Die Fallhand, gekennzeichnet durch die Unfähigkeit, das Handgelenk und die Finger zum Handrücken hin zu strecken, ist eine häufige Folge eines Schlaganfalls. Sie resultiert aus einer Schädigung des Nervus radialis, der für die Steuerung der Streckmuskulatur in Arm und Hand verantwortlich ist. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten der Fallhand nach einem Schlaganfall und gibt Einblicke in die Rehabilitation und den Umgang mit dieser Beeinträchtigung.
Ursachen der Fallhand nach Schlaganfall
Ein Schlaganfall kann verschiedene Formen von Paresen (unvollständigen Lähmungen) verursachen, darunter auch die Fallhand. Die Ursache liegt in der Schädigung von Nervenbahnen im Gehirn, die für die Steuerung der Muskeln verantwortlich sind. Je nachdem, welcher Bereich des Gehirns betroffen ist, können unterschiedliche Lähmungserscheinungen auftreten.
Die Fallhand entsteht, wenn der Nervus radialis, der vom Hals abwärts durch den Arm zu den Fingern verläuft und sowohl sensorische als auch motorische Signale überträgt, in seiner Funktion beeinträchtigt wird. Dies kann durch verschiedene Faktoren geschehen:
- Direkte Schädigung des Nervus radialis: Der Nerv kann durch einen Bruch des Oberarmknochens (Humerus) verletzt werden, da er eng am Knochen verläuft. Auch Operationen am Oberarm können den Nerv schädigen.
- Einklemmung des Nervus radialis: Eine vorübergehende Einklemmung des Nervs, beispielsweise durch ungünstige Schlafpositionen oder langes Liegen auf dem Arm (Parkbanklähmung), kann ebenfalls zu einer Fallhand führen.
- Zentrale Ursachen: Ein Schlaganfall im Gehirn kann die Nervenbahnen schädigen, die den Nervus radialis steuern, was zu einer Lähmung der Streckmuskulatur führt.
Diagnose der Fallhand
Die Diagnose der Fallhand erfolgt in der Regel durch eine Kombination aus Anamnese, körperlicher Untersuchung und neurologischen Tests.
- Anamnese: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte des Patienten, einschließlich des Unfallhergangs, des Beginns und der Dauer der Symptome.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt überprüft die Muskelkraft, Beweglichkeit, Reflexe und das Empfinden in den betroffenen Körperteilen. Dabei wird insbesondere die Streckfähigkeit des Handgelenks und der Finger sowie die Funktion des Trizeps (Ellenbogenstreckung) untersucht.
- Neurologische Untersuchung: Es werden spezielle Tests durchgeführt, um die Funktion des Nervus radialis zu überprüfen. Dazu gehören die Prüfung der Sensibilität am Handrücken und die Beurteilung der Muskelkraft der Hand- und Fingerstrecker.
- Elektrophysiologische Untersuchungen: Um die Diagnose zu sichern und den Ort der Nervenschädigung zu bestimmen, können elektrophysiologische Untersuchungen wie die Elektroneurographie (NLG) und die Elektromyographie (EMG) durchgeführt werden. Die NLG misst die Nervenleitgeschwindigkeit, während das EMG die Muskelaktivität untersucht.
- Bildgebende Verfahren: In manchen Fällen, insbesondere bei Verdacht auf eine Nervenkompression oder einen Knochenbruch, können bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomographie (MRT) eingesetzt werden.
Symptome der Fallhand
Das Hauptsymptom der Fallhand ist die Unfähigkeit, das Handgelenk und die Finger aktiv zu strecken. Dies führt dazu, dass die Hand schlaff herabhängt, was die Funktionalität im Alltag erheblich einschränkt. Weitere Symptome können sein:
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- Schwäche oder Lähmung der Hand- und Fingerstrecker: Betroffene können das Handgelenk und die Finger nicht oder nur eingeschränkt nach oben bewegen.
- Sensibilitätsstörungen: Taubheitsgefühle oder Kribbeln am Handrücken, Daumen und Zeigefinger können auftreten.
- Schmerzen: In einigen Fällen können Schmerzen im Bereich des Handgelenks, Unterarms oder Oberarms auftreten.
- Eingeschränkte Funktion im Alltag: Die Fallhand erschwert viele alltägliche Aufgaben, wie das Greifen von Gegenständen, Schreiben oder Anziehen.
Behandlung der Fallhand nach Schlaganfall
Die Behandlung der Fallhand nach einem Schlaganfall zielt darauf ab, die Nervenfunktion wiederherzustellen, die Muskelkraft zu verbessern und die Funktionalität der Hand im Alltag zu erhöhen. Die Therapie kann konservative und operative Maßnahmen umfassen.
Konservative Behandlung
- Physiotherapie: Die Physiotherapie spielt eine zentrale Rolle bei der Behandlung der Fallhand. Durch gezielte Übungen werden die Muskeln gestärkt, die Beweglichkeit verbessert und die Koordination gefördert.
- Ergotherapie: Die Ergotherapie konzentriert sich darauf, die Handfunktion im Alltag zu verbessern. Betroffene lernen, alltägliche Aufgaben mit der beeinträchtigten Hand auszuführen und Kompensationsstrategien zu entwickeln.
- Schienenversorgung: Das Tragen einer Handgelenksorthese kann helfen, das Handgelenk in einer leicht gestreckten Position zu stabilisieren. Dies erleichtert die Anwendung der Hand und verhindert eine Verkürzung der Muskeln und Sehnen. Marcus Fleischer, Orthopädie-Techniker, empfiehlt individuell angefertigte Schienen, die der Patient selbstständig mit der gesunden Hand anziehen kann.
- Elektrostimulation: Die funktionelle Elektrostimulation (FES) kann eingesetzt werden, um die Muskeln zu aktivieren und die Nervenfunktion zu verbessern. Dabei werden Elektroden auf die Haut aufgebracht, die elektrische Impulse abgeben und die Muskeln zur Kontraktion anregen.
- Medikamentöse Therapie: Bei Schmerzen können Schmerzmittel eingesetzt werden. In manchen Fällen können auch Medikamente zur Muskelentspannung (z.B. bei Spastik) hilfreich sein.
Operative Behandlung
Eine operative Behandlung der Fallhand ist in der Regel nur dann erforderlich, wenn konservative Maßnahmen nicht ausreichend erfolgreich sind oder wenn eine direkte Schädigung des Nervus radialis vorliegt.
- Nervenrekonstruktion: Bei einer Durchtrennung des Nervus radialis kann eine operative Nervenrekonstruktion durchgeführt werden. Dabei werden die Nervenenden wieder miteinander vernäht oder ein Nerventransplantat eingesetzt.
- Nervenentlastung: Wenn der Nervus radialis durch Narbengewebe oder einen Knochenvorsprung eingeengt ist, kann eine operative Nervenentlastung durchgeführt werden.
- Sehnenumlagerung: Bei einer dauerhaften Lähmung der Handstrecker kann eine Sehnenumlagerung in Erwägung gezogen werden. Dabei werden Sehnen von anderen Muskeln auf die Handstrecker übertragen, um die Handgelenksstreckung wiederherzustellen. PD Dr. Steiert führt solche motorischen Ersatzoperationen durch, bei denen beispielsweise der ellenseitige Handgelenksbeuger (Musculus flexor ulnaris) auf den Handrücken umgeleitet wird, um die Langfinger zu strecken.
Rehabilitation und Anpassung im Alltag
Die Rehabilitation der Fallhand nach einem Schlaganfall erfordert Geduld und Engagement. Neben den oben genannten therapeutischen Maßnahmen ist es wichtig, dass Betroffene lernen, mit den Einschränkungen im Alltag umzugehen und Kompensationsstrategien zu entwickeln.
- Hilfsmittel: Es gibt eine Vielzahl von Hilfsmitteln, die den Alltag mit einer Fallhand erleichtern können, wie z.B. spezielle Griffe, Schreibhilfen oder Anziehhilfen.
- Anpassung des Arbeitsplatzes: Wenn die Fallhand die Ausübung des Berufs beeinträchtigt, kann eine Anpassung des Arbeitsplatzes erforderlich sein. Dies kann beispielsweise durch ergonomische Hilfsmittel oder eine Umgestaltung der Arbeitsabläufe erfolgen.
- Psychologische Unterstützung: Eine Lähmung kann eine enorme emotionale Belastung darstellen. Psychologische Unterstützung kann helfen, mit den Einschränkungen umzugehen und neue Perspektiven zu entwickeln.
Prävention von Folgeschäden
Eine frühzeitige und adäquate Behandlung der Fallhand kann Folgeschäden vermeiden. Marcus Fleischer betont, dass Schlaganfallpatienten mit Lähmungen oder Spastiken der Hand so früh wie möglich einen Arzt aufsuchen sollten. Die richtige Lagerung der Hand kann ebenfalls Folgeschäden wie Kontrakturen (Verkürzungen von Muskeln und Sehnen) verhindern.
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