und behandelnder Arzt wägen gemeinsam Nutzen und Risiken der Medikamente - sogenannte Antiepileptika - ab. Es sind Mittel auf dem Markt, die bei vielen Epilepsieformen wirksam sind. Bei der Epilepsie-Behandlung ist es möglich, nur ein Medikament (Monotherapie) oder mehrere als Kombinationstherapie zu verabreichen. Die Dosierung erfolgt individuell und startet meist niedrig.
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In den meisten Fällen sind Antiepileptika gut verträglich. Dennoch sind Nebenwirkungen wie allergische Reaktionen, Müdigkeit, Schwindel oder verlangsamtes Denken nicht auszuschließen. Zeigt die medikamentöse Behandlung Erfolg, sollten Patienten trotz Anfallsfreiheit regelmäßig einen Arzt zur Kontrolle aufsuchen.
Einige Medikamente führen zu Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit, Schwindel und Konzentrationsstörungen. Einige Medikamente erhöhen das Risiko für Osteoporose oder verringern die Wirkung von Verhütungsmitteln („Pille”). Valproinsäure und manche andere Epilepsiemedikamente dürfen in der Schwangerschaft nicht eingenommen werden. Aus diesen Gründen sollten Kosten und Nutzen immer abgewogen werden. Bei fokaler Epilepsie wird oft das Medikament Lamotrigin verwendet. Die generalisierte Epilepsie wird häufig mit Lamotrigin oder Valproinsäure behandelt.
Chirurgische Eingriffe
Die Behandlungsmethode kommt ausschließlich für die fokale Epilepsie infrage und auch nur, wenn sich feststellen lässt, welcher Bereich im Gehirn für die Anfälle verantwortlich ist. Dann ist es unter Umständen möglich, diesen chirurgisch zu entfernen (resektive Operation). Weitere Punkte, der vor der Entscheidung für eine Epilepsiechirurgie beachtet werden müssen, sind inakzeptable Nachteile: Die Operation darf keine ernste Beeinträchtigung bestimmter Hirnfunktionen nach sich ziehen. Ob ein operativer Eingriff infrage kommt, muss daher immer individuell entschieden werden.
In seltenen Fällen kann bei schweren Epilepsien noch eine andere Operation durchgeführt werden, nämlich die sogenannte Balkendurchtrennung (Kallosotomie). Der Eingriff wird beispielsweise in Erwägung gezogen, wenn der Betroffene häufig schwere Sturzanfälle hat. Durch die Trennung des Balkens (Corpus callosum) im Gehirn, der die linke und rechte Gehirnhälfte verbindet, kann die Häufigkeit der Sturzanfälle verringert werden. Allerdings sind im Anschluss kognitive Beeinträchtigungen nicht auszuschließen.
Neurostimulation
Wenn die medikamentöse Therapie nicht ausreicht, gibt es alternativ die Möglichkeit der Neurostimulation. Hierbei werden bestimmte Gehirnstrukturen oder solche, die dort hinführen (zum Beispiel der Vagus-Nerv) mit niedriger Stromstärke stimuliert. Allerdings wird mit dieser Methode keine Anfallsfreiheit erreicht.
Die Vagus-Nerv-Stimulation (VNS) ist die am weitesten verbreitete Methode. Dem Patienten wird eine Art Schrittmacher unterhalb des linken Schlüsselbeins unter die Haut gepflanzt und mittels Kabel (ebenfalls unter der Haut) mit dem linken Vagusnerv am Hals verbunden. Bei der transkutanen Vagus-Nerv-Stimulation erfolgt eine Reizung des Vagus-Nervs in der Ohrmuschel. Hierfür ist keine Operation notwendig. Eine andere Möglichkeit stellt die transkranielle Magnetstimulation dar. Bei dieser wirken Magnetfelder auf das Gehirn, wodurch die übererregten Gehirnstrukturen erreicht werden sollen. Für die tiefe Hirnstimulation werden dem Patienten kleine Elektroden in bestimmte Gehirnstrukturen implantiert. Mithilfe von elektrischen Impulsen stimulieren sie das Nervengewebe.
Sollten Medikamente keine Wirkung zeigen, dann bietet Nervenstimulation eine Alternative. Es wird ein Stimulator implantiert, der elektrischen Strom an den Vagusnerv abgibt.
Ketogene Diät
Bei der ketogenen Diät handelt es sich um eine Art Low Carb Ernährung, die sich auf die Zufuhr von vielen gesunden Fetten und wenig Kohlenhydraten fokussiert. Dem Körper wird so beigebracht, seine Energie nicht aus Kohlenhydraten, sondern aus den zugeführten Fetten zu gewinnen. Im Zusammenhang mit Epilepsien wird vermutet, dass dem Gehirn durch den veränderten Stoffwechsel mehr Energie zur Verfügung steht, die es zum Stabilisieren der hirnelektrischen Aktivitäten verwendet.
Anfallsselbstkontrolle
Voraussetzung für das Erlernen der Anfallsselbstkontrolle ist die Bereitschaft, sich intensiv mit der Erkrankung auseinanderzusetzen. Im Vordergrund steht dahingehend die Frage, was den eigenen Anfall begünstigt. Das können bestimmte Zeiten, Orte, Tätigkeiten oder auch Situationen sein. Darauf aufbauend können Betroffene Strategien entwickeln, die dabei helfen sollen, Anfälle zu verhindern. Denn wer weiß, welche Faktoren (beispielsweise Alkoholgenuss) einen Anfall begünstigen, muss diese nicht zwingend meiden. Effektiver ist es, einen positiven Umgang mit diesen zu finden.
Ein weiterer Aspekt der Anfallsselbstkontrolle ist es, Warnzeichen eines epileptischen Anfalls zu erkennen und zu versuchen, diesen abzuwehren. Das kann über das Entwickeln und Einüben bestimmter Verhaltensweisen geschehen: Macht sich ein Anfall beispielsweise über ein Kribbeln in der Hand bemerkbar, wird diese zur Faust geballt. So ist es möglich, die für die Motorik verantwortlichen Gehirnzellen anderweitig zu beschäftigen. Auf diese Weise sollen sie daran gehindert werden, dem Kribbeln nachzugeben.
Alternative Methoden
Ergänzend zur Behandlung mit Medikamenten haben Patienten die Möglichkeit, auf alternative Methoden zurückzugreifen. Für die alternativen Behandlungsansätze liegt derzeit kein Wirkungsnachweis vor. Dennoch berichten einige Menschen mit Epilepsie, dass ihnen Akupressur und Co. helfen.
Erste-Hilfe-Maßnahmen bei einem Anfall
Bei den Erste-Hilfe-Maßnahmen geht es vor allem darum, anfallsbedingte Verletzungen zu vermeiden. Falls der Betroffene Gegenstände in der Hand hält, sollten Sie diese an sich nehmen. Während eines Anfalls sollten Sie auf keinen Fall versuchen, den Kiefer des Patienten gewaltsam zu öffnen und ihm Gegenstände zwischen die Zähne zu schieben, damit er sich nicht auf die Zunge beißt. Hier sind schwere Verletzungen möglich.
Während des Anfalls können Anwesende eine weiche Unterlage unter den Kopf legen und harte Gegenstände aus der Umgebung entfernen. Die Person sollte während des Anfalls nicht festgehalten werden. Bringen Sie die Person nach dem Anfall in die stabile Seitenlage. Wenn bei der Person keine Epilepsie vorbekannt ist, sollte der Rettungsdienst gerufen werden (112), auch wenn der Anfall vorbei ist. Anfälle über 5 Minuten gelten als Notfall - rufen Sie den Rettungsdienst! Bei zwei Anfällen in kurzer Zeit ohne zwischenzeitige Erholung müssen Sie ebenfalls den Notruf wählen!
Rückenmarkstimulation (SCS)
Trotzt Voroperationen und ausgiebiger konservativer Therapiemaßnahmen kann bei chronischen Schmerzen, die vom Rücken ins Bein ausstrahlen die Durchführung einer Spinalen Rückenmarkstimulation (SCS) in Betracht gezogen werden. Hierbei wird durch die Anwendung von elektrischen Impulsen das Schmerzempfinden innerhalb des zentralen und peripheren Nervensystems beeinflusst, sodass eine Linderung der Beschwerden erzielt werden kann. Im ersten Schritt wird durch die Anlage von Elektroden auf dem Rückenmark in Lokalanästhesie die Wirksamkeit einige Tage getestet.
Medikamentenapplikation über Pumpe
In speziellen Situationen besteht die Möglichkeit zur Implantation einer Pumpe, die kontinuierlich Opioide oder Muskelrelaxantien appliziert. Diese wird in der Regel unter der Haut eingesetzt und ist mit einem am Rückenmark endenden Katheter verbunden. Das Medikament kann nun direkt in die Flüssigkeit, die um das Rückenmark herum befindet (Liquor), abgegeben werden. Muskelrelaxanzien bewirken eine zentrale oder periphere Entspannung der Muskulatur. Zentral wirkende Relaxanzien dienen insbesondere der Lösung von Krämpfen oder Verspannungen. Zentral wirksame Muskelrelaxanzien kommen bei Spaßmen oder Verspannungen der quergestreiften Muskulatur zur Anwendung. Einige Arzneimittel werden bei verschiedenen Epilepsieformen eingesetzt, andere bei schmerzhaften Muskelkrämpfen oder Multipler Sklerose.
Plegridy als Behandlungsmöglichkeit bei Multipler Sklerose (MS)
Plegridy ist ein Medikament, das zur Behandlung der schubförmig remittierenden Multiplen Sklerose (MS) bei Erwachsenen ab 18 Jahren angewendet wird. Der Wirkstoff in Plegridy ist Peginterferon beta-1a, eine modifizierte langwirkende Form des Interferons. Interferone sind natürlich vorkommende Substanzen, die im Körper gebildet werden, um zum Schutz vor Infektionen und Krankheiten beizutragen.
Plegridy scheint das Immunsystem des Körpers davon abzuhalten, Ihr Gehirn und Rückenmark zu schädigen. Dies kann helfen, die Zahl der Schübe, die bei Ihnen auftreten, zu senken und die behindernden Auswirkungen der MS zu verlangsamen. Eine Behandlung mit Plegridy kann helfen, eine Verschlechterung Ihres Gesundheitszustands zu verhindern, auch wenn es die MS nicht heilen kann.
Die empfohlene Dosis beträgt eine Injektion mit Plegridy 125 Mikrogramm alle 14 Tage (alle zwei Wochen). Versuchen Sie Plegridy immer am gleichen Wochentag zur gleichen Tageszeit zu injizieren. Plegridy wird in den Oberschenkelmuskel injiziert (intramuskuläre Injektion). Wechseln Sie regelmäßig die Injektionsstelle. Verwenden Sie für aufeinanderfolgende Injektionen nicht dieselbe Stelle.