Epileptischer Anfall nach Herz-OP: Ursachen, Risiken und Präventionsansätze

Ein Eingriff am offenen Herzen stellt, trotz erheblicher Fortschritte in der Medizintechnik, weiterhin eine Belastung für den Körper dar. Während die unmittelbaren Risiken während und kurz nach der Operation durch verbesserte Herz-Lungen-Maschinen (HLM), Narkose- und Operationstechniken minimiert werden konnten, rücken langfristige neurologische Komplikationen zunehmend in den Fokus der Forschung. Hierzu gehören auch epileptische Anfälle, die im Zusammenhang mit Herzoperationen auftreten können.

Hintergrund: Herzoperationen und neurologische Komplikationen

Früher waren Eingriffe am offenen Herzen mit einem hohen Risiko für Hirnschäden durch Sauerstoffmangel, Schlaganfälle, Blutgerinnungsstörungen oder Infektionen verbunden. Dank stetiger technischer Verbesserungen sind diese Eingriffe heute sicherer und werden auch von hochbetagten Patienten gut vertragen. Allerdings hat sich der Fokus auf andere Nebenwirkungen verlagert. Sehr alte Patienten leiden häufig unter vorübergehenden Orientierungsstörungen, die als postoperatives Delir bezeichnet werden. Diese passageren Funktionsstörungen des Gehirns führen zu Verwirrtheit und Halluzinationen und erfordern ein hohes Maß an pflegerischer Zuwendung und nicht selten auch den vorübergehenden Einsatz von Psychopharmaka. Zudem seien Störungen des Gedächtnisses auch nach Abklingen des Delirs nachweisbar und würden von Patienten und Angehörigen teilweise noch Jahre später als störend wahrgenommen. Die Ursachen dieser Delirien und der langfristigen Gedächtnisstörungen sind vielfältig und noch weitgehend unerforscht.

Unerkannte epileptische Anfälle nach Herz-OP

Ein weiterer, oft übersehener Aspekt sind epileptische Anfälle, die im zeitlichen Zusammenhang mit einer Herzoperation auftreten können. Aus klinischen Beobachtungen war bereits bekannt, dass Patienten gelegentlich in der Aufwachphase nach dem Eingriff unter epileptischen Anfällen leiden. Unklar war jedoch, ob es auch unbeobachtete, sogenannte ›non-konvulsive‹ Anfälle gibt, die man von außen nicht wahrnehmen kann. Eine groß angelegte EEG-Studie, bei der bei 100 Patienten in den ersten 24 Stunden nach dem Eingriff dauerhaft Hirnströme abgeleitet wurden, konnte diese nun nachweisen. Zur großen Überraschung der Forscher zeigten sich bei 33 Prozent der Patienten EEG-Auffälligkeiten und bei neun Prozent tatsächlich unbeobachtete epileptische Anfälle.

Non-konvulsive Anfälle: Eine besondere Herausforderung

Non-konvulsive epileptische Anfälle sind dadurch gekennzeichnet, dass sie ohne die typischen motorischen Symptome wie Krämpfe oder Zuckungen verlaufen. Stattdessen können sie sich durch subtile Veränderungen des Bewusstseins, Verwirrtheit oder Verhaltensauffälligkeiten äußern. Da diese Symptome oft unspezifisch sind und leicht mit anderen postoperativen Komplikationen verwechselt werden können, bleiben diese Anfälle häufig unerkannt.

Mögliche Ursachen für epileptische Anfälle nach Herz-OP

Die Entstehung epileptischer Anfälle nach Herzoperationen ist komplex und multifaktoriell. Mehrere Faktoren können hierbei eine Rolle spielen:

Lesen Sie auch: Was Sie über epileptische Anfälle nach Hirnblutungen wissen sollten

  • Hypoxie: Sauerstoffmangel während der Operation kann zu einer Schädigung von Hirnzellen führen und deren Erregbarkeit erhöhen.
  • Entzündungsreaktionen: Der chirurgische Eingriff und die Aktivierung des Immunsystems können Entzündungsreaktionen im Gehirn auslösen, die die Entstehung von Anfällen begünstigen.
  • Medikamente: Einige Medikamente, die während und nach der Operation eingesetzt werden, können die Anfallsschwelle senken.
  • Metabolische Störungen: Elektrolytverschiebungen oder andere Stoffwechselentgleisungen können die neuronale Funktion beeinträchtigen und Anfälle auslösen.
  • Vorerkrankungen: Patienten mit vorbestehenden neurologischen Erkrankungen oder einer genetischen Veranlagung zu Epilepsie haben ein erhöhtes Risiko für postoperative Anfälle.
  • Arterielle Hypertonie (aHTN): aHTN ist eine nicht zerebrale Komorbidität, die mit dem Auftreten von Epilepsie in Verbindung gebracht wird.

Zusammenhang zwischen Anfällen und postoperativem Delir

Ein besonders interessanter Befund der EEG-Studie war, dass die Patientengruppe mit unbeobachteten epileptischen Anfällen recht genau mit der Patientengruppe übereinstimmte, die im weiteren Verlauf an einem Delir litt. Dies legt nahe, dass die Anfallsaktivität maßgeblich zur Ausbildung eines Delirs beitragen könnte. Das wäre eine völlig neue Spur.

Das "epileptische Herz"

In den letzten Jahren ist die Beziehung von Herz und Hirn in den Fokus gerückt. Neue Forschungsarbeiten legen nahe, dass neben dem Schlaganfall auch andere zerebrale Erkrankungen mit kardialen Entitäten verknüpft sein könnten. In diesem Zusammenhang wurde jüngst der Begriff des „epileptischen Herzens“ geprägt. Der Begriff beinhaltet auch eine erhöhte Rate kardialer Erkrankungen bei Epilepsiepatienten. Verschiedene Mechanismen, welche die erhöhte Herzinsuffizienz-Rate bei Epilepsiepatienten erklären könnten, werden diskutiert: So könnte zum Beispiel eine durch (wiederholte) epileptische Anfälle verursachte Hypoxie ein möglicher Mechanismus sein, der eine Herzinsuffizienz auslöst. Es wird vermutet, dass eine mögliche autonome Dysregulation aufgrund einer intermittierenden zerebralen Hypoxie die Verbindung zwischen zerebraler Hypoxie und kardialer Dysfunktion vermittelt.

Diagnostik und Überwachung

Die Erkennung von epileptischen Anfällen nach Herzoperationen erfordert eine aufmerksame klinische Beobachtung und den Einsatz moderner diagnostischer Verfahren.

  • EEG-Monitoring: Die kontinuierliche Ableitung der Hirnströme mittels EEG kann auch non-konvulsive Anfälle aufdecken.
  • Neuropsychologische Tests: Diese Tests können subtile kognitive Beeinträchtigungen erfassen, die auf eine Anfallsaktivität hinweisen könnten.
  • Bildgebende Verfahren: MRT- oder CT-Untersuchungen des Gehirns können strukturelle Veränderungen oder Läsionen aufzeigen, die die Anfallsbereitschaft erhöhen.

Präventive Maßnahmen und Therapieansätze

Die Vermeidung von epileptischen Anfällen nach Herzoperationen ist ein wichtiges Ziel, um langfristige neurologische Schäden zu verhindern.

  • Optimierung der Operationsbedingungen: Eine sorgfältige Überwachung der Sauerstoffversorgung und des Blutdrucks während der Operation kann das Risiko für Hirnschäden minimieren.
  • Entzündungshemmende Therapie: Der Einsatz von entzündungshemmenden Medikamenten könnte die Entstehung von Anfällen verhindern.
  • Antiepileptische Medikamente: In bestimmten Fällen kann die vorbeugende Gabe von Antiepileptika sinnvoll sein, insbesondere bei Patienten mit einem erhöhten Risiko für postoperative Anfälle. Im nächsten Schritt soll laut Forscherteam geprüft werden, ob Anfälle auch für die langfristigen Gedächtnisstörungen mitverantwortlich sind. Daran anschließend sei eine Arzneimittelstudie geplant, bei der man testen wolle, ob die vorbeugende Gabe von Medikamenten, die zur Behandlung der Epilepsie eingesetzt werden, Anfälle, Delirien und Gedächtnisstörungen nach operativen Eingriffen am Herzen verhindern könne.
  • Neuropsychologische Trainingsverfahren: Von der Arbeitsgruppe eigens entwickelte und speziell auf die Bedürfnisse dieser Patientengruppe abgestimmte neuropsychologische Trainingsverfahren könnten zudem die Langzeitfolgen lindern. Aktuell verfolgen wir den Ansatz, das Gedächtnis der Patienten bereits vor der Operation zu trainieren, um Folgeschäden zu minimieren. In einem weiteren gemeinsamen Projekt werden auch Untersuchungen zum Neurotransmittermetabolismus durchgeführt, die altersabhängig eingeschränkt zu sein scheinen. Im speziellen sollen Screening-Methoden evaluiert werden, um schon präoperativ das Risiko für das Auftreten des postoperativen Delirs einschätzen zu können.

Auswirkungen von Antihypertensiva auf das Epilepsie-Risiko

Es wurde kürzlich gezeigt, dass aHTN auch ein Risikofaktor für das Auftreten von Epilepsien ist. In einer Kohorte von 168.612 ambulanten Patientinnen und Patienten mit arteriellem Hypertonus untersuchten wir, ob bestimmte antihypertensive Medikamente mit Klasse-I-Empfehlung zur Behandlung des aHTN das Risiko für die Inzidenz einer Epilepsie verringern können. Patienten, die mit einer der vier blutdrucksenkenden Medikamentenklassen (Betablocker [BB], Angiotensin-Rezeptorblocker [ARB], ACE-Hemmer oder Kalziumkanalblocker [CCB]) behandelt wurden, wurden anhand von Propensity-Scores einander zugeordnet. Die Inzidenz von Epilepsie innerhalb von fünf Jahren war am niedrigsten bei Patienten, die mit ARB behandelt wurden (0,27 % nach 1 Jahr, 0,63 % nach 3 Jahren, 0,99 % nach 5 Jahren), und am höchsten bei BB- und CCB-Patienten (0,38 % nach 1 Jahr, 0,91/0,93 % nach 3 Jahren, 1,47/1,48 % nach 5 Jahren). Die ARB-Therapie ging mit einer signifikant niedrigeren Inzidenz von Epilepsie einher als die anderen Medikamentenklassen (HR: 0,77; 95%-KI: 0,65-0,90). Beim Vergleich der verschiedenen ARBs zeigte Losartan den deutlichsten präventiven Effekt. Die Modulation des RAS-Systems bei kardialen Patienten könnte deshalb ein neuer Therapieansatz zur Primärprävention von Epilepsien sein.

Lesen Sie auch: Epileptische Anfälle durch Licht: Ein Überblick

Weitere Ursachen von Epilepsie

Epileptische Anfälle können ganz verschiedene Ursachen haben. Neben Hirnverletzungen, Hirntumoren, Schlaganfällen, Blutungen oder Stoffwechselstörungen können dies auch angeborene Gehirnveränderungen, Sauerstoffmangel oder Geburtsschäden sein. In interdisziplinärer Zusammenarbeit haben Neurologen und Kardiologen des Uniklinikums Jena gemeinsam mit der Klinik für Kardiologie des Universitätsklinikums Münster bei einer Patientin eine erbliche Herzerkrankung als Ursache wiederkehrender generalisierter Krampfanfälle identifizieren können. "Im dargestellten Fall einer Patientin, die nach einem schweren Krampfanfall wiederbelebt werden musste, haben wir bei den Untersuchungen eine erbliche Herzerkrankung festgestellt", erläutert der Jenaer Neurologe Prof. Dr. Stefan Isenmann. Diese verursachte wiederholt Kreislaufstillstände, die wiederum zu den Krampfanfällen führten. "Faktisch waren in diesem Fall die Krampfanfälle also eine Folge der familiären Herzerkrankung", so Isenmann. Dank der guten Zusammenarbeit von Herz- und Hirnspezialisten konnte festgestellt werden, wer von den Familienangehörigen der Patientin durch die erbliche Herzerkrankung ebenfalls ein Risiko trägt. "Dank der Entdeckung der Krankheitsursache können die Betroffenen jetzt vorbeugend behandelt werden, um das Auftreten ähnlicher schwerer Ereignisse bei ihnen zu verhindern", so der Kardiologe Dr.

Epilepsie: Formen, Symptome und Erste Hilfe

Epilepsie umfasst eine Vielzahl von chronischen Erkrankungen des zentralen Nervensystems, die aufgrund einer Überaktivität der Nervenzellen im Gehirn auftreten. Wenn Nervenzellen übermäßig aktiv sind, können sie anfallsartige Funktionsstörungen auslösen. Diese reichen von kaum merklichen geistigen Abwesenheiten (z. B. Absencen bei Kindern oder kognitive Anfälle bei Erwachsenen) über Wahrnehmungsstörungen bis hin zu schweren Krampfanfällen mit Bewusstseinsverlust. Es gibt generalisierte Anfälle (Grand Mal), bei denen das gesamte Gehirn beteiligt ist und fokale Anfälle (Petit Mal), die nur in einem Teil des Gehirns entstehen. Epileptische Anfälle sind in der Regel sehr kurz. Meistens dauern sie nicht länger als 2 Minuten. Wenn ein Anfall länger als 5 Minuten anhält, handelt es sich um einem Status epilepticus. Auch wenn sich 2 oder mehr Anfälle kurz hintereinander ereignen, ohne dass sich der*die Betroffene dazwischen erholen konnte, spricht man von einem Status epilepticus. Einzelne epileptische Anfälle können auch bei Menschen ohne Epilepsie auftreten. Auslöser dieser Gelegenheitsanfälle sind dann zum Beispiel akute Erkrankungen, Verletzungen oder Fieberkrämpfe bei Kindern. Um eine Epilepsie handelt es sich nur, wenn man ohne ersichtlichen Grund mindestens zwei epileptische Anfälle hatte, die im Abstand von mehr als 24 Stunden auftraten oder nach einem ersten Anfall ohne bekannten Auslöser eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass innerhalb der nächsten 10 Jahre weitere Anfälle auftreten.

Verhalten bei einem epileptischen Anfall

Wenn man Zeugin eines epileptischen Anfalls bei einer anderen Person wird, ist es sehr wichtig, ruhig und besonnen zu bleiben. Vor allem sollte man überlegen, wie man die Person vor Verletzungen schützt. Alles andere hängt von der Stärke und der Art der Anfälle ab. Bei großen generalisierten Anfällen sollte man immer den Notruf 112 wählen und professionelle Hilfe rufen. Sorgen Sie für Sicherheit, indem Sie z. B. gefährliche Gegenstände beiseite räumen. Polstern Sie den Kopf desr Betroffenen ab. Nehmen Sie seine/ihre Brille ab. Lockern Sie enge Kleidung am Hals, um die Atmung zu erleichtern. Bleiben Sie nach dem Anfall bei der Person und bieten Sie Ihre Unterstützung an. Wenn die Person nach dem Anfall erschöpft ist und einschläft, bringen Sie sie in die stabile Seitenlage.

Plötzlicher unerwarteter Tod bei Epilepsie (SUDEP)

SUDEP steht für sudden unexpected death in epilepsy und beschreibt plötzliche und unerwartete Todesfälle bei Epilepsiepatienten. Diese Todesfälle treten als Folge eines Anfalls aus einem weitgehend normalen Gesundheitszustand ohne weitere erkennbare Ursachen auf. Das Risiko für einen SUDEP ist eher gering, pro Jahr kommt es bei einem von 4.500 Kindern mit Epilepsie zu einem solchen Todesfall. Bei erwachsenen Epilepsiepatienten liegt das Risiko bei 1-10/1000. In den meisten Fällen versterben die Patienten im Schlaf. Das Hauptrisiko für einen SUDEP sind generalisierte tonisch-klonische Anfälle, insbesondere wenn sie im Schlaf auftreten. Zur Vermeidung eines plötzlichen und unerwarteten Todesfalls ist das Ziel einer vollständigen Anfallsfreiheit entscheidend.

Lesen Sie auch: Provokation von Anfällen im Straßenverkehr

tags: #epileptischer #anfall #nach #herz #op