Fazialisparese: Moderne Behandlungsansätze und operative Möglichkeiten in der Fachklinik

Die Fazialisparese, auch Gesichtslähmung genannt, ist eine Funktionsstörung des Gesichtsnervs (Nervus facialis), die zu einer Lähmung der mimischen Gesichtsmuskulatur führt. Diese Lähmung kann angeboren oder erworben sein und betrifft meist nur eine Gesichtshälfte. Da die Kaumuskulatur vom Nervus trigeminus versorgt wird, ist diese in der Regel nicht betroffen. Je nach Ursache, Ausprägung und Dauer der Lähmung kommen verschiedene konservative und operative Therapieverfahren infrage. Die Behandlung einer Fazialisparese erfordert große Erfahrung, da die konservative und operative Behandlung oft sehr komplex ist und viele verschiedene Aspekte bei der Therapieplanung berücksichtigt werden müssen.

Ursachen und Diagnose der Fazialisparese

In etwa 75 % der Fälle ist die Ursache der Lähmung unbekannt (idiopathische Fazialisparese). In den übrigen Fällen können Infektionen, Autoimmunkrankheiten, Verletzungen, Tumoren oder angeborene Fehlbildungen die Ursache sein. Insbesondere bei bekannten Ursachen ist die Prognose oft schlechter und die Erholung der Funktion häufig unvollständig. Eine frühzeitige Vorstellung bei einem Facharzt ist empfehlenswert, um schnellstmöglich eine exakte Diagnostik durchführen zu können. Die Diagnostik erfolgt interdisziplinär mit weiteren spezialisierten Abteilungen.

Symptome der Fazialisparese

Das Hauptsymptom ist die Lähmung der mimischen Muskulatur einer Gesichtshälfte. Betroffene können nur unter Mühe lachen und sprechen, das Auge lässt sich oft nicht vollständig schließen und die Stirn kann nicht mehr gerunzelt werden. Bei einer zentralen Parese ist die Stirn jedoch häufig nicht betroffen. Weitere Symptome können sein:

  • Gesichtsasymmetrie
  • Erweiterte Lidspalte (Verlust der Fähigkeit des vollständigen Lidschlusses mit Gefahr von Hornhautschäden)
  • Positives Bell-Phänomen: aufgrund des unvollständigen Lidschlusses wird die physiologische Aufwärtsbewegung des Augapfels sichtbar
  • Verstrichene Stirn- und Nasolabialfalten
  • Beeinträchtigte Artikulation aufgrund der Schwäche der Wangen- und Lippenmuskulatur
  • Geschmacksstörung der vorderen 2/3 der Zunge
  • Abnahme der Speichelsekretion
  • Geräusch-Überempfindlichkeit
  • Abnahme der Tränensekretion

Es ist wichtig, zwischen einer zentralen (Schädigung im Gehirn) und einer peripheren Fazialisparese (Schädigung des Nerven selbst) zu unterscheiden. Bei der zentralen Lähmung ist vor allem die periorale mimische Muskulatur betroffen, während der Patient im Gegensatz zur peripheren Lähmung noch in der Lage ist, die Stirn zu runzeln.

Diagnostische Verfahren

In interdisziplinärer Zusammenarbeit erfolgt eine eingehende klinische und elektrophysiologische Untersuchung. Dabei werden Testverfahren wie Nervenerregbarkeitstests, Untersuchung der Nervenleitgeschwindigkeit und Elektromyographien eingesetzt. Ziel ist es, Ursache, Lokalisation und Ausprägung der Parese sowie evtl. noch vorhandene Restfunktionen des N. facialis zu ermitteln. Im Einzelfall werden auch Computertomographien und Magnetresonanztomographien durchgeführt. Im Anschluss wird gemeinsam mit dem Patienten ein individualisiertes Behandlungskonzept entwickelt.

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Konservative Therapieansätze

Die Behandlung der Fazialisparese richtet sich nach dem Schweregrad der Lähmung, den einzelnen Symptomen und den möglichen Ursachen. Da in vielen Fällen keine eindeutige Ursache festgestellt werden kann, zielt die Behandlung oft auf die Linderung der Beschwerden und die Vermeidung von Komplikationen ab.

  • Akutphase: Schutz des Auges mit einem Uhrglasverband und Salben vor dem Austrocknen.
  • Krankengymnastik: Übungen für die Gesichtsmuskulatur.
  • Infusionsbehandlung: In manchen Fällen.
  • Medikamententherapie: Je nach Befund kann eine orale Medikamententherapie erfolgen. Bei einer Borreliose ist in der Regel eine Behandlung mit Antibiotika empfehlenswert.
  • Physiotherapeutisches Training: Bei Störung der Geschmacksempfindung zur Reaktivierung der Geschmacksnerven.
  • Botulinumtoxin-Injektionen: Bei willkürlichen Muskelmitbewegungen (Synkinesien) zur Linderung der Beschwerden und Harmonisierung der Gesichtszüge.
  • Uhrglasverband: Bei eingeschränkter Funktionalität des Augenlids zur Aufrechterhaltung des Feuchtigkeitsfilms des Auges.
  • Neueinstellung der Blutzuckerwerte: Bei Diabetikern zur Therapie der Fazialisparese.

Operative Verfahren bei Fazialisparese

Sollten konservative Maßnahmen nicht ausreichen oder zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis führen, kommen operative Verfahren infrage. Diese werden von Spezialisten individuell und ausführlich beraten. Die Wahl des optimalen Verfahrens erfolgt individuell nach den Voraussetzungen und Wünschen des einzelnen Patienten.

Nervenrekonstruktion

  • Primäre Nervennaht: Bei einem frisch durchtrennten Gesichtsnerv, z.B. durch eine Verletzung oder Tumoroperation, können die Nervenenden in einem mikrochirurgischen Eingriff direkt wieder miteinander verbunden werden. Nach erlittenem Trauma bietet die primäre Versorgung die besten Aussichten für eine erfolgreiche Reinnervation.
  • Sekundäre Nervennaht / Nerveninterponate: Bei länger zurückliegender Nervenschädigung oder Defekten im Nervenverlauf können sensible Hautnerven (z.B. N. suralis vom Unterschenkel) verwendet werden, um die Defekte zu überbrücken.
  • Hypoglossus-Fazialis-Anastomose: Hierbei werden Teile des N. hypoglossus (Zungennerv) mit peripheren Enden des N. facialis verbunden, um eine Reinnervation der gelähmten Muskulatur zu erzielen.
  • Cross-Face Nerve Graft (CFNG): Bei Fehlen eines geeigneten zentralen N. facialis-Stumpfes kann unter Verwendung eines Nerventransplantates (z.B. N. suralis) von der gesunden Seite die Innervation der Muskulatur der gelähmten Seite erreicht werden. Zusätzlich kann die Technik des CFNG als additives Verfahren zum freiem funktionellen Muskeltransfer gesehen werden.

Rekonstruktive Verfahren (Gesichtsreanimation)

Liegt die Nervenschädigung schon länger zurück, stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, um wichtige Funktionen der Gesichtsmuskulatur wiederherzustellen. Im Vordergrund stehen dabei der Lidschluss und die Mundbewegung sowie die Wiederherstellung der Gesichtssymmetrie und der Mimik. Man unterscheidet zwischen statischen und dynamischen Operationen. Häufig werden verschiedene Techniken kombiniert, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.

Statische Operationen

Statische Operationen verbessern die Symmetrie des Gesichts in Ruhestellung, führen aber nicht zu einer kontrollierbaren Funktion der Gesichtsmuskulatur. Dazu gehören z. B.:

  • Implantation von Gold-/Platingewichten in das Oberlid (Aufhängeplastik): Um den Lidschluss zu ermöglichen. Wir bieten als eines von nur wenigen Zentren die neue Therapie mit Platin-Implantaten an: Zur sicheren Behandlung des inkompletten Lidschlusses nach Fazialisparese. Der Vorteil der neuen Platin-Implantate Der Einsatz von Platin im Vergleich zu anderen Materialien ermöglicht uns dank seines hohen Gewichts eine nur minimale Konturierung des Oberlids mit einem optimalen Ergebnis. Ein weiterer Vorteil des Platin-Implantats: Es besteht aus mehreren Einzelelementen und passt sich so ideal der Rundung des Lidknorpels (Tarsus) an.
  • Anhebung der Augenbrauen: Zur Korrektur der Gesichtssymmetrie. Oftmals entwickelt sich aufgrund der Muskellähmung eine Brauenptosis mit einer Gesichtsfeldeinschränkung, was auch kosmetisch auffällig wirkt. Das korrigieren wir durch eine Brauenhebung.
  • Straffung oder Aufhängeplastik des Unterlides
  • Straffung der Wangen und Mundwinkel durch Eigengewebe

Dynamische Operationsverfahren

Durch dynamische Operationsverfahren kann die willkürliche Beweglichkeit der Gesichtsmuskulatur wiederhergestellt oder verbessert werden. Dazu gehören:

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  • Nerventransplantation und Nervenumlagerung
  • Umlagerung von Muskeln/Muskelersatzplastiken: Hierunter wird die Einbringung eines innervierten Fremdmuskels in die gelähmte mimische Muskulatur verstanden. Für die Gesichtsmuskulatur eignet sich hier insbesondere der M. temporalis oder der M. masseter.
  • Transplantation von Muskeln und zugehörigen Nerven: Auch die sog. freie neurovaskuläre funktionelle Muskeltransplantation gehört zum Routinerepertoire unserer Abteilung. Hierunter versteht man die Verwendung eines Muskel-Nerv-Gefäß-Transplantates, z.B. aus einem Oberschenkelmuskel (M. gracilis) als Ersatz für die gelähmte Gesichtsmuskulatur.
  • Gezielte und präzise Durchtrennung einzelner Nervenäste und/oder Gesichtsmuskeln bei Synkinesien

Fazialis-Nerv-Zentrum Jena

Das Fazialis-Nerv-Zentrum Jena ist eine Arbeitsgemeinschaft verschiedener Kliniken und Einrichtungen des Universitätsklinikums Jena und der Friedrich-Schiller-Universität. Es dient der interdisziplinären Behandlung von Erkrankungen des Gesichtsnervs. Seit 2020 ist das Fazialis-Nerv-Zentrum als wichtiger Teil des Zentrums für seltene periphere Nervenerkrankungen ein Teil des „Zentrum für seltene Erkrankungen“. Um Patienten auch in der COVID-19-Krise behandeln zu können, wurde eine Videosprechstunde eingerichtet.

Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist entscheidend für eine optimale Patientenversorgung. Die Hals-, Nasen- und Ohrenklinik am UKT ist national und international renommiert und bietet einen multidisziplinären Service mit führenden Spezialisten, u.a. auf dem Gebiet der plastischen und rekonstruktiven Gesichtschirurgie, der plastischen Augenchirurgie, der Kopf-Hals-Chirurgie, der (Neuro-)Otologie, der Neurologie und Neurochirurgie sowie der Kinderheilkunde.

Fazialisparese: Ein Schwerpunkt der HNO-Klinik der Uniklinik Köln

Die Behandlung von Gesichtsnervenlähmung ist ein Schwerpunkt der HNO-Klinik der Uniklinik Köln. Durch die langjährige Erfahrung können wir eine große Auswahl erprobter Operationsmaßnahmen zur Wiederherstellung des Gesichtsnervs und der mimischen Gesichtsmuskulatur anbieten.

Prognose und Rehabilitation

In ca. 90 Prozent der Fälle bildet sich die Lähmung von selbst zurück, und die Symptome verschwinden ohne weitere Intervention. Die Prognose über den Verlauf der Fazialisparese ist grundsätzlich abhängig von den genauen Ursachen und den eventuell bestehenden Grunderkrankungen. Erregerbedingte Gesichtslähmungen lassen sich erfahrungsgemäß antibiotisch beziehungsweise antiviral effektiv behandeln. Auch bei der idiopathischen Fazialisparese, also einer Fazialisparese, bei der die Ursache unbekannt bleibt, besteht eine gute Heilungsprognose.

Eine frühzeitige und umfassende Rehabilitation ist entscheidend für den Behandlungserfolg. Diese umfasst in der Regel Physiotherapie, Logopädie und gegebenenfalls psychologische Unterstützung.

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