Einführung
Die Vorstellung eines chemischen Ungleichgewichts im Gehirn als Ursache für psychische Erkrankungen, insbesondere Depressionen, ist weit verbreitet. Dieser Artikel beleuchtet die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu diesem Thema, untersucht die Rolle von Neurotransmittern wie Serotonin, Dopamin, Noradrenalin, Endorphinen und Oxytocin und diskutiert die Kontroversen um die Serotonin-Hypothese.
Was sind Depressionen und depressive Verstimmungen?
Depressionen sind mehr als nur Traurigkeit. Sie sind eine ernsthafte Erkrankung, die das Denken, Fühlen und Verhalten einer Person beeinträchtigen kann. Es gibt verschiedene Grade und Formen von Depressionen, die sich in ihren Symptomen und Auswirkungen auf den Alltag unterscheiden.
Unterschied zwischen depressiver Verstimmung und Depression
Eine depressive Verstimmung ist in der Regel leichter ausgeprägt als eine Depression. Depressionen werden in leichte, mittlere und schwere Formen unterteilt, wobei leichte und mittlere Depressionen oft als depressive Verstimmung bezeichnet werden. Im Volksmund werden die Begriffe jedoch häufig synonym verwendet.
Grade einer Depression
Die Schwere einer Depression wird anhand der Anzahl der Haupt- und Nebensymptome bestimmt.
Hauptsymptome:
- Gedrückte, depressive Stimmung
- Interessenverlust, Freudlosigkeit
- Antriebsmangel, erhöhte Ermüdbarkeit
Nebensymptome:
- Verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit
- Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
- Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit
- Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
- Selbstmordgedanken
- Schlafstörungen
- Appetitmangel
Je nach Anzahl der Symptome wird die Depression in leichte, mittlere oder schwere Depression eingeteilt.
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Spezielle Formen der Depression
Es gibt auch spezielle Formen der Depression, wie z.B.:
- Manisch-depressive Erkrankung (Bipolare Störung): Wechsel zwischen tiefster Niedergeschlagenheit und höchster Euphorie.
- Winterdepression: Tritt gehäuft in der dunklen Jahreszeit aufgrund von Lichtmangel auf.
- Depressionen in der Schwangerschaft: Kann durch hormonelle Veränderungen und Konflikte in Bezug auf die Rolle der zukünftigen Mutter ausgelöst werden.
- Depressionen bei Männern: Oft unerkannt, da Männer eher zu Wutausbrüchen oder körperlichen Symptomen neigen.
- Depressionen im Alter:
Ursachen von Depressionen: Ein komplexes Zusammenspiel
Die Ursachen von Depressionen sind vielfältig und komplex. Ein Ungleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn kann eine Rolle spielen, aber es ist selten die alleinige Ursache.
Neurotransmitter und ihre Bedeutung
Neurotransmitter sind chemische Botenstoffe, die Informationen zwischen Nervenzellen übertragen. Ein Ungleichgewicht dieser Botenstoffe kann zu Verstimmungen und Depressionen führen. Zu den wichtigsten Neurotransmittern gehören:
- Dopamin: Sorgt für angenehme Gefühle und Motivation. Ein Mangel kann zu Niedergeschlagenheit führen.
- Noradrenalin: Aktiviert und macht wach.
- Endorphine: Unterdrücken Schmerzen.
- Serotonin: Wichtig für Ruhe, Zufriedenheit und Stimmungsregulation. Ein Mangel kann Angstgefühle auslösen.
- Oxytocin: Fördert Vertrauen und Bindung.
Wie entstehen Depressionen?
Ein Ungleichgewicht der Botenstoffe allein muss nicht zwingend zur Depression führen. Kommt es aber mit einem auslösenden Faktor zusammen, der Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit auslöst, kann eine depressive Verstimmung entstehen. Weitere Faktoren, die ein Ungleichgewicht der Botenstoffe begünstigen können, sind:
- Drogen, Alkohol und bestimmte Medikamente
- Genetische Veranlagung
- Gestörter Tag-/Nachtrhythmus
- Gifte
- Erkrankungen, wie z.B. Schilddrüsenunterfunktion
- Belastende Lebensereignisse
Die Rolle der Vererbung
Studien mit Zwillingen und Adoptivkindern zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, höher ist, wenn bereits ein Elternteil daran leidet. Es gibt jedoch kein einzelnes "Depressionsgen". Die Veranlagung bestimmt lediglich die Empfindlichkeit für Depressionen.
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Symptome und mögliche Anzeichen
Depressionen können sich durch eine Vielzahl von Symptomen äußern, die von Person zu Person unterschiedlich sein können.
Körperliche Symptome
- Gewichtszu- oder -abnahme
- Vermehrt Müdigkeit
- Appetitmangel
- Schlafstörungen
- Störungen des Verdauungstraktes
- Sexuelle Funktionsstörungen
- Chronische Schmerzen
- Chronische Verspannungen
- Sehstörungen
- Vermeintliche Kreislauf- oder Herzprobleme
Seelische Symptome
- Gedrückte Stimmung
- Interessenverlust
- Erschöpfung
- Freudlosigkeit
- Antriebsmangel
- Sozialer Rückzug
- Konzentrationsstörungen
- Anspannung
- Reizbarkeit
- Nervosität
Mögliche Risikogruppen
Bestimmte Personengruppen haben ein höheres Risiko, an Depressionen zu erkranken:
- Frauen (doppelt so häufig betroffen wie Männer)
- Personen, die vermehrt Alkohol und Drogen konsumieren
- Personen, deren Familienangehörige bereits eine psychische Erkrankung aufweisen
- Menschen, die schon einmal an einer Depression litten
- Ältere Menschen, die viel Zeit alleine verbringen
- Jüngere Menschen, die hohem sozialen und psychischen Stress ausgesetzt sind
Depressionen bei Kindern
Auch Kinder können an Depressionen erkranken, wobei sich die Symptomatik oft in Wutausbrüchen, "Klammern" und häufigem Weinen äußert.
Depressionen in der Schwangerschaft
Die Auslöser sind vielfältig: Einerseits gerät der Hormonhaushalt während der Schwangerschaft in Aufruhr, was ein Ungleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn auslösen kann. Andererseits steht eine lebensverändernde Entwicklung an, die einhergeht mit Konflikten in Bezug auf die Rolle der zukünftigen Mutter.
Depressionen bei Männern
Depressionen sind bei Männern seltener als bei Frauen und werden oft gerade deshalb nicht erkannt. Zwar bleibt die Grundsymptomatik gleich: Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Schlafstörungen. Darüber hinaus neigen Männer jedoch im Gegensatz zu Frauen eher zu extremen Reaktionen wie Wutausbrüchen.
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Die Serotonin-Hypothese: Eine Kontroverse
Die Serotonin-Hypothese besagt, dass ein Mangel an Serotonin im Gehirn eine Hauptursache für Depressionen ist. Diese Hypothese war lange Zeit die Grundlage für die Behandlung von Depressionen mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI), die den Serotoninspiegel im Gehirn erhöhen.
Kritik an der Serotonin-Hypothese
Neuere Studien haben die Serotonin-Hypothese jedoch in Frage gestellt. Eine umfassende Überblicksstudie, die die Ergebnisse von 17 zusammenfassenden Studien auswertete, kam zu dem Schluss, dass es keine überzeugenden Beweise dafür gibt, dass niedrige Serotoninkonzentrationen mit Depressionen einhergehen. Die Messung von Serotonin und seinen Abbauprodukten im Blut und in Gehirnflüssigkeit zeigte keinen Unterschied zwischen depressiven Patienten und Menschen ohne Depression.
Auswirkungen auf die Behandlung
Die Kritik an der Serotonin-Hypothese hat Auswirkungen auf die Behandlung von Depressionen. Es wird zunehmend betont, dass Depressionen eine komplexe Erkrankung mit mehreren Ursachen sind und nicht allein auf ein chemisches Ungleichgewicht zurückzuführen sind. Die Behandlung sollte daher vielschichtig sein und neben Medikamenten auch Psychotherapie, Veränderungen des Lebensstils und soziale Unterstützung umfassen.
ADHS und das Dopaminsystem
Auch bei ADHS spielt ein Ungleichgewicht der Neurotransmitter eine Rolle, insbesondere des Dopamins. Viele Experten vermuten hinter einem Mangel von Dopamin in verschiedenen Hirnregionen Probleme mit Dopamintransportern. Diese Transporter sorgen dafür, dass der ausgeschüttete Botenstoff Dopamin aus dem synaptischen Spalt zwischen zwei Nervenzellen entfernt wird, wenn seine Arbeit getan ist. Falls, etwa auf Grund des genetischen Defekts, zu viele Transporter vorhanden oder überaktiv sind, könnte Dopamin zu schnell abtransportiert werden, so dass im synaptischen Spalt dann ein chronischer Dopaminmangel herrscht - vielleicht eine Ursache der Verhaltensauffälligkeiten.
Neuroplastizität und Depression
Aktuell wird in der Literatur vermehrt die Heterogenität der Depression und ihrer Genese als multifaktorielle Erkrankung betont. Zunehmend können dabei auch neurobiologisch distinkte Subtypen beschrieben werden. Diese Veränderungen führen letztlich auf einer gemeinsamen Endstrecke zu einer sich selbst verstärkenden, anhaltenden Negativspirale, die klinisch in einen depressiven Phänotyp mündet. Pathologische Modifikationen finden auf Ebene der Zellen und Zellverbindungen, in der Balance der Neurotransmitter sowie auf der Ebene der Gehirnnetzwerke statt.
Synaptische Dysfunktion
Auf zellulärer Ebene konnten Funktionsstörungen der Synapsen bei depressiven Patient:innen und in Tiermodellen der Depression nachgewiesen werden. Pathologische Prozesse an den Verbindungsstellen zwischen Neuronen, an denen elektrische Signale und chemische Neurotransmitter vom Axon eines präsynaptischen Neurons zu den Dendriten eines postsynaptischen Neurons gelangen, führen langfristig zu neuronaler Atrophie und Zelltod. Eine Vielzahl von Studien deutet darauf hin, dass die Behandlung von Depressionen auch über die Verbesserung von Neuroplastizität, Synapto- und Neurogenese vermittelt wird.
Neuroplastizität und Antidepressiva
In mehreren präklinischen und klinischen Untersuchungen konnte eine generelle Verstärkung der Neuroplastizität durch verschiedene Antidepressiva und eine Vermehrung der Synapsendichte gezeigt werden. Auch wenn Zeitrahmen und Ausmaß des Effekts zu variieren scheinen, scheint ein gemeinsamer Mechanismus die direkte Bindung an die Tropomyosin-Rezeptor-Kinase B (TrkB) zu sein, an die normalerweise das Neurotrophin BDNF („brain-derived neurotrophic factor“) bindet und diese aktiviert.
Neurotransmitter und Antidepressiva
Während die Serotoninmangelhypothese in der Ätiologie der Depression weiterhin kontrovers diskutiert wird, ist eine direkte Wirkung von Antidepressiva auf Neurotransmitter unbestreitbar. In den meisten Positronenemissionstomographie(PET)-Studien mit SSRI ist die antidepressive Wirkung mit einer mindestens 80 %igen Besetzung des Serotonintransporters (SERT), wie sie mit den Standarddosierungen dieser Substanzen erreicht wird, assoziiert.
Glückshormone: Mehr als nur Serotonin
Glückshormone sind chemische Botenstoffe in unserem Gehirn, die unser Wohlbefinden maßgeblich beeinflussen. Diese Hormone, darunter Serotonin, Dopamin, Endorphine und Oxytocin, spielen eine zentrale Rolle in der Regulierung unserer Stimmung, Motivation und sozialen Bindungen.
Serotonin: Stimmungsregulation und mehr
Serotonin ist eines der bekanntesten Glückshormone und spielt eine zentrale Rolle in der Regulierung unserer Stimmung, unseres Schlaf-Wach-Rhythmus und unserer Appetitkontrolle. Niedrige Serotoninspiegel werden oft mit Depressionen und Angststörungen in Verbindung gebracht.
Dopamin: Motivation und Belohnung
Dopamin ist stark in die Prozesse involviert, die unsere Motivation und unser Verhalten steuern. Es wird in Momenten freigesetzt, in denen wir eine Belohnung erwarten oder erhalten. Ein gesunder Dopaminspiegel führt dazu, dass wir uns energiegeladen und motiviert fühlen. Auf der anderen Seite kann ein niedriger Dopaminspiegel zu einem Mangel an Motivation führen.
Endorphine: Natürliche Schmerzlinderung
Endorphine sind körpereigene Chemikalien, die als natürliche Schmerzmittel wirken. Sie werden insbesondere in Situationen freigesetzt, die unser Wohlbefinden gefährden könnten, wie zum Beispiel bei körperlicher Anstrengung, Stress oder Verletzungen.
Oxytocin: Bindung und Vertrauen
Oxytocin wird oft als „Bindungshormon“ bezeichnet, da es eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung von engen zwischenmenschlichen Beziehungen spielt. Es wird freigesetzt, wenn wir körperliche Nähe zu anderen Menschen erleben und fördert Vertrauen und soziale Interaktionen.
Die Balance der Glückshormone
Die Balance der Glückshormone ist entscheidend für unser emotionales und körperliches Wohlbefinden. Unsere Lebensgewohnheiten haben einen direkten Einfluss auf die Produktion und Regulation der Glückshormone.
Wege zur Förderung der Glückshormone
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Produktion von Glückshormonen auf natürliche Weise zu fördern:
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Tryptophan, Omega-3-Fettsäuren und anderen wichtigen Nährstoffen.
- Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität, insbesondere Ausdauersportarten.
- Schlaf: Ausreichender und qualitativ hochwertiger Schlaf.
- Achtsamkeit und Meditation: Praktiken wie Meditation und Achtsamkeitstraining.
- Soziale Interaktionen: Der Kontakt zu anderen Menschen, insbesondere zu engen Freund*innen und Familienmitgliedern.
Therapie und Behandlung
Manchmal reicht eine gesunde Lebensweise allein nicht aus, um ein hormonelles Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, insbesondere wenn eine Person unter chronischem Stress, Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen leidet. Eine Therapie, sei es durch Gesprächstherapie, Verhaltenstherapie oder medikamentöse Behandlung, kann helfen, die Hormonbalance wiederherzustellen.
Verhaltenstherapie
Die Verhaltenstherapie ist ein effektiver Ansatz, um die Hormonbalance positiv zu beeinflussen, da sie Patient*innen dabei unterstützt, negative Denkmuster und Verhaltensweisen zu erkennen und zu verändern, die den Serotonin- und Dopaminspiegel negativ beeinflussen können.
Achtsamkeit und Mindfulness
Achtsamkeit und Mindfulness spielen eine zentrale Rolle bei der Regulation von Stress und Angst, die oft mit einem Ungleichgewicht der Glückshormone einhergehen.
Chronotherapie und Lichttherapie
Die Chronotherapie und Lichttherapie sind spezialisierte Ansätze, die sich besonders auf die Regulierung des Schlaf-Wach-Rhythmus und die damit verbundene Serotonin- und Melatoninproduktion konzentrieren.
Kreativ- und Kunsttherapie
Die Kreativ- und Kunsttherapie ermöglicht es unseren Patient*innen, durch künstlerischen Ausdruck wie Malen, Zeichnen oder Modellieren, tief verwurzelte emotionale Blockaden zu lösen, die die Produktion von Glückshormonen beeinträchtigen können.
Entspannungsverfahren
Progressive Muskelentspannung und geleitete Imagination fördern die körperliche und geistige Entspannung, was den Cortisolspiegel senkt und die Freisetzung von Endorphinen und Oxytocin anregt.
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