Wo wohnt das Glück? Diese Frage beschäftigt die Menschheit seit jeher. Ist es in der Liebe, der Familie, erfüllenden Freundschaften, Naturerlebnissen, guter Musik oder stiller Abgeschiedenheit zu finden? Die Antwort ist komplex und vielschichtig, denn das Glücksempfinden wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst, die sowohl biologischer als auch gesellschaftlicher Natur sind.
Die Biologie des Glücks: Ein komplexes Zusammenspiel
Das Autorenteam von J. Rubner und P. Buchcover "Das Glück wohnt neben dem Großhirn" beleuchtet in ihrem Werk die faszinierenden Areale des Gehirns und das komplexe Konzert der Botenstoffe, die unseren Gefühlshaushalt maßgeblich beeinflussen. Wenn etwas geschieht, das wir besser als erwartet empfinden, setzt ein chemischer Prozess im Gehirn ein. Neuronen im Mittelhirn werden aktiv und stoßen den Glücksstoff Dopamin aus, der ins untere Vorderhirn sowie ins Frontalhirn weitergeleitet wird. Im Vorderhirn regt Dopamin die Produktion opiumähnlicher Stoffe an, die uns euphorisch machen. Im Frontalhirn führt Dopamin zu einer besseren Gehirnfunktion und schärft das Empfinden von Glück, indem es unsere Aufmerksamkeit steigert und uns hilft, uns an glücklichmachende Ereignisse zu erinnern. So lernen wir, was uns guttut.
Die Rolle der Gene: Eine Frage der Veranlagung?
Auch die Genetik spielt eine Rolle beim Glücksempfinden. Studien zeigen, dass Zwillinge häufig gleichermaßen mit Depressionen kämpfen oder mit fröhlichen Gemütern ausgestattet sind. Das Gen SLC6A4 beispielsweise leitet das Hormon Serotonin in die Zellen weiter, was uns entspannt und gut gelaunt macht. Es gibt zwei Arten dieses Gens: eine Langform und eine Kurzform. Menschen mit der Langform erhalten mehr Serotonin und neigen dazu, das Positive zu sehen. Internationalen Studien zufolge wird die Veranlagung zum Glücklichsein zu etwa 30 bis 40 Prozent von unseren Genen bestimmt. Die Lebensumstände machen rund 10 Prozent aus. Den Rest haben wir selbst in der Hand.
Gesellschaftliche Aspekte: Armut macht unglücklich
Das Autorenteam von "Das Glück wohnt neben dem Großhirn" nimmt auch gesellschaftliche Aspekte in den Blick. Studien belegen, dass Armut unglücklich macht. Ausflüge in die Suchtforschung - der Kick am Spielautomaten, der Griff zu "Happy Pills" - runden das vielschichtige Szenario der menschlichen Glückssuche ab.
Was macht uns wirklich glücklich? Die Harvard-Studie
Die Harvard University führt seit mehr als 80 Jahren die umfangreichste Studie zur Glücksforschung durch. Seit 1938 begleiten die Wissenschaftler rund 2.000 Menschen aus drei Generationen bei ihrem Streben nach dem Glück. Die ersten Ergebnisse widersprechen der Annahme, dass materielle Dinge, Geld oder Erfolg im Beruf automatisch zu mehr Zufriedenheit führen. Der wichtigste Faktor für ein glückliches Leben sind gute soziale Beziehungen, die das Gefühl von Verbindung und Zugehörigkeit vermitteln. Damit sind nicht nur Paarbeziehungen gemeint, sondern auch gute Beziehungen zu Familienmitgliedern, Freunden, Kollegen oder Nachbarn. Sogar Zufallsbegegnungen haben einen positiven Effekt auf unser Glücksempfinden. Wichtig ist es laut der Studie, selbst aktiv zu werden und soziale Kontakte bewusst herzustellen. Diese soziale Fähigkeit lässt sich erlernen wie ein Muskel.
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Das Alter und das Glück: Eine Frage der Perspektive
Auch das Alter spielt eine Rolle beim Glücklichsein. Professor Tobias Esch von der Universität Witten/Herdecke forscht seit rund 20 Jahren zum Belohnungssystem des Gehirns und dem Glückserleben. Er sagt: Trotz körperlicher Beschwerden und Krankheiten seien ältere Menschen in der Regel glücklicher und zufriedener als Erwachsene im mittleren Alter. Im Laufe des Lebens ändere sich die Art des Glückempfindens, erklärt Esch. Junge Leute suchten Vergnügen und Nervenkitzel. Sie eilten von Glücksmoment zu Glücksmoment, was zwar intensiv, aber flüchtig sei. In späteren Jahren folge ein Lebensabschnitt, in dem viele gestresst seien von der Karriere, Kindern, Beziehungsproblemen, dem Hausbau und zum Teil schon pflegebedürftigen Eltern. Später im Alter ab 60 Jahren steige die Lebenszufriedenheit wieder - trotz Altersbeschwerden. Ältere Menschen bräuchten dann oft wenig, um glücklich zu sein. In den letzten eineinhalb bis zwei Jahren vor dem Tod gehe die Zufriedenheit dann wieder zurück.
Der "Internationale Tag des Glücks": Mehr als Wirtschaftswachstum
Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat den 20. März zum "Internationalen Tag des Glücks" erklärt. Er soll daran erinnern, dass zum Glück mehr gehört als Wirtschaftswachstum und Umsatz - nämlich Mitgefühl, Gemeinwohl und nachhaltige Entwicklung. Im jährlich erscheinenden World Happiness Report werden regelmäßig Länder nach der glücklichsten Bevölkerung gelistet und Faktoren analysiert, die zum Glücklichsein beitragen. Neben sozialen Beziehungen spielen auch Sicherheit, Frieden und Wohlstand eine Rolle.
Tipps für ein glücklicheres Leben: Kleine Dinge, große Wirkung
Was können wir also tun, um unser Glücksempfinden zu steigern? Hier sind einige Tipps, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und praktischen Erfahrungen basieren:
- Soziale Interaktionen pflegen: Investiere Zeit und Energie in deine Beziehungen zu Familie, Freunden und Kollegen. Suche den Kontakt zu anderen Menschen und engagiere dich in sozialen Aktivitäten.
- Dankbarkeit praktizieren: Nimm dir jeden Tag Zeit, um über Dinge nachzudenken, für die du dankbar bist. Schreibe sie in ein Tagebuch oder teile sie mit anderen.
- Achtsamkeit üben: Konzentriere dich auf den gegenwärtigen Moment und nimm deine Umgebung bewusst wahr. Praktiziere Meditation oder Achtsamkeitsübungen, um Stress abzubauen und innere Ruhe zu finden.
- Körperliche Aktivität: Bewege dich regelmäßig und treibe Sport. Körperliche Aktivität setzt Glückshormone frei und verbessert deine Stimmung.
- Geistige Herausforderungen suchen: Fordere dein Gehirn durch neue Aufgaben, Hobbys oder das Erlernen einer Fremdsprache heraus.
- Sich selbst etwas Gutes tun: Gönne dir regelmäßig kleine Freuden, wie ein entspannendes Bad, ein gutes Buch oder ein leckeres Essen.
- Positives Denken: Versuche, negative Gedankenmuster zu erkennen und durch positive zu ersetzen. Konzentriere dich auf die positiven Aspekte deines Lebens.
- Anderen helfen: Engagiere dich ehrenamtlich oder hilf anderen Menschen in Not. Gutes Tun macht glücklich.
- Lächeln: Ein ehrliches Lächeln ist ansteckend und hebt die Stimmung.
- Schlaf: Achte auf ausreichend Schlaf. Schlafentzug kann zu schlechter Stimmung und beeinträchtigter kognitiver Funktion führen.
- Meditation & Achtsamkeitsübungen: Kleinigkeiten im Alltag ganz bewusst ausführen.
- Positives aufschreiben und vielleicht sogar teilen, z.B. als Post-it an der Wand.
- Sich abends bewusst machen, was man tagsüber gut gemacht hat.
- Yoga, Bewegung & (Outdoor-) Sport
- Kochen & Essen
- Lesen
- Tagträumen
- Laut singen
- Jeden Tag eine Minute lächeln
- Jemandem ein Kompliment machen
- Sich mit guten Freunden austauschen
- Anderen etwas schenken
- Nach einem stressigen Tag Spazierengehen
- Beim Spazierengehen neue Wege einschlagen oder solche, die mit positiven Gefühlen besetzt sind
- Sein Lieblingslied hören
- Sorgen nicht verleugnen und nicht anhäufen, sondern Stück für Stück angehen und sich evtl.
Gehirnjogging: Kleine Übungen, große Wirkung
Gehirnjogging bezeichnet die gezielte Förderung der geistigen Fähigkeiten durch verschiedene Übungen, Rätsel und Spiele. Solche Aktivitäten können helfen, das Kurzzeitgedächtnis zu verbessern, die Konzentrationsfähigkeit zu stärken und die kognitive Leistung insgesamt zu steigern. Mit regelmäßigem und abwechslungsreichem Training kannst du die Zusammenarbeit beider Hirnhälften fördern und deine kreativen und strukturierten Fähigkeiten entfalten.
Das Lernen einer Fremdsprache als mentales Jogging
Forscher haben herausgefunden, dass das Lernen einer Fremdsprache positive Effekte auf das Gehirn hat, die bis ins hohe Alter reichen. Das Gehirn wird durch das Erlernen einer neuen Sprache herausgefordert und aktiviert, was dem Alterungsprozess entgegenwirken kann. Studien in den Bereichen Sprachforschung und Neuropsychologie zeigen, dass das Lernen von Sprachen die geistige Flexibilität verbessert und sogar vor neurodegenerativen Erkrankungen schützen kann.
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Soziale Interaktionen stärken das Gehirn
Ein interessantes Hobby, das dich geistig herausfordert und gleichzeitig Freude bereitet, kann ein effektives Gehirntraining sein. Aktivitäten wie Musik machen, Tanzkurse oder Brettspiele spielen gemeinsam mit anderen Menschen fördern die sozialen Interaktionen und stärken dadurch das Gehirn. Studien haben gezeigt, dass soziale Aktivitäten das Risiko für kognitive Beeinträchtigungen reduzieren können und die geistige Gesundheit fördern.
Den Geist in Bewegung bringen
Das Gehirn arbeitet besonders gut, wenn es mehrere Aufgaben gleichzeitig bewältigen oder der Körper in Bewegung sein muss. Multitasking und körperliche Aktivität können das Kurzzeitgedächtnis effizienter trainieren und die kognitive Leistung steigern. Eine tiefere Bauchatmung kann zudem den Sympathikus beruhigen und das Stressniveau senken, was ebenfalls positive Auswirkungen auf das Gehirn hat.
Mythos oder Wahrheit? Populäre Irrtümer über das Gehirn
In den Neurowissenschaften werden die Gehirne in der Öffentlichkeit seit vielen Jahren gehypt. Überall ist es das Gehirn, das vielen Menschen als Schlüssel zum Bewusstsein gilt. Dabei gibt es gar keine einheitliche, wissenschaftliche Theorie zur Funktionsweise unseres Gehirns. Es gibt einige populäre Mythen über das Gehirn, die sich hartnäckig halten, aber wissenschaftlich nicht haltbar sind. Hier sind einige Beispiele:
- Der 10-Prozent-Mythos: Wir nutzen nur 10 % unseres Gehirns. Fakt ist, dass bildgebende Verfahren zeigen, dass alle Areale im Gehirn die ganze Zeit aktiv sind. Evolutionswissenschaftlich gesehen, hätte der Mensch diese 90 % ungenutzte Gehirnmasse abbauen müssen, da kleiner und effizienter für das Überleben.
- Der Triune-Brain-Mythos: Menschen haben ein Reptiliengehirn. Fakt ist, dass der Begriff „reptilienartig“ völlig falsche Vorstellungen weckt, da der Mensch keine gemeinsamen Vorfahren mit Reptilien hat. Und bei der menschlichen Evolution ist nicht einfach der Neokortex “gewachsen”, vielmehr hat sich die gesamte Architektur des Gehirns verfeinert.
- Der Hirnhälften-Mythos: Die rechte Gehirnhälfte ist kreativ, die linke logisch. Fakt ist, dass es keine Gehirnhälfte oder -Areale gibt, die nur für bestimmte Aufgaben zuständig sind - alles ist vernetzt. Linkshänder sind also nicht per se kreativer als Rechtshänder.
- Der Struktur-Funktions-Mythos: Bestimmte Gehirnareale sind für bestimmte Aufgaben zuständig. Fakt ist, dass diese einfachen Vorstellungen nicht richtig sind. Denn die Verdauung beginnt bereits mit dem Speichel, die Atmung benötigt Mund- und Nasenraum zur Luftaufnahme, und das Gehirn agiert und reagiert zusammen mit dem gesamten Organismus.
- Der Hormon-Mythos: Serotonin macht glücklich, Dopamin berauscht. Fakt ist, dass wir nach wie vor nur ein extrem begrenztes Wissen über die genaue Chemie im Gehirn besitzen. Es bestehen keinerlei Indikatoren, die uns zeigen könnten, wie ein „ideales“ chemisches Gleichgewicht aussieht oder wie viel von einem bestimmten Neurotransmitter tatsächlich im Gehirn vorhanden sein muss.
- Der Mythos vom weiblichen und männlichen Gehirn: Gehirne von Mann & Frau unterscheiden sich. Fakt ist, dass es keine eindeutigen biologischen Unterschiede zwischen Männer- und Frauengehirnen gibt, da beide Geschlechter unterschiedlichen Lernumwelten ausgesetzt sind.
- Der Computer-Gehirn-Mythos: Das Gehirn ist wie eine Festplatte. Fakt ist, dass Computer quantitative Daten verarbeiten, sie verstehen nicht. Während ein Computer Informationen ohne Kontext speichert (außer wir geben diesen explizit an) integriert unser Geist jeden neuen Lerninhalt in ein komplexes Geflecht aus Erfahrungen.
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