Ein epileptischer Anfall kann für Zeugen beängstigend wirken. Umso wichtiger ist es, die Vorgänge während eines solchen Anfalls zu verstehen, potenzielle Gefahren zu erkennen und zu wissen, wie man als Helfer richtig reagiert. Dieser Artikel bietet eine umfassende Anleitung zur Ersten Hilfe bei epileptischen Anfällen, um Ihnen Sicherheit im Umgang mit dieser Situation zu geben.
Epilepsie und der epileptische Anfall
Epilepsie ist keine einzelne Krankheit, sondern eine Gruppe verschiedener Erkrankungen, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet sind. Diese Anfälle entstehen durch vorübergehende Funktionsstörungen im Gehirn, bei denen größere Verbände von Nervenzellen gleichzeitig und unkontrolliert entladen werden. Dies beeinträchtigt die Kommunikation zwischen den Nervenzellen und kann zu Störungen von Sprache, Bewegung oder Bewusstsein führen.
Bis zu 10 von 100 Menschen erleben im Laufe ihres Lebens einen epileptischen Anfall. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie an Epilepsie leiden, da Anfälle auch andere Ursachen haben können. Von Epilepsie spricht man erst, wenn mindestens zwei spontane Anfälle aufgetreten sind oder das Risiko eines weiteren Anfalls nach dem ersten als sehr hoch eingestuft wird.
Grundregeln der Ersten Hilfe bei Epileptischen Anfällen
Die meisten epileptischen Anfälle dauern nur wenige Sekunden bis Minuten und enden von selbst. Ruhe bewahren ist das oberste Gebot. Ein epileptischer Anfall mag beunruhigend aussehen, ist aber in den meisten Fällen harmlos und verursacht keine langfristigen Hirnschäden. Es sterben auch keine Nervenzellen ab.
Was zu tun ist:
- Ruhe bewahren: Auch wenn es schwerfällt, ist dies der wichtigste Schritt. Panik hilft niemandem.
- Zeit notieren: Achten Sie auf die Uhr und notieren Sie den Beginn und das Ende des Anfalls. Diese Information ist später für den Arzt wichtig.
- Gefahrenzone sichern: Bringen Sie die betroffene Person aus einer Gefahrenzone, wenn der Anfall beispielsweise auf einer Treppe oder in der Nähe von Verkehr stattfindet.
- Verletzungen verhindern: Schützen Sie die Person vor Verletzungen, insbesondere am Kopf. Legen Sie etwas Weiches unter den Kopf, z.B. ein Kleidungsstück oder ein Kissen. Entfernen Sie Gegenstände aus der Umgebung, an denen sich die Person verletzen könnte. Nehmen Sie gegebenenfalls die Brille ab und öffnen Sie beengende Kleidungsstücke am Hals.
- Beobachten und Dokumentieren: Beobachten Sie den Anfall genau und machen Sie sich Notizen oder erstellen Sie ein Handyvideo, wenn möglich. Achten Sie auf die Dauer, die prägnantesten Symptome und den Ablauf des Anfalls (z. B. Kaubewegungen, Muskelgruppen, die zucken oder krampfen, vorausgegangene Aura). Diese Informationen sind für die spätere Diagnose durch den Arzt sehr wichtig.
- Kopf zur Seite drehen: Falls starke Speichelabsonderung auftritt, drehen Sie den Kopf der Person auf eine Seite, um zu verhindern, dass sie sich verschluckt. Gelegentlich kann es während oder unmittelbar nach einem Anfall auch zum Erbrechen kommen.
- Nach dem Anfall: Bleiben Sie bei der Person, bis die Verwirrtheit nachgelassen hat und sie sich wieder orientieren kann. Bieten Sie eine Ruhegelegenheit und Begleitung an. Informieren Sie die Person darüber, was passiert ist und wie lange der Anfall gedauert hat, da es oft zu Amnesie kommt. Achten Sie auf normale Atmung. Falls die Person bewusstlos bleibt, prüfen Sie die Atemwege auf Erbrochenes und Speichel und bringen Sie sie in die stabile Seitenlage.
- Notfallausweis: Menschen mit Epilepsie wird geraten, ständig einen Notfallausweis mit sich zu führen, auf dem Kontaktpersonen, eventuell einzunehmende Notfallmedikamente und weitere Informationen hinterlegt sind.
Was man nicht tun sollte:
- Nichts zwischen die Zähne schieben: Versuchen Sie niemals, etwas zwischen die Zähne zu schieben, um einen Zungenbiss zu verhindern. Dies kann zu Verletzungen führen.
- Nicht festhalten: Halten Sie die Person während des Anfalls nicht fest. Dies kann zu Verletzungen führen. Jeglicher Versuch, die Muskulatur gegen Widerstand zu bewegen, ist entweder nutzlos oder gefährlich.
- Keine Stimulation: Unterlassen Sie Stimulationen wie Tauchen in kaltes Wasser oder Schläge.
- Nicht aufrichten oder beatmen: Richten Sie die Person während des Anfalls nicht auf und versuchen Sie nicht, sie zu beatmen.
- Nichts zu trinken geben: Geben Sie der Person während des Anfalls nichts zu trinken.
Wann muss ein Notarzt gerufen werden?
In den meisten Fällen ist ein epileptischer Anfall nicht lebensgefährlich und erfordert keine sofortige ärztliche Intervention. Es gibt jedoch Situationen, in denen Sie unbedingt den Notruf (112) wählen sollten:
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- Anfallsdauer über 5 Minuten (Status epilepticus): Wenn der Anfall länger als fünf Minuten dauert, spricht man von einem Status epilepticus. Dies ist ein medizinischer Notfall, der sofortige Behandlung erfordert.
- Wiederholte Anfälle ohne Bewusstseinswiederherstellung: Wenn auf den ersten Anfall direkt ein zweiter Anfall folgt, ohne dass die Person zwischendurch wieder zu Bewusstsein gelangt ist.
- Verletzungen: Wenn es durch den Anfall zu Verletzungen gekommen ist.
- Erster Anfall: Wenn es sich um den ersten epileptischen Anfall der Person handelt.
- Bewusstlosigkeit nach dem Anfall: Wenn die Person auch nach dem Anfall bewusstlos bleibt.
Notfallmedikation
Manche Menschen mit Epilepsie haben von ihrem Arzt eine Notfallmedikation (meist Benzodiazepine wie Diazepam oder Midazolam) verschrieben bekommen, die im Falle eines Anfalls verabreicht werden kann. Diese Medikamente sind in verschiedenen Darreichungsformen erhältlich:
- Diazepam Rectiolen: Werden als Zäpfchen in den After eingeführt.
- Bukkales Midazolam: Wird mit einer Spritze ohne Nadel zwischen Wange und Zahnfleisch gespritzt.
- Für Kinder und Jugendliche wird häufig Midazolam in flüssiger Form eingesetzt, da es während eines Anfalls einfach mit vorgefüllten Applikationsspritzen in die Wangentasche gegeben werden kann. Der Wirkstoff wird dann über die Wangenschleimhaut aufgenommen, ohne dass der/die Betroffene diesen schlucken muss.
Wenn Sie mit der Verabreichung der Notfallmedikation vertraut sind, können Sie diese gemäß den Anweisungen des Arztes verabreichen. Informieren Sie die Notärzte über die verabreichte Medikation, da dies bei der weiteren Behandlung berücksichtigt werden muss. Selbst ein sofort verabreichtes Notfallmedikament braucht einige Minuten, bis es wirkt. Viele Medikamente machen die Patientinnen und Patienten sehr müde und schläfrig, was nicht immer ein angenehmes Gefühl ist. Wenn Notärztinnen und Notärzte nicht wissen, dass ein Medikament verabreicht wurde, geben sie eventuell grundlos ein weiteres und die Patientinnen und Patienten fühlen sich nach dem Anfall umso schläfriger.
Spezielle Anfallsformen
Es gibt verschiedene Formen von epileptischen Anfällen, die unterschiedliche Symptome aufweisen und unterschiedliche Maßnahmen erfordern:
- Fokale Anfälle: Diese Anfälle betreffen nur einen Teil des Gehirns. Die Symptome hängen davon ab, welcher Bereich des Gehirns betroffen ist. Es kann zu Zuckungen, Verkrampfungen, Gefühlsstörungen, Halluzinationen oder Bewusstseinsstörungen kommen. Bei fokalen Anfällen mit Automatismen (z. B. Kauen, Nesteln) ist es wichtig, gefährliche Gegenstände aus der Reichweite der Person zu entfernen und sie aus Gefahrenzonen fernzuhalten.
- Generalisierte Anfälle: Diese Anfälle betreffen das gesamte Gehirn. Es kommt zu Muskelzuckungen oder -krämpfen im ganzen Körper, häufig mit Bewusstseinsverlust. Eine milde Form ist die Absence, eine kurze geistige Abwesenheit. Die häufigste Form ist der Grand Mal Anfall, bei dem sich der Körper zuerst versteift und dann unkontrolliert zuckt.
- Akut symptomatische Anfälle: Diese Anfälle ähneln epileptischen Anfällen, stehen aber nicht direkt mit Epilepsie in Verbindung. Sie treten in Zusammenhang mit anderen Erkrankungen oder akuten Krankheitssituationen auf, z. B. als Folge von Unterzuckerung, Hirnschädigung oder Schlaganfall.
Der Status epilepticus
Der Status epilepticus ist ein potenziell lebensbedrohlicher Notfall, der durch einen langanhaltenden epileptischen Anfall (länger als 5 Minuten) oder eine Serie von Anfällen ohne Bewusstseinswiederherstellung zwischen den Anfällen gekennzeichnet ist. Es gibt zwei Hauptformen:
- Konvulsiver Status epilepticus: Ein Krampfanfall, der länger als 5 Minuten anhält.
- Non-konvulsiver Status epilepticus: Ein anhaltender fokaler Anfall ohne motorische Symptome oder eine lang anhaltende Absence (Absence-Status).
Ein Status epilepticus erfordert sofortige medizinische Behandlung, da er zu erheblichen Schädigungen des Gehirns führen kann.
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Epilepsie im Alltag
Menschen mit Epilepsie können ein weitgehend normales Leben führen. Es ist jedoch wichtig, bestimmte Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, um das Risiko von Anfällen und Verletzungen zu minimieren:
- Regelmäßige Medikamenteneinnahme: Die Einnahme von Antiepileptika gemäß den Anweisungen des Arztes ist entscheidend, um Anfälle zu kontrollieren.
- Ausreichend Schlaf: Schlafmangel kann Anfälle auslösen. Achten Sie auf einen regelmäßigen Schlafrhythmus und ausreichend Schlaf.
- Vermeidung von Auslösern: Identifizieren Sie mögliche Auslöser für Anfälle (z. B. Stress, Alkohol, flackerndes Licht) und vermeiden Sie diese.
- Sichere Umgebung: Schaffen Sie eine sichere Umgebung, um Verletzungen bei Anfällen zu vermeiden.
- Information der Umgebung: Informieren Sie Familie, Freunde, Kollegen und Lehrer über die Epilepsie und die notwendigen Maßnahmen im Falle eines Anfalls.
- Notfallausweis: Tragen Sie immer einen Notfallausweis mit Informationen über die Epilepsie, Medikamente und Notfallkontakte bei sich.
- Risikoreiche Aktivitäten vermeiden: Vermeiden Sie riskante Aktivitäten wie Schwimmen oder Autofahren, bei denen ein Anfall gefährlich sein könnte.
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