Fasten bei Migräne: Eine umfassende Betrachtung

Fasten wird oft als Gesundheitsbooster angepriesen, aber ein radikaler Verzicht auf Nahrung ist nicht für jeden Menschen gesund. Dieser Artikel beleuchtet die Auswirkungen des Fastens auf Migräne, insbesondere im Kontext des islamischen Fastens während des Ramadan, und bietet eine umfassende Übersicht über die Vor- und Nachteile.

Einführung

Viele Menschen haben schon einmal in ihrem Leben gefastet, sei es aus religiösen, kulturellen oder gesundheitlichen Gründen. Fasten hat nichts mit einer Diät zu tun. Wer fastet, verzichtet für begrenzte Zeit auf feste Nahrung und Genussmittel wie Kaffee und Alkohol. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten zu fasten, wie Heilfasten, Intervallfasten, Molkekur und Schrothkur.

Die positiven Effekte des Fastens

Dass Fasten viele positive Auswirkungen auf den Körper haben kann, ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Auch Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl zeigt sich begeistert von den positiven Effekten, die beispielsweise das Intervallfasten haben kann.

  • Fasten fördert die Zellreinigung des Körpers.
  • Fasten beeinflusst den Stoffwechsel. Das wirkt sich positiv auf Blutzucker, -fette und -druck aus.
  • Fasten reduziert entzündliche Prozesse.

Wer sollte auf das Fasten verzichten?

Es gibt Personengruppen, die aufgrund verschiedener Krankheiten oder Merkmale nicht fasten sollten. Es können dann nämlich gesundheitliche Probleme auftreten, die die bestehenden Erkrankungen noch zusätzlich verschlimmern. Zu diesen Gruppen gehören unter anderem:

  • Menschen mit schweren Herzerkrankungen: Patienten mit Herzkrankheiten sollten auf extreme Fasten-Methoden wie Null-Diäten komplett verzichten. Ein Mangel an Kalium könne bei Herzpatienten Herzrhythmusstörungen auslösen.
  • Menschen mit Krebserkrankungen: Häufig sei der Nahrungsverzicht bei Krebspatienten kontraproduktiv, da dem Körper zusätzliche Widerstandsfähigkeit genommen werde, die bei einer Krebserkrankung sehr wichtig ist.
  • Menschen mit Gicht: Wer fastet, sorgt für einen stärkeren Abbau von Körperzellen, wobei noch mehr Harnsäure entsteht. Beim Fasten gebildete Stoffe, sogenannte Ketone, verringern zusätzlich die Ausscheidung von Harnsäure.
  • Menschen mit Gallenproblemen: Wer fastet, nimmt der Gallenblase Anreize, Galle abzugeben. Laut der „Techniker Krankenkasse“ kann sich als Folge die Gallenflüssigkeit stauen und somit das Risiko für Gallensteine erhöhen.
  • Schwangere und Stillende: Eine Unterversorgung mit Nährstoffen, könne sich nachteilig auf den Embryo auswirken, der mitten in der Entwicklung steckt. Auch während des Stillens ist Fasten eher ungeeignet.
  • Menschen mit psychischen Erkrankungen und Essstörungen: Das Fasten kann sich negativ auswirken und eine Essstörung begünstigen. Wer bereits unter einer solchen leidet, sollte ebenfalls nicht fasten.

Migräne und Fasten: Ein komplexes Verhältnis

Migräniker (oder besser gesagt Migränikerinnen, denn laut einer Befragung des Robert Koch-Instituts 2020 leiden mehr als doppelt so viele Frauen als Männer unter Migräne) sollten auf das Intervallfasten verzichten. Grund dafür ist, dass Menschen mit dem Volksleiden Migräne eine regelmäßige Nährstoffzufuhr benötigen. „Wenn Migräniker fasten oder zu wenig trinken, dann kann das Migräne-Anfälle auslösen. Wenn man das merkt und weiß, dann ist das nächtliche Fasten für solche Menschen nicht gut“, erklärt Ernährungs-Doc Matthias Riedl.

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Ob Fasten gegen Migräne und Kopfschmerzen wirkt, ist bisher kaum untersucht. Einige Studien deuten darauf hin, dass Menschen mit Schmerzen vom Fasten profitieren könnten, denn Fasten scheint unter anderem die Schmerzwahrnehmung zu beeinflussen. Migräne und Fasten ist bisher nur das Thema von wenigen kleinen Studien gewesen. Diese sind nicht besonders aussagekräftig, da sie nur wenige Menschen untersuchten oder keine Vergleichsgruppen einbezogen, die nicht fasteten.

Studienlage zu Fasten und Migräne

Einige Studien haben sich mit den Auswirkungen des Fastens auf Migräne befasst, aber die Ergebnisse sind nicht immer eindeutig.

  • Positive Effekte: Eine Doktorarbeit von 1990 berichtet von einem positiven Effekt von Heilfasten bei Migräne. Das Ergebnis: weniger Attacken bei rund 90 Prozent der 243 untersuchten Personen. Und die Attacken, die auftraten, waren weniger intensiv. Allerdings wurde auch hier keine Vergleichsgruppe herangezogen. Im Rahmen einer anderen Studie fasteten 424 Menschen mit Migräne und Spannungskopfschmerzen während des Aufenthalts in einer Migräne-Klinik - mit nachhaltigem Erfolg: Noch ein halbes Jahr nach der Entlassung hatten viele von ihnen seltenere und weniger schlimme Kopfschmerzanfälle. Die Studie sagt allerdings nicht viel über den Effekt von Heilfasten bei Migräne aus: In der Klinik wurden die Menschen zusätzlich mit homöopathischen Mitteln, Akupunktur und Psychotherapie behandelt.
  • Negative Effekte: Zwar berichten die oben genannten Studien von einem positiven Effekt des Fastens auf Migräne-Patienten, dennoch tritt Migräne beim Fasten häufig auf: Fasten und das Auslassen von Mahlzeiten triggert bei vielen Betroffenen eine Migräne-Attacke.

Ramadan und Migräne

Viele Menschen muslimischen Glaubens fasten ungefähr einen Monat im Jahr. Dabei essen und trinken sie tagsüber gar nicht. In einer sehr kleinen Studie füllten 32 Menschen mit Migräne während des Fastenmonats Ramadan und einen Monat danach ein Kopfschmerztagebuch. Zwei Teilnehmer hatten so starke Migräne-Attacken, dass sie das Fasten abbrachen. Und bei den übrigen Studienteilnehmern traten Kopfschmerzen rund dreimal häufiger auf als in dem Monat, in dem sie wieder normal aßen.

Eine Untersuchung bei Beduinen aus der Negev-Wüste ergab, dass die 32 Beduinen mit Migräne während des Fastenmonats im Schnitt an 9,4 Tagen Kopfschmerzattacken hatten. Ein Teil der Probanden in der Studie erhielt eine medikamentöse Migräne-Prophylaxe. Der Verdacht, dass das mit den spezifischen Ernährungsgewohnheiten im Fastenmonat zusammenhänge, liege nahe, sagte Professor Frank Erbguth vom Klinikum Nürnberg. Die Studie belege einen Zusammenhang zwischen Ramadan und starken Migräne-Symptomen. Darüber könnten die Betroffenen zumindest informiert werden. Möglicherweise helfe das auch bei der Entscheidung, auf den Ramadan zu verzichten.

Mögliche Mechanismen

Die Bedeutung der Ernährung in der Entstehung und Behandlung von Migräne und Kopfschmerzerkrankungen ist umstritten. Nach derzeitigem Wissensstand lassen sich jedoch keine allgemeingültigen Ernährungsempfehlungen für Migränepatienten begründen. Die aktuelle Studienlage hat eine Reihe von möglichen Mechanismen identifiziert, die die kopfschmerzauslösende Wirkung der Ernährung erklären könnten. Diese beziehen sich insbesondere auf die Auswirkung bestimmter Nahrungsbestandteile und Substanzen, auf Neuropeptide, Ionenkanäle und Rezeptoren sowie der Freisetzung von Stickstoffmonoxid, der Aktivierung des sympathischen Nervensystems, Gefäßerweiterungen und Veränderungen im zerebralen Glukosestoffwechsel. Der direkte Einfluss von Nahrungskomponenten lässt sich jedoch nur schwer abgrenzen.

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Migräne-Attacken können durch Fastenperioden ausgelöst oder auch verstärkt werden. Das zeigte sich bei Muslimen mit Migräne während des Fastenmonats Ramadan. Laut ihrer Kopfschmerztagebücher waren Häufigkeit und Intensität der Migräne-Episoden höher. Eine frühere Studie zeigte bereits, dass die Serotoninspiegel im Serum der TeilnehmerInnen in den ersten gegenüber den letzten Fastentagen signifikant niedriger waren.

Ernährungstherapeutische Ansätze bei Migräne

Neben dem Fasten gibt es auch andere ernährungstherapeutische Ansätze, die bei Migräne in Betracht gezogen werden können:

  • Ketogene Diät (KD): Klinische Daten weisen darauf hin, dass die fettreiche und extrem kohlenhydratreduzierte Ernährungsform sich in vielerlei Hinsicht positiv auf das Krankheitsgeschehen der Migräne auswirkt. Nach dem ersten Monat konnte neben einer Gewichtsreduktion eine deutliche Verringerung der Kopfschmerzhäufigkeit und der Medikamenteneinnahme festgestellt werden.
  • Oligoantigene Diät: In einer doppelblinden Untersuchung konnte durch die Ernährungsumstellung bei 93 % der untersuchten Kinder eine Kopfschmerzreduktion erzielt werden. Darüber hinaus besserten sich während dieser Zeit auch andere Symptome wie Bauchschmerzen, Verhaltensstörungen, Asthma und Ekzeme. Dabei war der Effekt nach 16 Wochen am stärksten ausgeprägt, wenn die Zufuhr an Omega-3-Fettsäuren (z. B. Leinöl, Lachs) zu- und diejenige an Omega-6-Fettsäuren (z. B. Schweinefleisch, tierische Fette, Innereien, Soja-/Maiskeimöl) abnahm.
  • Mikronährstoffe: Studien zeigen, dass eine Supplementierung von 25 mg Vitamin B6 und 400 μg Vitamin B12 sowie 2 mg Folsäure die Schwere der Kopfschmerzen bei Personen mit Migräne mit Aura deutlich verringern kann. In Studien wurde gezeigt, dass Migränepatienten verminderte Konzentrationen der Mikronährstoffe Riboflavin (Vitamin B2), Magnesium und Coenzym Q10 aufweisen.
  • Vermeidung von Triggern: Etwa 12-60 % der Migränepatienten berichten, dass bestimmte Nahrungsmittel, Inhaltsstoffe und Getränke einen Migräneanfall auslösen können. Bekannt ist zudem, dass durch den Konsum oder den plötzlichen Entzug bestimmter Substanzen wie beispielsweise Koffein oder Alkohol ebenfalls Kopfschmerzen ausgelöst werden können. Zu den potenziellen Triggern gehören auch Geschmacksverstärker wie Glutamat, Alkohol (insbesondere Rotwein), künstliche Süßstoffe (z.B. Aspartam, Sucralose) und Nitrate/Nitrite.
  • Fettarme Diät: In einer Studie mit 54 Migränepatienten wurde gezeigt, dass sich die Häufigkeit, die Intensität sowie die Dauer der Attacken im Rahmen einer 12-wöchigen fettarmen Diät signifikant verbesserten.

Fasten im Ramadan: Besonderheiten und Herausforderungen

Der Ramadan ist der neunte Monat im islamischen Mondkalender. Der Koran schreibt zwar vor, dass Muslime im Ramadan fasten müssen, aber es gibt Ausnahmen. Reisende, Kinder, Alte, Schwangere und stillende Frauen sind davon befreit. Vor allem Kranke. Bei Diabetikern drohten während des Fastenmonats unter bestimmten Umständen Hypoglykämien.

Während des Ramadan verzichten gläubige Muslime zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang auf Speisen und Getränke. Auch die Einnahme von Medikamenten ist für viele tabu. Schätzungsweise 60 bis 80 Prozent der Muslime nehmen ihre Medikamente während des Ramadan anders ein als gewohnt. Meist passen sie die Arzneien auf eigene Faust ohne Rücksprache mit Arzt und Apotheker an die Fastenregeln an. Viele lassen entweder Dosen aus oder verteilen ihre Präparate auf zwei Einnahmezeiten: also vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang. In Deutschland bedeutet dies bis zu 17 Stunden, in denen Betroffene auf ihre Medikamente verzichten.

Diese abweichenden Einnahmezeiten können dazu führen, dass die Medikamente schlechter wirken oder mehr unerwünschte Effekte haben. Das hat mitunter Folgen für die Gesundheit: So kann ein bestehender Diabetes aus dem Takt geraten. Auch Rheumaschmerzen können sich verschlimmern.

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Ob gläubige Muslime Medikamente während der Fastenzeit einnehmen dürfen, ist Auslegungssache: Einige Strömungen des Islam betrachten jegliche Substanzen außer Sauerstoff, die in den Körper gelangen, als ein Brechen der Fastenregeln. Andere Richtungen des Islam erkennen an, dass eine Medikamenteneinnahme darauf schließen lässt, dass die Person krank ist, und erlauben daher die Einnahme von Arzneien. Grundsätzlich bevorzugen viele Muslime in dieser Zeit Injektionen, Salben oder Pflaster, da Tabletten, Tropfen oder Zäpfchen über den Verdauungskanal verabreicht werden und daher mehr Ähnlichkeit mit der Nahrungszufuhr haben.

Tipps für ein gesundes Fasten im Ramadan

  • Ausreichend Flüssigkeit: Sowohl beim Sahūr (Mahlzeit vor Sonnenaufgang) als auch beim Iftar (Mahlzeit nach Sonnenuntergang) sind kalorienarme Getränke die Basis für die Fastenperiode. Sie helfen, den Körper zu hydrieren. Säfte, Saftschorlen oder Smoothies mit und ohne Milch sind in Maßen ebenfalls geeignet, da sie Vitamine und Mineralstoffe liefern.
  • Vermeidung von Zucker: Verzichten Sie auf stark gezuckerte Getränke oder Speisen. Diese können Ihren Körper belasten und lassen den Blutzuckerspiegel schnell ansteigen. Wer es gern süß mag, greift traditionell zum Fastenbrechen auf Datteln zurück. Sie enthalten zwar Zucker, aber auch zahlreiche Mikronährstoffe wie Kalium und Ballaststoffe.
  • Suppen: Suppe ist ideal zum Fastenbrechen, da sie viel Flüssigkeit enthält. Perfekt sind Zutaten wie Linsen, Bohnen und (Vollkorn-)Nudeln, die Eiweiß, Kohlenhydrate und Mineralstoffe gleichermaßen liefern.
  • Vollwertige Mahlzeiten: Currys mit eiweißreichen Komponenten, wie Fleisch von Tieren, die Islam konform geschlachtet wurden, also halal sind, Fisch, Eier oder Hülsenfrüchte. Kombiniert mit Reis, Brot oder Kartoffeln füllen sie die Energiereserven schnell wieder auf.
  • Vermeidung von hochverarbeiteten Lebensmitteln: Hoch verarbeitete Lebensmittel mit viel Fett und Zucker enthalten wenig gesunde Inhaltsstoffe. Sinnvoll ist es daher, viel frisch zu kochen.
  • Vollkornprodukte: Generell sind Vollkornprodukte empfehlenswert. Sie unterstützen die Verdauung positiv. Ein Müsli aus Haferflocken, Nüssen und Saaten kombiniert mit Joghurt und Früchten bietet sich zum Beispiel beim Sahūr an. Auch ein Smoothie mit Haferflocken, Datteln und Milch liefert Energie für den Fastentag.

Medikamenteneinnahme während des Ramadan

Einige Mittel lassen sich problemlos zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang einnehmen. Möglicherweise muss man dann aber auf eine andere Dosierung oder einen anderen Tablettentyp, beispielsweise mit länger anhaltender Wirkung, zurückgreifen. Von einigen Schmerzmitteln, Blutdruck- und Epilepsiemedikamenten sind sogenannte Retard-Tabletten erhältlich, die mindestens zwölf Stunden wirken. Gelegentlich ist es auch möglich, statt Tropfen, Tabletten oder Kapseln ein Pflaster zu verabreichen. In diesem Falle umgeht man die nahrungsähnliche Einnahme. Das gilt auch für bestimmte starke Schmerzmittel und Hormonpräparate.

Wer erstmals während des Ramadan ein neues Medikament erhält, kann mit seinem Arzt oder Apotheker besprechen, ob es zwingend notwendig ist, das Präparat sofort anzuwenden. Unter Umständen ist es möglich, die Einnahme bis nach Ende des Ramadan aufzuschieben. Geht dies nicht ohne großes Risiko, besteht die Möglichkeit, das Fasten zu unterbrechen und die fehlenden Fastentage später nachzuholen oder die religiösen Pflichten auf andere Weise zu erfüllen. Auf keinen Fall sollte man das Mittel eigenmächtig während des Ramadan absetzen oder die Dosis selbst nach Belieben anpassen.

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