Epilepsie: Anfallshäufigkeit, Statistik und Behandlungsansätze

Einführung

Epilepsie ist eine der häufigsten chronischen neurologischen Erkrankungen, die Menschen jeden Alters betreffen kann. Weltweit sind etwa 0,5 bis 1 % der Bevölkerung von einer aktiven Epilepsie betroffen. In Deutschland leiden schätzungsweise 0,5-1 % der Bevölkerung an dieser Erkrankung. Die Epilepsie ist durch das wiederholte Auftreten unprovozierter epileptischer Anfälle gekennzeichnet. Ein epileptischer Anfall ist eine vorübergehende Funktionsstörung des Gehirns, die plötzlich auftritt und in der Regel nach wenigen Sekunden oder Minuten von selbst wieder aufhört. Die Anfallshäufigkeit kann dabei stark variieren und unterliegt, wie neuere Forschungsergebnisse zeigen, oft bestimmten Mustern.

Epidemiologie der Epilepsie

Die Prävalenz der Epilepsie im Kindesalter beträgt etwa 0,5 Prozent. In den Industrieländern erkranken im Mittel etwa 50 von 100 000 Kindern jedes Jahr neu an einer Epilepsie. Insgesamt macht der Anteil von Kindern 25 Prozent aller Epilepsie-Neuerkrankungen aus (1).

Die Inzidenz von Epilepsien ist altersabhängig. Bei Kindern tritt sie mit etwa 60 Neuerkrankungen pro 100.000 Personen pro Jahr auf, wobei Fieberkrämpfe und einzelne unprovozierte Anfälle hierbei nicht berücksichtigt sind. Im Erwachsenenalter sinkt die Inzidenz zunächst, steigt aber im höheren Lebensalter (ab 60 Jahren) wieder auf bis zu 140 Fälle pro 100.000 Personen pro Jahr an. Bis zum 74. Lebensjahr liegt die kumulative Häufigkeit von Epilepsien bei etwa 3,4 Prozent.

Ursachen und Klassifikation der Epilepsie

Epilepsie kann verschiedene Ursachen haben. Man unterscheidet zwischen:

  • Idiopathischen Epilepsien: Diese haben einen genetischen Ursprung. Betroffene sind neurologisch unauffällig, abgesehen von der Epilepsie selbst.
  • Symptomatischen Epilepsien: Diese werden durch eine erkennbare Ursache ausgelöst, wie z.B. Läsionen im Gehirn (Trauma, Tumor, Entzündung, Fehlbildung) oder genetische Systemerkrankungen.
  • Vermutlich symptomatischen (kryptogenen) Epilepsien: Hier ist ein Auslöser wahrscheinlich, kann aber nicht bewiesen werden.

Die Klassifikation der Epilepsiesyndrome erfolgt hauptsächlich anhand der Ätiologie und der Anfallssymptomatik. Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) hat hierzu wegweisende Klassifikationsvorschläge veröffentlicht.

Lesen Sie auch: Detaillierter Leitfaden zu Epilepsie

Anfallshäufigkeit und zyklische Muster

Lange wurde vermutet, dass die Anfallshäufigkeit bei Epilepsie zyklischen Rhythmen unterliegt. Diese Zyklen können sich über Wochen, Monate oder sogar Jahre erstrecken, wobei die Anfallshäufigkeit in regelmäßigen Abständen zu- und abnimmt. Bisher konnten Forscher diese langen Anfallsmuster nicht vollständig erklären und vermuteten hormonelle Zyklen oder Umweltfaktoren als mögliche Ursachen. Studien hierzu waren oft auf kurze Zeiträume oder kleine Patientenzahlen beschränkt.

Eine aktuelle Studie eines australischen Forscherteams untersuchte nun die Stärke und Prävalenz von Anfallszyklen auf verschiedenen Zeitskalen in einer großen Patientengruppe [1].

Studiendesign und Methodik

Die Forscher nutzten für ihre retrospektive Kohortenstudie zwei umfangreiche Datenbanken für Anfälle beim Menschen: NeuroVista (Melbourne, Australien) und SeizureTracker (USA). Sie analysierten die Daten von Epilepsiepatienten mithilfe von Techniken aus der Zirkularstatistik, um das Auftreten und die Häufigkeit von Anfallsereignissen besser zu charakterisieren.

Die NeuroVista-Datenbank enthält Informationen von Patienten mit schwer behandelbarer fokaler Epilepsie. Die Daten in SeizureTracker werden von den Teilnehmern selbst eingegeben und unterliegen keinen spezifischen Kriterien. Für die Auswertung berücksichtigten die Forscher die Daten von Patienten mit mindestens 30 bzw. 100 Anfällen.

Das Vorhandensein von Anfallszyklen über mehrere Zeitskalen wurde mithilfe der mittleren resultierenden Länge (R-Wert) untersucht. Die zirkulare Gleichförmigkeit wurde mit dem Rayleigh- und dem Hodges-Ajne-Test geprüft. Die Ergebnisse des Rayleigh-Tests wurden für die Anfallsphase mit Monte-Carlo-Simulationen bestätigt.

Lesen Sie auch: Tipps für Betroffene von Epilepsie

Ergebnisse der Studie

Die Analyse umfasste Daten von zwölf Personen aus der NeuroVista-Studie (Daten vom 10. Juni 2010 bis 22. August 2012) und von 1.118 Personen aus der SeizureTracker-Datenbank (Daten vom 01. Januar 2007 bis 19. Oktober 2015).

  • Zirkadiane Rhythmen: Elf (92%) von zwölf Patienten in der NeuroVista-Kohorte und mindestens 891 (80%) der 1.118 Patienten in der SeizureTracker-Kohorte zeigten eine zirkadiane (24 Stunden) Modulation ihrer Anfallsraten.
  • Wöchentliche Zyklen: In der NeuroVista-Kohorte wies ein Patient (8%) einen exakt wöchentlichen Zyklus auf, zwei weitere Patienten (17%) einen annähernd wöchentlichen Zyklus. In der SeizureTracker-Kohorte zeigten sich je nach statistischem Modell bei 77 (7%) bis 233 (21%) der 1.118 Patienten starke Korrelationen mit einer klaren 7-Tage-Periode.
  • Zweiwöchentliche Zyklen: In der NeuroVista-Kohorte traten die Anfälle zweier Patienten (17%) im zweiwöchigen Zyklus auf.
  • Längere Zyklen: In der SeizureTracker-Kohorte hatten zwischen 151 (14%) und 247 (22%) Patienten signifikante Anfallszyklen, die länger als 3 Wochen waren.

Die Studie ergab auch, dass bestimmte Anfallszyklen bei Männern und Frauen gleichermaßen auftraten und die Anfallsraten gleichmäßig über alle Wochentage verteilt waren.

Schlussfolgerungen der Autoren

Die Autoren betonten, dass Anfälle festen zeitlichen Mustern folgen, patientenspezifisch sind und weiter verbreitet sind als bisher bekannt. Sie stimmen mit dem allgemeinen Konsens überein, dass die meisten Epilepsieerkrankungen täglichen Schwankungen unterliegen. Variationen in der Anfallsrate sind von großer klinischer Bedeutung. Das Erkennen und Verfolgen von Anfallszyklen auf einer patientenspezifischen Basis sollte eine Routine beim Epilepsiemanagement sein. Damit könnte die Patientensicherheit erhöht und der Einsatz von Medikamenten optimiert werden.

Limitationen der Studie

Die Autoren wiesen darauf hin, dass die Ergebnisse durch die Tatsache verzerrt sein könnten, dass Patienten in der SeizureTracker-Studie eigenständig und möglicherweise nicht über alle Anfälle berichteten.

Diagnostik der Epilepsie

Die Diagnose von Epilepsie basiert auf einer umfassenden Anamnese, der Schilderung der Anfälle durch Betroffene und/oder Angehörige sowie auf verschiedenen diagnostischen Verfahren. Dazu gehören:

Lesen Sie auch: Epilepsie-Armband – Eine Zukunftsperspektive für Betroffene?

  • Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, einschließlich detaillierter Beschreibung der Anfälle (Art, Häufigkeit, Auslöser, Begleitsymptome). Eine Videoaufzeichnung des Anfalls kann hierbei sehr hilfreich sein.
  • EEG ( Elektroenzephalogramm ): Aufzeichnung der Hirnströme, um epileptische Aktivität festzustellen. Dies kann im Wachzustand, im Schlaf oder über einen längeren Zeitraum (Langzeit-EEG) erfolgen.
  • MRT ( Magnetresonanztomographie ): Bildgebung des Gehirns, um strukturelle Veränderungen (z.B. Läsionen, Fehlbildungen) als Ursache der Epilepsie auszuschließen.
  • Weitere Untersuchungen: In einigen Fällen können weitere Untersuchungen erforderlich sein, wie z.B. Blutuntersuchungen (Stoffwechselstörungen), genetische Tests oder spezielle Verfahren wie PET/SPECT.

Therapie der Epilepsie

Ziel der Epilepsiebehandlung ist es, Anfallsfreiheit zu erreichen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die Therapie erfolgt in der Regel medikamentös, wobei in einigen Fällen auch operative oder andere interventionelle Verfahren in Frage kommen.

Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Therapie ist die häufigste Behandlungsform bei Epilepsie. Hierbei werden Antiepileptika eingesetzt, die die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn reduzieren und so das Auftreten von Anfällen verhindern sollen. Es stehen verschiedene Antiepileptika mit unterschiedlichen Wirkmechanismen zur Verfügung. Die Wahl des geeigneten Medikaments richtet sich nach der Art der Epilepsie, den Anfallssymptomen, dem Alter des Patienten und möglichen Begleiterkrankungen.

Die medikamentöse Therapie wird in der Regel nach zwei unprovozierten epileptischen Anfällen eingeleitet. Bei optimaler Therapie können circa 70 % der Patienten in Remission gebracht werden.

Nicht-medikamentöse Therapieansätze

  • Epilepsiechirurgie: Bei fokalen Epilepsien, bei denen die Anfälle von einem bestimmten Bereich des Gehirns ausgehen, kann eine Operation in Erwägung gezogen werden, um den epilepsieauslösenden Herd zu entfernen. Voraussetzung hierfür ist, dass der Herd keine lebenswichtigen Funktionen steuert und die medikamentöse Therapie erfolglos war.
  • Vagusnerv-Stimulation (VNS): Hierbei wird ein Schrittmacher unter die Haut im Brustbereich implantiert, der elektrische Impulse an den Vagusnerv abgibt. Die VNS kann die Anfallshäufigkeit reduzieren, ist aber in der Regel weniger effektiv als die Epilepsiechirurgie.
  • Tiefe Hirnstimulation (THS): Bei der THS werden Elektroden in bestimmte Hirnstrukturen implantiert, um die Anfallsaktivität zu modulieren. Die THS kann bei bestimmten Epilepsieformen die Anfallshäufigkeit reduzieren.
  • Ketogene Diät: Eine spezielle Diät mit einem sehr hohen Fettanteil und einem niedrigen Anteil an Kohlenhydraten und Proteinen kann bei einigen Epilepsieformen, insbesondere bei Kindern, die Anfallshäufigkeit reduzieren.
  • Verhaltenstherapeutische Ansätze: Die Anfallsselbstkontrolle kann parallel zur medikamentösen Therapie in die Behandlung integriert werden.

Akuttherapie bei Anfällen

Eltern von Kindern mit Fieberkrämpfen oder Epilepsie sollten mit einem schnell wirksamen, rektal (oder oral) applizierbaren Benzodiazepin-Präparat zur Anfallsunterbrechung ausgestattet sein. Wenn ein Fieberkrampf nicht innerhalb von fünf Minuten spontan endet, muss er medikamentös unterbrochen werden.

Dauert ein epileptischer Anfall länger als fünf Minuten an oder treten mehrere Anfälle kurz hintereinander auf (Status epilepticus), ist ein Notruf (112) erforderlich, um irreversible Schädigungen des Gehirns oder einen tödlichen Verlauf zu verhindern.

Begleiterkrankungen und psychosoziale Aspekte

Etwa 70 Prozent aller Kinder mit Epilepsie sind kognitiv normal entwickelt. Andererseits ist eine Intelligenzminderung (IQ < 70) die häufigste Komorbidität bei Kindern mit Epilepsie. In epidemiologischen Studien sind Zerebralparese, Hydrozephalus, Tuberöse Sklerose und Sturge-Weber-Syndrom die häufigsten Begleiterkrankungen (4).

Epilepsie kann vielfältige Auswirkungen auf das Alltagsleben der Betroffenen haben, wie z.B. die Eignung für bestimmte Berufe oder das Autofahren. Eine umfassende Beratung zu Themen wie Fahreignung, Kinderwunsch und Schwangerschaft, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen der Medikation, Berufseignung oder auch Sport ist wichtig, auch schon zu Beginn der Erkrankung. Ergänzend kann eine Psychotherapie hilfreich sein, um mit den Folgen der Erkrankung umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern.

Fazit

Die Epilepsie ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die sich durch wiederholte epileptische Anfälle äußert. Die Anfallshäufigkeit kann dabei stark variieren und unterliegt oft bestimmten Mustern. Eine genaue Diagnose und Klassifikation der Epilepsie ist entscheidend für die Wahl der geeigneten Therapie. Die Behandlung erfolgt in der Regel medikamentös, wobei in einigen Fällen auch operative oder andere interventionelle Verfahren in Frage kommen. Ziel der Therapie ist es, Anfallsfreiheit zu erreichen und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die Berücksichtigung von Begleiterkrankungen und psychosozialen Aspekten ist ebenfalls von großer Bedeutung.

tags: #epilepsie #wie #oft #anfalle