Episodisches Gedächtnis: Forschungserkenntnisse bei Epilepsiepatienten

Das episodische Gedächtnis, das es uns ermöglicht, uns an persönliche Erfahrungen mit spezifischen Details zu erinnern, ist ein komplexer Prozess, der im Gehirn abläuft. Die Erforschung dieses Gedächtnissystems, insbesondere im Zusammenhang mit neurologischen Erkrankungen wie Epilepsie, ist von großem Interesse. Durch die Untersuchung von Patienten mit Epilepsie, bei denen Elektroden zur Diagnose und Behandlung implantiert wurden, konnten Forscher wertvolle Einblicke in die neuronalen Mechanismen des episodischen Gedächtnisses gewinnen.

Die Rolle des Hippocampus und des entorhinalen Kortex

Der Hippocampus und der entorhinale Kortex sind zwei Hirnregionen, die eine entscheidende Rolle für das episodische Gedächtnis spielen. Diese Bereiche, die tief im Gehirn liegen, sind jedoch mit herkömmlichen Methoden wie dem EEG schwer zugänglich. Um die Aktivität einzelner Nervenzellen in diesen Regionen genauer zu untersuchen, verwenden Forscher intrakranielle Elektroden, die bei Epilepsiepatienten implantiert werden.

Eine Studie, die diese Technik nutzte, untersuchte 17 Epilepsiepatienten, denen Elektroden implantiert wurden. Die Teilnehmer sahen eine Abfolge von Bildern, die in einer unsichtbaren Pyramidenstruktur angeordnet waren. Die Forscher fanden heraus, dass Nervenzellen im Hippocampus und entorhinalen Kortex die zeitlichen Beziehungen zwischen den Bildern speicherten. Zellen, die zunächst nur auf ein bestimmtes Bild reagierten, begannen später auch auf Bilder zu reagieren, die direkt in der Pyramidenstruktur verbunden waren. Dies deutet darauf hin, dass das Gehirn Muster erkennt und speichert, was für das episodische Gedächtnis unerlässlich ist.

Trennung von Inhalt und Kontext im Gedächtnis

Unser Gedächtnis speichert nicht nur Informationen über vergangene Ereignisse, sondern auch die Umstände, unter denen wir sie erlebt haben. Eine aktuelle Studie der Universität Bonn hat gezeigt, dass unser Gehirn zwei unterschiedliche Gruppen von Neuronen nutzt, um Inhalt und Kontext getrennt voneinander zu speichern.

Die Forscher analysierten die Aktivität einzelner Neuronen im Gehirn von 16 Epilepsiepatienten, denen Elektroden im Hippocampus und umliegenden Hirnregionen implantiert wurden. Die Patienten sahen Bildpaare, die sie anhand unterschiedlicher Fragestellungen vergleichen mussten. Die Analyse der Daten zeigte, dass es zwei weitgehend getrennte Neuronengruppen gab:

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  • Inhalts-Neurone: Diese Neuronen feuerten als Reaktion auf spezifische Bilder, unabhängig von der Aufgabe oder dem Kontext.
  • Kontext-Neurone: Diese Neuronen wurden in Reaktion auf spezifische Aufgabenkontexte aktiv, unabhängig vom gezeigten Bild oder Gegenstand.

Die Forscher stellten fest, dass sich die Verbindungen zwischen den Neuronengruppen im Laufe des Experiments verstärkten. Wenn ein Inhalts-Neuron feuerte, reagierte einige Dutzend Millisekunden später auch das passende Kontext-Neuron. Dies deutet darauf hin, dass das Gehirn in der Lage ist, Informationen zu verallgemeinern und gleichzeitig die spezifischen Details individueller Ereignisse zu bewahren.

Konzeptneurone und ihre Rolle bei der Gedächtnisbildung

Bestimmte Nervenzellen im Gehirn, sogenannte Konzeptneurone, werden immer dann aktiv, wenn sie mit unterschiedlichen Bildern oder dem Namen einer ganz bestimmten Person oder der Identität eines Objektes konfrontiert werden. Diese Neuronen sind hochselektiv und reagieren auf keine anderen Personen oder Objekte.

Ein internationales Forschungsteam um Prof. Florian Mormann von der Klinik für Epileptologie am UKB hat in einer Studie von 2017 deren wichtige Funktion für das Arbeitsgedächtnis bestätigt. Die Forscher fanden heraus, dass einzelne auf ein bestimmtes Motiv spezialisierte Konzeptneurone kurzzeitig Gedächtnisinhalte verfügbar halten.

In einer weiteren Studie untersuchten die Forscher, wie eine erfolgreiche Übertragung der Erfahrungen in das episodische Gedächtnis funktioniert. Sie fanden heraus, dass die Aktivität von Konzeptneuronen im medialen Schläfenlappen sowie Ortsneurone im parahippokampalen Kortex das korrekte Einspeichern von Konzept-Orts-Paaren voraussagt. Dies deutet darauf hin, dass Konzeptneurone die Bausteine liefern, die zu einer Erinnerung eines Erlebnisses zusammengefügt werden.

Gedächtnisstörungen bei fokalen Epilepsien

Fokale Epilepsien sind häufig mit Beeinträchtigungen im episodischen Gedächtnis verbunden. Eine Dissertation untersuchte den Einfluss verschiedener Faktoren auf das Gedächtnis bei Patienten mit Temporallappenepilepsie (TLE) und Frontallappenepilepsie (FLE).

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Die erste Studie untersuchte, ob TLE den episodischen Gedächtnisvorteil von Frauen beeinflusst und ob Frauen und Männer das gleiche Risiko für Gedächtnisverlust nach Temporallappen-Teilresektion (TL-TR) haben. Die Ergebnisse zeigten, dass Frauen mit TLE eine bessere verbale Gedächtnisleistung als Männer mit TLE zeigten. Eine TL-TR hatte keinen Einfluss auf den verbalen Gedächtnisvorteil der Frauen. Frauen und Männer zeigten einen ähnlichen postoperativen Gedächtnisverlust.

Die zweite Studie verglich Patienten mit FLE und TLE in Bezug auf Geschlechterunterschiede in der verbalen Lern- und Merkfähigkeit. Die Ergebnisse zeigten, dass Frauen bessere verbale Gedächtnisleistungen als Männer in der TLE-Gruppe hatten, jedoch nicht in der FLE-Gruppe.

Die dritte Studie untersuchte den Einfluss von struktureller Auffälligkeit laut MRT und Hypometabolismus laut FDG-PET im Temporallappen auf das verbale und nonverbale Gedächtnis. Die Ergebnisse zeigten, dass Patienten mit Auffälligkeiten sowohl in der MRT als auch FDG-PET das schlechteste verbale Gedächtnis zeigten.

Interventionelle Verfahren zur Lernverbesserung

Lernprozesse werden im gesunden alternden, durch neurodegenerativ veränderten oder durch Schlaganfall geschädigten Gehirn auf ihre neuronalen Korrelate hin untersucht. Darauf aufbauend entwickeln Forscher interventionelle Verfahren zur Lernverbesserung, speziell im Bereich der Erholung von Sprache und Motorik nach einem Schlaganfall sowie bei neurodegenerativen Erkrankungen.

Zu diesen Verfahren gehören die pharmakologische Lernförderung, die elektrische Hirnstimulation und Lebensstil-Interventionen wie körperliche Aktivität oder diätische Ansätze. In diesem Kontext untersuchen Forscher außerdem die Interaktion des Ansprechens auf interventionelle Verfahren mit genetischer Prädisposition.

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Schlaf und Gedächtniskonsolidierung

Schlaf spielt eine wesentliche Rolle bei der Gedächtniskonsolidierung. Mit zunehmendem Alter nehmen gedächtnisrelevante Schlafparameter ab, begleitet von einer Verschlechterung der Gedächtnisleistung. Besonders ausgeprägt treten diese Veränderungen bei neurodegenerativen Erkrankungen wie der Alzheimer-Demenz auf.

Forscher untersuchen die zugrundeliegenden Mechanismen der schlafabhängigen Gedächtniskonsolidierung und das therapeutische Potential der transkraniellen Gleichstromstimulation (tDCS) zur Verbesserung der Schlafqualität und der Gedächtnisleistung.

Kognitives Training und Hirnstimulation

Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Kombination von kognitivem Training und gleichzeitiger nicht-invasiver elektrischer Hirnstimulation kognitive Leistung verbessern kann. Forscher untersuchen den Einfluss eines intensiven mehrwöchigen kognitiven Trainings in Kombination mit der Hirnstimulation auf kognitive Leistung bei gesunden älteren Erwachsenen sowie bei Patienten mit subjektivem kognitiven Abbau und leichten kognitiven Beeinträchtigungen.

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