Neuromuskuläre Erkrankungen sind ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von Krankheitsbildern, die Muskeln, Nervenfasern und die Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln betreffen können. Diese Erkrankungen können angeboren oder erworben sein und äußern sich häufig durch Muskelschwund (Muskelatrophie) und Muskelschwäche bis hin zu Lähmungen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten von Nervenerkrankungen, die mit Muskelschwund einhergehen.
Was sind neuromuskuläre Erkrankungen?
Mit dem Begriff der neuromuskulären Erkrankung ist nicht eine Erkrankung gemeint, sondern eine Vielzahl von Erkrankungen, die den Muskel, seine Nervenfasern sowie Signalübertragungsstörungen betreffen können. Als Folge kann ein Muskelschwund oder gar eine Lähmung entstehen. Neuromuskuläre Erkrankungen können angeboren sein oder erworben werden. Dazu zählen Autoimmunprozesse, Entzündungen oder Stoffwechselstörungen, Traumata sowie funktionelle oder strukturelle Muskelbeeinträchtigungen aufgrund von Medikamenten oder Alkohol. Der Schädigungsort kann in verschiedenen Abschnitten des neuromuskulären Systems liegen: dem zentralen oder peripheren Nervensystem, den peripheren Nerven, der neuromuskulären Synapse oder den Muskelfasern selbst.
Neurologische Muskelerkrankungen können in drei verschiedene Formen unterteilt werden:
Myopathien: Erkrankungen, die den Muskel selbst betreffen und zu einer Beeinträchtigung der Muskelfunktion führen. Sie betreffen in erster Linie die Muskelfasern selbst und können eine Vielzahl von Ursachen haben, darunter genetische Defekte, entzündliche Prozesse oder Stoffwechselstörungen. Myopathien können Muskeldystrophien, myotone Muskelerkrankungen oder auch Stoffwechselstörungen und Autoimmunerkrankungen sein.
Neuromuskuläre Übertragungsstörungen: Erkrankungen, bei denen die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen und den Muskelfasern beeinträchtigt ist. Diese Störungen treten an der neuromuskulären Synapse auf, also der Verbindungsstelle, an der Nervenimpulse von der motorischen Nervenzelle auf den Muskel übertragen werden, um eine Kontraktion auszulösen. Ein Beispiel für diese Form der neuromuskulären Erkrankung ist die Myasthenia gravis, eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem Antikörper gegen die Rezeptoren auf der Muskelmembran bildet.
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Neuropathien: Erkrankungen der Nervenfasern, die das periphere Nervensystem betreffen, bei dem die Schädigung außerhalb des Rückenmarks oder des Gehirns auftritt. Neuropathien können sensorische, motorische oder autonome Funktionsstörungen hervorrufen und unterscheiden sich in diabetische, toxische, infektiöse und erblich bedingte Neuropathien. Ursächlich können ebenso Autoimmunerkrankungen sein. Eine genetisch bedingte Neuropathie ist eine spinale Muskelatrophie.
Ursachen von Nervenerkrankungen mit Muskelschwund
Die Ursachen für Nervenerkrankungen mit Muskelschwund sind vielfältig und können in folgende Kategorien eingeteilt werden:
Genetische Ursachen: Viele neuromuskuläre Erkrankungen sind genetisch bedingt. In Deutschland wird die Zahl der Menschen, die an einer erblichen Muskelerkrankung leiden, auf etwa 40.000 geschätzt. Zur Erkrankung kommt es, weil im Erbgut der betroffenen Person eine Mutation vorliegt, die zur Beeinträchtigung von Aufbau und Funktionalität der Muskelzellen sowie deren Versorgung über die Nerven führt. Mittlerweile sind mehr als 150 Krankheitsgene bekannt. Beispiele hierfür sind verschiedene Formen der spinalen Muskelatrophie (SMA) und Muskeldystrophien. Die SMA ist eine seltene Erbkrankheit (hereditäre SMA) und kann nur dann entstehen, wenn sowohl bei der Mutter als auch beim Vater jeweils ein fehlerhaftes SMN1-Gen beziehungsweise eine fehlerhafte SMN1-Genkopie vorliegt (autosomal rezessive Vererbung). Die Wahrscheinlichkeit, in einem solchen Fall die SMA zu vererben, liegt bei 25 Prozent.
Erworbene Ursachen: Neuromuskuläre Erkrankungen können auch durch verschiedene erworbene Faktoren verursacht werden:
- Autoimmunerkrankungen: Bei Autoimmunerkrankungen greift das Immunsystem körpereigene Strukturen an. Beispiele hierfür sind Myasthenia gravis, bei der die Signalübertragung zwischen Nerv und Muskel gestört ist, und entzündliche Myopathien, bei denen das Muskelgewebe entzündet ist.
- Entzündungen: Entzündliche Prozesse im Nervensystem oder in den Muskeln können zu Muskelschwund führen. Beispiele hierfür sind die chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP) und das Guillain-Barré-Syndrom.
- Infektionen: Bestimmte Infektionen können das Nervensystem oder die Muskeln schädigen und Muskelschwund verursachen.
- Stoffwechselstörungen: Stoffwechselstörungen wie Diabetes mellitus können zu Neuropathien führen, die Muskelschwund zur Folge haben können (diabetisch-bedingte Polyneuropathie).
- Toxine: Der Kontakt mit bestimmten Giftstoffen, einschließlich Alkohol und einigen Medikamenten, kann die Nerven oder Muskeln schädigen. Häufige erworbene Muskelerkrankungen sind zudem medikamenten- und alkoholbedingte Myopathien (= funktionelle oder strukturelle Muskelbeeinträchtigung).
- Traumata: Verletzungen des Nervensystems oder der Muskeln können ebenfalls zu Muskelschwund führen.
Symptome von Nervenerkrankungen mit Muskelschwund
Die Symptome neuromuskulärer Erkrankungen können ganz unterschiedlich sein. Ausprägung der Erkrankung sowie betroffene Struktur sind Faktoren, die die Symptome beeinflussen können. Muskelschwäche ist allerdings das typische Leitsymptom aller Varianten und ist anhand einer schnellen Ermüdbarkeit der Muskeln erkennbar. Sie kann sich je nach individueller Erkrankung isoliert zeigen oder auch in Kombination mit anderen Beschwerden wie Muskelschmerzen oder Muskelschwund (Muskelatrophie) auftreten. Zudem zeigen Muskelerkrankungen Symptome in für die jeweils vorliegende Krankheitsvariante sehr charakteristischen Körperregionen.
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Beim Muskelschwund geht Muskelmasse verloren. Die Muskelatrophie kann einen oder mehrere Muskeln betreffen und resultiert in verminderter Kraft, also einer Muskelschwäche. Typische Symptome der Muskelschwäche sind Schwierigkeiten bei Bewegungen oder Handlungen (Gehen, Treppensteigen, Hausarbeiten etc.). Im Gegensatz zu immobilisationsbedingten Atrophien und neuromuskulären Erkrankungen können bei zentralen oder peripheren Nervenschäden auch andere Symptome, wie z.B. Schwierigkeiten beim Spüren, auftreten. Bei Schädigung des zweiten motorischen Neurons (2. MN) können zusätzlich zur Atrophie unwillkürliche muskuläre Zuckungen (Faszikulationen) auftreten.
Spinale Muskelatrophie (SMA): Die Symptome der erblich bedingten SMA hängen von ihrer Ausprägung und weiteren individuellen Faktoren ab. Allen Typen und Formen gemein sind eine fortschreitende Muskelschwäche bis hin zu Lähmung (Parese) und Muskelzuckungen sowie Muskelschwund (Muskelatrophie). In der überwiegenden Zahl (proximale SMA) beginnt die Schwäche in den Muskeln, die dem Rumpf am nächsten liegen, also Rücken, Schulter und Hüfte. Der SMN-Mangel wirkt sich auf den gesamten Körper aus und kann unter anderem auch Atem-, Herz-Kreislauf- und Verdauungsprobleme verursachen. Ist die Atemmuskulatur betroffen, besteht eine erhöhte Anfälligkeit für Lungenentzündungen und andere Lungenprobleme.
- SMA Typ 1: Tritt meist bereits im Alter von 0 bis 6 Monaten auf. Die Babys können nur liegen, aber nie sitzen.
- SMA Typ 2: Tritt meist bei Kleinkindern im Alter zwischen 7 und 18 Monaten auf. Sie können sitzen, aber nie stehen.
- SMA Typ 3: Tritt meist bei Kleinkindern nach dem 18. Lebensmonat auf, selten im frühen Erwachsenenalter. Die Einordnung dient als Orientierung für die Wahl der geeigneten Therapie. Der Übergang zwischen den Typen ist jedoch fließend und jedes Kind einzigartig. Non-Sitter (nicht sitzfähig): Eigenständiges Sitzen ist nicht möglich. Meist Typ 1 und 2, selten Typ 3 im fortgeschrittenen Stadium.Sitter (sitzfähig): Eigenständiges Sitzen ohne Abstützen ist für mindestens zehn Sekunden möglich. Meist Kinder und Jugendliche, Typ 2 oder 3, aufgrund neuer Therapieansätze in einigen Fällen auch Typ 1.Walker (gehfähig): Freies Gehen ist über mindestens zehn Meter möglich.
Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): Zu Beginn der ALS nehmen Patienten überwiegend Muskelschwäche (Parese), Muskelschwund (Atrophie) sowie Muskelsteifigkeit (Spastik) wahr. Die individuellen Beschwerden hängen davon ab, welches Motoneuron und welche Muskelgruppe stärker betroffen ist. Eine Betroffenheit des ersten Motoneurons führt zu einer unkontrolliert gesteigerten Muskelspannung, die sich in Steifigkeit (Spastik) sowie einer verminderten Geschicklichkeit und Feinmotorik äußert. Bei Betroffenheit des zweiten Motoneurons können die Nerven der Muskulatur nur noch eingeschränkt aktivieren, es kommt zu Muskelschwäche und Muskelschwund.
- Zu 60 bis 70 % treten die ersten Symptome an den Extremitäten auf. In diesen Fällen bemerken Patienten eine Ungeschicklichkeit der Hände, eine Gangunsicherheit oder eine Schwäche der Beine. Zu 30 bis 40 % stellen sich die ersten Symptome beim Sprechen und Schlucken ein (bulbärer Krankheitsbeginn). Bei diesen Patienten ist die Zungen-, Schlund- und Gaumenmuskulatur beeinträchtigt.
- Durch Muskelschwund und Steifigkeit wird die betroffene Extremität fortschreitend gelähmt. Sind zuerst die untern Extremitäten (Beine und Füße) betroffen, bedeutet dies eine zunehmende Gehstörung bis hin zur Notwendigkeit einer Gehstütze oder eines Rollstuhls. Bei den oberen Extremitäten werden das Heben, Tragen, Schreiben, Schneiden, Essen und die Körperpflege fortschreitend beeinträchtigt.
- Wenn die Symptome an Zunge, Schlund und Gaumen betreffen, kann eine Sprechstörung (Dysarthrie) entstehen. Das Sprechen und die Artikulation fallen immer schwerer bis hin zur Unfähigkeit, verbal zu kommunizieren. In diesem Fall können Kommunikationshilfen notwendig werden.
- Die Schluckstörung (Dysphagie) beginnt meist mit einer leichten Schwäche oder Steifigkeit der Zungen- und Schlundmuskulatur. Im weiteren Krankheitsverlauf nimmt die Beweglichkeit der Muskulatur ab. Bei einer hochgradigen Schluckstörung ist die Kau- und Schluckmuskulatur schwer oder vollständig gelähmt und das Schlucken von Nahrung kaum oder nicht mehr möglich. Sehr fest oder dünnflüssige Nahrungsmittel bereiten Schwierigkeiten. Eine spezielle Nahrungszusammenstellung oder Ernährungshilfen werden notwendig, um einem Gewichtsverlust entgegen zu wirken.
- Die Einschränkung der Atemfunktion entsteht durch eine Schwäche der Atemmuskulatur am Brustkorb und des Zwerchfells. Je nach Krankheitsverlauf können verschiedene Atemhilfen genutzt werden.
Diagnose von Nervenerkrankungen mit Muskelschwund
Die Diagnose Neuromuskulärer Erkrankungen ist aufgrund der sehr unterschiedlichen Ursachen und Krankheitsbilder eine Herausforderung und erfolgt auf der Grundlage verschiedener Untersuchungen:
- Anamnese: Im Rahmen eines Patientengesprächs erhebt der Neurologe die Krankengeschichte. Er wird nach dem Manifestationsalter (Wann zeigten sich die ersten Beschwerden?) sowie der Lokalisation und den Verlauf der Muskelschwäche fragen. Auch weitere Begleitbeschwerden und die familiäre Vorgeschichte werden hier abgefragt. Hierbei interessieren den Facharzt die Antworten auf folgende Fragen:
- Wie ist die Muskelschwäche verteilt bzw. in welchen Körperregionen tritt sie auf?
- Wie sieht der zeitliche Verlauf der Erkrankung aus? Tritt sie beispielweise kontinuierlich, episodisch oder ausschließlich unter Belastung auf?
- Welche Begleitbeschwerden (Muskelschmerzen, -krämpfe) treten auf?
- Anschließend findet die neurologische Untersuchung statt. Bei dieser bewertet der Facharzt den neurologischen Status der zentralen und peripheren Nervenbahnen systematisch von Kopf abwärts. Anhand der Ergebnisse wird anschließend eine zielgerichtete Zusatzdiagnostik durchgeführt.
- Klinisch-neurologische Untersuchung: Zur grundlegenden Diagnostik gehört eine dezidierte Anamnese inkl. Familienanamnese sowie eine klinisch-neurologische Untersuchung mit Erhebung der einzelnen Kraftgrade und mit Verwendung krankheitsspezifischer Skalen und Fragebögen.
- Laborchemische Diagnostik: Liegt ein Verdacht auf eine Neuromuskuläre Erkrankung vor, werden verschiedene Muskelparameter labordiagnostisch bestimmt. Ein wichtiger Parameter für Neuromuskuläre Erkrankungen ist insbesondere die Konzentration des Muskelenzyms Creatinkinase (CR-Wert). Bei einer Muskelerkrankung ist der CR-Wert in aller Regel erhöht (über 1.000 U/l). Daneben bestimmt der Neurologe bei Muskelerkrankungen weitere Blutwerte wie das C-reaktive Protein (CRP) zur Feststellung von Entzündungen, die Elektrolyte und den basalen TSH-Wert. Die Bestimmung dieser Parameter erlaubt gemeinsam mit dem CR-Wert eine erste Einschätzung darüber, ob eine akut behandlungsbedürftige Muskelerkrankung vorliegt. Die laborchemische Diagnostik sollte neben den Routineparametern wie das kleine Blutbildbild, die Leber-, Nieren-, Schilddrüsenwerte und Elektrolyte insbesondere die Bestimmung der Kreatinkinase (CK) beinhalten. Im Einzelfall können metabolische Funktionstests für Myopathien oder eine erweiterte Labordiagnostik für metabolische, rheumatologische, infektiöse und tumoröse sowie hämatologische Erkrankung bei Polyneuropathien notwendig sein. Für autoimmun bedingte neuromuskuläre Erkrankungen stehen spezielle Autoantikörpertests zur Verfügung.
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Zur weiteren Prüfung der Funktion von Muskulatur und Nervensystem sowie zur Abklärung der jeweils vorliegenden Muskelerkrankung kann der Spezialist elektrophysiologische Untersuchungen wie eine Elektromyographie (EMG) und Neurographie (ENG) durchführen. Bei der EMG sticht der Arzt eine hauchdünne Nadel in den Muskel, um die Aktivität der Muskelfasern zu messen und am Computer zu analysieren. Bei der ENG werden die Nerven an mehreren Stellen mithilfe von elektrischen Schlägen gereizt, um die Leitgeschwindigkeit zu messen. Zusätzlich kann die elektrophysiologische Diagnostik helfen, zwischen einer Nerven-, Muskelbeteiligung oder einer neuromuskulären Übertragungsstörung zu unterscheiden.
- Bildgebende Verfahren: Morphologisch können die Muskeln und Nerven über bildgebende Verfahren wie das MRT oder den Ultraschall abgebildet werden. Bildgebende Verfahren wie MRT und Ultraschall erlauben Rückschlüsse auf Veränderungen an der Muskulatur. Die Verfahren visualisieren das Schädigungsmuster (Muskelschwund, Veränderungen im Signalverhalten) der untersuchten Muskelgruppe. Da viele Muskelerkrankungen ein charakteristisches Schädigungsmuster aufweisen, kann der Spezialist anhand dessen die vorliegende Erkrankung differenzialdiagnostisch eingrenzen.
- Muskelbiopsie: Bei einer Reihe von Muskelerkrankungen muss der Experte zur genauen Diagnosestellung eine Muskelbiospie durchführen. Hierzu entnimmt er Muskelgewebe, das anschließend aufgearbeitet und untersucht wird.
- Molekulargenetische Untersuchungen: Bei genetisch bedingten Muskelerkrankungen ist die Feststellung der zugrundeliegenden Genmutation Goldstandard. Anhand der festgestellten Mutation kann der Neurologe genau bestimmen, welche Muskelerkrankung vorliegt.
- Ausschluss von Differentialdiagnosen: Einige sehr seltene Erkrankungen können ALS-ähnliche Symptome aufweisen. Zu ihnen zählen eine mechanische Schädigung des Rückenmarks (zervikale Myelopathie), Muskelerkrankungen (z.B. Einschlusskörperchenmyopathie), Erkrankungen der peripheren Nerven (motorische Polyneuropathie), bestimmte Formen der Multiplen Sklerose, neurologische Folgeerkrankungen durch Tumore (paraneoplastische Syndrome) und sehr seltene Stoffwechselerkrankungen. Um diese Erkrankungen nachzuweisen oder auszuschließen, stehen verschiedene Untersuchungsmethoden zur Verfügung: Magnetresonanztomographie (Tumor- oder Entzündungserkrankungen des Gehirns und Rückenmarks), Nervenwasseruntersuchung (Infektionen und Autoimmunerkrankungen) oder spezifische Blutuntersuchungen (Stoffwechselerkrankungen, Autoimmunerkrankungen und bestimmte Tumorerkrankungen).
Behandlung von Nervenerkrankungen mit Muskelschwund
Der Grundpfeiler in der Behandlung der neuromuskulären Behandlung ist eine möglichst schnelle und präzise Diagnostik. Aufgrund der Vielzahl an neuromuskulären Erkrankungen sowie Ursachen gibt es verschiedene Therapiemaßnahmen. Diese reichen von medikamentös bis hin zu unterstützenden Maßnahmen, denn gerade angeborene Muskelerkrankungen sind in der Regel nicht heilbar oder können mit Medikamenten behandelt werden. Ziel ist es, die Betroffenen in ihrer Beweglichkeit sowie Selbstständigkeit zu unterstützen. Dazu können Maßnahmen aus den Bereichen Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und auch Psychologie ratsam sein.
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Je nach der Ursache der neuromuskulären Erkrankung stehen spezifische Therapien zur Verfügung. Bei erworbenen Erkrankungen sollte die verursachende Erkrankung spezifisch therapiert werden wie z.B. der Diabetes mellitus bei einer diabetisch-bedingten Polyneuropathie. Bei den autoimmun entzündlichen Erkrankungen kommen sogenannte Immunsuppressiva zum Einsatz. Muskelerkrankungen sind bislang nicht heilbar. Auch medikamentöse Therapieoptionen existieren für die meisten Erkrankungsformen nicht. Daher konzentriert sich die Behandlung vorrangig auf unterstützende Maßnahmen wie beispielweise Krankengymnastik, Ergotherapie, Logopädie und Psychologie, die auf den Erhalt der Beweglichkeit und Selbstversorgung abzielen.
Medikamentöse Therapien:
- Immunsuppressiva: Bei autoimmun bedingten neuromuskulären Erkrankungen kommen Immunsuppressiva zum Einsatz, um die Neubildung von Antikörpern zu bremsen. Sie haben in der Regel während einer Langzeitbehandlung weniger starke Nebenwirkungen als Kortison. Der Behandlungserfolg tritt mit diesen Medikamenten jedoch erst mit einer gewissen Verzögerung ein. Am Deutschen Zentrum Immuntherapie kann die Erkrankung in interdisziplinärere Zusammenarbeit mit den beteiligten Kliniken zudem mittels Immuntherapie behandelt werden. Bei dieser kommen spezielle Immuntherapeutika zum Einsatz, die die Bildung schädigender Antikörper unterdrücken.
- Kortison: Kortison zählt zu den Standardtherapeutika. Mit dem körpereigenen Hormon wird die Überaktivität des Immunsystems gedämpft.
- Acetylcholinesterasehemmer: Mit diesem Wirkstoff wird der Abbau des Botenstoffes Acetylcholin gebremst und damit die Reizübertragung von den Nerven zu den Muskeln verbessert. Die Erkrankung ist zwar nicht heilbar, es existieren jedoch medikamentöse Therapien, die durch eine Verbesserung der Signalübertragung zwischen Nerv und Muskel die Symptome der Erkrankung lindern können. Gleichzeitig können sie den Verlauf der Erkrankung günstig beeinflussen.
- Biologika: Neuartige monoklonale Antikörper wie Rituximab und Eculizumab, greifen spezifisch in den Krankheitsprozess ein und können das Krankheitsgeschehen in bestimmten Konstellationen nachhaltig positiv zu beeinflussen.
- Gentherapie: Die Fortschritte in der Genetik haben eine genaue Identifizierung der auslösenden Mutation und damit neue Therapiemöglichkeiten im Sinne einer Erbgut-Reparatur oder Stammzelltherapie ermöglicht. Auch medikamentöse Behandlungsformen sind in der Entwicklung. Diese Therapieansätze werden allerdings noch erforscht. Für einige Muskelerkrankungen sind aber bereits vereinzelte Behandlungsmöglichkeiten vorhanden. Der Nachweis einer genetischen Veränderung (insbesondere im SOD1-Gen) kann mit einer Therapieoption (einer Behandlung mit dem genetischen Medikament Tofersen) verbunden sein.
Weitere Therapieansätze:
- Physiotherapie: In der Physiotherapie wird zumeist an der Verbesserung von Kraft, Beweglichkeit und Mobilität gearbeitet.
- Ergotherapie: und Aktivitäten des täglichen Lebens trainiert werden (ADL-Training).
- Logopädie: ist eine Logopädin hinzuzuziehen.
- Funktionelle Elektrostimulation (FES): Da eine Therapiefrequenz von mehreren Einheiten pro Woche anzustreben ist, kann die funktionelle Elektrostimulation (FES) sinnvoll sein, um das eigenständige Training zu Hause zu fördern. Mit der EMG-getriggerten Stimulation können innervierte Muskeln, also jene, bei denen der zuleitende Nerv intakt ist, gekräftigt werden. Muskelanteile, bei denen der zuleitende Nerv geschädigt ist, aufgebaut werden. Die funktionelle Elektrostimulation kann somit den Muskelaufbau bei verschiedensten Formen von Muskelschwund fördern. Ihr Einsatz kann bei immobilitätsbedingtem Muskelschwund (z.B. den Muskelaufbau zu beschleunigen.
- Interdisziplinäre Therapieansätze: Interdisziplinäre Therapieansätze beinhalten die Versorgung mit Hilfsmitteln (Gehhilfen, Orthesen), das Training der Atmung sowie des Herzkreislauf-Systems.
- Atemtherapie: Ist beispielsweise die Atemmuskulatur (Muskeln von Brustwand, Zwerchfell und Bauch) geschwächt, kann es zu Atemproblemen kommen. Das Ausmaß hängt dabei von der jeweils vorliegenden Erkrankung selbst sowie deren Verlauf ab. Mit Erkrankungsfortschreiten kann sich eine Ateminsuffizienz entwickeln, die eine künstliche Beatmung erforderlich werden lässt.
- Herzschrittmacher: Bei einigen Funktionsstörungen des Herzmuskels kann der Einsatz eines Herzschrittmachers erforderlich werden.
- MyoPro® Orthese: Informieren Sie sich diesbezüglich über die MyoPro® Orthese, die bei neuromuskulären Erkrankungen eine Hilfe im Alltag für den eingeschränkten Arm sein kann. Interessieren Sie sich für die myoelektrische Orthese und haben eine neurologische Muskelerkrankung, nutzen Sie unseren MyoPro®-Test, um herauszufinden, ob die Orthese in Ihrem Fall für Sie geeignet ist.
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