Die neurologische Entwicklung im ersten Lebensjahr

Das erste Lebensjahr eines Kindes ist eine Zeit enormer Entwicklung, in der es rasante Fortschritte in seinen kognitiven, motorischen und sozialen Fähigkeiten macht. In diesem Artikel werden wir die verschiedenen Aspekte der neurologischen Entwicklung im ersten Lebensjahr untersuchen und die komplexen Prozesse beleuchten, die diesem bemerkenswerten Wachstum zugrunde liegen.

Einführung

Die neurologische Entwicklung im ersten Lebensjahr ist ein faszinierender Prozess, der die Grundlage für die zukünftigen Fähigkeiten und das Verhalten eines Kindes legt. Von der vorgeburtlichen Entwicklung des Gehirns bis hin zu den ersten Interaktionen mit der Umwelt durchläuft das Gehirn eines Babys bemerkenswerte Veränderungen, die es ihm ermöglichen, die Welt zu verstehen und mit ihr zu interagieren.

Die Struktur des Gehirns

Das Gehirn ist ein komplexes Organ, das aus verschiedenen Regionen besteht, die jeweils spezialisierte Funktionen haben. Zu den wichtigsten Strukturen gehören:

  • Großhirn: Der größte Teil des Gehirns, der für höhere kognitive Funktionen wie Sprache, Denken und Gedächtnis verantwortlich ist.
  • Kleinhirn: Steuert unbewusst Muskulatur, Motorik und Körperhaltung (Gleichgewicht) und ermöglicht die Orientierung im Raum.
  • Limbisches System: Verarbeitet gefühlsmäßige Reaktionen wie Angst, Freude und Trauer.
  • Hirnstamm: Kontrolliert Atmung, Blutkreislauf, Aufmerksamkeit und Schlaf.

Die Entwicklung des Gehirns

Die Entwicklung des Gehirns beginnt bereits in der dritten Schwangerschaftswoche und setzt sich bis ins Jugendalter fort. In den ersten Lebensjahren nimmt die Anzahl der Synapsen (Verbindungen zwischen Nervenzellen) rasant zu, wodurch ein hochkomplexes neuronales Netz entsteht. Mit etwa zwei Jahren haben Kinder so viele Synapsen wie Erwachsene, und mit drei Jahren sogar doppelt so viele. Diese hohe Anzahl an Synapsen ermöglicht eine enorme Anpassungs- und Lernfähigkeit.

Pränatale Entwicklung

Die Entwicklung von Gehirn und Nervensystem beginnt beim Embryo mit der 3. Schwangerschaftswoche. Bis zum Ende der 8. Woche sind Gehirn und Rückenmark fast vollständig angelegt. In den folgenden Wochen und Monaten wird im Gehirn eine Unmenge von Nervenzellen durch Zellteilung gebildet. Von diesen wird ein Teil vor der Geburt wieder abgebaut. Während der gesamten Schwangerschaft sind die neuronalen Strukturen äußerst empfindlich und damit anfällig gegenüber äußeren Einflüssen. Alkoholkonsum, Rauchen, Strahlung, Jodmangel und bestimmte Erkrankungen der Mutter, wie beispielsweise Infektionskrankheiten können zu einer Schädigung des sich entwickelnden Nervensystems führen. Auch Medikamente sollten nur nach Absprache mit dem Arzt eingenommen werden, um eventuelle negative Auswirkungen auf den Embryo zu verhindern. Schon im Mutterleib nimmt das Gehirn des Ungeborenen Informationen auf. So geht man davon aus, dass durch das Wahrnehmen der Sprache der Eltern das Erlernen der Muttersprache schon vor der Geburt geprägt wird.

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Postnatale Entwicklung

Mit der Geburt ist die Entwicklung von Gehirn und Nervensystem noch lange nicht abgeschlossen. Zwar sind zu diesem Zeitpunkt bereits die große Mehrheit der Neuronen, etwa 100 Milliarden, im Gehirn vorhanden, sein Gewicht beträgt dennoch nur etwa ein Viertel von dem eines Erwachsenen. Die Gewichts- und Größenzunahme des Gehirns im Laufe der Zeit beruht auf der enormen Zunahme der Verbindungen zwischen den Nervenzellen und darauf, dass die Dicke eines Teils der Nervenfasern zunimmt. Das Dickenwachstum ist auf eine Ummantelung der Fasern zurückzuführen. Dadurch erhalten sie die Fähigkeit, Nervensignale mit hoher Geschwindigkeit fortzuleiten.

Synaptische Plastizität

Die hohe Anzahl an Synapsen im Gehirn von Kindern ermöglicht eine große Plastizität, d. h. die Fähigkeit des Gehirns, sich an neue Erfahrungen anzupassen. Durch Lernen und Erfahrungen werden bestimmte Synapsen gestärkt, während andere abgebaut werden. Dieser Prozess ermöglicht es dem Gehirn, sich an die spezifischen Bedürfnisse und Anforderungen der Umwelt anzupassen.

Kognitive Entwicklung

Die kognitive Entwicklung bezieht sich auf die Entwicklung der Denkprozesse, einschließlich Wahrnehmung, Gedächtnis, Problemlösung und Sprache. Im ersten Lebensjahr machen Babys in diesen Bereichen enorme Fortschritte.

Wahrnehmung

Neugeborene sind bereits in der Lage, ihre Umwelt wahrzunehmen. Sie können hören, sehen, riechen, schmecken und fühlen. Ihre Wahrnehmungsfähigkeiten verbessern sich jedoch im Laufe des ersten Jahres erheblich. So entwickeln sie beispielsweise die Fähigkeit, Gesichter zu erkennen und zwischen verschiedenen Geräuschen zu unterscheiden.

Gedächtnis

Bereits Babys besitzen die Fähigkeit sich zu erinnern. Allerdings bleiben Erlebnisse bei 6 Monate alten Säuglingen lediglich 24 Stunden im Gedächtnis. Sind sie 9 Monate alt, steigt das Erinnerungsvermögen auf 1 Monat an. In den nächsten Monaten und Jahren nehmen diese Erinnerungszeiträume weiter zu. Die Entwicklung eines Langzeitgedächtnisses, das uns erlaubt, Erlebnisse und Erfahrungen, die Jahre zurückliegen, zu erinnern, dauert aber noch einige Zeit. Deshalb gibt es an die ersten drei bis vier Lebensjahre keine Erinnerung und meist nur wenige an das 5. und 6. Lebensjahr.

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Sprachentwicklung

Das Erlernen der Sprache ist ein komplexer Lernvorgang, der viel Platz im Gehirn einnimmt. Die linke Hemisphäre ist sprachdominant ab etwa einem Alter von drei Jahren, vorher gibt es eine beidseitige Aktivierung neuronaler Muster bei der Verarbeitung von Sprache. Das Broca-Areal ist für die grammatikalische Informationsverarbeitung und die Sprachproduktion zuständig. Und das Wernicke-Areal für die semantische Informationsverarbeitung und das Sprachverstehen. Das Broca-Areal liegt auf der Seite der linken Schläfe und das Wernicke-Areal hinter dem linken Ohr.

Um den Spracherwerb zu fördern, sollte die Bezugsperson den Ball benennen und immer wieder den Begriff „Ball“ wiederholen. Bei neuem Wissen entstehen neue Nervenzellen, Verbindungen und die Informationen werden gespeichert. Lernprozesse bei Kindern laufen in den ersten sechs Jahren rasant ab, denn manche Bereiche im Gehirn sind in dieser Zeit besonders offen für Veränderungen. Die Nervenzellenverbindungen wuchern nur so, deswegen lernen Kinder so schnell sprechen. Hierfür brauchen sie aber auch ein sprechendes Umfeld. Die Nervenzellenverbindungen müssen trainiert werden. Wenn das nicht der Fall ist, verkümmern sie.

Triangulierung

Schaut ein Kind wechselseitig ein Objekt oder auch eine Person oder Situation an, spricht man von Triangulierung oder triangulärem Blickkontakt. Der Blick des Kindes bildet eine Triangel mit den Punkten Kind-Objekt-Bezugsperson. Es liegt etwa ein Ball auf dem Boden. Das Kind schaut zu dem Ball, danach zu der Bezugsperson, dann wieder zum Ball und wieder zur Bezugsperson. Diese kindliche Initiative ist eine Aufforderung zu reagieren.

Motorische Entwicklung

Die motorische Entwicklung bezieht sich auf die Entwicklung der Fähigkeit, sich zu bewegen und zu koordinieren. Im ersten Lebensjahr lernen Babys, ihren Kopf zu kontrollieren, sich umzudrehen, zu sitzen, zu krabbeln und schließlich zu laufen.

Reflexe

Beim Säugling stehen zunächst Reflexe im Vordergrund. Dabei werden körpereigene Signale und Umweltreize bereits auf der Ebene des Rückenmarks und des Nachhirns in Äußerungen und Reaktionen umgesetzt. In dieser Phase dient der ganze Körper des Säuglings dazu, grundlegende Bedürfnisse und Empfindungen wie Hunger, Angst und Unwohlsein zum Ausdruck zu bringen.

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Meilensteine

Nach 6 Monaten hat sich das Gehirn soweit entwickelt, dass Babys lernen Oberkörper und Gliedmaßen zu kontrollieren. Im Alter von 2 Jahren haben die meisten Nervenfasern von Rückenmark, Nachhirn und Kleinhirn ihre endgültige Dicke erreicht und damit ihre Ummantelung abgeschlossen. Sie können nun Nervensignale mit hoher Geschwindigkeit hin und her schicken.

Soziale und emotionale Entwicklung

Die soziale und emotionale Entwicklung bezieht sich auf die Entwicklung der Fähigkeit, Beziehungen zu anderen aufzubauen und Emotionen zu regulieren. Im ersten Lebensjahr entwickeln Babys eine enge Bindung zu ihren Bezugspersonen und lernen, ihre Emotionen auszudrücken und zu regulieren.

Bindung

Wächst ein Kind in einer Familie auf, die mit einem differenzierten Fürsorgesystem auf die Bedürfnisse des Kindes reagiert und das Kind entsprechend Geborgenheit und Sicherheit erfährt, so können durch diese positiven Erfahrungen Verschaltungen im Gehirn des Kindes gebahnt und gefestigt werden. Aus diesem Grund sind intensive frühkindliche Erfahrungen für die Vernetzung von Nervenbahnen im Gehirn bedeutsam für die weitere Entwicklung.

Temperament

Die vorgeburtliche Prägung des Temperaments und die Bindungserfahrungen formen gemeinsam die Hirnentwicklung und hierdurch die kindliche Persönlichkeit. Die Prägung durch das Temperament hat entscheidenden Einfluss auf die kindliche Persönlichkeit und auch auf die Persönlichkeit als Erwachsener. Kinder mit einem schwierigen Temperament benötigen noch viel mehr eine liebevolle und feinfühlige Person, die ihnen bei der Regulation ihres Stresszustandes zur Seite steht. Weiterhin haben verschiedene Langzeitstudien ergeben, dass eine sichere Bindung den Kindern soziale Kompetenz vermittelt und aus ihnen unabhängige und selbstdenkende, starke Persönlichkeiten macht.

Limbisches System

Im limbischen System werden alle Reize zu Emotionen, Gefühlen und inneren Bildern verarbeitet. Jede positive Bindungs- und Beziehungserfahrung schüttet im limbischen System das sogenannte Bindungshormon „Oxytocin“ aus. Das Gehirn wird praktisch mit positiven Gefühlen „gedüngt“ und es entsteht ein inneres Skript, indem ein Kind diese positiven Erfahrungen abspeichert. Dabei benötigt es viele von diesen positiven Bindungserfahrungen, um eine eigene Empathiefähigkeit zu entwickeln.

Einflussfaktoren auf die neurologische Entwicklung

Verschiedene Faktoren können die neurologische Entwicklung im ersten Lebensjahr beeinflussen, darunter:

  • Genetik: Die genetische Ausstattung eines Kindes spielt eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Gehirns.
  • Umwelt: Die Umwelt, in der ein Kind aufwächst, hat einen großen Einfluss auf seine neurologische Entwicklung. Eine anregende und unterstützende Umgebung fördert die Entwicklung des Gehirns, während eine vernachlässigende oder missbräuchliche Umgebung die Entwicklung beeinträchtigen kann.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung ist für die neurologische Entwicklung unerlässlich. Nährstoffmangel kann die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigen.
  • Gesundheit: Erkrankungen oder Verletzungen können die neurologische Entwicklung beeinträchtigen.

Kritische Phasen

In diesem Zusammenhang wird oft von "Entwicklungsfenstern" oder "kritischen Phasen" gesprochen, in denen das Gehirn für bestimmte Lernerfahrungen besonders empfänglich sei, da dann die relevanten Synapsen ausgewählt und miteinander verknüpft, also die entsprechenden Regionen des Gehirns strukturiert würden. Werden diese Perioden verpasst, könnte ein Kind im jeweiligen Bereich kaum noch dieselbe Leistungsfähigkeit erreichen wie andere. Beispielsweise dauert die "sensible Phase" für den Spracherwerb bis zum 6. oder 7. Lebensjahr. Das Baby kann schon alle Laute jeder Sprache dieser Welt unterscheiden, das Kleinkind alle Phoneme korrekt nachsprechen. Innerhalb weniger Lebensjahre werden aber die Synapsen eliminiert, die diese Leistung ermöglichen, aber nicht benötigt werden, da sich das Kind in der Regel ja nur eine Sprache mit einer sehr begrenzten Zahl von Phonemen aneignet. Deshalb kann ab dem Schulalter, insbesondere ab der Pubertät, eine neue Sprache nicht mehr perfekt erlernt werden.

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