Expertenstandard Demenz: Inhalte und Umsetzung für eine verbesserte Lebensqualität

Demenz ist eine fortschreitende Erkrankung, die mit negativen Auswirkungen auf zahlreiche Funktionen einhergeht. Sie betrifft nicht nur das Gedächtnis, sondern auch die Interaktion und Kommunikation der Betroffenen. Umso wichtiger ist eine professionelle und zugewandte Pflege, die den Menschen mit Demenz in den Mittelpunkt stellt und seine individuellen Bedürfnisse berücksichtigt. Der Expertenstandard Demenz, insbesondere der Expertenstandard „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“, bietet hierfür eine wichtige Grundlage.

Was ist ein Expertenstandard?

Expertenstandards des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) dienen als Richtlinien, um die Qualität der Pflege in Deutschland kontinuierlich zu verbessern. Sie basieren auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und praktischen Erfahrungen und werden von Experten aus verschiedenen Bereichen entwickelt. Der Expertenstandard Demenz soll Pflegekräften Empfehlungen und Anleitungen geben, die die Beziehungsgestaltung mit Demenzpatienten erleichtern.

Bedeutung der Beziehungsgestaltung in der Demenzpflege

Zwischenmenschliche Beziehungen sind für pflegebedürftige oder kranke Menschen oft noch wichtiger als für gesunde Menschen. Eine gezielte Beziehungsgestaltung kann helfen, Ihren Patienten mehr emotionale Stabilität und Zufriedenheit zu verschaffen. Nicht nur die Beziehung zwischen Pfleger und Patient steht bei der Beziehungsgestaltung im Fokus - auch die Beziehung zu anderen Menschen sollte teil davon sein. Bei der Beziehungsgestaltung steht im Vordergrund, wie ein Mensch Beziehungen zu anderen Personen aufbaut und beibehält. Zieht ein neuer Bewohner in eine Pflegeeinrichtung, kennt er dort häufig noch niemanden. Im Verlauf soll dann gefördert werden, dass die Beziehungen intensiviert werden und sich im besten Fall zu richtigen Freundschaften entwickeln. Die Autoren des Expertenstandards „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“ haben den Schwerpunkt „Beziehung“ bewusst gewählt. Die Experten stützen sich auf die Annahme, dass Pflegefachkräfte durch eine gelingende Beziehungsgestaltung die Lebensqualität bei den Betroffenen positiv beeinflussen können. Bei Menschen mit Demenz soll mithilfe des Expertenstandards „das Gefühl, gehört, verstanden und angenommen zu werden sowie mit anderen Personen verbunden zu sein, erhalten oder gefördert“ werden.

Demenzkranke leben oft in Unsicherheit, Bedrohung und Angst. Aus diesem Grund ist die Bindung zu anderen Menschen - ob zu Familienangehörigen oder Pflegekräften - bei dieser Erkrankung sehr wichtig.

Inhalte des Expertenstandards "Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz"

Der Expertenstandard fordert, dass die Beziehungsgestaltung von Akzeptanz, Vertrauen und Respekt geprägt sein sollte. Unterschiede zwischen Patient und Pflegekraft sollen außer Acht gelassen und hingenommen werden. Das stellt oftmals ein Problem da, da es vielen Menschen schwerfällt, mit den Auswirkungen der Demenz umzugehen. Das kann sich zum einen in Pflegeeinrichtungen zeigen, in denen Menschen mit Demenz und ohne Demenz zusammenleben. Zum anderen können solche Schwierigkeiten auch im sozialen Umfeld des Demenzpatienten auftreten. Etwa wenn langjährige Freunde sich abwenden, weil sie mit den Auswirkungen der Demenz nicht zurechtkommen. Sie fühlen sich nicht mehr als vollwertiges und gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft. Dabei stehen dann aber die Erwartungen unserer heutigen Gesellschaft im Vordergrund und nicht die Bedürfnisse und Wünsche des Patienten. Der Demenzpatient fühlt sich dadurch verstanden und angenommen. Diese Kompetenz sollen Pflegekräfte dann auch an andere Personen vermitteln. Der Expertenstandard richtet sich mit einet Anleitung an Pflegekräfte, die sie bei der Beziehungsgestaltung unterstützen soll. Demenzkranke verlieren nach und nach die Fähigkeit, sich zu orientieren, Informationen zu verstehen und einzuschätzen. Mit anderen Worten: Sie verstehen sich selbst und ihre Umwelt nicht mehr. Nach den Vorgaben des Expertenstandards sollen Sie ihm in dieser Situation Sicherheit und Halt bieten. Dies gelingt Ihnen am besten, wenn Sie erkennen, welche Unterstützung Ihr demenzerkrankter Patient benötigt.

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Im neuen Expertenstandard wird die Beziehungsgestaltung zu Menschen mit Demenz anhand von fünf Ebenen erfasst:

  1. Personenzentrierte Haltung: Pflegefachkräfte sollen die Betroffenen durch eine personenzentrierte Haltung in ihrer Einzigartigkeit wahrnehmen. Es zählt der Blick auf die Person, nicht auf die Diagnose. Eine person-zentrierte Haltung bedeutet, den Menschen mit Demenz in gleichwertiger Partnerschaft zu sehen, seine subjektive Realität ernst zu nehmen und eigene Entscheidungen so weit wie möglich zuzulassen.
  2. Personenzentrierte Maßnahmenplanung: Der Maßnahmenplan sollte gemäß Expertenstandard personenzentriert sein und die auf der ersten Ebene ermittelten Unterstützungsbedarfe sowie mögliche fluktuierende Zustände berücksichtigen.
  3. Information, Anleitung und Beratung von Angehörigen: Pflegeeinrichtungen müssen die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen, um Angehörige individuell informieren, anleiten und beraten zu können. Angehörige sind Mitgestaltende. Ein kurzes Telefonat, Familienrezepte, Biografie-Details: Rückmeldungen von zu Hause schärfen die Verstehenshypothese für morgen.
  4. Dokumentation: Alle Maßnahmen müssen dokumentiert werden. In der Dokumentation muss begründet sein, warum, welche Maßnahme ausgewählt wurde.
  5. Evaluation: Die Pflegefachkraft soll gemäß Expertenstandard laufend die Wirksamkeit der Maßnahmen überprüfen. Im Idealfall zeigt der Demenzkranke Anzeichen für den Erhalt und die Förderung des Gefühls, dass er gehört, verstanden und angenommen wird.

Die Phasen der Demenz und ihre Auswirkungen auf die Beziehungsgestaltung

  1. Beginn der Erkrankung: Zu Beginn der Erkrankung ist das Erinnerungsvermögen nur punktuell beeinträchtigt. Der oberste Grundsatz lautet: Achten Sie die Selbstbestimmung. Nehmen Sie die Person unbedingt ernst und respektieren Sie die Selbstbestimmung. Fördern Sie eigenständige Aktivität und bleiben Sie tolerant. Sie sind rechtlich dazu verpflichtet, die Selbstbestimmung Ihrer Patienten zu wahren. Äußert ein Patient, dass er etwas nicht tuen möchte, müssen Sie dies akzeptieren.
  2. Fortschreitende Erkrankung: Ihr Patient kann sich Neues immer schlechter merken. Er lässt sich leicht ablenken und kann sich nur noch über kurze Phasen hinweg konzentrieren. Alltagsaktivitäten kann er nicht mehr ohne Hilfe ausführen. Die Einsichtsfähigkeit (auch in die Erkrankung) lässt nach. Er verkennt häufig optische und akustische Umgebungsreize. Unterstreichen Sie Ihre Worte immer durch Gestik und Mimik. Dies kann leichter und länger verstanden werden als Sprache. Akzeptieren Sie Verhaltensauffälligkeiten. Behalten Sie einen möglichst gleichförmigen Tagesablauf bei. Bleiben Sie gelassen.
  3. Späte Phase der Erkrankung: Ihr Patient hat kaum Erinnerungen, auch nicht an ganz frühe Lebensphasen. Das Sprachvermögen erlischt bis auf das Wiederholen einzelner Worte und Phrasen. Er versteht zunächst noch Körpersprache, später reduziert sich dieses Verständnis auf die Mimik. Die demenzerkrankte Person kann durch ihre verminderte Mobilität nicht mehr gezielt nach Reizen suchen oder Unangenehmes ausblenden. Daher ist es notwendig, dass Sie Reizüberflutung vermeiden und gezielt Sinnesanregungen anbieten. Vermeiden Sie Reizüberflutung. Der Patient kann die verschiedenen Reize nicht zuordnen oder ausblenden.

Umsetzung des Expertenstandards in der Praxis

Die Implementierung des Expertenstandards „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“ erfordert eine systematische Vorgehensweise. Der Expertenstandard enthält ein 4-Phasenmodell, das die Vorgehensweise für seine Implementierung abbildet. Ganz zu Beginn des Prozesses sollten Sie sich Zeit für die Vorbereitung nehmen. Um den Expertenstandard umsetzen zu können, sollten Sie Ihre Mitarbeiter schulen und ihnen den Inhalt näherbringen. Nachdem das gesamte Pflegepersonal in die Implementierung miteinbezogen wurde, geht es an die Konkretisierung. Sie setzen sich mit dem Expertenstandard auseinander und arbeiten heraus, welche Prozesse in Ihrer Pflegeeinrichtung angepasst werden müssen. Mit Hilfe eines Audit-Instruments überprüfen Sie, ob die Kriterien umgesetzt wurden. Die Vorbereitungsphase und die Implementierung der vier Phasen sollen circa 6 Monate in Anspruch nehmen. Während der vier Phasen wird dann eine Projektverlaufsdokumentation erhoben. Sie notieren, welche Maßnahmen Sie einleiten, um die Kriterien des Expertenstandards umzusetzen.

Verstehenshypothesen als Schlüssel zur individuellen Pflege

Damit aus Haltung Handeln wird, braucht es eine Verstehenshypothese, also eine begründete Annahme darüber, was ein Verhalten bedeuten könnte. Sie stützt sich auf die Biografie, die Situation und nonverbale Signale der Person mit Demenz. Im Team der Pflegeeinrichtung entsteht daraus ein gemeinsamer Deutungsansatz, der im Alltag erprobt und bei Bedarf angepasst wird. So wird ein überraschender demenzieller Moment für alle bearbeitbar.

Ein Beispiel: Frau Müller sagt: „Der Koch hat das Essen vergiftet.“ Ihr Widerspruch würde die Situation verhärten; eine ruhige Antwort wie „Das klingt beunruhigend. Erzählen Sie mir mehr“ öffnet sie hingegen. In der Team-Übergabe entsteht die Verstehenshypothese: „Essen“ bedeutet für Frau Müller „Sicherheit“. Daraus folgen neue Angebote, etwa ein kurzes Gespräch mit dem Küchenpersonal, ein vertrautes Rezept, ein ruhiger Sitzplatz. Abends steht in der Dokumentation: Frau Müller blieb länger am Tisch sitzen, probierte das Essen, suchte Kontakt.

Maßnahmen zur Förderung der Beziehungsgestaltung

  • Validation: Wenn die Worte einer Person mit Demenz verletzen oder Angst ausdrücken, hilft Validation: Aussagen gelten lassen, Gefühle anerkennen, Sicherheit geben, erst dann korrigieren. Dieser Umgang öffnet Türen, die mit Aufklärung allein verschlossen bleiben. Aus Anerkennung wächst Vertrauen, und aus Vertrauen wächst Gestaltungsspielraum als Basis guter Demenzpflege.
  • Bezugspflege: Bezugspflege hält diesen Rahmen zusammen, denn kontinuierliche Ansprechpersonen kennen die feinen Signale, verstehen biografische Anker schneller und geben Halt, falls die Situation kippt. Für Frau Müller bedeutet sie vertraute Gesichter, die ihren Ton kennen und ihren Takt respektieren. Den Mitarbeitenden ermöglicht dieser Rahmen, zügig anschlussfähig zu sein, vom Frühdienst bis zur Nacht.
  • Alltagsgestaltung: Beziehung entsteht im Alltag, beim Waschen, Essen, Gehen, Warten. Der Expertenstandard Demenz ruft hier zur Zuwendung und Präsenz auf. Die Versorgung mit Individuellen Hilfsmitteln wie Brille oder Hörgerät gehören selbstverständlich dazu. Zwischen Realitätsorientierung und dem Einlassen auf subjektive Realitäten braucht es Fingerspitgefühl; heute hilft ein Anker in der Gegenwart, morgen das vertraute Lied von früher.
  • Angebote: Die Angebotspalette für Personen mit Demenz ist vielfältig. Sie umfasst Erinnerungspflege mit Fotoalben oder Gespräche über frühere Berufe; Musik und Tanz aus der Jugend; Geschichten und kleine Rollenspiele; Puppen oder Stofftiere als Gesprächsanlass; Gartenarbeit mit Kräuterdüften und Gießkanne; Technik für einen virtuellen Museumsbesuch. Entscheidend ist die Passung: Reize werden person- und phasengerecht dosiert. Hilfreiche Reize dürfen bleiben, überfordernde Reize werden reduziert.
  • Rahmenbedingungen: Beziehungsgestaltung benötigt entsprechende Rahmenbedingungen, wie geschützte Bereiche, Reizschutz mit Lautstärke-Regulierung und Orientierungshilfen, zeitliche Ressourcen für Rituale und Tagesrhythmen, eine Bezugspflege mit Team-Supervisionen für Reflexion.

Struktur, Prozess und Ergebnis: Ein Haus für die Demenzpflege

Denken Sie den Expertenstandard Demenz wie ein Haus: Struktur ist das Fundament (Zeitfenster, Bezugspflege, Supervision). Prozess ist der Bau (Hypothese, Planung, Anleitung, Anpassung). Ergebnis ist das bewohnbare Zuhause (Geborgenheit, Teilhabe, Ruhe).

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Expertenstandard Demenz und Evaluation: Vier Kriterien, die tragen

Im Expertenstandard Demenz zählt Ihr fachlicher Blick. Die Bewertung ist kriteriengeleitet und offen für Team, Angehörige und, wo möglich, für die Stimme der Person mit Demenz. Sie orientieren sich an vier Feldern:

  • Stimmung/Affekt (Anspannung oder Entspannung),
  • Beziehung/Interaktion (Kontaktaufnahme, Reaktion),
  • Betätigung/Eingebundensein (Beteiligung oder Rückzug)
  • Sicherheit/Geborgenheit (ruhiger Schlaf, Orientierung, Interesse).

Die kurze Dokumentation hält das Team anschlussfähig: Pflegefachpersonen passen die Verstehenshypothese den dokumentierten Beobachtungen an. Pflegehilfspersonen spiegeln Feinzeichen der Person mit Demenz und notieren sie. Mitarbeitende der Küche und Hauswirtschaft gestalten wirksame Rituale in ihrem Bereich. Angehörige ergänzen Informationen zu Biografie und Wirkungen im Besuchskontakt. Äußert die Person mit Demenz, was ihr gutgetan hat, fließt das selbstbestimmend ein. Auf dieser Basis wird der Maßnahmenplan zeitnah und transparent angepasst. So entsteht eine Wirkungsschleife aus beobachten, deuten, erproben, notieren, nachsteuern.

Herausforderungen und Chancen bei der Umsetzung

Die Umsetzung des Expertenstandards kann in der Praxis mit Herausforderungen verbunden sein. Dazu gehören beispielsweise Zeitmangel, Personalengpässe und unterschiedliche Auffassungen über die Bedeutung von Beziehungsgestaltung. Es ist daher wichtig, alle Beteiligten in den Implementierungsprozess einzubeziehen und für die Notwendigkeit einer personenzentrierten Pflege zu sensibilisieren.

Gleichzeitig bietet die Umsetzung des Expertenstandards auch große Chancen. Sie kann dazu beitragen, die Lebensqualität von Menschen mit Demenz deutlich zu verbessern, die Zufriedenheit der Pflegekräfte zu erhöhen und das Image der Pflegeeinrichtung zu stärken.

Fazit

Der Expertenstandard Demenz, insbesondere der Expertenstandard „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“, ist ein wichtiges Instrument, um die Qualität der Pflege von Menschen mit Demenz zu verbessern. Durch eine personenzentrierte Haltung, eine individuelle Maßnahmenplanung und eine wertschätzende Beziehungsgestaltung kann es gelingen, den Betroffenen ein Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Teilhabe zu vermitteln. Die konsequente Umsetzung des Expertenstandards erfordert jedoch Engagement, Zeit und die Bereitschaft aller Beteiligten, sich auf die Bedürfnisse der Menschen mit Demenz einzulassen.

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