Essen Score Migräne: Ein umfassender Überblick über Zusammenhänge, Ursachen und Therapieansätze

Migräne ist mehr als nur Kopfschmerz. Sie ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen kann. Ein wichtiger Aspekt im Verständnis und der Behandlung von Migräne ist die Berücksichtigung von Begleiterscheinungen wie Osmophobie (Geruchsempfindlichkeit) und die Rolle der Ernährung. Der "Essen Score Migräne" bezieht sich auf die Forschung und Therapieansätze, die am Universitätsklinikum Essen und anderenorts entwickelt wurden, um Migräne besser zu verstehen und zu behandeln.

Die Vielschichtigkeit der Migräne

Die Migräne ist eine genetisch bedingte Erkrankung, bei der das Gehirn eine gesteigerte Reizverarbeitung aufweist. Äußere Reize wie Licht, Lärm oder Gerüche, aber auch außergewöhnliche körperliche oder psychische Belastungen und Hormonschwankungen können Migräneattacken auslösen.

Osmophobie: Mehr als nur eine Begleiterscheinung

Jeder zehnte Migränepatient zeigt eine Osmophobie, eine Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten Gerüchen. Eine Studie des Universitäts-SchmerzCentrums (USC) Dresden ergab jedoch, dass die Osmophobie deutlich häufiger auftritt: 62 % der Patienten zeigten in der akuten Phase eine erhöhte Sensitivität für Gerüche, 38 % bereits vor der Attacke und 32 % berichteten über eine permanente Geruchsüberempfindlichkeit. Besonders häufig störten sich die Befragten an süßem Parfüm (36 %) und Essensgerüchen (22 %), aber auch an Zigarettenrauch, schlechter Raumluft und Abgasen.

Interessanterweise zeigten Patienten mit Aura doppelt so häufig eine erhöhte Empfindlichkeit gegen Gerüche wie solche ohne Aura. Dies deutet darauf hin, dass diese Patientengruppe klinisch stärker beeinträchtigt ist.

Die unangenehmen Duftmischungen stimulieren nicht nur olfaktorische sensorische Neurone, sondern reizen auch das trigeminale System. Schmerz- und Geruchswahrnehmung sind auf zentralnervöser wie auch peripherer Ebene eng miteinander verwoben. Jegliche Sensibilisierung trigeminaler Afferenzen kann bis in den spinalen Trigeminuskern weitergeleitet werden und Kopfschmerzen Vorschub leisten.

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Störende Düfte sind jedoch nicht nur Begleiter, sondern sehr häufig spezifische Auslöser von Migräneattacken. In einer Studie kam es bei rund 35 % der Migränepatienten 72 Minuten nach Geruchsexposition zu Übelkeit und nach 2 Stunden zum Migränekopfschmerz. Bei Patienten mit Spannungskopfschmerzen wurde in keinem einzigen Fall eine Attacke ausgelöst.

Das Riechvermögen von Migränikern

Entgegen der Annahme, Migräniker hätten eine besonders feine Nase, zeigen Riechtests, dass sie in allen Altersgruppen eine höhere Riechschwelle als Gesunde haben. Besonders Patienten mit Migräne mit Aura nehmen Gerüche erst in höheren Konzentrationen wahr. Gleichzeitig zeigen sie aber eine höhere Diskriminationsfähigkeit, sie können Gerüche besser unterscheiden als Migränepatienten ohne Aura.

Das morphologische Korrelat der Osmophobie und des geringeren Riechvermögens ist ein reduziertes Volumen des Bulbus olfactorius. Eine linksbetonte Riechkolbenatrophie, die mit dem Ausmaß der Osmophobie korreliert, wurde bei Patienten mit episodischer Migräne nachgewiesen. Diese Atrophie ist wahrscheinlich die Konsequenz von Vermeidungsverhalten, da aus Sorge, durch einen Geruch eine Migräneattacke auszulösen, das Riechen vermieden wird.

Riechtraining als Therapieansatz

Am USC Dresden wurde ein strukturiertes Riechtraining als zusätzliche prophylaktische Maßnahme bei Kindern und Jugendlichen mit Kopfschmerzen durchgeführt. Die Teilnehmer schnupperten zweimal täglich olfaktorisch stimulierende Rosen- und Zitronendüfte. Nach drei Monaten hatte zwar nicht die Intensität der Kopfschmerzen abgenommen, aber im Vergleich zu Kontrollen war die Wahrnehmungsschwelle für den Schmerz gestiegen - die gefühlten Kopfschmerztage wurden weniger. Eine placebokontrollierte Folgestudie mit 85 Kindern und Jugendlichen bestätigte die Effekte.

Mit der verbesserten Duftwahrnehmung ging zudem ein Anstieg der allgemeinen Wahrnehmungsschwelle für Schmerzen einher. Die Befunde wurden nicht nur über die Auswertung der Kopfschmerzkalender allein für den Kopfschmerz erhoben, sondern über die mechanische Schmerzwahrnehmung im Arm- und Kopfbereich mittels quantitativer sensorischer Testung (QST) auch für andere Schmerzqualitäten. Riechtraining reduziert also die Schmerzempfindlichkeit und könnte eine weitere nichtmedikamentöse Kopfschmerztherapie darstellen. Möglicherweise bietet die Desensitisierung den Patienten mit Migräne auch einen Schutz vor einer Chronifizierung der Schmerzen.

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Riechen, Migräne und Depression

Studien zeigen, dass eine erworbene Riechstörung die Lebensqualität um rund 20 % senkt, was vor allem den Beeinträchtigungen beim Kochen, Essen, Appetit und der Stimmungslage geschuldet ist. Die Ausprägung depressiver Symptome korreliert mit dem Riech- und Schmeckvermögen, und ein strukturiertes Riechtraining ist geeignet, auch die Symptome einer Depression zu bessern. Riechen und Stimmung sind eng miteinander verbunden, da es direkte Verbindungen vom Bulbus olfactorius zur Amygdala und zum Hippocampus, also zum limbischen System, gibt.

Das Risiko, eine Depression zu entwickeln, ist bei Migränepatienten erhöht. Eine Gemeinsamkeit bei Migräne und Depression ist die Verkleinerung des Bulbus olfactorius, die als Marker für eine Depression ausgemacht wurde. Da das Riechtraining zu einer neuroplastischen Zunahme des Bulbus-Volumens und seiner Konnektivität mit afferenten und efferenten Strukturen führt, können möglicherweise beide Krankheiten gleichzeitig adressiert werden.

Ernährung und Migräne: Ein heiß diskutiertes Thema

Der Einfluss der Ernährung auf Kopfschmerzen ist eines der am heißesten diskutierten Themen unter Betroffenen und Experten. Migränebetroffene sehen oft einen direkten Zusammenhang zwischen ihrer Ernährung und dem Auftreten von Migräneattacken. Die Forschung zu diesem Zusammenhang läuft auf Hochtouren, da die Beobachtungen vieler Betroffener zu vermeintlich migräneauslösenden Lebensmitteln und der rege Austausch über heilsversprechende Migränediäten einen großen Bedarf an Klärung schaffen.

Bei der Migräne muss man sauber zwischen der Ursache der Erkrankung und den Auslösern von Attacken unterscheiden. Die Kopfschmerzforschung konnte nachweisen, dass Migräne eine genetische Ursache hat. Damit ein Mensch mit der Veranlagung zur Migräne tatsächlich eine Migräneattacke bekommt, müssen bestimmte Auslöser gegeben sein.

Die medizinische Forschung geht heute davon aus, dass das Gehirn eines Menschen mit Migräneveranlagung eine gesteigerte Reizverarbeitung hat. Mit dieser Veranlagung geht ein besonderer Energiebedarf des Gehirns einher. Wenn im Gehirn eines Menschen mit Migräneveranlagung ein Energiedefizit entsteht, können potentielle Auslöser leichter zu Migräneattacken führen, weil der erhöhte Energieverbrauch, der durch die Konfrontation mit diesen Auslösern gegeben ist, nicht ausgeglichen werden kann.

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Die gleichmäßige Energieversorgung ist neben dem möglichen Vermeiden von individuellen Auslösern daher eine zentrale Säule in der Prävention von Migräneattacken. Um Defizite in der Versorgung zu vermeiden, sind regelmäßige Mahlzeiten wichtig, mit denen das Gehirn etwas anfangen kann. Die Energiequelle für unser Gehirn ist Glukose. Mehrere über den Tag verteilte Haupt- und Zwischenmahlzeiten mit ausreichendem Kohlenhydratanteil gelten nach aktuellem Forschungsstand als sicherster Weg in der Prävention. Entscheidend ist dabei, solche Kohlenhydrate zu sich zu nehmen, die allmählich und gleichmäßig im Körper abgebaut werden, also sogenannte komplexe Kohlenhydrate. Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte sind klassische Lieferanten für solche Kohlenhydrate, die den Blutzuckerspiegel konstant halten. Sogenannte Einfachzucker sorgen zwar für eine kurzfristige Verfügbarkeit von Kohlenhydraten, führen aber zu Blutzuckerschwankungen, die für Migränepatienten risikoreich sind.

Ernährungsempfehlungen für Migränepatienten

Vor dem Hintergrund der aktuellen Erkenntnisse der Migräneforschung raten Migräneexpert*innen Betroffenen fast geschlossen davon ab, Ernährungsweisen zu praktizieren, in denen über längere Zeit keine Nahrung zu sich genommen wird oder die eine Reduktion von auch komplexen Kohlenhydraten vorsehen. Mehrere Studien stimmen darin überein, dass die mediterrane Ernährung einen positiven Effekt für Migränebetroffene hat.

Eine ausgewogene, vollwertige Ernährung mit regelmäßigen Mahlzeiten aus frischen, möglichst wenig verarbeiteten Lebensmitteln und einer gleichmäßigen Zufuhr von komplexen Kohlenhydraten gilt weiterhin als Goldstandard der Migräneprävention. Menschen mit Migräneveranlagung sollten keine Mahlzeiten auslassen und besonders auf das Frühstück nicht verzichten. Um das nächtliche und morgendliche Energiedefizit zu verhindern, ist auch eine Bettmahlzeit eine gute Maßnahme.

Betroffene, die nachvollziehen wollen, wie stark der Einfluss der Ernährung auf ihre Migräne ist, können eine Zeitlang ein Ernährungs- und Migränetagebuch führen. Hat man vielleicht in den Tagen vor einer Attacke Mahlzeiten ausgelassen oder sonstige Abweichungen im Essverhalten dokumentiert?

Viele Betroffene denken, dass bei ihnen Schokolade Migräneattacken auslöst. Heute geht man davon aus, dass der Heißhunger auf Süßes, der oft mit Schokoladenkonsum beantwortet wird, ein klassischer Vorbote einer Migräneattacke ist.

Weitere Aspekte der Ernährung bei Migräne

Eine bewusste Ernährung kann der Entstehung von Kopfschmerzen vorbeugen. Nicht nur für Migränepatienten empfiehlt es sich, vollwertige Kohlenhydrate zu sich zu nehmen. Insbesondere bei morgendlichen Migräneanfällen ist es hilfreich, am späteren Vorabend einen Müsliriegel zu essen, um nicht in einen energetischen Mangel zu kommen.

Die Basis stellt immer eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr dar. Für Migränepatienten kann es hilfreich sein, die Flüssigkeitszufuhr auf 3 Liter pro Tag zu erhöhen. Im besten Fall sollte reines Wasser, Saftschorle oder Kräutertee getrunken werden.

Koffein bewirkt eine Verengung der Blutgefäße, wodurch körperliche und geistige Aktivität begünstigt werden. Dementsprechend wird durch erhöhten energetischen Umsatz zunächst Kopfschmerz verhindert, nach Beendigung der Koffeinzufuhr tritt jedoch Müdigkeit auf und Kopfschmerz kann entstehen. Daher ist es wichtig, Koffein über den Tag verteilt und in geringerer Dosis zuzuführen und darauf zu achten, dass weitere Nahrungsmittel kein Koffein enthalten. Besondere Vorsicht ist bei koffeinhaltigen Medikamenten geboten.

Tyramin und Phenylalanin können die Gefäßregulation stören und Kopfschmerzen auslösen. Neben den bereits erwähnten Blutzuckerschwankungen kann ein Mangel an Eisen und Magnesium Kopfschmerzen auslösen.

Auch der Eiscremekopfschmerz kann Migräneattacken triggern.

Messung der Beeinträchtigung durch Migräne: Der MIDAS-Score

Um die Beeinträchtigung durch Migräne zu messen, wurde der MIDAS-Score (Migraine Disability Assessment) entwickelt. Er erfasst den Grad der Beeinträchtigung, den Betroffene in ihrem täglichen Leben erfahren.

Der MIDAS-Score unterstützt besonders gut solche Therapieansätze, die mittel- und langfristig einen präventiven Ansatz verfolgen. Behandlungserfolge können direkt in Form der Reduktion von Behinderung und damit auch als Verbesserung der Lebensqualität gemessen werden.

CGRP-Antikörper: Eine neue Therapieoption

CGRP(-Rezeptor) Antikörper stellen eine neue zielgerichtete Therapieoption in der Migräneprophylaxe dar. In den Zulassungsstudien zeigte der CGRP-Rezeptor Antikörper Erenumab bei guter Verträglichkeit und Sicherheit eine überlegene Wirksamkeit im Vergleich zum Placebo.

Eine Studie konnte zeigen, dass Erenumab im klinischen Alltag bei Patient*innen mit chronischer Migräne und mehreren erfolglosen Vortherapien bei guter Verträglichkeit zu einer signifikanten Verbesserung der Kopfschmerztage führt.

Migräne und White Matter Lesions

Eine Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen Migräne mit Aura (MigA+) und Migräne ohne Aura (MigA−) und dem Progress von White Matter Lesions (WML). Es besteht die Tendenz, dass die WML-Progression bei Frauen mit MigA+ ausgeprägter ist als bei Frauen ohne Kopfschmerzen; auch bei Frauen mit MigA− liegen Hinweise dafür vor.

Die Migräne-App

Die Migräne-App ist ein digitales Versorgungsangebot, das direkt in die professionelle ärztliche Versorgung eingebunden ist. Anhand von quantitativen Verlaufsparametern wird es Patient und Arzt möglich, die Therapieanpassung zu optimieren, den Verlauf zu kontrollieren und die Effektivität der Behandlungsmaßnahme zu steigern.

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