Die Behandlung von Epilepsie bei Erwachsenen ist ein komplexer Prozess, der eine sorgfältige Diagnose, die Auswahl geeigneter Medikamente und eine kontinuierliche Anpassung der Dosierung erfordert. Ziel ist es, Anfallsfreiheit zu erreichen und gleichzeitig die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Eine falsche Dosierung von Medikamenten kann jedoch schwerwiegende Folgen haben, von unkontrollierten Anfällen bis hin zu unerwünschten Nebenwirkungen.
Diagnose und Therapie der Epilepsie
Nach der Diagnose einer Epilepsie und der genauen Charakterisierung der Anfallsform kann eine passende Therapie begonnen werden. Diese beginnt meist mit Medikamenten, sogenannten Anfallssuppressiva oder Antikonvulsiva, mit denen etwa zwei von drei Patienten anfallsfrei werden. Die Auswahl des geeigneten Medikaments und die richtige Dosierung sind entscheidend für den Behandlungserfolg.
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Behandlung zielt darauf ab, die abnorme Reizbarkeit der Nervenzellen, die zu epileptischen Anfällen führen, herabzusetzen und so ihre Anfallsbereitschaft zu vermindern. Nur Ärzte können entscheiden, welche Medikamente und welche Dosis angebracht sind.
Die Auswahl des richtigen Antikonvulsivums hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter Alter, Gewicht, Kontraindikationen, Allergien, Geschlecht und Ausprägung des Anfallsgeschehens. Zu Beginn der Therapie kann die Auswahl der richtigen Anfallssuppressiva sowie die Entscheidung zwischen Mono- und Kombinationstherapie einige Zeit in Anspruch nehmen.
Es gibt eine Vielzahl von Wirkstoffen, die je nach Verträglichkeiten, Alter und Form der Epilepsie als Mono- oder Kombinationsbehandlung verabreicht werden können. Gängige Substanzen bei Epilepsie sind z. B. Valproat, Lamotrigin, Levetiracetam, Carbamazepin und Topiramat. Die verwendeten Anfallssuppressiva und Medikamente werden immer in enger Abstimmung mit Arzt oder Ärztin gewählt.
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Pharmakoresistente Epilepsie
Stellt sich allerdings nach mindestens einem Jahr, unter maximal möglicher Dosierung und der Verabreichung von mindestens zwei unterschiedlichen Anfallssuppressiva (entweder in Mono- oder Kombinationstherapie) noch immer kein Behandlungserfolg ein, also eine Verbesserung des Anfallsgeschehens, handelt es sich eventuell um eine pharmakoresistente Epilepsie (Epilepsie spricht nicht auf Medikamente an). In diesem Fall können unter Umständen andere Behandlungsmöglichkeiten greifen, zum Beispiel die Epilepsiechirurgie und Neurostimulation (Vagusnervstimulation).
Weitere Therapieoptionen
Neben der medikamentösen Therapie gibt es weitere Optionen, die zur Verbesserung des Anfallsgeschehens beitragen können. Dazu gehören eine Umstellung der Ernährung (ketogene Ernährungstherapie), Psychotherapie, Neuropsychologie und gezielte Anfallsunterbrechung.
Auch Operationen wie die Vagusnerv-Stimulation (Neurostimulation) stehen zur Verfügung, ebenso wie die ketogene Ernährungstherapie (KET). Welche Therapie für die jeweiligen Patientinnen und Patienten geeignet ist, hängt vor allem vom individuellen Krankheitsbild, der Anfallsform und den damit verbundenen Besonderheiten ab.
Ursachen und Anfallsformen der Epilepsie
Neben der Ursache der Epilepsie werden auch die Anfallsform, zusätzlich bestehende Krankheiten und weitere medizinische Befunde zur Diagnose und Auswahl der richtigen Medikamente bzw. Behandlungsmöglichkeit herangezogen. So wirken manche Medikamente zum Beispiel nur bei bestimmten Epilepsie-Syndromen, während die Epilepsiechirurgie häufig nur bei fokalen Epilepsien anwendbar ist. Auch das Alter des Betroffenen bei Krankheitsbeginn spielt eine sehr wichtige Rolle.
Epilepsie ist keine einheitliche Erkrankung. Definiert wird sie über das hervorstechende Krankheitszeichen „epileptischer Anfall“. Eine Epilepsie kann viele Ursachen haben - zum Beispiel genetische Veränderungen, Stoffwechselstörungen, Missbildungen des Gehirns, Folgen von Hirnverletzungen und Entzündungen des Gehirns, bis hin zu Hirntumoren und Schlaganfällen. Manchmal bleibt die Ursache auch unklar.
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Ein epileptischer Anfall kann sehr unterschiedlich aussehen. Am bekanntesten ist der große epileptische Anfall. Der Betroffene verkrampft sich. Dann geht die Verkrampfung in Zuckungen über. Häufig ist die Atmung gestört und das Gesicht läuft bläulich an. Andere Anfallsformen fallen weniger auf. Zum Beispiel die Absence, die vor allem bei Schulkindern und Jugendlichen vorkommt. Hier drehen sich die Augen für wenige Sekunden nach oben und der Betroffene ist in dieser Phase nicht aufnahmefähig. Die Anzeichen epileptischer Anfälle variieren sehr stark.
Fokale Anfälle
Epileptische Anfälle können im Gehirn herdförmig entstehen (fokale Anfälle). Manchmal sieht man dem Betroffenen gar nicht an, dass er einen Anfall hat. Er berichtet nur eine Wahrnehmung, wie zum Beispiel das Sehen von Blitzen in einer Hälfte des Gesichtsfeldes, Höreindrücke oder Kribbeln und Taubheitsgefühle im Bereich einer Extremität.
Manche Eindrücke sind auch komplexer, wie Angstgefühle oder ein Déjà-vu, bei dem der Patient glaubt, etwas gerade Erlebtes habe er schon einmal erlebt. Es können auch motorische Elemente auftreten. Der Betroffene zeigt dann zum Beispiel Zuckungen der Hand, des Armes oder des Beines. Anfälle des Schläfenlappens im Gehirn gehen häufig mit Bewusstseinseinschränkungen einher. Der Patient kaut, schmatzt und macht unbewusste wiederholte Handbewegungen.
Generalisierte Anfälle
Generalisierte Anfälle betreffen beide Hirnhälften. Eventuell kommt es nur zu einem kurzen Aussetzer, der 10-20 Sekunden dauert. Begleitend kann der Betroffene blinzeln, die Augen nach oben bewegen oder den Kopf leicht nach hinten neigen (Petit Mal). Bei einem großen generalisierten Anfall (Grand Mal) verkrampft sich der Patient zunächst (tonische Phase). Gewöhnlich setzt dann nach 30-60 Sekunden eine Phase des Zuckens des ganzen Körpers ein (klonische Phase). Insbesondere beim großen epileptischen Anfall ist der Betroffene tief bewusstlos. Seine Atmung ist eingeschränkt und sein Gesicht kann sich blau verfärben.
Fokale Anfälle können in generalisierte Anfälle übergehen. Daneben gibt es noch weitere Anfallsformen. So können Zuckungen unregelmäßig am ganzen Körper auftreten oder komplexe Handlungen, wie Weglaufen oder bizarre Bewegungen beobachtet werden.
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Es gibt auch Anfälle, in denen der Betroffene die Muskelspannung verliert und zusammensackt. Solche Anfälle werden als atonische Anfälle bezeichnet. Sie sind leicht zu verwechseln mit einer Ohnmacht (Synkope), einem kurzzeitigen Kreislaufzusammenbruch. Hier muss besonders genau unterschieden werden.
Auf der anderen Seite gibt es Anfälle, bei denen der Betroffene völlig versteift hinstürzt. Dies ist für ihn gefährlich und führt auch teilweise zu schweren Kopfverletzungen.
Falsche Dosierung von Medikamenten: Ursachen und Folgen
Die richtige Dosierung der Medikamente ist entscheidend für den Behandlungserfolg. Sinkt der Medikamentenspiegel im Blut unter eine bestimmte, für jeden Betroffenen individuell zu bestimmende Schwelle, wirkt das Präparat nicht. Eine falsche Dosierung kann verschiedene Ursachen haben:
- Unregelmäßige Einnahme: Bei der medikamentösen Behandlung der Epilepsie ist es besonders wichtig, dass die Anfallssuppressiva regelmäßig und zu festen Zeiten eingenommen werden.
- Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten: ASM haben zudem potenzielle Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Vor allem die Interaktion von Substanzen wie Lamotrigin mit hormonellen Kontrazeptiva ist von hoher klinischer Relevanz. Darüber hinaus sind einige ASM, wie Carbamazepin und Phenytoin, Induktoren bestimmter Zytochrom-P450-Isoenzyme. Sie können z. B. die Wirksamkeit oraler Antikoagulanzien sowie antiviraler oder antibiotischer Medikamente beeinflussen.
- Veränderungen im Körper: Alter, Gewicht, Kontraindikationen, Allergien, Geschlecht und Ausprägung des Anfallsgeschehens beeinflussen die Wahl des richtigen Medikaments.
Die Folgen einer falschen Dosierung können vielfältig sein:
- Unkontrollierte Anfälle: Wenn der Medikamentenspiegel zu niedrig ist, können Anfälle weiterhin auftreten.
- Nebenwirkungen: Eine zu hohe Dosierung kann zu unerwünschten Nebenwirkungen führen, wie Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Schwindel, Sprachstörungen, Gewichtszunahme, Zittern oder Haarausfall.
- Status epilepticus: In seltenen Fällen kann eine falsche Dosierung zu einem Status epilepticus führen, einer Serie von epileptischen Anfällen, die lebensgefährlich sein kann.
Was tun bei falscher Dosierung?
Wenn Sie vermuten, dass Sie eine falsche Dosierung Ihrer Medikamente einnehmen, sollten Sie umgehend Ihren Arzt kontaktieren. Er kann die Dosierung überprüfen und gegebenenfalls anpassen.
Es ist wichtig, die Medikamente regelmäßig und zu festen Zeiten einzunehmen. Wenn Sie eine Einnahme vergessen haben, sollten Sie diese so schnell wie möglich nachholen, es sei denn, es ist fast Zeit für die nächste Einnahme. In diesem Fall sollten Sie die vergessene Einnahme auslassen und die nächste Einnahme wie gewohnt einnehmen.
Führen Sie einen Anfallskalender, um festzuhalten, wann und wie oft Anfälle auftreten. Dies kann Ihrem Arzt helfen, die Wirksamkeit Ihrer Medikamente zu beurteilen und die Dosierung entsprechend anzupassen.
Absetzen von Medikamenten
Wesentlich für anfallsfreie Patientinnen ist die Frage, ob und wann ein ASM abgesetzt werden kann. Das Absetzen eines ASM sollte nach einer sorgfältigen Nutzen-Risiko-Abwägung gemeinsam von Ärztin und Patient*in entschieden werden.
Der Nutzen des Absetzens eines ASM kann in einem Wegfall etwaiger Nebenwirkungen und Wechselwirkungen und somit in der Verbesserung der Lebensqualität bestehen. Darüber hinaus kann die langjährige Einnahme von ASM die Lebensqualität der Patient*innen reduzieren, und das Absetzen kann die Lebensqualität verbessern.
Den dargestellten Nutzen stehen Risiken eines Absetzversuchs gegenüber, die durch das Auftreten eines erneuten epileptischen Anfalls und die damit verbundenen Folgen entstehen. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass Patient*innen mit einem Anfallsrezidiv nach dem Absetzen von ASM trotz erneuter Einnahme nicht wieder anfallsfrei werden.
Basierend auf den erwähnten Studien kann das Absetzen eines ASM nach einer Mindestdauer von 2 Jahren Anfallsfreiheit erwogen werden. Das Risiko eines erneuten Anfalls nach dem Absetzen des ASM sinkt, je länger Patient*innen anfallsfrei waren.
Patient*innen sollten darüber aufgeklärt werden, dass ASM nur nach ärztlicher Rücksprache abgesetzt werden sollten, um das Risiko für einen Status epilepticus oder Entzugsanfälle zu minimieren.
Leben mit Epilepsie
Die Behandlung von Epilepsie zielt nicht nur auf die Kontrolle epileptischer Anfälle ab, sondern berücksichtigt den gesamten Menschen in seiner individuellen Lebenssituation. Es geht darum, die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten zu verbessern und ihnen trotz der Erkrankung ein erfülltes Leben zu ermöglichen. Dabei stehen nicht nur medizinische Aspekte im Vordergrund, sondern auch psychologische, soziale und emotionale Faktoren.
Die Beziehung zwischen Ärztinnen und Ärzte und Patientinnen und Patienten ist zentral. Es geht nicht nur darum, eine Krankheit zu behandeln, sondern einen Menschen in einer bestimmten Lebensphase mit all seinen Ängsten, Hoffnungen und Wünschen.
Frühbehandlung
Oft kommen zu sogenannten "kleinen Anfällen" (zum Beispiel Absencen und Auren) später "große Anfälle" (Grand-mal-Anfall) hinzu - gelegentlich erst viele Monate oder gar Jahre nach dem Beginn der Epilepsie. Da die meisten Anfälle ohne Vorwarnung auftreten, sind epilepsiekranke Menschen bei Anfällen, die mit Bewusstlosigkeit, Umdämmerung, Gleichgewichtsstörungen oder Sturz einhergehen, unfallgefährdet - z. B. beim Klettern, im Straßenverkehr, beim Radfahren, auf Treppen, in der Badewanne oder beim Schwimmen.
Anfallsfreiheit
Das Ziel der Behandlung ist völlige Ausheilung der Epilepsie. Es ist dann erreicht, wenn auch ohne Medikamente keine Anfälle mehr auftreten. Die Patientinnen und Patienten, die weitere Anfälle erleiden, werden häufig mit einer Kombination aus verschiedenen Wirkstoffen behandelt (Kombinationstherapie).
Teilnahme am Straßenverkehr
Durch eine Bewusstseinseinschränkung beim Anfall oder danach, aber auch durch unkontrollierte Bewegungen oder Hör- und Sehstörungen während des Anfalls kann es zu Unfällen kommen. Auch die Tauglichkeit, selbstständig ein Kfz zu führen, ist bei fast allen Patienten, die noch Anfälle haben, eingeschränkt, beziehungsweise es besteht ein Fahrverbot. Für die Personenbeförderung und für das Lkw-Fahren gelten besonders strenge Richtlinien. Alle Menschen mit Epilepsie sollten sich zum Thema Fahrverbot / Fahrerlaubnis / Fahrtauglichkeit / Führerschein unbedingt fundiert von ihrem behandelnden Arzt beraten lassen.