Ein Schlaganfall kann das Leben von einer Minute auf die andere verändern und Betroffene sowie ihre Angehörigen vor große Herausforderungen stellen. Die neurologischen Ausfälle, die unmittelbar nach dem Schlaganfall auftreten, verbessern sich zwar in den meisten Fällen innerhalb weniger Monate, doch das Ausmaß der Erholung ist individuell sehr unterschiedlich. Während manche Menschen ihre Fähigkeiten vollständig wiedererlangen, behalten andere dauerhafte Behinderungen zurück. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Erholung nach einem Schlaganfall, insbesondere im Hinblick auf Gedächtnis, Rehabilitation und die neuesten Forschungsergebnisse.
Die Akutphase und ihre Folgen
Ein Schlaganfall ist vergleichbar mit einem Hagelsturm ohne Vorwarnung. Nervenzellen im Gehirn sterben ab, weil sie kurzzeitig nicht mit Blut, Sauerstoff und Zucker versorgt werden. Die Folgen können vielfältig sein:
- Lähmungserscheinungen: Teilweise Lähmungen (Paresen), insbesondere von Arm und Hand, sind häufig und können dauerhaft bestehen bleiben. Studien zeigen, dass mehr als die Hälfte aller Schlaganfall-Betroffenen dauerhaft betroffen sind.
- Sprachstörungen: Sowohl das Sprachverständnis als auch die Sprachproduktion können beeinträchtigt sein, was die Kommunikation erheblich erschwert.
- Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörungen: Betroffene verstehen Zusammenhänge langsamer, können sich schlechter konzentrieren und haben Schwierigkeiten, sich an alltägliche Dinge zu erinnern.
- Neglect-Syndrom: Sinnesreize, die von der linken Körperseite kommen, werden nicht mehr richtig wahrgenommen.
Etwa 2-3 Wochen nach dem Schlaganfall leiden noch etwa drei von vier Betroffenen an neurologischen Symptomen mit funktioneller Beeinträchtigung. Die Schwere der Ausfälle spielt eine große Rolle für den Verlauf der Erholung. Bei leichten bis mäßigen Beeinträchtigungen ist vor allem in den ersten Wochen mit einer deutlichen Verbesserung zu rechnen, während Personen mit schweren Beeinträchtigungen auch noch bis zu sechs Monate nach dem Schlaganfall Fortschritte machen können.
Rehabilitation: Der Weg zurück ins Leben
Die Rehabilitation ist die wichtigste Therapie nach einem Schlaganfall. Sie ermöglicht es, verlorene Fähigkeiten wiederzuerlangen und ein eigenständiges Leben zurückzugewinnen. Der Erfolg der Rehabilitation entscheidet darüber, ob Betroffene wieder ein eigenständiges Leben führen können oder auf Hilfe angewiesen sind. Bewegungstherapie, insbesondere tägliches Üben an fünf Tagen die Woche, verbessert die Balance, das Schritttempo und die allgemeine Beweglichkeit.
Die Bedeutung der Neuroplastizität
Dass es nach einem Schlaganfall aufwärts gehen kann, mag zunächst erstaunen, da die während des Infarkts abgestorbenen Nervenzellen unwiederbringlich verloren sind. Im Gehirn können nur in sehr geringem Umfang neue Zellen entstehen. Jedoch können Nervenzellen aus den verbliebenen intakten Hirnarealen in die untergegangene Region einsprossen. Dabei wachsen neue Zellfortsätze, die schließlich mit gesunden Nervenzellen in Kontakt treten und sich mit ihnen verknüpfen. Dieser Prozess wird als Neuroplastizität bezeichnet.
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Das Gehirn kann sich erfolgreicher reorganisieren und Fähigkeiten besser wiedererlangen, wenn die dafür ursprünglich zuständige Region nicht vollständig untergegangen ist. Wer unmittelbar nach dem Schlaganfall noch ein wenig sprechen kann, dessen Sprachzentrum ist nicht komplett zerstört.
Der Einfluss von Eiweißen und Wachstumsfaktoren
Gewöhnlich unterdrücken verschiedene Eiweiße im Gehirn, dass Nerven Zellfortsätze ausbilden und schließlich neue Verschaltungen eingehen. Nach einem Schlaganfall senken die Gliazellen den Spiegel des Eiweißes Nogo-A, wodurch Nervenzellen Eigenschaften erhalten, die sie schon in der Embryonalphase hatten: Sie sprossen aus. Die Nervenzellen wiederum setzen Wachstumsfaktoren frei, etwa VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor), die die Blutgefäße zur Regeneration anregen.
Die Rolle von Bewegung und Therapie
Rehabilitationsprogramme umfassen teils unspezifische Bewegungstherapien wie Wassergymnastik und Gerätetraining. Die Aktivierung von Herz und Kreislauf regt die Gefäßneubildung an und schafft die Grundlage zur Reorganisation im Gehirn. Spezifische Physiotherapie, wie Lauftraining in einem Gangroboter bei einer Beinlähmung oder Hand-Koordinationstraining bei motorischen Problemen mit einer Hand, ergänzen dies. Durch Üben werden die frisch gebildeten Nervenzellverknüpfungen verstärkt.
Die Bedeutung von Wiederholungen und Technologie
Je häufiger eine wiedererlernte Bewegung oder Tätigkeit ausgeführt wird, desto besser gelingt sie. Für ein Maximum an Wiederholungen nutzen Reha-Kliniken auch Roboter und Geräte, die Patienten gezielt anspornen, ihre Leistung immer weiter zu steigern.
Die Gefahr des Reha-Lochs
Oft sind die Kuren nach dem Hirninfarkt auf drei oder sechs Wochen begrenzt. Dies wird dem Stand der Wissenschaft nicht gerecht: Es gibt kein bestimmtes Zeitfenster für die Erholung. Das Potenzial ist auch danach noch da, mindestens zwölf Monate. Größter Feind der Regeneration ist das berüchtigte Reha-Loch - wenn Patienten nach kurzer Rehabilitation nicht mehr trainieren. Wer nicht regelmäßig übt, riskiert Rückschritte.
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Pharmakologische Unterstützung der Rehabilitation
Das Verständnis der Regeneration im Gehirn lässt Forscher nunmehr auch an eine pharmakologisch unterstützte Reha denken. Medikamente könnten die Erholung des Gehirns fördern und so die Kur noch effektiver machen. Eine pharmakologisch unterstützte Reha liegt nicht mehr in allzu weiter Ferne, wie die Arbeiten des Neurowissenschaftlers Martin Schwab von der ETH Zürich zeigen. Er nutzte einen Antikörper, um den Pegel des Eiweißes Nogo-A herunterzufahren.
Gedächtnisstörungen nach Schlaganfall
Ein Schlaganfall kann zu plötzlichem Gedächtnisverlust führen, weil er bestimmte Bereiche im Gehirn schädigt, die für das Speichern und Abrufen von Erinnerungen wichtig sind. Besonders betroffen sind häufig der Thalamus und der Hippocampus.
- Thalamus: Dient als „Tor zum Bewusstsein“. Bei einer Schädigung kann die Fähigkeit, neue Informationen bewusst aufzunehmen und zu speichern, beeinträchtigt sein.
- Hippocampus: Ist für das Speichern von Erinnerungen wichtig. Er wandelt neue Informationen in das Langzeitgedächtnis um.
- Kurzzeitgedächtnis: Ist eng mit Aufmerksamkeit und Konzentration verbunden. Wenn die Aufmerksamkeit geschwächt ist, können Informationen schwerer verarbeitet und behalten werden.
Rehabilitation des Gedächtnisses
Zur Wiederherstellung des Gedächtnisses kann man Ergotherapie sowohl zu Hause durchführen als auch Ergotherapie in Ordinationen erhalten. Außerdem gibt es einiges Übungsbüchern oder Apps zum Verbessern des Gedächtnis.
- Merkspiele: Spiele wie „Ich packe meinen Koffer“ oder das Nachsprechen von Wortreihen trainieren die Merkfähigkeit.
- Gedächtnistraining mit Listen: Einkaufslisten oder To-Do-Listen im Kopf durchzugehen, ist eine gute Übung, um das Gedächtnis zu fordern.
- Erinnerungshilfen im Alltag nutzen: Kalender, Erinnerungs-Apps und Notizen können helfen, den Alltag zu strukturieren.
- Konzentrationsübungen: Da das Kurzzeitgedächtnis auch von der Aufmerksamkeit abhängt, sind Konzentrationsübungen hilfreich.
Medikamentöse Unterstützung
Aus eigener Erfahrung gibt es Patienten, die von gewissen Medikamenten profitieren. Madopar verbessert nicht nur manchmal die sprachliche Entwicklung, sondern auch manchmal den Antrieb sowie Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen. Antidepressive Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI) stimulieren Schlaganfall-Patienten mit mehr Hirnbotenstoffe und können nicht nur bei einer Depression eingesetzt werden.
Neuropsychologische Folgen
Nach einem Schlaganfall werden vertraute Denkmuster oft zu verschlungenen Pfaden. Viele Betroffene und ihre Angehörigen werden sich erst im Alltag bewusst, welche starken Auswirkungen kognitive und emotionale Veränderungen haben können. Oft sind es nicht die körperlichen Einschränkungen, sondern subtile, aber einschneidende Defizite in den Bereichen Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Handlungsplanung und Sprache, die die Lebensqualität und Selbstständigkeit wesentlich beeinträchtigen.
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Kognitive Einschränkungen
- Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen: Bis zu 80 % aller Schlaganfall-Betroffenen leiden insbesondere in der Akutphase darunter.
- Gedächtnisstörungen: Betreffen vor allem das episodische Gedächtnis sowie das prospektive Gedächtnis.
- Exekutive Dysfunktion: Beeinträchtigt Handlungsplanung, Flexibilität, Fehlerkontrolle und Zielausrichtung.
- Aphasie: Sprachvermögen ist deutlich beeinträchtigt, obwohl die Intelligenz unverändert bleibt.
- Neglect: Ausblenden der gegenüberliegenden Raum- oder Körperhälfte.
- Apraxie: Erlernte Handlungsfolgen sind nicht mehr korrekt ausführbar, obwohl die Motorik und die Sprache an sich intakt sind.
- Vaskuläre kognitive Störung/Demenz: Kombination von Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- und Exekutivdefiziten sowie emotionalen Veränderungen.
Emotionale und Verhaltensänderungen
- Depressive Störungen: Gehören zu den häufigsten neuropsychiatrischen Folgen eines Schlaganfalls.
- Angststörungen: Angst vor einem erneuten Insult, vor Abhängigkeit, Kontrollverlust oder sozialer Isolation.
- Apathie: Antriebslosigkeit, Initiativmangel und fehlende emotionaler Resonanz.
- Post-Stroke Fatigue: Anhaltende Erschöpfung, die sich durch Schlaf bzw. Ruhe nicht verbessern lässt.
- Affektinkontinenz: Unwillkürliche, plötzlich einsetzende Gefühlsausbrüche wie Lachen oder Weinen, die nicht mit der eigentlichen Stimmungslage übereinstimmen.
- Erhöhte Reizbarkeit, Impulsivität und gesteigerte Aggressivität.
Neuropsychologische Diagnostik und Therapie
Eine differenzierte Diagnostik neuropsychologischer Störungen nach einem Schlaganfall bildet die Grundlage für eine erfolgreiche, individuelle Rehabilitation. Ziel ist es, auch unsichtbare Defizite gezielt zu erkennen und zu behandeln, um die Chancen auf eine Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben zu maximieren.
Bereits im Akutkrankenhaus werden kurze Screening-Verfahren wie das Montreal Cognitive Assessment (MoCA), der Mini-Mental-Status-Test (MMST) oder DemTect eingesetzt, um kognitive Störungen rasch zu erfassen. Für die detaillierte Therapieplanung werden anschließend aufeinander abgestimmte Testbatterien eingesetzt.
Der Einfluss von Musik und Rhythmus
Musik und Rhythmus beflügeln die Regeneration vieler Schlaganfallpatienten, wie verschiedene Studien nahelegen. Eine schwedische Erhebung zeigte etwa, dass Patienten, die im Takt der Musik Hände und Füße bewegt hatten, danach besser greifen und die Balance halten konnten. Und wenn die Betroffenen ihre Lieblingsmusik hören dürfen, verlängert das nachfolgend die Aufmerksamkeitsspanne und die Merkfähigkeit für Wörter, wie eine finnische Studie ergab. Andere Forscher wiederum demonstrierten, dass rhythmische Musik das Gangtraining von Schlaganfallpatienten unterstützt.
Stammzelltherapie
Forscher arbeiten daran, die vorhandenen Hirnstammzellen mit Wirkstoffen dazu anzuregen, neue Nervenzellen zu bilden. Und sie verfolgen die Idee, neurale Stammzellen außerhalb des Körpers zu erzeugen und in die zerstörten Areale des Gehirns zu transplantieren. In Tiermodellen integrierten sich solche menschlichen neuralen Stammzellen in das Gehirn und Forscher beobachteten nach künstlich gesetzten Schlaganfällen positive Effekte der Zelltherapie.
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