Ein Schlaganfall kann vielfältige Beeinträchtigungen nach sich ziehen, von leichten Taubheitsgefühlen bis hin zu schweren körperlichen und kognitiven Einschränkungen. Die Rehabilitation spielt eine entscheidende Rolle, um Betroffenen zu helfen, ihre Fähigkeiten wiederzuerlangen und ihren Alltag so selbstständig wie möglich zu gestalten. Ein häufiges und schmerzhaftes Problem nach einem Schlaganfall ist die schmerzhafte Schulter, die die motorische Erholung, Aktivität und Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Dieser Artikel beleuchtet die ergotherapeutischen Behandlungsansätze, die bei einer schmerzhaften Schulter nach Schlaganfall eingesetzt werden können, und gibt einen Überblick über verschiedene Therapiekonzepte und Hilfsmittel.
Die Häufigkeit und Ursachen der schmerzhaften Schulter
Eine schmerzhafte Schulter tritt bei 15 bis 40 % der Schlaganfall-Betroffenen auf und ist damit ein häufiges Symptom. Ursächlich ist oft eine unzureichende muskuläre Sicherung des Schultergelenks aufgrund der gelähmten Muskulatur (zentrale Armparese). Dies kann zu einer Subluxation (Teilausrenkung) des Schultergelenks führen, bei der der Oberarmkopf nicht mehr richtig in der Gelenkpfanne sitzt.
Weitere mögliche Ursachen für Schulterschmerzen nach einem Schlaganfall sind:
- Shoulder-Hand-Syndrom (SHS): Eine Komplikation, die mit Schmerzen, Schwellungen und Bewegungseinschränkungen in Schulter und Hand einhergeht.
- Spastik: Erhöhte Muskelspannung, die zu Schmerzen und Bewegungseinschränkungen führen kann.
- Fehlhaltungen: Durch die Lähmung bedingte Fehlhaltungen des Arms und der Schulter.
- Überlastung: Überbeanspruchung der gesunden Schulter durch kompensatorische Bewegungen.
Ergotherapeutische Behandlungsansätze
Die Ergotherapie spielt eine zentrale Rolle bei der Behandlung der schmerzhaften Schulter nach Schlaganfall. Ziel ist es, die Schmerzen zu lindern, die Beweglichkeit zu verbessern, die Funktion des Arms und der Hand wiederherzustellen und die Selbstständigkeit im Alltag zu fördern. Die Therapie wird individuell auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten des Patienten abgestimmt.
Aufgabenorientiertes Training (AOT)
Das aufgabenorientierte Training (AOT) ist ein Therapieansatz, der sich an konkreten Alltagsaktivitäten orientiert. Es kommt bei grob- und feinmotorischen Störungen zum Einsatz, wie sie bei einer halbseitigen Lähmung auftreten können.
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- Ziel: Verbesserung einzelner Bewegungsabläufe im Alltag, z. B. Greifen nach einer Tasse, An- und Ausziehen, Treppensteigen.
- Vorgehensweise: Wiederholung der jeweiligen Handlung an der Leistungsgrenze, um das Gehirn den neuen Bewegungsablauf lernen und abspeichern zu lassen.
- Anwendung: Ergotherapeuten und Physiotherapeuten.
Bobath-Konzept
Das Bobath-Konzept ist ein ganzheitlicher Ansatz zur Behandlung von Menschen mit Störungen des Muskeltonus und sensiblen Störungen.
- Ziel: Verbesserung der funktionellen Fähigkeiten, Regulierung des Muskeltonus, Anbahnen normaler Bewegungsmuster und Vermeidung von Folgeschäden.
- Vorgehensweise: Individuelle und alltagsbezogene therapeutische Aktivitäten, die den Patienten im Tagesablauf begleiten. Einbeziehung der mehr betroffenen Körperseite in Alltagsbewegungen.
- Anwendung: Ergotherapeuten und Physiotherapeuten.
Constraint-Induced Movement Therapy (CIMT)
Die Constraint-Induced Movement Therapy (CIMT) wird eingesetzt, wenn ein Arm aufgrund einer Lähmung vernachlässigt wird.
- Ziel: Förderung des verstärkten Einsatzes des betroffenen Armes im Alltag.
- Vorgehensweise: Immobilisierung des nicht-betroffenen Armes über mehrere Stunden täglich, um den Patienten zu zwingen, den schwächeren Arm intensiv einzusetzen.
- Anwendung: Ergotherapeuten und Physiotherapeuten. Wichtig: Hohe Therapiemotivation und Belastbarkeit sind Voraussetzung.
Elektrostimulation
Die Elektrostimulation kann helfen, Bewegungsabläufe mit Unterstützung von elektrischen Impulsen wieder zu erlernen.
- Ziel: Verbesserung der aktiven Bewegungsfähigkeit und Vorbeugung von Spastik.
- Formen:
- Neuromuskuläre Elektrostimulation (NMES): Stimulation von Nerven und Muskeln durch Elektroden auf dem betroffenen Muskel.
- EMG-getriggerte Elektrostimulation (EMG-ES): Elektrische Stimulation erfolgt ab einem gewissen Maß an Muskelaktivität, um kontrollierte Bewegungen zu fördern.
- Funktionelle Elektrostimulation (FES): Mehrere Elektroden stimulieren verschiedene Muskeln, um Aktivitäten wie Greifen und Loslassen zu ermöglichen.
- Anwendung: Ergotherapeuten und Physiotherapeuten.
Handtherapie
Die Handtherapie ist ein spezialisierter Bereich der Ergotherapie, der sich mit der Behandlung von Erkrankungen und Verletzungen der oberen Extremitäten befasst.
- Ziel: Wiederherstellung der Handfunktion im Alltag, Freizeit und Beruf.
- Behandlungstechniken: Manualtherapeutische Techniken, Behandlungstechniken an Muskeln, Sehnen und Faszien, Kraft- und Koordinationstraining, Stabilisationstraining, Ödem-reduzierende Techniken und Narbenbehandlung, lokale, segmentale und zentrale Schmerztherapie, Training der „Aktivitäten des täglichen Lebens“, Spiegeltherapie und das Anlegen von Tapes.
- Physikalische Maßnahmen: Ultraschall, TENS, Paraffin, Heilmoor, Wärme- und Kälteapplikationen zur Unterstützung der Funktionen von Gelenken, Kapselbandapparat, Sehnen, Muskeln sowie zur Verringerung von Schwellungen, Ödemen, Entzündungen und Schmerzen.
- Anwendung: Zertifizierte Ergotherapeuten und Handtherapeuten.
Weitere Therapieansätze und Hilfsmittel
Neben den genannten Therapiekonzepten gibt es weitere Ansätze und Hilfsmittel, die bei der Behandlung der schmerzhaften Schulter nach Schlaganfall eingesetzt werden können:
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- Arm-Robot-Therapie: Unterstützung der Armbewegung durch einen Roboter, um die Ansteuerung des Armes und der Hand wiederzuerlangen.
- Laufbandtraining: Verbesserung der Gehgeschwindigkeit und Ausdauer, oft in Kombination mit einem Gurtsystem zur Verringerung des Körpergewichts.
- Sprunggelenksorthesen: Korrektur von Fehlstellungen des Fußes bei Fußheberschwäche.
- Schulterorthesen: Unterstützung und Stabilisierung des Schultergelenks, z. B. Neuro-Lux®-Orthese zur Vermeidung bzw. Minderung eines Schulter-Arm-Syndroms.
- Taping: Anbringen von Tapes zur Stabilisierung des Schultergelenks und zur Schmerzlinderung.
- Spiegeltherapie: Aktivierung der beeinträchtigten Körperhälfte durch Spiegelung der Bewegungen der gesunden Seite.
- NOVAFON Schallwellengeräte: Die sanften Vibrationen der NOVAFON Schallwellengeräte tragen dazu bei, Schmerzen zu reduzieren sowie die Folgen eines Schlaganfalls zu lindern.
- Hochtontherapie: Die Hochtontherapie zielt darauf ab, den Zellstoffwechsel anzuregen, Schmerzen zu lindern und die körperliche Beweglichkeit zu verbessern.
Die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit
Eine erfolgreiche Behandlung der schmerzhaften Schulter nach Schlaganfall erfordert eine enge Zusammenarbeit verschiedener Fachkräfte. Neben Ergotherapeuten und Physiotherapeuten sind auch Ärzte, Neurologen, Orthopäden, Logopäden und Psychologen beteiligt. Durch den Austausch von Informationen und die Abstimmung der Therapie können die bestmöglichen Ergebnisse für den Patienten erzielt werden.
Ergotherapie im Alltag: Übungen und Tipps für zu Hause
Auch außerhalb der Therapiestunden können Schlaganfall-Patienten aktiv an ihrer Rehabilitation mitwirken. Ergotherapeuten erarbeiten individuelle Übungspläne für zu Hause, die auf die jeweiligen Bedürfnisse und Fähigkeiten abgestimmt sind.
Übungen zur Verbesserung der Feinmotorik
- Würfel bewegen: Bewegen eines oder mehrerer Würfel zwischen Daumen sowie Zeige- und Mittelfinger.
- Klavierspielen: Ausführen der Bewegung des Klavierspielens auf der Tischplatte.
- Ball werfen: Hin- und Herwerfen eines Tennis- oder Jonglierballes zwischen beiden Händen.
- Türmchen bauen: Bauen von Türmchen aus kleinen Holzklötzen.
- Tastübungen: Figuren oder andere Gegenstände in ein Behältnis mit Bohnen, Linsen oder Kies tauchen und ertasten.
- Kritzeln und Zeichnen: Häufiges Kritzeln und Zeichnen auf einem Blatt Papier.
Tipps für den Alltag
- Integration der betroffenen Seite: Bewusste Integration der von der Behinderung betroffenen Seite in die Bewegungsabläufe.
- Anpassung der Umgebung: Anpassung des Wohn- und Arbeitsbereiches an die individuellen Bedürfnisse.
- Nutzung von Hilfsmitteln: Einsatz von Mobilitätshilfen und anderen Hilfsmitteln, um die Selbstständigkeit zu fördern.
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