Einführung
Die auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) ist ein komplexes Störungsbild, das die Verarbeitung und Wahrnehmung auditiver Reize beeinträchtigt. Epilepsie, eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte Anfälle gekennzeichnet ist, kann ebenfalls Auswirkungen auf die kognitiven Funktionen haben. Dieser Artikel beleuchtet den möglichen Zusammenhang zwischen Epilepsie und AVWS, wobei ein besonderer Fokus auf die Pathogenese, die Diagnose und die Therapie gelegt wird.
Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS)
Definition und Pathogenese
Die auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) umfasst eine Vielzahl von Beeinträchtigungen, die sowohl die Verarbeitung als auch die Wahrnehmung von auditiven Reizen betreffen. Die Pathogenese von AVWS wird primär auf eine Dysfunktion der Hörbahn zurückgeführt. Diese Hörbahn erstreckt sich vom Hörnerv, der Schallinformationen vom Innenohr zum Hirnstamm leitet, bis hin zu den höheren auditorischen Zentren im Kortex. Es wird vermutet, dass die zugrunde liegende Störung bei AVWS nicht nur auf die auditive Verarbeitung beschränkt ist, sondern auch generelle zentralnervöse Verarbeitungsprobleme umfassen kann. Diese können sowohl den sensorischen als auch den kognitiven Anteil der Verarbeitung von auditiven Reizen betreffen. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Pathogenese ist die Störung höherer auditorischer Funktionen, die eng mit kognitiven Prozessen verknüpft sind. Das bedeutet, dass nicht nur die auditive Wahrnehmung selbst beeinträchtigt ist, sondern auch die Fähigkeit, gehörte Informationen zu verstehen, abzuspeichern und in einen Kontext zu setzen. Die Pathogenese der auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) liegt in einer Dysfunktion der zentralen Hörbahn, die verschiedene Ebenen der Verarbeitung von Schallreizen betrifft. Diese Fehlfunktion kann sowohl sensorische als auch kognitive Prozesse beeinträchtigen, was zu einer reduzierten Fähigkeit führt, akustische Informationen korrekt zu verarbeiten.
Diagnostik und Therapie
Die Diagnostik von AVWS ist komplex und erfordert eine umfassende Untersuchung der auditiven Funktionen. Da es bislang für den deutschsprachigen Raum keine AVWS-Testbatterie für das Jugend- bzw. junge Erwachsenenalter gibt, mit der man erfassen könnte, ob und in welchem Umfang AVWS bei Jugendlichen bestehen, wird oft auf Verfahren aus der AVWS-Kinder-Diagnostik zurückgegriffen. Getestet werden dichotisches Hören, Hören im Störgeräusch, zeitkomprimierte Sprache, Phonem-Differenzierung und -Analyse. Zusätzlich werden sprachfreie Intelligenz, Konzentration, die visuelle Merkspanne und das verbale Arbeitsgedächtnis untersucht.
Die Therapie von AVWS zielt darauf ab, die auditiven Fähigkeiten zu verbessern und die Auswirkungen der Störung auf den Alltag zu minimieren. Hierbei kommen verschiedene logopädische Therapieangebote zum Einsatz:
- AUDIVA® - Diagnostik und Therapie bei auditiven Verarbeitungsstörungen
- Therapie bei AVWS im Vorschul- und Schulalter
- Begleitende logopädische Maßnahmen bei Lese-Rechtschreib-Schwäche
Epilepsie und ihre Auswirkungen auf die Sprachentwicklung
Grundsätzlich ist es so, dass Epilepsie durchaus zu Entwicklungsverzögerungen, also auch zu Sprachentwicklungsverzögerungen führen KANN. Viele Menschen haben Veränderungen im EEG, ohne davon zu wissen und ohne daraus resultierende Entwicklungsverzögerungen zu haben. Viele haben nie in ihrem Leben einen epileptischen Anfall, bei einigen treten erste Anfälle erst im jungen Erwachsenenalter auf, wenn Schlafmangel, Alkohol und/oder starke berufliche Belastung das Risiko erhöhen. Es gibt viele verschiedene Epilepsie-Formen, die ein medizinischer Laie oft nicht als solche ansieht. So werden Absencen oft als Träumereien, häufige Stürze als motorische Ungeschicklichkeit angesehen. Auch wenn Anfälle nachts auftreten, lässt sich dass manchmal nur daran feststellen, dass die Kinder am nächsten Tag sehr schlapp sind.
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Sprach- und Sprechstörungen bei neurologischen Erkrankungen
Neurologische Erkrankungen können vielfältige Sprach- und Sprechstörungen verursachen:
- Aphasie: Verlust der sprachlichen Fähigkeiten.
- Dysarthrie: Undeutliche Aussprache, veränderte Stimme.
Es gibt vielfältige Unterstützungsmöglichkeiten für Eltern und Kinder mit neurologischen Sprach- und Sprechstörungen. Eltern sollten sich an Fachärzte wie Neurologen und Logopäden wenden, die bei der Diagnose und Therapie helfen. Zudem gibt es spezialisierte Rehabilitationszentren und Organisationen, die Unterstützung bieten.
Logopädische Therapie bei Kindern und Jugendlichen
Logopädische Therapie kann Kinder und Jugendliche mit verschiedenen Sprach- und Sprechstörungen unterstützen:
- Sprachentwicklungsstörungen / -verzögerungen
- Sprachauffälligkeiten bei körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen
- Aussprachestörungen (Dyslalie)
- Redeflussstörungen wie Stottern oder Poltern
- Lippen-Kiefer-Gaumenspalten
- Schluck-, Ess- und Fütterstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter
- Myofunktionellen Störungen - z. B. im Rahmen kieferorthopädischer Behandlungen
- Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS) - auch im Zusammenhang mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche
- Sprachstörungen bei Höreinschränkungen
- Stimmstörungen
Das logopädische Therapieangebot für Kinder und Jugendliche umfasst:
- Sprachentwicklung & Sprachverarbeitung
- Das Castillo Morales® Konzept
- Mundfunktionstherapie nach Padovan und Castillo Morales
- Der Patholinguistische Ansatz (PLAN) nach Kauschke/Siegmüller
- Diagnostik und Therapie semantisch-lexikalischer Störungen
- HANEN-Programm: It Takes Two to Talk® - Elterntraining für Kinder mit Sprachentwicklungsverzögerung
- Therapie bei Mehrsprachigkeit und spezifischen Störungen bei zwei- oder mehrsprachigen Kindern
- Sensorisch-integrative Sprachförderung
- AUDIVA® - Diagnostik und Therapie bei auditiven Verarbeitungsstörungen
- Therapie bei AVWS im Vorschul- und Schulalter
- Begleitende logopädische Maßnahmen bei Lese-Rechtschreib-Schwäche
- KIDS - Direkte Therapie mit stotternden Kindern nach Sandrieser / Schneider
- Fluency Shaping - für Kinder und Jugendliche mit Stottersymptomatik
Der Zusammenhang zwischen Epilepsie und AVWS
Der Zusammenhang zwischen Epilepsie und AVWS ist komplex und noch nicht vollständig verstanden. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass bestimmte Formen der Epilepsie, insbesondere solche, die im Kindesalter beginnen, mit auditiven Verarbeitungsstörungen assoziiert sein können.
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Rolandische Epilepsie
Ein Beispiel hierfür ist die Rolandische Epilepsie (Benigne Epilepsie des Kindesalters mit zentrotemporalen Spikes, BECTS). Diese Form der Epilepsie ist durch fokale Anfälle und charakteristische EEG-Veränderungen im zentrotemporalen Bereich gekennzeichnet. Obwohl die Rolandische Epilepsie vielfach als benigne betrachtet wird, können bei einigen Kindern kognitive Beeinträchtigungen auftreten, die sich unter anderem in Form von auditiven Verarbeitungsstörungen äußern können.
ZASS-Studie
Das Projekt „Zentral-auditiv bedingte Sprachstörungen bei Jugendlichen - Diagnostik und Förderung für den beruflichen Bildungsweg (ZASS)“ am BBW Leipzig soll helfen, die Situation für Jugendliche mit AVWS zu verbessern. Eine erste Studie wurde durchgeführt um zu ermitteln, welche Auffälligkeiten im Bereich der auditiven Verarbeitung und Wahrnehmung bei den Jugendlichen im BBW generell auftreten. 41 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 16-28 Jahren (30 männlich, 11 weiblich) aus verschiedenen Bildungsmaßnahmen des BBW Leipzig wurden in die Studie eingeschlossen. Alle Jugendlichen hatten eine Normakusis. 29/41 hatten einen Akten-Vermerk „AVWS“, allerdings lag nur für 14 Jugendliche eine per Befund oder Gutachten abgesicherte AVWS-Diagnose aus der Kindheit vor. Weitere Diagnosen aus der Kindheit waren Sprachentwicklungsstörung, Lese-Rechtschreib-Problem, Autismus, ADHS, Stottern bzw. Poltern, Epilepsie, Körperbehinderung, Konzentrationsstörung und Lernbehinderung.
Für die Testung der auditiven Verarbeitung und Wahrnehmung wurde wegen des Fehlens altersnormierter Testverfahren auf Verfahren aus der AVWS-Kinder-Diagnostik zurückgegriffen. Getestet wurden dichotisches Hören, Hören im Störgeräusch, zeitkomprimierte Sprache, Phonem-Differenzierung und -Analyse. Zusätzlich wurden sprachfreie Intelligenz, Konzentration, die visuelle Merkspanne und das verbale Arbeitsgedächtnis untersucht. Bei 36 der 41 Jugendlichen zeigten sich mit der Kinder-Testbatterie Teilleistungsstörungen in mindestens 2 Bereichen der auditiven Verarbeitung und Wahrnehmung, nur 5 Jugendliche hatten nur eine oder keine Auffälligkeiten. Von den 5 unauffälligen Jugendlichen hatte 1 einen Aktenvermerk AVWS und 1 eine abgesicherte AVWS-Diagnose aus der Kindheit. Von den 36 Jugendlichen mit Auffälligkeiten in der AVW hatten 10 einen nonverbalen IQ von <85. 5 Jugendliche hatten eine Stottern/Poltern-Diagnose, 2 eine Autismus-Diagnose und 1 Jugendlicher eine ADHS-Diagnose. Bei 22 der 36 Jugendlichen mit AVW-Teilleistungsstörungen wurden außerdem Restsymptome einer Sprachentwicklungsstörung (SES) festgestellt. Nur 1 Jugendlicher hatte Restsymptome einer SES ohne Auffälligkeiten im Bereich AVW.
In der deskriptiven Detail-Analyse zeigte sich, dass beim Richtungshören 31/36 Jugendlichen mit AVWS auffällig waren, dichotisches Hören bereitete 22/36 Jugendlichen Probleme, und 16/36 Jugendlichen hatten Probleme mit dem Verstehen im Störgeräusch. 16 Jugendliche hatten Probleme mit der auditiven Differenzierung, 11 mit der auditiven Analyse. Ebenfalls 11 der 36 Jugendlichen waren beim schnellen Benennen von Bildern, Zahlen und Buchstaben auffällig. Persistierende Probleme im Bereich der Syntax und Morphologie zeigten sich bei 9 bzw. 12 Jugendlichen. Beim Memorieren und Nachsprechen von Pseudowörtern waren 12 von 36 Jugendlichen unterhalb der Norm. Das Behalten und Nachsprechen von sinnvollen Sätzen bzw. Sätzen mit Nonsens-Wörtern fiel 19/36 bzw.
Für die Förderung der Jugendlichen im Ausbildungsalltag ist die Beschreibung der konkreten AVW-bezogenen Probleme besonders wichtig. Hier kann die eingesetzte Testbatterie trotz ihrer Limitierungen bereits wertvolle Hinweise liefern. So deuten die Ergebnisse beim Memorieren und Nachsprechen von Pseudowörtern und sinnvollen bzw. sinnlosen Sätzen auf Probleme im Bereich des verbalen Arbeitsgedächtnisses hin, die mit den Anforderungen im morphologisch-syntaktischen Bereich wachsen. Die Ergebnisse im Bereich des Wortabrufs könnten ein Hinweis darauf sein, dass eine zu langsame Verarbeitungsgeschwindigkeit im mentalen Lexikon die auditive Verarbeitung und Wahrnehmung behindern kann. Allerdings kann von einer Sprachproduktionsaufgabe nur begrenzt auf das Sprachverstehen geschlossen werden. Hier wäre ein rezeptiver Test aussagekräftiger.
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Probleme beim Richtungshören, dem Verstehen im Störgeräusch und beim dichotischen Hören treten im Rahmen von unspezifischen AVWS bei Jugendlichen offenbar recht häufig auf. Die deskriptive Analyse der Daten zeigt, dass nicht nur Kinder, sondern auch Jugendliche und junge Erwachsene Probleme mit der auditiven Verarbeitung und Wahrnehmung haben können.
Mögliche Mechanismen
Es gibt verschiedene mögliche Mechanismen, die den Zusammenhang zwischen Epilepsie und AVWS erklären könnten:
- Direkte Auswirkungen der epileptischen Aktivität: Epileptische Entladungen können die normale Funktion der neuronalen Netzwerke beeinträchtigen, die für die auditive Verarbeitung zuständig sind.
- Auswirkungen von Antiepileptika: Einige Antiepileptika können kognitive Nebenwirkungen haben, die sich negativ auf die auditiven Funktionen auswirken.
- Gemeinsame genetische Faktoren: Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte genetische Faktoren sowohl das Risiko für Epilepsie als auch für AVWS erhöhen können.
Unterstützung und Rehabilitation
Im Mittelpunkt der Rehabilitation steht die bestmögliche Entwicklung Ihres Kindes. Damit die Begleitung erfolgreich verläuft, sollte sich die Begleitperson dem Kind mit voller Aufmerksamkeit widmen. Sie als begleitendes Elternteil werden in allen Phasen der Rehabilitation, von der Diagnostik, über die Zielsetzung, bis hin zu den Empfehlungen in den Therapieprozess einbezogen. Jedes Kind erhält einen Therapieplan mit Basistherapien und/oder bei Bedarf individuelle Ergänzungen. Es wird eine Therapie angeboten, die sowohl grundlegend als auch spezifisch ist. Im Zentrum unserer mehrdimensionalen Behandlung stehen die Logopädie, Heilpädagogik/Ergotherapie und Bewegungstherapie, in Einzel- und Gruppensettings. Zu individuellen Ergänzungen durch Angebote der Musiktherapie, Psychologie, Physiotherapie und Ernährungsberatung werden Sie im Verlauf der ersten Therapietage beraten. Fachärztliche und therapeutische Diagnostik ergänzen vorliegende Befunde. Dabei arbeiten alle am Prozess beteiligten Berufsgruppen zusammen und ergänzen diagnostische Verfahren durch Beobachtungen in verschiedenen Situationen. Die zeitgleiche Aufnahme und Entlassung der Rehabilitandinnen, die Unterbringung in festen Wohngruppen, sowie die weitgehende Zuordnung zu einem festen Behandlungsteam ermöglichen eine persönliche Betreuung sowie Kommunikationsmöglichkeiten über die Therapien hinaus. Einem ganzheitlichen Therapieansatz folgend und unter Berücksichtigung der Gesamtpersönlichkeit der Rehabilitandinnen wird die logopädische Basistherapie ergänzt durch weitere Einzel- und Gruppentherapieangebote.
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