Die Erb-Lähmung, auch bekannt als obere Armplexuslähmung oder Erb-Duchenne-Lähmung, ist eine schwerwiegende Geburtsverletzung, die zu einer dauerhaften Lähmung des Arms führen kann. Sie entsteht durch eine Schädigung des Plexus brachialis, einem Nervengeflecht im Bereich der Achselhöhle, das für die Versorgung von Schulter und Arm zuständig ist. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten der Erb-Lähmung, um Betroffenen und ihren Familien ein umfassendes Verständnis dieser Erkrankung zu ermöglichen.
Was ist die Erb-Lähmung?
Die Erb-Lähmung ist eine Form der geburtstraumatischen Armplexuslähmung, bei der es während der Geburt zu einer Schädigung des Plexus brachialis kommt. Der Plexus brachialis ist ein Nervengeflecht, das sich aus den Spinalnerven C5 bis Th1/2 zusammensetzt und für die motorische und sensible Versorgung des Arms verantwortlich ist. Die Verletzung dieser Nerven kann zu unterschiedlichen Lähmungserscheinungen im Arm führen.
Ursachen der Erb-Lähmung
Die häufigste Ursache für eine Plexusparese ist das Einklemmen der Schulter des Babys während der Geburt, eine Komplikation, die als Schulterdystokie bezeichnet wird. Bei einer Schulterdystokie müssen die Geburtshelfer spezielle Techniken anwenden, um eine sichere Entbindung des Babys zu ermöglichen. Eine übermäßige Krafteinwirkung während der Entbindung kann jedoch zu einer dauerhaften Nervenschädigung beim Baby führen.
Weitere Ursachen der Erb-Lähmung können sein:
- Übermäßiges Ziehen oder Dehnen des Kopfes des Babys während einer vaginalen Entbindung
- Makrosomie (großes Baby), beispielsweise bei mütterlichem Schwangerschaftsdiabetes
- Steißlage des Babys
- Verlängerte Wehen
- Komplikationen bei der Geburt, die den Einsatz von Zange oder Saugglocke erfordern
Es ist wichtig zu betonen, dass die Erb-Lähmung in der Regel nicht erblich bedingt ist, auch wenn der Name dies vermuten lässt.
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Schulterdystokie als Hauptursache
Die Schulterdystokie stellt eine seltene, aber potenziell lebensbedrohliche Geburtskomplikation dar, bei der die Schultern des Babys im Becken der Mutter hängen bleiben, nachdem der Kopf bereits geboren wurde. Dies kann zu einer Kompression der Nabelschnur und somit zu Sauerstoffmangel beim Kind führen.
Risikofaktoren für Schulterdystokie
Obwohl eine Schulterdystokie grundsätzlich bei jeder Geburt auftreten kann, gibt es bestimmte Risikofaktoren, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen:
- Makrosomie: Ein Geburtsgewicht von über 4000 Gramm erhöht das Risiko deutlich.
- Adipositas der Mutter: Übergewichtige Schwangere haben ein höheres Risiko für Schulterdystokie und Makrosomie.
- Diabetes: Diabetes mellitus oder Schwangerschaftsdiabetes können das Geburtsgewicht beeinflussen und somit das Risiko erhöhen.
- Vorherige Schulterdystokie: Eine Schulterdystokie in einer vorherigen Schwangerschaft erhöht das Risiko für eine erneute Komplikation.
- Terminüberschreitung: Eine Geburt nach der 41. oder 42. Schwangerschaftswoche kann zu einem größeren Baby und somit zu einem erhöhten Risiko führen.
Symptome der Erb-Lähmung
Die Symptome einer Erb-Lähmung können je nach Schweregrad der Nervenschädigung variieren. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Schwäche im Arm
- Gefühllosigkeit im Arm
- Lähmung im Arm
- Schmerzen im Arm
Typische Lähmungsmuster
Trotz der großen Variabilität der Schädigung gibt es bestimmte wiederkehrende Lähmungsmuster:
- Typ Erb-Duchenne (C5-C6): Obere Armplexuslähmung, die häufigste Variante (80 %). Typisches Erscheinungsbild ist ein schlaff herabhängender Arm. Es kommt zu Lähmungen der Schulter- und Ellbogenmuskulatur, was zu einer Adduktions-Innenrotationshaltung des Arms und einer Pronationshaltung des Unterarms führt.
- Erweiterte Form (C5-C8/Th1): Praktisch komplette Armlähmung (20 %). In manchen Fällen tritt zusätzlich ein Horner-Syndrom auf (Myosis, Ptosis, Enophthalmus) bei Läsion in Höhe Th1.
- Typ Dejerdine-Klumpke (C8-Th1): Sehr seltene isolierte untere Armplexuslähmung. Es kommt zum Ausfall der Ober- und Unterarmstreckmuskulatur, der Fingerbeuger und Handbinnenmuskeln (Pfötchenstellung), sowie zur Horner-Trias.
Diagnose der Erb-Lähmung
Die Diagnose einer Erb-Lähmung erfolgt in der Regel durch eine klinische Untersuchung des Neugeborenen. Dabei wird auf typische Anzeichen wie ein schlaff herabhängender Arm und Bewegungseinschränkungen geachtet. Weitere diagnostische Maßnahmen können sein:
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- Elektromyographie (EMG): Messung der Muskelaktivität zur Beurteilung des Ausmaßes der Nervenschädigung.
- Bildgebende Verfahren (z.B. MRT): In seltenen Fällen zurVisualisierung der Nervenstrukturen und zum Ausschluss anderer Ursachen.
Behandlung der Erb-Lähmung
Die Behandlung der Erb-Lähmung zielt darauf ab, dieFunktionsfähigkeit des betroffenen Arms wiederherzustellen oder zu verbessern. DieBehandlungsmethoden umfassen:
- Physiotherapie: Krankengymnastische Übungsbehandlungen auf entwicklungsphysiologischer Basis und ergotherapeutische Maßnahmen sind von Geburt an erforderlich, um die passive Beweglichkeit und vorhandene Muskelfunktion zu erhalten und bei Reinnervationstendenz wiederkommende Muskelfunktionen zu steigern. Ziel ist es, die betroffene Hand einzusetzen und Kontrakturen zu vermeiden.
- Operative Maßnahmen: In schweren Fällen, insbesondere bei kompletten Lähmungen oder fehlender Bizepsregeneration nach drei bis sechs Monaten, kann eine operative neurochirurgische Rekonstruktion des Plexus brachialis indiziert sein. Ziel ist die Wiederherstellung der Nervenkontinuität durch Nerveninterponate sowie Reanastomosierungen der spinalen Nerven.
Konservative Behandlung
Bei den geburtstraumatischen Arm-Plexus-Läsionen orientiert man sich zunächst am Ausmaß der Lähmung und der Regenerationstendenz des M. biceps.
Operative Behandlungsmethoden
Verschiedene operative Behandlungsmethoden für Verletzungen des Plexus brachialis stehen zur Verfügung, die von der Schwere der Verletzung abhängen. Die häufigsten sind:
- Neurolyse und Dekompression des Plexus brachialis: Bei zu stark gedehnten oder durch Narbengewebe komprimierten Nerven kann eine Dekompression bzw. mikrochirurgische Neurolyse die Regeneration des Nervengewebes fördern.
- Rekonstruktion des Plexus brachialis durch autologe Nerventransplantation: Gesundes Nervengewebe vom Bein des Kindes wird in das betroffene Gebiet transplantiert, um den entstandenen Defekt zu überbrücken.
- Nervenfasertransfer: Wird ergänzend zur Rekonstruktion des Plexus brachialis durchgeführt oder im Falle eines Wurzelausrisses.
Weitere operative Eingriffe
- Muskeltranspositionen:
- Wiederherstellung der Außenrotation: Umwandlung von M. latissimus dorsi und M. teres major von Innen- zu Außenrotatoren durch Verpflanzung des Ansatzes (L’Episcopo-Procedere).
- Bei Schulterinstabilität und Ausfall der aktiven Abduktion (M. deltoideus, M. supraspinatus): Verlagerung des M. trapezius.
- Ventales Kapselrelease.
- Außenrotationsosteotomie des Humerus: Derotation des Humerus: Rotationssektor wird bei bestehender Innenrotationskontraktur zugunsten der Außenrotation verbessert.
Bedeutung der Frühbehandlung
Ziel der konservativen Frühbehandlung ist es, zu erreichen, dass die betroffene Hand eingesetzt wird und dass Kontrakturen vermieden werden. Beim größten Teil der Säuglinge kommt es zu einer vollständigen Restitution (Wiederherstellung), wobei die Prognose entscheidend von Art und Umfang der Schädigung abhängt. Hohe Plexus-Läsionen haben eine bessere Prognose als Total-Läsionen. Eine klinische Verbesserung sollte idealerweise nach dem 12. bis 18. Lebensmonat eintreten.
Entwicklungs- und Wachstumsstörungen
Nach der Geburt entwickeln sich das Nervensystem wie auch andere funktionelle Systeme (Skelett, Muskulatur, Faszien und andere Gleitsysteme, etc.) weiter. Neben dem Größen- und Längenwachstum müssen die Kinder auch stabilisierende Bewegungsabläufe sowie die Bewegung selbst erlernen. Kommt es während der Geburt zu einer Verletzung des Arm-Nervengeflechtes, sind alle diese Systeme und auch deren Entwicklung sowie das Größenwachstum verzögert und dadurch gestört.
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Funktionelle Probleme
Diese Entwicklungs- und Wachstumsproblematik kann verschiedene funktionelle Probleme nach sich ziehen. Sehr häufig ist etwa die Innenrotationskontraktur, bedingt durch das typischerweise Ungleichgewicht von Innenrotatoren, die stärker sind als die Außenrotatoren.
Ärztliche Begleitung bis zum Ende der Wachstumsphase
Daher muss nach einer Verletzung des Arm-Nervengeflechtes das Kind so lange unter kompetenter Kontrolle bleiben, bis das Wachstum des Kindes vollständig abgeschlossen ist. Bei Kindern bis zu einem Lebensalter von drei bis vier Jahren sind diese knöchernen Verformungen dann reversibel, wenn die Kontraktur gelöst und ein neues Muskel-Sehnen-Gleichgewicht hergestellt wird.
Mögliche Korrekturen - Phase der rekonstruktiven Verfahren
Bis zum Alter von 14 bis 16 Jahren können Korrekturbehandlungen oder -operationen notwendig werden. An den verschiedenen Bereichen der Extremität können sich unterschiedliche Pathologien entwickeln:
- Am Schultergürtel: Innenrotationskontraktur, d. h. der Arm kann nicht mehr nach außen gedreht werden. Die Behandlung beinhaltet die Lösung der kontrakten Elemente der Schulter und die Stärkung der außenrotierenden Muskeln.
- Am Ellbogen: Kontrakturen der Vorderarmdrehung (Supinationskontraktur, Pronationskontraktur), Beugekontraktur des Ellbogengelenks.
- Am Handgelenk sowie an der Hand: Verschiedene Fehlstellungen. Die Behandlung erfolgt durch die Lösung der Kontraktur und die Optimierung der Muskelbalance. Wenn die Wiederherstellung der Muskelbalance nicht zum Ziel führt, werden auch Derotationsosteotomien durchgeführt. In seltenen Fällen sind Knochen-Verlängerungsverfahren notwendig.
Schmerzensgeld bei Erb-Lähmung
Eltern von Kindern mit Plexusparese haben unter Umständen Anspruch auf Schadenersatz und Schmerzensgeld, wenn die Verletzung auf einen Behandlungsfehler bei der Geburt zurückzuführen ist. Die Höhe des Schmerzensgeldes hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie beispielsweise dem Ausmaß der Schädigung, den Einschränkungen im Alltag und der Lebensqualität des Kindes.
Beispiele für Schmerzensgeldurteile
- OLG Braunschweig (1999): 26.250 Euro für ein Mädchen mit Armplexuslähmung rechts nach Schulterdystokie.
- OLG Hamm (2014): 40.000 Euro für ein Mädchen mit oberer Plexuslähmung rechts nach Schulterdystokie aufgrund fehlender Aufklärung über die Alternative der Schnittentbindung.
- OLG München (2010): 60.000 Euro für ein Mädchen mit Armplexusläsion rechts mit Fallhand aufgrund einer fehlerhaft durchgeführten Entbindung.
- OLG Celle (2013): 70.000 Euro für einen Jungen, dessen Mutter nicht über die Alternative einer Sectio aufgeklärt wurde und eine Entbindung mittels Vakuumextraktion erfolgte.
- OLG Hamm (2002): 125.000 DM (entspricht heute ca. 89.600 Euro) für einen Jungen mit Läsion des oberen und unteren Armplexus links aufgrund unterlassener Aufklärung der Mutter und Nichtdurchführung eines Kaiserschnitts.
Unterstützung für betroffene Familien
Eltern von Kindern mit Erb-Lähmung stehen oft vor großen Herausforderungen. Es gibt jedoch verschiedene Möglichkeiten der Unterstützung:
- Medizinische Versorgung: Eine frühzeitige und umfassende medizinische Betreuung ist entscheidend für den Behandlungserfolg.
- Therapeutische Maßnahmen: Physiotherapie und Ergotherapie spielen eine wichtige Rolle bei der Förderung derFunktionsfähigkeit des Arms.
- Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen betroffenen Familien kann eine wertvolle Unterstützung bieten.
- Rechtliche Beratung: Ein Fachanwalt für Medizinrecht kann Eltern bei der Geltendmachung von Schadenersatzansprüchen unterstützen.
Prävention der Erb-Lähmung
Da die Schulterdystokie eine der Hauptursachen für die Erb-Lähmung ist, zielen präventive Maßnahmen darauf ab, das Risiko dieser Komplikation zu verringern. Dazu gehören:
- Sorgfältige Überwachung des Geburtsgewichts: Bei Verdacht auf Makrosomie sollten alternative Geburtsmethoden (z.B. Kaiserschnitt) in Erwägung gezogen werden.
- GuteDiabeteseinstellung: Bei Schwangeren mit Diabetes mellitus oder Gestationsdiabetes ist eine optimale Blutzuckereinstellung wichtig, um das Risiko für Makrosomie zu reduzieren.
- Vermeidung von Übergewicht: Adipositas in der Schwangerschaft sollte vermieden werden, da sie das Risiko für Schulterdystokie erhöht.
- Aufklärung der Eltern: Eltern sollten über die Risikofaktoren für Schulterdystokie und die möglichen Behandlungsalternativen aufgeklärt werden.
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