Unser Gedächtnis ist keine perfekte Aufzeichnungsmaschine. Stattdessen ist es ein dynamischer, rekonstruktiver Prozess, der anfällig für Verzerrungen und Fehler ist. Falsche Erinnerungen, auch bekannt als Pseudoerinnerungen, sind Erinnerungen, die nicht der Realität entsprechen oder sogar Ereignisse beinhalten, die nie stattgefunden haben. Dieser Artikel beleuchtet die Mechanismen im Gehirn, die zu falschen Erinnerungen führen, und untersucht die Ursachen und Konsequenzen dieses faszinierenden Phänomens.
Die Natur der Erinnerung
Eine Erinnerung wird definiert als der Besitz aller bisher aufgenommenen Eindrücke und als ein Eindruck, an den man sich erinnert. Erinnerungen sind jedoch nicht statisch, sondern verändern sich ständig und werden bei jeder Erzählung um neue Informationen erweitert. Das Gehirn kombiniert Elemente, die bereits im Gedächtnis vorhanden sind, mit neuen Informationen, was dazu führt, dass die Erinnerung im Laufe der Zeit verzerrt wird.
Erinnerungen ähneln Puzzles, bei denen ein Geruch oder eine Musik Erinnerungen an die Kindheit oder den Urlaub auslösen kann. Das Gehirn rekonstruiert die Erinnerung, wobei die Vorstellungskraft die Lücken füllt.
Mechanismen der Gedächtnisverzerrung
Warum verzerrt unser Gedächtnis Erinnerungen? Freud interessierte sich besonders für die Bedeutung falscher Erinnerungen für das Individuum. Die Forschung hat gezeigt, dass Erinnerungen regelmäßig neu aufgebaut werden und Ereignisse aus der Gegenwart integrieren, die sich mit älteren, ähnlichen Ereignissen vermischen. Da das Gedächtnis nicht in der Lage ist, die reine Realität wiederherzustellen, gibt es einen Bericht der Realität. Aus persönlicher Überzeugung oder aufgrund einer induzierten Überzeugung stellen wir dann falsche Erinnerungen her.
Eine Erinnerung, die in einem positiven Kontext hervorgerufen wird, kann positiver werden als ihre ursprüngliche Version, während eine negative Erinnerung in einem negativen Kontext sogar noch negativer werden kann. Falsche Erinnerungen sind nicht immer schädlich, es sei denn, sie führen zu falschen Aussagen oder werden böswillig herbeigeführt.
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Konfabulation: Wenn das Gehirn erfindet
Konfabulation ist das Auftreten von Erinnerungen an Ereignisse, die nie stattgefunden haben. Es gibt verschiedene Formen der Konfabulation, von harmlosen Fehlern oder Ergänzungen bis hin zu fantastischen Konfabulationen, die jeglicher Realität widersprechen. Laut Prof. Armin Schnider ist in den meisten Fällen von Konfabulation der vordere Teil des Gehirns geschädigt, insbesondere der orbitofrontale Kortex, dessen Aufgabe es ist, die Realität zu filtern.
Déjà-vu: Ein Gefühl der Vertrautheit
Im Gegensatz zur Konfabulation handelt es sich beim Déjà-vu nicht um eine Verwechslung von Vergangenheit und Gegenwart, sondern um ein Gefühl der übersteigerten Vertrautheit mit dem gegenwärtigen Augenblick. Das Déjà-vu wird durch eine Interaktion zwischen dem temporalen Cortex und dem Hippocampus ausgelöst, der für das Gedächtnis und den Sinn für Vertrautheit verantwortlich ist.
Die "Sünden" des Gedächtnisses
Unser Gedächtnis arbeitet nicht fehlerfrei. Es blockiert abgespeicherte Informationen und erfindet bisweilen Erinnerungen an Geschehnisse, die gar nicht passiert sind. Viele Erinnerungen sind nicht wahrheitsgetreu, sondern eingefärbt von Stimmungen und späteren Erfahrungen. Der Psychologe Daniel L. Schacter von der Harvard University bezeichnet die vielen Fehlleistungen unseres Gehirns als Sünden, von denen er sieben ausgemacht hat:
- Flüchtigkeit: Abgespeicherte Erinnerungen verblassen, wenn sie nicht regelmäßig abgerufen werden.
- Geistesabwesenheit: Gedächtnisfehler aufgrund geringer Aufmerksamkeit.
- Blockierung: Die Erinnerung liegt im Gedächtnis, lässt sich aber nicht abrufen.
- Fehlattribution: Die Erinnerung wird der falschen Zeit, dem falschen Ort oder der falschen Person zugeordnet.
- Suggestibilität: Das Gehirn erinnert etwas, das so nicht passiert ist.
- Verzerrung: Erinnerungen werden mit den aktuellen Gefühlen und dem jetzigen Wissen eingefärbt.
- Persistenz: Der Abruf einer Erinnerung lässt sich nicht kontrollieren.
Fehlattribution und Suggestibilität
Fehlattribution ist die Zuordnung einer Erinnerung zur falschen Zeit, zum falschen Ort oder zur falschen Person. Suggestibilität tritt auf, wenn das Gehirn etwas erinnert, das so nicht passiert ist. Ein bekanntes Beispiel ist die "Lost in the Mall"-Studie der Psychologin Elizabeth Loftus, in der falsche Erinnerungen an ein verlorenes Kind im Einkaufszentrum eingepflanzt wurden.
Soziale und emotionale Einflüsse auf das Gedächtnis
Soziale Faktoren und Emotionen beeinflussen, wie wir mit Erinnerungen umgehen. Erlebnisse, die mit starken Gefühlen verknüpft sind, werden besser im Langzeitgedächtnis verankert. Die Amygdala, eine Struktur im Gehirn, drückt emotionalen Erinnerungen den Stempel "Wichtig, nicht vergessen!" auf.
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Fotos und Filme: Helfer und Störer
Fotos und Filme können Erinnerungen auffrischen, aber auch verdrängen oder mit anderen Szenen vermischen. Das Beispiel des ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan, der Kriegserinnerungen erzählte, die Ähnlichkeiten mit dem Film "On A Wing And A Prayer" aufwiesen, zeigt, wie Filmbilder die eigenen Erinnerungen vermischen können.
Die Rolle des Gehirns bei der Konstruktion von Erinnerungen
Das Gehirn ist ein sinnstiftendes Organ, das Narrative über die Vergangenheit erfindet. Tritt ein unvorhergesehenes Ereignis ein, korrigieren wir unsere Sicht der Welt, um dieser Überraschung zu entsprechen. Machen wir uns diese neue Sicht zu eigen, verlieren wir augenblicklich einen Großteil der Fähigkeit, uns an das zu erinnern, was wir glaubten, ehe wir unsere Einstellung änderten.
Die Fuzzy-Trace-Theorie
Die Fuzzy-Trace-Theorie erklärt, wie wir falsche Erinnerungen bilden, indem sie zwischen dem Bedeutungskern einer Erfahrung (gist trace) und der wortwörtlichen Spur (verbatim trace) unterscheidet. Gefühle der Vertrautheit können dazu führen, dass wortwörtliche Details verzerrt, verfälscht oder ganz erfunden werden.
Experimentelle Forschung zu falschen Erinnerungen
Die experimentelle Forschung hat drei Strömungen entwickelt:
- Verfälschte Erinnerungen: Alle Arten des Gedächtnisses können sich im Laufe der Zeit und durch Suggestion verformen.
- Additive falsche Erinnerungen: Assoziationen im Gedächtnis führen zu Gedächtnisfehlern.
- Erinnerungen an nichterlebte Ereignisse: Menschen können ganze Ereignisse in ihr Gedächtnis integrieren, obwohl diese nie erfahren wurden.
Manipulation von Erinnerungen
Die Experimente von Elizabeth Loftus und ihren Kollegen zeigen, dass es möglich ist, die Erinnerungen anderer Menschen zu manipulieren. Mit einfachen Mitteln wie Fotos, Filmen oder glaubhaften Erzählungen kann man nahezu jedem falsche Erinnerungen einpflanzen.
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Neurotensin und die emotionale Färbung von Erinnerungen
Ein Team um die Neurowissenschaftlerin Kay Tye vom Salk Institute for Biological Sciences hat herausgefunden, dass das Neuropeptid Neurotensin eine entscheidende Rolle dabei spielt, ob das Gehirn eine Erfahrung als positiv oder als negativ abspeichert. Gentechnisch veränderten Mäuse, deren Zellen Neurotensin nicht mehr ausschütten konnten, gelang es nicht mehr, Erinnerungen an positive Erfahrungen abzuspeichern.
Die Bedeutung falscher Erinnerungen
Obwohl falsche Erinnerungen problematisch sein können, zeigen sie, wie das menschliche Gedächtnis funktioniert. Aus all der Information, die auf es einprasselt, filtert es das Wichtige heraus: Das, was neu ist, was man aufmerksam verfolgt, oft benötigt oder was einen emotional berührt. Damit das Gehirn entscheiden und abstrakt denken kann, bündelt das Gedächtnis die Informationen thematisch, bildet Kategorien und fügt alles zu einem stimmigen Bild zusammen, das mit der aktuellen Bedürfnislage und unseren übergeordneten Handlungszielen in Einklang steht.
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