Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die eine Vielzahl von Symptomen verursachen kann. Obwohl epileptische Anfälle bei MS nicht sehr häufig vorkommen, ist es wichtig, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, da sie die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen können. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über epileptische Anfälle bei MS, einschließlich Ursachen, Symptome, Diagnose, Behandlung und Prävention.
Einführung in die Multiple Sklerose und ihre vielfältigen Symptome
Multiple Sklerose wird oft als die "Krankheit der 1000 Gesichter" bezeichnet, da sie sich durch eine Vielzahl unterschiedlicher Krankheitsanzeichen äußert und kein Verlauf dem anderen gleicht. Die Symptome hängen davon ab, an welchen Stellen im Gehirn und Rückenmark es zu Entzündungen kommt und wie ausgeprägt diese sind. Zu den häufigsten Symptomen gehören spastische Lähmungen, Sensibilitätsstörungen, Sehstörungen, Blasenprobleme, Koordinationsstörungen, Fatigue und kognitive Störungen.
Was sind paroxysmale Symptome?
"Paroxysmal" bedeutet plötzlich auftretend. Paroxysmale Symptome sind Beschwerden, die überfallartig, kurz (maximal wenige Minuten), aber wiederkehrend auftreten. Meist handelt es sich um einschießende Schmerzen in einer bestimmten Körperregion, es kann sich aber auch um plötzliche Gefühls-, Sprech- oder Bewegungsstörungen handeln, seltener auch Juckreiz. Das häufigste paroxysmale Symptom ist die MS-bedingte Trigeminusneuralgie, die im Gegensatz zur „normalen Trigeminusneuralgie“ oft beidseitig auftritt. Außerdem werden das Lhermitte-Zeichen und das Uhthoff-Phänomen zu den paroxysmalen Symptomen gerechnet.
Paroxysmale Symptome werden durch verschiedene Reize ausgelöst: plötzliche Bewegungs- oder Haltungsänderungen, Sprechen, Lachen, Schlucken, heißes oder kaltes Essen und andere, können aber auch spontan entstehen.
Therapieziele bei paroxysmalen Symptomen
Vermeidung der jeweiligen Symptome ohne Beeinträchtigung des Patienten durch die Therapie und damit Steigerung der Lebensqualität.
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Nicht-medikamentöse Therapie bei paroxysmalen Symptomen
Es kann hilfreich sein, ein Tagebuch zu führen, um zu erkennen, in welchen Situationen paroxysmale Symptome auftreten. Unter Umständen lassen sich solche Situationen, wenn nicht vermeiden, so doch reduzieren.
Bei einem Uhthoff-Phänomen sollten Patienten Wärme meiden und kalte Duschen, kalte Getränke oder kühlende Kleidung (Westen, Stirnbänder etc.) einsetzen.
Medikamentöse Therapie bei paroxysmalen Symptomen
Die meisten paroxsymalen Symptome lassen sich gut mit Medikamenten behandeln. Eingesetzt werden Antiepileptika wie Carbamazepin, Gabapentin, Lamotrigin, bei ausgeprägter Wärmeempfindlichkeit (Uhthoff-Phänomen) auch 4-Aminopyridin.
Verabreichungsform
- Carbamazepin (unter anderem Finlepsin®, Sirtal®, Tegretal®, Timonil®): Tabletten, tägliche Dosis beginnend mit 100-300 mg, Steigerung bis 1200-1800 mg.
- 4-Aminopyridin: Tabletten, tägliche Dosis: 3 x 5 bis 3 x 10 mg
Gegenanzeigen
- Carbamazepin: Schwangerschaft.
- Lamotrigin: Leberfunktionsstörungen.
- 4-Aminopyridin: Herzrhythmusstörungen, Krampfanfälle.
Wirkweise
Alle genannten Medikamente beeinflussen die elektrisch-chemischen Abläufe im Gehirn; sie stabilisieren die Zellmembranen und hemmen offenbar die Reizübertragung zwischen Nerven.
Nebenwirkungen
- Carbamazepin: Benommenheit, Schwindel, Gangunsicherheit, Übelkeit, Doppelbilder. Die Wirkung der Antibabypille wird aufgehoben.
- Gabapentin: Müdigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Gewichtszunahme, Nervosität, Schlaflosigkeit.
- Lamotrigin: Hautausschlag, Juckreiz, Kopfschmerzen, Schwindel, Doppeltsehen, Verschwommensehen, Müdigkeit, Schlafstörungen.
- 4-Aminopyridin: Benommenheit, Übelkeit, Erbrechen, Missempfindungen.
Invasive Therapie bei paroxysmalen Symptomen
Schwere Fälle von Trigeminusneuralgie können mittels spezieller Operationen gebessert werden. Dabei wird der Trigeminus-Nerv entweder thermisch (Thermokoagulation des Ganglion Gasseri) oder chemisch (Glycerol-Injektion) teilweise ausgeschaltet. Diese Operationen können nur von ausgewiesenen Spezialisten durchgeführt werden.
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Wissenswertes bei paroxysmalen Symptomen
Bei der Diagnose paroxsysmaler Symptome ist der Neurologe ausschließlich auf die Angaben des Patienten zu Art, Dauer, Auslöser, Ausbreitungsgebiet und Häufigkeit der Beschwerden angewiesen. Es ist daher sinnvoll, diese Angaben präzise in einem Tagebuch zu notieren und dem Arzt vorzulegen.
Wichtig bei paroxysmalen Symptomen
Moderne Antidepressiva (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, SSRI) machen weder süchtig noch schränken sie das Reaktionsvermögen ein. Sie wirken erst nach zwei bis vier Wochen, aber: Nebenwirkungen können sofort auftreten.
Thermokoagulation = Hitzesondenbehandlung. Bei der Thermokoagulation des Ganglion Gasseri, einer zentralen Schaltstelle des Trigeminus-Nerven, werden die schmerzleitenden Fasern gezielt ausgeschaltet.
Ataxie bei MS
Die MS-bedingte Ataxie - auch ataktische Bewegungsstörung genannt - bezeichnet Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen: Das Zusammenspiel verschiedener Muskeln - vor allem der Arme und Beine, seltener des Rumpfes - ist beeinträchtigt. Feinmotorische, zielgerichtete Bewegungen, wie sie in vielen Alltagssituationen gebraucht werden, sind eingeschränkt. Dazu gehören zum Beispiel das sichere Greifen eines Glases, das Zähneputzen, das Ankleiden, Arbeiten im Haushalt und Tätigkeiten am Arbeitsplatz. Betrifft die Ataxie die Beine, wird der Gang unsicher und breitbeinig. Sturz- und Stolpergefahr sind erhöht.
Tremor, eine Form ataktischer Bewegungsstörungen, bezeichnet das gleichmäßige Zittern eines Körperteils oder des gesamten Körpers.
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Ataktische Bewegungsstörungen betreffen etwa jeden zweiten MS-Patienten (Deutsches MS-Register). Die Ausprägung von Ataxie und Tremor ist oft abhängig von der seelischen und körperlichen Verfassung der Patienten: Schmerzen, Erschöpfung, Stress, Aufregung, Angst, manchmal nur die Gewissheit, beobachtet zu werden, verstärken die Symptome.
Therapieziele bei Ataxie
Verbesserung der Feinmotorik mit dem Ziel, die Selbstständigkeit im Alltag und möglichst auch die Berufsfähigkeit zu erhalten.
Erhalt der Gehfähigkeit.
Nicht-medikamentöse Therapie bei Ataxie
Basis der Behandlung ist eine intensive Physiotherapie auf neurophysiologischer Grundlage (Bobath, propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation und andere), kombiniert mit Ergotherapie.
Sinnvoll ist darüber hinaus, Entspannungstechniken zu erlernen und anzuwenden, zum Beispiel Autogenes Training oder die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson.
Hilfsmittel - Gehstöcke, Rollatoren, spezielle Bestecke - erleichtern den Alltag.
Eisanwendungen (eine Minute Kältekompresse oder Eiswasserbad) können die Ataxie der Arme kurzfristig (für ca. 45 Minuten) bessern: hilfreich etwa vor dem Einnehmen einer Mahlzeit oder dem Leisten einer Unterschrift.
Medikamentöse Therapie bei Ataxie
Medikamente sind wenig hilfreich und mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden. Zudem könnnen sie ausschließlich den Tremor lindern. Deshalb werden Clonazepam (Rivotril®), Propranolol (Dociton®), Primidon (Liskantin®) oder Ondansetron (Zofran®) erst versucht, wenn nicht-medikamentöse Therapien bei Tremor versagen. Neueste Ergebnisse zeigen sehr gute Erfolge von Topiramat, sonst bei Migräne oder Epilepsie eingesetzt.
Verabreichungsform
- Clonazepam (Rivotril®): Tabletten, tägliche Dosis 1-3 mg
- Propranolol (Dociton®): Tabletten/Kapseln, tägliche Dosis 80-240 mg
- Primidon (Liskantin®): Tabletten, tägliche Dosis 62,5-250 mg
- Ondansetron (Zofran®): intravenöse Injektion/Tabletten, tägliche Dosis 1-2 x täglich 4-8 mg
Gegenanzeigen
- Clonazepam (Rivotril®): Müdigkeit, schwere Muskelschwäche (Myasthenia gravis), Schwangerschaft, Stillzeit.
- Propranolol (Dociton®); Asthma, ausgeprägt niedriger Blutdruck, schwere Durchblutungsstörungen, Herzschwäche, Schwangerschaft und Stillzeit.
- Primidon (Liskantin®): Leber- und Nierenfunktionsstörungen, Herzmuskelschwäche, Asthma, Schwangerschaft und Stillzeit.
- Ondansetron (Zofran®): chronische Verstopfung, Verengungen im Magen-Darmtrakt, Schwangerschaft und Stillzeit.
Wirkweise
- Clonazepam (Rivotril®) gehört zur Wirkstoffgruppe der Benzodiazepine und ist ein Antiepileptikum, das normalerweise zur Krampfunterdrückung (Epilepsie) eingesetzt wird. Es wirkt allgemein dämpfend auf das Zentrale Nervensystem (ZNS).
- Propranolol (Dociton®) ist ein unspezifischer Beta-Rezeptoren-Blocker, der nicht ausschließlich am Herzen wirkt (Beta-Blocker werden überwiegend bei Herz-Kreislauferkrankungen eingesetzt). Auf welche Weise er gegen Zittern wirkt, ist nicht bekannt.
- Primidon (Liskantin®) gehört zur Wirkstoffgruppe der Barbiturate und ist ein Antiepileptikum, das krampflösend wirkt. Der Mechanismus der Wirkweise ist nicht bekannt.
- Ondansetron (Zofran®) blockiert die Serotonin-Rezeptoren im Zentralen Nervensystem. Der Wirkstoff ist als Antiemetikum bekannt; er wird vor allem zur Behandlung von Erbrechen in der Tumor-Strahlentherapie oder nach Operationen eingesetzt.
Nebenwirkungen
- Clonazepam (Rivotril®): Müdigkeit, Mattigkeit, Schwindel, Konzentrationsstörungen, Muskelspannung, Nervosität, Schlafstörungen. Clonazepam verstärkt Psychopharmaka, Schlaf-, Beruhigungs- und Schmerzmittel sowie muskelentkrampfende Wirkstoffe. Darf nicht kombiniert werden mit MAO-Hemmern zur Behandlung einer Depression.
- Propranolol (Dociton®): Müdigkeit, Schwindel, Durchblutungsstörungen, Empfindungsstörungen, trockene Augen. Beta-Blocker können allergische Reaktionen verstärken.
- Primidon (Liskantin®): Gleichgewichts- und Sehstörungen, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Übelkeit, Zittern, Sprachstörungen, Abgeschlagenheit, kognitive Störungen. Bei gleichzeitiger Einnahme von Psychopharmaka kann es zu gegenseitiger Verstärkung der Wirkung kommen. Die Wirkung von Antibaby-Pillen, Beta-Blockern, Blutgerinnungshemmern und Antibiotika kann verringert werden.
- Ondansetron (Zofran®): Müdigkeit, Verstopfung, Durchfall.
Invasive Therapie bei Ataxie
Bei erheblichem Tremor bleibt als letzte Möglichkeit die stereotaktische Operation mit Stimulation der Stammganglien an spezialisierten Zentren: Eine sehr dünne Sonde wird in einem bestimmten Gehirnareal (Thalamus) platziert, gleichzeitig ein Schrittmacher am Schlüsselbein unter der Haut eingesetzt und mit der Sonde verbunden. Vom Schrittmacher aus kann über die Sonde ein sehr schwacher elektrischer Strom verabreicht werden, der das Zittern verringert oder unterbindet. Die Einstellung des Schrittmachers lässt sich von außen ohne Operation verändern.
Wissenswertes bei Ataxie
Clonazepam (Rivotril®) und Primidon (Liskantin®): Eine längere Behandlung kann zur Abhängigkeit führen. Sollen die Medikamente abgesetzt werden, muss die Dosis schrittweise verringert werden, da es sonst zu Entzugserscheinungen/Krampfanfällen kommen kann.
Wichtiges zu Ataxie
Ataxie und Tremor werden von Außenstehenden oft als Trunkenheit missdeutet.
Blasenfunktionsstörungen bei MS
Neurogene, d. h. auf der fehlerhaften Funktion wichtiger Nervenbahnen beruhende, Blasenstörungen gehören zu den häufigsten Begleiterscheinungen der MS. Im Verlauf der Erkrankung sind 50 bis 80 Prozent der Patienten davon betroffen. In 2 Prozent der Fälle sind Blasenstörungen alleiniges Erstsymptom, aber bei immerhin 10 bis 14 Prozent wesentlicher Teil der Erstsymptomatik. Zwischen dem Schweregrad der Blasenstörung und dem Ausmaß der Spastik besteht ein enger Zusammenhang, was dafür spricht, dass im Wesentlichen Schädigungen des Rückenmarks für die Blasenstörung verantwortlich sind. Zur langfristigen Vermeidung von Folgeschäden ist die frühzeitige Erkennung und symptomorientierte Behandlung von zentraler Bedeutung. Dabei ist oftmals die Bestimmung der Restharnmenge mittels Sonographie oder Einmalkatheter ausreichend. Bei unzureichendem Therapieerfolg (fortbestehende Inkontinenz und Restharnbildung) ist allerdings unbedingt eine urodynamische Untersuchung erforderlich, um die Speicher- und Entleerungsfunktion der Blase zuverlässig bestimmen zu können.
Bei MS auftretende Blasenfunktionsstörungen lassen sich in 3 Gruppen unterteilen: Am Häufigsten ist die sogenannte Detrusor-Hyperreflexie („überaktive Blase“), bei der die Speicherfunktion der Blase eingeschränkt ist. Sie äußert sich zum Beispiel in häufigem Harndrang, Inkontinenz und Einnässen. Es kann aber auch das Gegenteil auftreten: eine Blasen-Hyporeflexie mit verzögerter Blasenentleerung, Entleerung kleiner Urinportionen, Nachträufeln und Restharnbildung. Daneben kommt auch eine Kombination beider Symptome vor. 6 bis 30 Prozent der Patienten betrifft die sogenannte Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie, also eine unkoordinierte Aktivität von Austreibermuskulatur und Blasenschließmuskel. Sie ist gekennzeichnet durch Harndrang, Inkontinenz, verzögerter und nicht vollständiger Blasenentleerung.
Therapieziele bei Blasenfunktionsstörungen
- Verbesserung der Speicherfunktion der Blase, ihre möglichst vollständige Entleerung und Normalisierung des Harndrangs,
- Vermeidung von Komplikationen wie wiederholte Harnwegsinfekte, Nierensteinbildung und eingeschränkte Nierenfunktion,
- Verbesserung der Lebensqualität.
Nicht-medikamentöse Therapie bei Blasenfunktionsstörungen
Durch das eigene richtige Verhalten können Blasenfunktionsstörungen vor allem im Frühstadium günstig beeinflusst werden. Wichtig ist:
- regelmäßig ausreichend trinken (ca. 2 Liter über den Tag verteilt, sofern Herz und Nieren gesund sind)
- regelmäßige, auch vorbeugende Toilettengänge
- Kontrolle von Trink- und Urinmenge durch ein Tagebuch
- Harndrang nicht über längere Zeit unterdrücken (das Überkreuzen der Beine kann zur Verstärkung einer Spastik führen)
- Beckenbodengymnastik (kann in der Physiotherapie erlernt werden)
Medikamentöse Therapie bei Blasenfunktionsstörungen
Die medikamentöse Behandlung umfasst - je nach Art der Funktionsstörung - verschiedene Substanzen:
- Anticholinergika zur Dämpfung eines überaktiven Blasenmuskels unterdrücken das übermäßige Zusammenziehen der Blase. Erfolgreich eingesetzte Substanzen sind Oxybutynin (zum Beispiel Dridase®, Kentera®), Trospium (zum Beispiel Spasmex®, Spasmolyt®) und Propiverin (zum Beispiel Mictonorm®, Mictonetten®). Sie sind als Tabletten bzw. Pflaster (Kentera®) erhältlich. Bei nicht ausreichender Wirksamkeit oder beim Auftreten von Nebenwirkungen kann auf weitere Medikamente ausgewichen werden, nach denen Sie am besten Ihren Urologen fragen. Außerdem können einzelne Substanzen steril direkt in die Blase gegeben werden (intravesikale Therapie), insbesondere wenn Sie selbst katheterisieren (intermittierender Selbstkatheterismus/ISK).
- Bei Blasenentleerungsstörungen mit Restharnbildung werden in der Regel Alphablocker (Tamsulosin, zum Beispiel Omnic®) eingesetzt, die zur Entspannung des Blasenschließmuskels beitragen. Da Spastik diese Form der Blasenstörung mitverursachen kann, erfolgt die Behandlung unter Umständen auch mit Antispastika (Baclofen, siehe Spastik-Kapitel).
- Um die Urinproduktion und -ausscheidung vorübergehend zu verringern (zum Beispiel, um nachts durchschlafen zu können), kann Desmopressin (diverse Handelspräparate) eingesetzt werden.
- Wenn andere Medikamente nicht vertragen werden und ISK nicht möglich ist, kann bei häufigem Harndrang mit kleinen Urinmengen und Inkontinenz Botulinumtoxin (zum Beispiel Botox®, Dysport®) unter Narkose direkt in den Detrusormuskel gespritzt werden. Das Medikament schwächt den Muskel gezielt; die Wirkung hält mehrere Monate an. Das Verfahren sollte nur von sehr erfahrenen Ärzten angewandt werden. Seit September 2011 ist BOTOX® (Botulinumtoxin Typ A) in Deutschland für die Behandlung der Harninkontinenz bei Erwachsenen mit "neurogener Detrusorhyperaktivität bei neurogener Blase infolge einer stabilen subzervikalen Rückenmarksverletzung oder Multipler Sklerose" zugelassen.
- Akute Harnwegsinfekte werden mit Antibiotika behandelt.
- Wiederholte Blaseninfekte können zur Verschlechterung der MS beitragen. Ihnen wird am besten durch eine restharnfreie Entleerung der Blase vorgebeugt. Wichtig ist darüber hinaus eine ausreichende Trinkmenge (2 Liter täglich). Zusätzlich kann es hilfreich sein, den Urin anzusäuern, um das Bakterienwachstum zu hemmen. Dies kann durch Trinken von Preiselbeer- oder Cranberrysaft oder durch Medikamente wie Methionin (zum Beispiel Acimethin®, Methiotrans®) geschehen. Wichtig: Präparate zur Vorbeugungvon Blasenentzündungen werden von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht bezahlt.
Spastik bei MS
Spasmen sind typische Symptome bei MS. Betroffene leiden unter steifen Muskeln und können sich nur eingeschränkt bewegen. Bei spontaner Muskelaktivität kann es zu unkontrollierbaren Muskelkrämpfen kommen. In der Regel geht die Spastik mit einer Muskelschwäche bzw. unvollständigen Lähmung (Parese) einher. Spasmen entstehen durch Schäden an den Nerven, die die Muskeln steuern. Anzeichen der Spastik können bei MS in zwei Formen auftreten:
- Beeinträchtigungen der aktiv gesteuerten Bewegungen (Willkürmotorik)
- Funktionsstörungen von Muskeln, die unbewusst gesteuert werden, z. B. von Blase oder Mastdarm
Da eine Spastik die Muskelfunktion einschränkt, können weitere Beschwerden auftreten:
- Schmerzen
- Schlafstörungen durch Muskelkrämpfe
- Gehstörungen und andere Bewegungseinschränkungen
Epileptische Anfälle bei MS: Eine seltene, aber mögliche Komplikation
Jede Art von Gehirnerkrankung kann epileptische Krampfanfälle hervorrufen - so auch die Multiple Sklerose. Zwar sind epileptische Anfälle bei MS eher selten - betroffen sind rund 1,6 bis 3 Prozent der MS-Betroffenen. Epileptische Anfälle entstehen, wenn sich rhythmisch und gleichzeitig eine größere Gruppe von Nervenzellen im Gehirn entlädt. Die Anfälle können in jedem Krankheitsstadium auftreten, können Erstsymptom oder Ausdruck eines Schubes sein. Die Ausprägung der Anfälle ist sehr unterschiedlich. Sie reicht vom Dämmerzustand über Zuckungen einer Gesichtshälfte bis hin zum großen, generalisierten Anfall. Dabei verlieren die Betroffenen schlagartig das Bewusstsein, verkrampfen, zucken, stürzen, beißen sich auf die Zunge und verlieren unbewusst Urin. Die Verletzungsgefahr ist bei einem solchen Anfall, der meist nach wenigen Minuten von allein endet, sehr groß.
Was passiert bei einem epileptischen Anfall?
Unser Gehirn besteht aus vielen Milliarden Nervenzellen. Diese transportieren Informationen in Form von elektrischen Signalen und steuern so unsere Muskeln und Organe. Ein epileptischer Anfall ist eine vorübergehende Fehlfunktion des Gehirns. Dabei ist plötzlich eine Gruppe von Nervenzellen übermäßig aktiv und feuert zu viele Signale ab. Wie sich diese Fehlfunktion bemerkbar macht, hängt davon ab, wie viele Nervenzellen betroffen sind und wo sie sich im Gehirn befinden. So kann ein Anfall nur wenige Sekunden dauern und vom Betroffenen unbemerkt bleiben.
Risikofaktoren für Epilepsie bei MS
Schwedische Forscher haben herausgefunden, dass Menschen mit schubförmiger MS ein geringeres Risiko für epileptische Anfälle haben als Menschen mit einer schleichend fortschreitenden (progredienten) Erkrankung. Eine Studie deutet auf einen signifikanten kausalen Zusammenhang zwischen genetisch vorhergesagter MS und generalisierter genetischer Epilepsie (GGE) hin, was auf ein erhöhtes Risiko für GGE in Verbindung mit MS hindeutet.
Symptome epileptischer Anfälle
Die Symptome eines epileptischen Anfalls können sehr unterschiedlich sein, je nachdem, welche Bereiche des Gehirns betroffen sind. Einige häufige Symptome sind:
- Bewusstseinsverlust
- Krämpfe
- Zuckungen
- Verwirrtheit
- Sprachstörungen
- Aura (ein Gefühl oder eine Wahrnehmung, die dem Anfall vorausgeht)
Diagnose von Epilepsie bei MS
Die Diagnose von Epilepsie bei MS basiert in der Regel auf einer Kombination aus:
- Anamnese (Krankengeschichte)
- Neurologischer Untersuchung
- Elektroenzephalogramm (EEG)
- Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns
Behandlung von Epilepsie bei MS
Ziel der Therapie: Möglichst vollständige Anfallsfreiheit. Epileptische Anfälle werden medikamentös behandelt, bestimmte Verhaltensregeln sollten beachtet werden.
Medikamentöse Therapie
Epileptische Anfälle werden mit wirksamen und gut verträglichen Antiepileptika (Antikonvulsiva) behandelt. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat dafür umfangreiche Leitlinien erarbeitet. Eine antiepileptische Behandlung muss konsequent über Jahre eingehalten und vom Neurologen kontrolliert werden.
Zu den Wirkstoffen zählen: Carbamazepin, Valproinsäure, Gabapentin, Lamotrigin, Levetiracetam, Oxcarbazepin und Topiramat. Alle Antiepileptika greifen in das Zentralnervensystem (ZNS) ein. Sie hemmen die Erregbarkeit der Nervenzellen oder die Erregungsweiterleitung. Der genaue Wirkmechanismus ist bei den einzelnen Antiepileptika unterschiedlich.
Wichtig: Eine antiepileptische Behandlung ist eine Langzeittherapie. Sie darf nur nach Rücksprache mit dem Neurologen beendet werden.
Vorbeugende Verhaltensmaßnahmen
Auch wenn für die Mehrzahl epileptischer Anfälle kein eindeutiger Auslöser benannt werden kann, gibt es doch typische Situationen. Betroffene sollten darauf achten, regelmäßig ausreichend zu schlafen, also Einschlaf- und Aufwachzeiten möglichst nicht verändern. Gemieden werden sollten Flackerlicht (zum Beispiel in Diskotheken) und zu rasches Atmen (zum Beispiel nach großen körperlichen Anstrengungen). Alkohol in größeren Mengen ist grundsätzlich schädlich.
Darüber hinaus sollten sich Betroffene nicht in Situationen bringen, die bei einem Anfall schwere Verletzungen oder Gefahren bergen. Dazu zählen zum Beispiel Auto fahren, Schwimmen in Gewässern ohne Aufsicht, Klettertouren im Gebirge, Arbeiten an gefährlichen Maschinen oder auf Leitern.
Einschränkungen im Straßenverkehr
Das Führen eines Kraftfahrzeugs ist, solange Anfälle auftreten, zur eigenen Sicherheit und der anderer Verkehrsteilnehmer nicht erlaubt. Bei länger beobachteter Anfallsfreiheit kann es - in Abhängigkeit von auslösenden Situationen, Häufigkeit und Art der Anfälle - wieder gestattet werden.
KCNA2-Genmutationen und Epilepsie
Forscher am Universitätsklinikum Tübingen setzten erstmals den MS-Arzneistoff ein, der dem zugrundeliegenden Gendefekt direkt entgegenwirkt, und linderten damit erfolgreich die Symptome der Erkrankten. Damit steht den betroffenen Kindern und Erwachsenen zum ersten Mal eine medikamentöse Behandlung zur Verfügung. Ursache dieser Form der frühkindlichen Epilepsie ist ein seltener Gendefekt. Mutationen im KCNA2-Gen führen zu geschädigten Kaliumkanälen im Gehirn. Das Forschungsteam setzte nun erstmals ein Medikament zur Behandlung ein, das genau an dieser Stelle angreift. „Ein solcher Kanalblocker ist der Wirkstoff 4-Aminopyridin. Er hemmt spezifisch die Überaktivität der Kaliumkanäle und ist in einem Medikament enthalten, das zur Behandlung von Gangstörungen bei Multiple Sklerose Patienten zugelassen ist.“ In Kooperationen mit acht weiteren Zentren weltweilt behandelte das Team elf Patienten in individuellen Heilversuchen mit der Arznei. Mit erfreulichen Ergebnissen: Bei neun von ihnen verbesserten sich die Symptome.
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