Die Diskussion um Anfallsüberwachungsgeräte hat in den letzten Jahren zugenommen, sowohl bei gesunden Menschen als auch bei Patient*innen. Diese Geräte unterscheiden sich in den Möglichkeiten verschiedener Messungen, sind nicht für alle Situationen geeignet und weisen zusätzlich eine teils geringe Akkukapazität auf. Ein Teil der verwendeten Geräte ist nicht speziell für eine Anfallsüberwachung konzipiert. Zudem sind gerade die Wearables überwiegend für Erwachsene konstruiert und aufgrund der anderen körperlichen Voraussetzungen bei Säuglingen und Kleinkindern nicht einsetzbar.
Einführung in die Thematik der Anfallsüberwachung
Die Diskussion zu Überwachungsgeräten bei Epilepsiepatient*innen ist vielgestaltig. Sie umfasst u. a. eine generell bessere Anfallserkennung als Basis der Therapiesteuerung und das Thema SUDEP („sudden unexpected death in epilepsy“). Die Mehrheit der bisherigen Daten über die Zuverlässigkeit im Sinne von Sensitivität und Spezifität von Geräten zur Anfallsüberwachung stammt aus Epilepsiezentren. Es gibt bisher kaum Informationen über den Alltagseinsatz. Daher wurde in Zusammenarbeit mit dem epilepsie bundes-elternverband (e.b.e.) eine Umfrage bei betroffenen Familien initiiert und ausgewertet, um zu ermitteln, wie sich die verschiedenen Geräte im Alltag aus Sicht der Familien bewähren und ob es Geräte gibt, die speziell in bestimmten Alters- oder Gewichtsklassen eingesetzt werden.
Methodik der Umfrage
Es handelte sich um eine Querschnittuntersuchung via einer webbasierten Umfrage. Die Fragen wurden explizit für diese Umfrage zusammengestellt. Der Fragebogen umfasste zunächst Angaben zu Basisdaten (Alter, Gewicht, Mobilität, Epilepsieform, Art und Häufigkeit der Anfälle, Einsatz eines Überwachungsgerätes). Der Fragebogen wurde für die Umfrage zusammengestellt, in einem Pretest mit 7 Expertinnen und Patientenvertreterinnen auf Verständlichkeit, Eindeutigkeit und Ergänzungen überprüft und anschließend angepasst. Die Umfrage erfolgte mittels des webbasierten Umfrageinstruments SoSci-Survey (www.soscisurvey.de) in der Zeit vom 01.03. bis 16.04.2023. Die Teilnehmer wurden über verschiedene Kanäle rekrutiert und ausdrücklich gebeten, den Link weiter zu senden. Zusätzlich erfolgte ein Hinweis in einem Artikel im epiKurier, der Verbandszeitschrift des e.b.e. und des Landesverbands Epilepsie Bayern. Die Auswertung erfolgte mittels deskriptiver Statistik. In den Auswertungen wurden Alter und Gewicht, mobilitätsbedingte Einschränkungen, die Epilepsie- und Anfallsform berücksichtigt. Ferner wurden die Angaben zu den verschiedenen Überwachungsgeräten ausgewertet. Aufgrund der Zielgruppe wurde die aktuelle Auswertung auf die Antworten für die Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahre begrenzt. Es erfolgte ein Vergleich zwischen Kindern und Jugendlichen, die eine Überwachung erhalten haben, und denjenigen, bei denen keine Überwachung durchgeführt wurde. Die Umfrage erfolgte im Einklang mit der vom Weltärztebund (WMA) veröffentlichten Fassung der Deklaration von Helsinki. Vor Beginn der Umfrage wurde eine elektronische Einverständniserklärung eingeholt. Die Einwilligung wurde durch aktive Teilnahme erteilt.
Ergebnisse der Umfrage unter Familien mit Kindern und Jugendlichen
Insgesamt lagen 194 Datensätze vor, davon 153 verwertbare Datensätze von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Das Alter der Kinder und Jugendlichen lag im Mittel bei 8,74 Jahren (± 4,74 Jahre, Range 0-17; 11 Jahre), das Gewicht betrug im Mittewert 32,1 kg (± 17,0 kg; Range 9-90 kg). Bei 102 Kindern und Jugendlichen wurde die Mobilität durch die Eltern als „nicht eingeschränkt“ eingeordnet, bei 51 bestand eine Einschränkung. Bezüglich der Anfälle und Epilepsiesyndrome ergab sich ein heterogenes Bild. Bei den Epilepsiesyndromen gelang nicht immer eine sichere Zuordnung aufgrund der Angaben. Am häufigsten wurden Dravet-Syndrom/SCN1A-Mutation (n = 44), isodizentrisches Chromosom-15-Syndrom (iDIC15) (n = 8) und Sturge-Weber-Syndrom (n = 4) genannt. Zwei Patient*innen hatten eine Rolando-Epilepsie.
Zur apparativen Überwachung erfolgte der Einsatz vieler verschiedener Systeme. Nicht alle Angaben waren eindeutig zuzuordnen: Beispielsweise gab es Antworten wie „Kamera“ oder „Monitor“, teils erfolgte nur die Angabe des Herstellers. Viele Geräte wurden auch nur in einer Antwort genannt.
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Vergleich von Kindern mit und ohne Anfallsüberwachung
Bei Auswertung der Kinder mit Anfallsüberwachung im Vergleich zu denjenigen ohne ergaben sich keine wesentlichen Unterschiede bei Alter, Gewicht und Mobilität (zweiseitiger Chi2-Test, p > 0,05). Eine Überwachung erfolgte häufiger bei Kindern ohne GTKA als bei Kindern mit GTKA (zweiseitiger Chi2-Test, p = 0,045).
Gründe für den Verzicht auf eine Überwachung
Für den Verzicht auf eine Überwachung wurden verschiedene Gründe angegeben. Am häufigsten wurde Co-Sleeping benannt, d. h. die Kinder schlafen im Bett der Eltern (n = 5). Weitere seitens der Eltern benannte Gründe waren eine sehr niedrige Anfallsfrequenz oder Anfallsfreiheit, Unzuverlässigkeit der Geräte bzw. Fehlermeldungen, fehlende Informationen über die verschiedenen Geräte oder die Überwachung an sich und das zu junge Alter („zu klein für so was“).
Beurteilung der Anfallsüberwachungsgeräte durch die Eltern
Ferner wurden die am häufigsten eingesetzten Geräte im Elternurteil in den Bereichen Benutzerfreundlichkeit, Sicherheit und Zuverlässigkeit und Eignung für die Anfallsüberwachung anhand von Schulnoten verglichen. Es handelte sich hierbei um NightWatch®, die verschiedenen Epi-Care®-Modelle (zusammengefasst), VitaGuard® 3100/310 und das Babyphone.
Kostenübernahme durch Krankenkassen
Bei der Kostenübernahme durch die Krankenkassen war kein klares System zu erkennen. Bezogen auf verordnete Geräte erhielten wir insgesamt 93 Antworten zur Kostenübernahme. Die Kosten für die Geräte wurden bei 72 Kindern komplett übernommen. Kostenübernahmen für „offizielle“ (CE-zertifizierte) Geräte erfolgten bei den VitaGuard®-Monitoren und Epi-Care® immer komplett, bei NightWatch® 25-mal komplett, 2‑mal anteilig (je € 80) und 6‑mal nicht. Kosten für ein Babyphone (mit/ohne Kamera) wurden nie übernommen. Unklar bleibt allerdings, ob überhaupt beantragt wurde, ob Widerspruch o. Ä.
Einsatz der Geräte in verschiedenen Altersgruppen
Der Einsatz der Geräte findet im Wesentlichen ohne klare Präferenz in bestimmten Altersgruppen statt. Dies gilt auch für die Frage, ob zum Zeitpunkt der Umfrage eine Überwachung erfolgt oder nicht.
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Hintergrundinformationen zu Epilepsie und Überwachung
Viele Eltern fürchten bei einem ersten Anfall um das Leben ihres Kindes. Auch wenn einzelne Anfälle typischerweise zunächst gerade im Kindesalter nicht lebensgefährlich sind, so gibt es doch ein erhöhtes Risiko für Menschen mit Epilepsie zu versterben. Viele Kinder mit Epilepsie sterben an den Grunderkrankungen oder beispielsweise an Pneumonien. Anfallsbezogene Risiken bestehen in Unfällen und konvulsivem Status epilepticus. Zusätzlich existiert das Phänomen des plötzlichen Todesfalls bei Epilepsien (SUDEP = „sudden unexpected death in epilepsy“). Die Veröffentlichungen zum Thema SUDEP im Kindesalter haben in den letzten Jahren zugenommen, und es gibt eine Kontroverse um die „wahre“ Zahl der davon Betroffener im Kindes- und Jugendalter. Bis vor wenigen Jahren wurde davon ausgegangen, dass Kinder deutlich seltener betroffen sind und SUDEP in diesem Alter praktisch keine Rolle spielt. Neuere Daten zeigen jedoch eine ähnliche Häufigkeit wie im Erwachsenenalter. Die Diskussion wird einerseits auch kaum aufzulösen sein, andererseits für den Alltag der Kinder, Jugendlichen und Familien auch nur eine untergeordnete Rolle spielen, da sich Sorgen und Ängste nicht an einzelnen Werten im Promillebereich orientieren. Auch wenn keine Daten dazu existieren, dass beispielsweise Wearables das Risiko eines SUDEP signifikant reduzieren können, so liegt dies zumindest nahe. Viele Eltern wünschen eine Überwachungsmöglichkeit, insbesondere für nächtliche Anfälle.
Verfügbare Überwachungsmöglichkeiten
Bis vor einigen Jahren existierten nur wenige Überwachungsmöglichkeiten (Babyphone, EKG- und/oder Sättigungsmonitor, v. a. in Deutschland Epi-Care®). Ins Hilfsmittelverzeichnis sind in den letzten Jahren keine neuen Geräte aufgenommen worden. In den letzten Jahren sind weitere Überwachungsgeräte spezifisch für Epilepsien entwickelt worden. Diese werden in verschiedenen Ländern und über unterschiedliche Wege vertrieben. Von diesen Geräten wurden bei unserer Umfrage von den Eltern NightWatch® und Embrace® benannt. Die meisten Daten zu den Überwachungsgeräten stammen aus Studien in Epilepsiezentren und wurden an Erwachsenen erhoben. Angaben zu Fehlalarmen und Faktoren, die Sensitivität und Spezifität möglicherweise beeinflussen, fehlen häufig. Daten zum Einsatz von Geräten zur Anfallsüberwachung aus dem Alltag stehen aktuell allenfalls eingeschränkt bei erwachsenen Patient*innen zur Verfügung.
Diskussion der Ergebnisse
Die Alltagspraktikabilität und den Einsatz im häuslichen Umfeld standen im Mittelpunkt der Umfrage, die zusammen mit dem e.b.e. initiiert wurde. Es muss festgehalten werden, dass es sich bereits aufgrund der Art der Verbreitung der Umfrage nicht um repräsentative Daten zu Epilepsien allgemein handelt. Einige Epilepsiesyndrome sind bei den Ergebnissen überrepräsentiert, was am ehesten an der Weiterleitung der Umfrage in bestimmte Selbsthilfegruppen liegen dürfte. Es ist sehr wahrscheinlich, dass eher Familien antworteten, die Erfahrungen mit einer technischen Anfallsüberwachung gemacht haben. Ferner basieren alle präsentierten Daten auf subjektiven Angaben und Einschätzungen der Befragten.
Vielfalt der eingesetzten Geräte
Bei der Auswertung der Daten konnte eine sehr große Vielfalt der eingesetzten Geräte festgestellt werden. Nur 2 Geräte - NightWatch® und VitaGuard® 3100/310 - wurden mehr als 10-mal benannt, hinzukommen die verschiedenen Modelle der Epi-Care®-Reihe mit insgesamt 16 Nennungen. Erfreulicherweise nahmen auch 24 Eltern an der Befragung teil, die keine Überwachungsgeräte im Einsatz hatten, sodass eine Vergleichsgruppe zur Verfügung stand.
Vergleich der Gruppen mit und ohne Überwachung
Für uns erstaunlich war, dass es keine Unterschiede im Vergleich der Gruppen mit und ohne Überwachung gab. Auch die Annahme, dass bei Vorliegen von GTKA oder typischerweise schwerer verlaufenden Epilepsien häufiger eine Überwachung erfolgt, ließ sich nicht bestätigen. Eher war das Gegenteil der Fall, wenngleich angesichts des Charakters unserer Untersuchung und der Zahlen eine statistisch belastbare Auswertung nicht sinnvoll ist. Auch die Verteilung in den jeweiligen Altersgruppen lässt kein klares Bild erkennen. Tendenziell werden Pulsoxymeter, die VitaGuard®-Monitore und Babyphone eher bei jüngeren Kindern im Vorschul- und Grundschulalter eingesetzt.
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Kostenübernahme und Hilfsmittelverzeichnis
Die Kostenübernahme durch Krankenkassen scheint immerhin bei vielen Geräten mit „offizieller“ Zulassung zu gelingen. Stand 25.06.2023 sind im GKV(gesetzliche Krankenkassen)-Hilfsmittelverzeichnis (Stand des Verzeichnisses: Bundesanzeiger vom 28.04.2023) mit der Indikation Epilepsien 2 Geräte aufgeführt: Epi-Care free® und Emfit®. Die VitaGuard®-Monitore 310 und 3100® finden sich in der Produktgruppe „Messgeräte für Körperzustände-/funktionen“ unter der Rubrik „Überwachungsgeräte für Vitalfunktionen bei Kindern“. Es wurde bei der Umfrage allerdings nicht erhoben, mit wie viel Mühen bzw. Widersprüchen die Kostenübernahme erreicht wurde. Andererseits wurde auch nicht erhoben, ob überhaupt ein Kostenübernahmeantrag gestellt wurde.
Bewertung der Geräte durch Familien
Kern der Befragung war das Urteil der Familien, was die Benutzerfreundlichkeit, Zuverlässigkeit und die generelle Eignung für eine Anfallsüberwachung angeht. Tendenziell erhielten NightWatch® und VitaGuard® 3100/310 die besseren Bewertungen. Eine Limitierung der Daten stellt die teilweise Zusammenlegung der Auswertungen der beiden VitaGuard®-Monitore dar, wobei der VitaGuard® 3100 Herzfrequenz, SaO2 und Atemfrequenz misst, der VitaGuard® 310 Herzfrequenz und SaO2. Interessant hierbei ist, dass die reinen Schulnoten nicht unbedingt mit dem Einsatz korrelieren. Mehrere Geräte wurden nicht mehr benutzt, da zu häufig Fehlalarme auftraten und/oder Anfälle nicht erkannt wurden, wenngleich die durchschnittliche Bewertung der Geräte gar nicht so schlecht ausfiel. In diesem Zusammenhang sollte kritisch überdacht werden, wenn beispielsweise in klinikbasierten Studien Geräte mit einer Sensitivität von 86 % als „good“ oder 91 % als „high“ bezeichnet werden.
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