Die faszinierende Welt der Farbwahrnehmung: Wie unser Gehirn Farben sieht und interpretiert

Farben spielen eine zentrale Rolle in unserem täglichen Leben. Sie beeinflussen unsere Stimmungen, Entscheidungen und sogar unsere Kommunikation. Doch wie nehmen wir Farben eigentlich wahr, und warum kann diese Wahrnehmung von Person zu Person variieren? Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Mechanismen der Farbwahrnehmung, von den biologischen Grundlagen im Auge und Gehirn bis hin zu den Einflüssen von Sprache, Kultur und individuellen Erfahrungen.

Die biologischen Grundlagen der Farbwahrnehmung

Unser Sehvermögen basiert auf Fotorezeptorzellen in der Netzhaut unserer Augen. Hochempfindliche Stäbchen ermöglichen uns das Sehen bei wenig Licht, allerdings nur in Grautönen. Für die Farbwahrnehmung sind Zapfen zuständig, von denen es drei Typen gibt:

  • S-Zapfen: Reagieren auf kurzwelliges blau-violettes Licht.
  • M-Zapfen: Spezialisiert auf mittlere Wellenlängen, also Grün.
  • L-Zapfen: Erfassen die längerwelligen Gelbtöne.

Die wahrgenommene Farbe hängt davon ab, wie ein Objekt Wellenlängen absorbiert und reflektiert. Wenn Licht auf ein Objekt trifft, wird ein Teil des Spektrums absorbiert und ein Teil reflektiert. Das reflektierte Licht erreicht unsere Augen und aktiviert die Zapfen in unterschiedlichem Ausmaß. Die Kombination dieser Signale ermöglicht es unserem Gehirn, die vielfältigen Farben zu erzeugen, die wir wahrnehmen.

Die trichromatische Theorie

Die Grundlage der Farbwahrnehmung bildet die trichromatische Theorie, auch Young-Helmholtz-Theorie genannt. Sie besagt, dass unsere Farbwahrnehmung auf der Aktivität von drei verschiedenen Arten von Rezeptoren basiert, die jeweils auf unterschiedliche Wellenlängen des Lichts reagieren.

Farbkonstanz

Die meisten von uns können die Farbe vertrauter Objekte erkennen, auch wenn sich die Lichtverhältnisse ändern. Diese Anpassung von Auge und Gehirn wird als Farbkonstanz bezeichnet. Vielleicht können wir uns auch auf die Wellenlängen einigen, die die Grundfarben definieren.

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Individuelle Unterschiede in der Farbwahrnehmung

Eine Studie der University of Rochester aus dem Jahr 2005 ergab beispielsweise, dass Menschen Farben tendenziell gleich wahrnehmen, obwohl die Anzahl der Zapfen in ihren Netzhäuten sehr unterschiedlich ist. Viel komplizierter wird es jedoch, wenn einzelne oder mehrere Personen versuchen, Farben einem Produkt oder Materialmustern zuzuordnen. Physikalische oder umweltbedingte Faktoren und persönliche Unterschiede zwischen den Betrachtern können unsere Farbwahrnehmung verändern. Wenn Ihre Arbeit davon abhängt, immer wieder die richtige Farbe zu finden, können Sie sich nicht allein auf das menschliche Sehvermögen verlassen. Der Einsatz von Geräten zur genauen Erkennung von Farben in Proben und Produkten ist unerlässlich, und eine Übereinstimmung zwischen den Geräten ist noch wichtiger.

Die Rolle des Gehirns bei der Farbwahrnehmung

Die von den Zapfen erzeugten Signale werden über den Sehnerv an das Gehirn weitergeleitet. Dort werden sie in verschiedenen Arealen des visuellen Kortex verarbeitet. Insbesondere das Areal V4 spielt eine wichtige Rolle bei der Farbwahrnehmung.

Einheitliche Verarbeitungsmuster

Beim Farbensehen von Versuchspersonen haben Forscher vergleichbare charakteristische Grundmuster bei der Informationsverarbeitung im Sehzentrum des menschlichen Gehirns festgestellt. Die Wissenschaftler konnten anhand der gemessenen Aktivitätsmuster klare Aussagen treffen, welche Farbe gerade von den Studienteilnehmenden angesehen wird. Bisher war unklar, ob Farben einen individuellen neuronalen Code bei der Informationsverarbeitung im visuellen Kortex haben. Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik und der Universität Tübingen konnten mithilfe bildgebender Verfahren bei Versuchspersonen zeigen, dass ihre Gehirnaktivität beim Farbensehen ähnlich ist. Die Forscher nutzten die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT), um die Gehirnaktivität der Teilnehmenden sichtbar zu machen. Dabei zeigten die Hirnscans charakteristische Muster, die immer dann auftraten, wenn die Personen verschiedene Farben betrachteten. Diese Aktivitätsmuster ähnelten sich bei allen Testpersonen deutlich, was darauf hindeutet, dass das menschliche Gehirn Farben auf vergleichbare Weise verarbeitet. Die Forscher stellten fest, dass im visuellen Kortex für jede Farbe eine eigene räumliche Karte des Sehfelds besteht. Diese Karten unterscheiden sich zwar von Hirnareal zu Hirnareal, zeigen aber bei allen Menschen das gleiche Grundmuster. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass diese Ordnung nicht zufällig ist, sondern während der Evolution entstanden ist und bewahrt wurde. Für ihre im Journal of Neuroscience veröffentlichte Studie hat das von den Neurowissenschaftlern Michael Bannert und Andreas Bartels geleitete Team ein computergestütztes Auswertungsverfahren eingesetzt, mit dem sie anhand der fMRT-Aufnahmen der Testpersonen verlässliche Aussagen treffen konnten, welche Farben und Helligkeiten gesehen werden. Für die Studie kalibrierten die Forschenden die Messdaten der Teilnehmenden zunächst mit standardisierten Schwarz-Weiß-Mustern, um eine Vergleichsbasis zu schaffen. Danach testeten sie, wie sich die Gehirnaktivität veränderte, wenn Farben gezeigt wurden. Die Muster aus einer ersten Versuchsgruppe nutzten sie, um bei einer zweiten Gruppe allein aus den Messdaten zu erkennen, welche Farben betrachtet wurden. Auf diese Weise konnten sie Farbe und Helligkeit direkt aus der Gehirnaktivität dieser zweiten Gruppe ablesen.

Field Maps im Sehzentrum

„Im Sehzentrum unseres Gehirns sind Karten unseres Blickfelds abgelegt, sogenannte Field Maps. Sie bilden die räumliche Struktur des Gesehenen ab und koordinieren die weitere Verarbeitung mit höheren Hirnarealen. Wenn Licht auf die Netzhaut fällt, werden die Informationen nicht zufällig weitergeleitet. Jeder Punkt hat hier einen genauen Positionswert, und diese räumliche Ordnung wird über die Sehnerven der Netzhaut in die höheren Verarbeitungsebenen des Gehirns übertragen. So entsteht im visuellen Kortex, der Sehrinde unseres Gehirns, ein geordnetes Abbild und ein entsprechendes Aktivitätsmuster, das wir mithilfe von fMRT bewerten konnten“, erklärt Erstautor der Studie, Michael Bannert, das Ergebnis.

Ursprung in der Evolution

Bisher war bekannt, dass einzelne Bereiche des Sehzentrums im Gehirn bestimmte Aufgaben übernehmen, wie das Erkennen von Gesichtern, Farben oder Bewegung. „Es war bislang jedoch unklar, ob individuelle Farben einen typischen neuronalen Code haben, der bei allen Menschen allgemeingültig ist“, sagt Andreas Bartels. Die Studie von Michael Bannert und Andreas Bartels berührt zugleich eine andere spannende Frage, nämlich, ob alle Menschen eine Farbe tatsächlich gleich erleben. „Wir sehen bei den Daten klare Gemeinsamkeiten zwischen den Versuchspersonen. So konnten wir feststellen, dass Farbverzerrungen, also Abweichungen in der Farbcodierung bei allen Menschen ähnlich sind. Lichtintensität und Farbwert sind nämlich nicht in allen Bereichen unseres Sehens gleich. Wir deuten diesen Hinweis auf grundlegend vergleichbare Organisationsprinzipien im Sehsystem des Menschen. Ob das subjektive Erleben einer Farbe wirklich identisch ist, das können wir nicht sagen, und selbst die gängigen wissenschaftlichen Methoden der Wahrnehmungsforschung reichen dafür wahrscheinlich nicht aus“, fügt Bannert hinzu.

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Die Rolle der Gehirnhälften

Dass die rechte und die linke Gehirnhälfte unterschiedliche Funktionen besitzen, wissen wohl die meisten.

Sprachliche Einflüsse auf die Farbwahrnehmung

Die Sprache eines Menschen beeinflusst, was er sieht - allerdings nur im rechten Teil seines Gesichtsfeldes. Der Grund: Dieser Teil der optischen Wahrnehmung findet in der linken Gehirnhälfte und damit genau dort statt, wo auch die Sprache verarbeitet wird. Aus diesem Grund können am rechten Rand des Gesichtsfeldes beispielsweise grünliche Blautöne und bläuliche Grüntöne sehr viel schneller unterschieden werden als am linken Rand. Die verschiedenen Namen der Farben wirken dabei wie ein Filter, der die Wahrnehmung beeinflusst. Die Diskussion über den gegenseitigen Einfluss von Sprache und Wahrnehmung gibt es bereits seit vielen Jahren. Dabei stehen sich zwei Theorien gegenüber: Die eine besagt, dass Sprache lediglich das ausdrückt, was das Gehirn wahrnimmt. Die andere geht davon aus, dass Sprache aktiv die Wahrnehmung beeinflusst. Am besten untersucht ist in diesem Zusammenhang die Farbwahrnehmung. Das tun zwar Angehörige anderer Sprachräume auch, aber die Kategorien unterscheiden sich zum Teil deutlich von den hier gebräuchlichen. So kennen viele Sprachen beispielsweise keinen Unterschied zwischen Blau und Grün. Daran hängt sich auch die zentrale Frage der Linguisten und Psychologen auf: Nehmen Menschen, die diese Sprachen sprechen, Blau und Grün tatsächlich anders wahr als Europäer und Nordamerikaner oder nicht? Frühere Studien lieferten dabei widersprüchliche Ergebnisse. Das könnte daran liegen, dass beides richtig ist, glaubt Studienleiter Paul Kay nun. Nach den neuen Ergebnissen wird nämlich nur das, was von der linken Hirnhälfte wahrgenommen wird, durch die Sprache beeinflusst, der Rest jedoch nicht. Das konnten die Forscher jetzt in mehreren Tests mit insgesamt 27 Probanden nachweisen. Die Teilnehmer konnten beispielsweise sehr ähnliche Farben, die aber verschiedenen Kategorien angehörten, im rechten Teil des Gesichtsfeldes schneller unterscheiden als im linken - wahrscheinlich deswegen, weil die sprachliche Differenz den Unterschied bei der Wahrnehmung verstärkte. Besonders aufschlussreich war nach Ansicht der Forscher jedoch der letzte Versuch: Wird das Sprachzentrum während der Farbtests mit einer zusätzlichen Aufgabe beschäftigt, bleibt keine Kapazität übrig, um die Farbwahrnehmung zu beeinflussen und der Effekt verschwindet. Eine Aufgabe, die das räumliche Gedächtnis fordert, hatte hingegen keinen Einfluss.

Der Einfluss von Farbbezeichnungen auf die Farbwahrnehmung

Hirnforschung fand heraus, dass das reche Auge Farben anders wahrnimmt als das linke. Das liegt daran, dass das, was im rechten Gesichtsfeld passiert, in der linken Gehirnhälfte verarbeitet wird, also dort, wo das Sprachzentrum liegt. Während die einen zwar behaupten, dass die Sprache nur das ausdrückt, was das Gehirn auch sieht, so behaupten die anderen, dass auch umgekehrt die Sprache die Wahrnehmung beeinflusst. Beim Farben-Sehen fanden Studien folgendes heraus: Nur das, was die linke Gehirnhälfte wahrnimmt, wird auch durch die Sprache beeinflusst, alles andere nicht. Tests ergaben, dass zum Beispiel sehr ähnliche Farben, die aber sprachlich verschiedenen Kategorien angehörten, im rechten Teil des Gesichtsfeldes - und damit der linken Gehirnhälfte - schneller unterschieden wurden als im linken Teil, der mit der rechten Gehirnhälfte - dem räumlichen Sehzentrum - verbunden ist. Anscheinend verstärkte die sprachliche Differenz den Unterschied in der Wahrnehmung. Diese Schlussfolgerung legt auch ein weiteres Experiment nahe: Ist das Sprachzentrum beim Farbtest mit einer zusätzlichen Aufgabe beschäftigt, so steht einem keine Hirnkapazität mehr zur Verfügung und die erleichterte Unterscheidung der Farben funktioniert nicht mehr.

Hirnforschung: Wo Hirne "rot" sehen

Wem die Namen für Farben fehlen, hat offenbar eine ganz andere Sicht auf die Dinge. Denn erst wenn Kinder lernen, Farben zu benennen, baut ihre linke Gehirnhälfte das bunte Kategoriensystem der Erwachsenen auf. "Linguistisches: links!" heißt, auf Eselsbrückenform getrimmt, eine ebenso zentrale wie altbekannte Erkenntnis der Neurowissenschaften: Sprache wird - zumindest bei den meisten Menschen - vornehmlich mit der linken Gehirnhälfte verarbeitet. Doch damit nicht genug, glauben etwa Forscher um den Linguisten Paul Kay von der Universität von Kalifornien in Berkeley: Der Umgang mit dem gesprochenen Wort dominiere auch gleich noch eine Anzahl weiterer Vorgänge in dieser Hemisphäre. Zum Beispiel die Farbwahrnehmung: Wenn das Kind die verschiedenen Ausdrücke für Farben lerne, führe in der linken Hemisphäre ab sofort der Wortschatz das Szepter, meint Kay. Die Fähigkeit dieser Hirnhälfte, Farben zu unterscheiden, werde regelrecht umgekrempelt und auf Begriffe wie "blau", "grün" oder "violett" kalibriert. Farbflecke auf der einen Seite werden in den ersten Sekundenbruchteilen ausschließlich von der jeweils gegenüberliegenden Hirnhälfte verarbeitet, wenn zu Beginn des Durchlaufs auf das Kreuz in der Mitte fokussiert wurde. Die dargestellten Farben entsprechen nicht den im Experiment verwendeten. Zunächst ließen sich die Forscher an Erwachsenen das schon länger bekannte Phänomen der kategorialen Farbwahrnehmung bestätigen: In einem Experiment pickten er und sein Team jeweils zwei Farben mit festem Abstand auf einer Farbskala heraus. Eine diente als Hintergrund, die andere wurde als Farbtupfer in der rechten oder linken Hälfte des Gesichtsfelds präsentiert - ein Trick, der die Verarbeitung jeweils entweder der linken oder der rechten Gehirnhälfte zuschob. Da jede Hälfte des Gesichtsfelds in der gegenüberliegenden Hirnhemisphäre verarbeitet wird und einige Zeit vergeht, bis sich die Signale über das gesamte Denkorgan ausbreiten, ist die erste Reaktion ausschließlich von dieser Region bestimmt. Gemessen wurde, wie schnell die Versuchsteilnehmer den Blick auf den Farbtupfer fixierten. Wie erwartet tat sich die linke Hemisphäre deutlich schwerer damit, etwa einen "dunkelblauen" Farbklecks auf einem "hellblauen" Hintergrund auszumachen, als einen "grünen" auf einem "blauen". Auf der rechten Seite des Probandengehirns war der Effekt deutlich schwächer ausgeprägt. Die Unterscheidung zwischen "blau" und "grün" könnte aber lediglich auf eine sprachlich vermittelte und damit willkürliche Einteilung des eigentlich kontinuierlichen Farbspektrums beruhen. Mit anderen Worten: Der Wortschatz prägt das Farbempfinden. Wie schnitten nun die ebenfalls getesteten Kleinkinder ab, die mit ihrem Alter von vier bis sechs Monaten begreiflicherweise noch nicht sprechen können? Zwar ließ sich auch bei den Kleinen ein ähnlicher Effekt aufweisen, allerdings beschränkte er sich auf die ohnehin sprachlose rechte Hemisphäre. Auf der linken Seite war von einem Farbnamen-Effekt keine Spur. Die Ergebnisse bestätigten demnach Kays Vermutung: Der Spracherwerb überprägt nicht eine bereits angeborene linkshemisphärische Kategorisierung, wie einige Forscher meinten, sondern strukturiert stattdessen die linke Hälfte des Denkapparats komplett neu. Was genau die beobachteten rechtshemisphärischen Wahrnehmungseffekte im Kindesalter bewirkt, bleibt unklar. Möglicherweise entstehen sie durch allgemeine physiologische Organisationsprinzipien, vermuten die Forscher.

Weitere Faktoren, die die Farbwahrnehmung beeinflussen

Neben den biologischen und sprachlichen Einflüssen gibt es noch weitere Faktoren, die unsere Farbwahrnehmung beeinflussen können:

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  • Umwelt: Lichtverhältnisse, Tageszeit und Umgebung können die Farbwahrnehmung verändern.
  • Kultur: Kulturelle Kontexte und Traditionen können die Bedeutung und Wahrnehmung von Farben beeinflussen. So zum Beispiel schwarze Kleidung: In fast allen Kulturen wird Schwarz mit dem Bösen und dem Tod verbunden. Untersuchungen beim Eishockey ergaben, dass die Anzahl der gegen sie ausgesprochenen Penaltys bei Mannschaften, die schwarze Trikots trugen, am höchsten war. Das könne zum einen an der Voreingenommenheit der Schiedsrichter liegen, also an einer sozialen Wahrnehmung, oder an der Selbstwahrnehmung, etwa an einer gesteigerten Aggressivität der Spieler selbst.
  • Persönliche Erfahrungen: Individuelle Erfahrungen und Assoziationen können die subjektive Wahrnehmung von Farben prägen.
  • Stimmung: Eine Studie der US.-University of Rochester zeigte, dass Menschen nach dem Anschauen eines traurigen Films Farben weniger präzise zuordnen konnten als nach einem neutralen oder fröhlichen Video. Forscher vermuten, dass Dopamin eine Rolle spielt: Dieses Neurotransmitter beeinflusst die Verarbeitung visueller Informationen. Menschen mit Depressionen nehmen Kontraste oft weniger deutlich wahr, was sich auf ihre Farbwahrnehmung auswirken kann.

Farbsehschwäche und Farbenblindheit

Nicht jeder Mensch sieht Farben auf die gleiche Weise. Etwa acht Prozent der Männer in Europa haben eine Rotgrünsehschwäche, während Frauen nur selten betroffen sind.

Ursachen einer Farbsehschwäche

Menschen mit Rotgrünschwäche nehmen bestimmte Farben anders wahr. Eine Studie zeigte, dass sie Farbtöne, die für andere khaki erscheinen, als Rot oder Grün einordnen. Die Ursache liegt in fehlenden oder veränderten Fotopigmenten. Dadurch fehlt die Möglichkeit, bestimmte Wellenlängen miteinander zu vergleichen und Farben sauber zu trennen. Werden alle drei Zapfensorten gleichzeitig angesprochen, entsteht in unserem Gehirn der Eindruck, die Farbe Weiß zu sehen. Die Gene für M- und L-Zapfen liegen auf dem X-Chromosom, weshalb Männer häufiger betroffen sind. Frauen haben zwei X-Chromosomen und können Defekte meist ausgleichen. Die Blaugelbsehschwäche ist seltener, da das zuständige Gen auf Chromosom 7 liegt, das Männer und Frauen gleichermaßen besitzen.

Auswirkungen einer Farbsehschwäche

Ein Farbschwäche bedeutet nicht unbedingt eine schlechtere Farbdifferenzierung. Manche Betroffene können Farbnuancen sogar genauer unterscheiden als Menschen mit normaler Farbwahrnehmung - allerdings nur innerhalb ihrer eigenen Farbräume. Unsere Augen sind faszinierend, und selbst eine Farbsehschwäche zeigt, wie individuell unsere Wahrnehmung ist. Einige Frauen tragen auf ihren X-Chromosomen unterschiedliche Versionen der Sehpigmente und könnten dadurch vier verschiedene Zapfentypen besitzen - sogenannte Tetrachromaten, also „Super-Seher“. Diese zusätzliche Information ermöglicht es ihnen, feinere Farbnuancen zu erkennen, die für andere identisch aussehen. Auch Menschen mit „normalem“ Farbsehen haben unterschiedliche Mengen an M- und L-Zapfen. Manche besitzen bis zu 16-mal mehr L-Zapfen als andere. Speziell Netzhautzellen berechnen Farbverhältnisse und korrigieren mögliche Verzerrungen, sodass trotz individueller Unterschiede eine weitgehend einheitliche Farbwahrnehmung entsteht. Dennoch erklärt das, warum manche Menschen feine Unterschiede in Farbtönen deutlicher wahrnehmen als andere.

Synästhesie: Wenn die Sinne verschmelzen

Wie klingt Blau? Welche Farbe hat ein Mittwoch? Und wie sieht gesprochene Sprache aus? Für Menschen mit Synästhesie ist das keine Fantasie, sondern gelebter Alltag. Synästhesie ist eine außergewöhnliche Form der Wahrnehmung, bei der die Grenzen zwischen den Sinnen verschwimmen. Für Synästhetiker erscheinen Klänge als Farben, Buchstaben nehmen Formen an, Zahlen leuchten in bestimmten Tönen - eine Realität, die für sie ganz natürlich ist, für andere jedoch kaum vorstellbar. Etwa vier Prozent der Bevölkerung erleben diese besondere Sinnesverknüpfung. Neurowissenschaftler vermuten, dass eine verstärkte Vernetzung von Hirnarealen, insbesondere im Scheitellappen, dafür verantwortlich ist. Dabei bleibt die Wahrnehmung konstant und vorhersagbar - ein zentrales Unterscheidungsmerkmal zur Halluzination.

Formen der Synästhesie

Für Daniela Uhl ist die Musik nicht nur ein Zusammenklang verschiedener Töne, sondern auch Farbe und Bewegung. Sie lebt mit einer sogenannten Sound-to-Vision-Synästhesie, bei der sich Melodien und Geräusche in ihrem Kopf als fließende Formen und Farbverläufe zeigen. Besonders intensiv ist ihre Wahrnehmung, wenn sie die Augen schließt. Dann tanzen die Töne wie ein Feuerwerk vor ihrem inneren Auge. Doch das ist nicht die einzige Besonderheit in ihrer Wahrnehmung: Sie sieht auch gesprochene Sprache. Wie bei einem Nachrichtenticker laufen die Worte, die sie hört oder selbst spricht, visuell vor ihrem geistigen Auge ab. Diese Form nennt sich Ticker-Tape-Synästhesie - und sie lässt Daniela gewissermaßen permanent "mitlesen", was gerade gesagt wird. Ähnlich geht es Alexandra Kirschner, Stimmbildnerin aus Stuttgart. Ihre Synästhesie verwandelt Musik in komplexe visuelle Kompositionen. Für sie sind Töne nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar. Als Linien, Muster oder Texturen. Eine schiefe Note erscheint als verzogene Linie, eine kratzige Stimme als verwischtes Bild. Diese visuelle Komponente hilft ihr nicht nur beim Unterrichten, sondern auch dabei, musikalische Feinheiten präzise zu analysieren und zu korrigieren. Maike Preissing, Psychologin und Coach für Neurodiversität, erlebt ganze zehn verschiedene Synästhesie-Formen. Darunter ebenfalls Ticker-Tape. Die von ihr wahrgenommenen Buchstaben verändern sich je nach Emotion und Sprache. Ist eine Stimme aufgebracht, werden die Worte größer oder fettgedruckt, als würde das Gesagte durch Typografie mitschwingen. Für sie ist das nicht nur faszinierend, sondern auch fordernd, denn die permanente Reizverarbeitung kann schnell für sie überfordernd werden. Eine besonders bemerkenswerte Ausprägung der Ticker-Tape-Synästhesie zeigt sich bei Sydney Noemi Stein. Die 21-Jährige spricht fließend 15 Sprachen. Eine Fähigkeit, die eng mit ihrer synästhetischen Wahrnehmung verknüpft ist.

Ursachen der Synästhesie

Was genau bei Synästhesie im Gehirn geschieht, untersuchte der französische Wissenschaftler Raphaël Bourda mithilfe von funktioneller Magnetresonanztomographie. In einem Experiment beobachtete er, wie Maike Preissing auf schwarze Buchstaben auf weißem Hintergrund blickte. Während bei neurotypischen Personen keine Aktivität im Farbzentrum des Gehirns messbar war, leuchtete bei Preissing der visuelle Cortex auf, also dort, wo Farben verarbeitet werden. Ein klarer Hinweis darauf, dass ihre farbige Wahrnehmung nicht Einbildung, sondern messbare Realität ist. Reduzierte Hemmprozesse könnten demnach dazu führen, dass Hirnareale zusammenarbeiten, die sonst unabhängig voneinander agieren. Übererregbarkeit alleine kann das Phänomen nicht erklären, sagen andere Forscher und verweisen auf neuroanatomische Besonderheiten im Synästhetiker-Gehirn. So zeigen Studien, dass die betroffenen Hirnareale stärker verknüpft sind. Außerdem ist der Scheitellappen, in dem Sinneseindrücke zu einem Gesamtbild verknüpft werden, stärker ausgeprägt. Synästhetiker haben mehr neuroanatomische Knotenpunkte im Denkorgan und dadurch ein engmaschigeres Netzwerk. Diese Befunde sprechen für Vilayanur Ramachandrans Hypothese, dass der Synästhesie eine besonders enge Verknüpfung und ausgeprägte Zusammenarbeit von Hirnarealen zugrunde liegen.

Synästhesie als Bereicherung

Synästhesie ist keine Störung. Neurowissenschaftler sprechen von einer physiologischen Normvariante, also einer Abweichung vom Durchschnittsempfinden, die aber nicht krankhaft ist. Peter Weiss-Blankenhorn, der an der Universität zu Köln und im Forschungszentrum Jülich an diesem Phänomen forscht, nennt es lieber eine Begabung: “Synästhetiker empfinden ihre Besonderheit meist als Bereicherung, die sie nicht missen möchten.” Zwar müssen sich einige Betroffene daher stärker auf eine Aufgabe konzentrieren als andere Menschen. Doch häufig berichten sie auch, dass sich mit Hilfe der doppelten Wahrnehmung etwa Dinge leichter einprägen lassen. Und gerade für Kreative scheint die Synästhesie ein sprudelnder Quell zu sein: Kompositionen gelingen leichter und Worte fließen besser, wenn man sie gleich auf mehreren Ebenen empfindet. Und tatsächlich scheint es, als ob das Phänomen unter Künstlern aller Genres besonders häufig auftritt.

Die Bedeutung der Farbwahrnehmung im Alltag

Farben spielen in unserem täglichen Leben eine wichtige Rolle. Wie der gelbe Schulbus. Warum ist es wichtig, dass wir sie sehen, selbst in unserer Peripherie? Viele Farben werden verwendet, um wichtige Botschaften ohne Worte darzustellen. Rote Stoppschilder und grüne Ampeln sind universell. Wir assoziieren Farben auch mit Stolz. Aber Farben gab es schon Tausende und Abertausende von Jahren, bevor es Schulbusse, Stoppschilder und Spektralphotometer gab. Die Geschichte der Farben und Farbstoffe ist ziemlich faszinierend und reicht weiter zurück als 2000 vor Christus. Da Umwelt- und persönliche Faktoren die Farbwahrnehmung beeinflussen, können wir nicht sicher sein, dass wir eine genaue Übereinstimmung erzielen, wenn wir Farben visuell mit einem Standardmuster vergleichen.

Farbmanagement und Farbkontrolle

Für den Normalbürger ist das kein Problem, aber stellen Sie sich vor, dass Menschen in verschiedenen Büros auf der ganzen Welt Farbmuster auswerten. Deshalb ist es so wichtig, digitale Werkzeuge zur Farbkontrolle einzusetzen. Diese Hilfsmittel - von Spektralphotometern über Software bis hin zu Dienstleistungen - sorgen dafür, dass die Farbbewertung in jedem Fall objektiv bleibt. Das CIE-Farbmodell bzw. der CIE-XYZ-Farbraum (siehe oben) wurde 1931 entwickelt. Es wurden viele andere Farbräume definiert. Zu den CIE-Varianten gehört das 1976 definierte CIELAB, bei dem sich L auf die Leuchtdichte, A auf die Rot/Grün-Achse und B auf die Blau/Gelb-Achse bezieht. Die Messung hängt von Farbmessgeräten oder Spektralphotometern ab, die digitale Beschreibungen von Farben liefern. So werden beispielsweise die prozentualen Anteile der drei Grundfarben, die zur Übereinstimmung mit einem Farbmuster erforderlich sind, als Tristimuluswerte bezeichnet. Die Beherrschung von Farben trotz unvermeidlicher Unterschiede in der menschlichen Wahrnehmung beginnt mit Bewusstseinsbildung und Aufklärung. Es stimmt, dass wir mit unseren Augen nicht sehr weit sehen können. Datacolor bietet ein komplettes Sortiment an Spektralphotometern, Software und anderen Lösungen an, die für eine Vielzahl von Branchen geeignet sind, darunter Kunststoffe, Textilien, Beschichtungen und Farben im Einzelhandel.

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