Die Fernsehlandschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Nach Jahren des explosiven Wachstums und massiver Investitionen in exklusive Inhalte sehen sich die Anbieter nun mit der Herausforderung konfrontiert, ihre Geschäftsmodelle nachhaltig zu gestalten. Die Branche steht vor einem Dilemma: Einerseits müssen die Anbieter ihre Kosten im Griff behalten, andererseits steigen die Erwartungen der Abonnenten mit jeder Preiserhöhung. Ob das gut oder schlecht ist, hängt stark vom eigenen Blick ab: Wer fokussierte, hochwertige Geschichten liebt, findet heute so viel Material wie nie zuvor.
Einführung: Ein verändertes Ökosystem
Die Zeiten, in denen Dutzende Folgen pro Jahr quasi am Fließband produziert wurden, um Sendeplätze zu füllen und Werbezeiten zu verkaufen, sind vorbei. Serien haben sich heute zu hochwertigen Prestigeprodukten entwickelt, deren Entstehung eher an aufwendige Filmprojekte erinnert. Dahinter stehen veränderte Marktbedingungen, neue Konsumgewohnheiten und ein publikumspolitisches Umdenken, das „Qualität statt Quantität“ nicht nur zum Slogan, sondern zum Geschäftsmodell gemacht hat.
Die Entwicklung der Inflation und ihre Auswirkungen
Das Leben in Deutschland ist seit dem russischen Überfall auf die Ukraine deutlich teurer geworden. Die Zeit enorm hoher Inflationsraten ist vorbei, doch die Ernüchterung bei Verbrauchern bleibt. Vor allem bei Dienstleistungen, zu denen etwa Restaurantbesuche, Autoversicherungen und Pauschalreisen zählen, sind die Preise deutlich gestiegen. Auch Lebensmittel haben sich spürbar verteuert. Ganz so schnell wie erhofft wird die Inflationsrate wohl nicht unter die auch psychologisch wichtige Marke von zwei Prozent sinken.
Lange verharrte die Teuerungsrate in Deutschland über zwei Prozent, noch im November lag sie bei 2,3 Prozent. Vor allem Dienstleistungen verteuerten sich überdurchschnittlich, darunter Pauschalreisen und Bahntickets. Im Dezember fiel die Inflationsrate überraschend deutlich auf 1,8 Prozent - der niedrigste Wert seit September 2024. Während sich Dienstleistungen zu Jahresende nochmals deutlich verteuerten, gaben die Energiepreise nach und Lebensmittelpreise stiegen kaum noch. Damit liege die Inflation in Deutschland «wieder absolut im Normalbereich», sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank.
Volkswirte erwarten, dass sich die Menschen in Deutschland weiter mit Teuerungsraten um die Zwei-Prozent-Marke abfinden müssen. «Der Rückgang der Inflationsrate in Deutschland verläuft etwas zäher als gedacht», sagte jüngst Bundesbank-Präsident Joachim Nagel. Dem Ifo-Institut zufolge dürfte die Inflationsrate bei 2,2 Prozent in diesem Jahr und bei 2,3 Prozent 2027 liegen. Nach Einschätzung von Carsten Brzeski, Chefvolkswirt bei der Bank ING, dürfte die Inflationsrate 2026 um die Marke von zwei Prozent schwanken. Zwar ist die Preiswelle ausgelaufen, die Deutschland nach dem russischen Überfall auf die Ukraine erfasst hatte. Damals verteuerten sich Energie und Lebensmittel rasant. Das liegt nicht zuletzt an teureren Nahrungsmitteln. Der Europäischen Zentralbank zufolge sind die Lebensmittelpreise in Deutschland seit dem Vor-Corona-Jahr 2019 um über ein Drittel gestiegen - und die spüren Verbraucher beim täglichen Einkauf besonders.
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Berechnung der Inflationsrate
Das Statistische Bundesamt analysiert jeden Monat, wie sich Preise entwickelt haben. Dazu notieren die Statistiker in Geschäften, was Obst und Gemüse, Schuhe oder Möbel kosten. Wie hoch ist die Wohnungsmiete, was kostet Sprit an der Tankstelle? Tausende Einzelpreise von Waren und Dienstleistungen werden repräsentativ nach dem stets gleichen Schema erfasst.
Gemessen wird die durchschnittliche Preisentwicklung aller Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte für Konsumzwecke kaufen. Darunter fallen Nahrungsmittel, Bekleidung und Autos ebenso wie Mieten, Reinigungsdienste oder Reparaturen. Berücksichtigt werden dabei alle Ausgaben, die in Deutschland getätigt werden, das heißt auch die von Touristen aus dem Ausland.
Preissprünge bei Lebensmitteln
Besonders stark nach oben ging es dem Statistischen Bundesamt zufolge bei Sauerkirschen. Hier lagen die Preise im November 2025 wegen schlechter Ernten knapp 50 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Auch die Tafel Schokolade verteuerte sich mit einem Anstieg von gut einem Viertel deutlich.
Butter etwa verbilligte sich laut Statistischem Bundesamt binnen eines Jahres um gut ein Fünftel (22 Prozent), ähnlich wie Weintrauben. Bei den Preisen für Olivenöl ging es zwischen November 2024 und November 2025 um gut 17 Prozent nach unten, bei Kartoffeln um rund 16 Prozent.
Die Zielmarke der EZB
Die EZB sieht bei mittelfristig 2,0 Prozent Inflation im Euroraum ihr wichtigstes Ziel gewahrt: Für einen stabilen Euro zu sorgen und so die Kaufkraft der Menschen zu erhalten. Dauerhaft niedrige Preise gelten als Risiko für die Konjunktur. Unternehmen und Verbraucher könnten Investitionen oder Käufe aufschieben in der Erwartung, dass es bald noch billiger wird. Auch wenn Preise zu stark steigen, ist das Gift für die Wirtschaft. Dann verlieren Verbraucher Kaufkraft.
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Unzufriedenheit bei Streaming-Abonnenten
Viele Streaming-Abonnenten äußerten in den letzten Monaten eine gewisse Unzufriedenheit: Das Angebot beliebter Serien und Filme verteilt sich auf immer mehr Streamingdienste, deren monatliche Gebühren zudem immer weiter steigen. Obendrein scheint selten ein neuer Publikumsliebling zu erscheinen.
Tivo, populärer Anbieter digitaler Videorekorder, erfasst in seinem „Video Trends Report“ Umfragewerte zum Medienkonsum in US-Haushalten. Demgemäß sank die Zufriedenheit mit bezahlten Streaming-Angeboten über die letzten zwei Jahre.
Jedes Jahr ermittelt TiVo die Zufriedenheit mit Pay-TV-Angeboten, kostenpflichtigem Streaming (SVOD), kostenlosem werbefinanziertem Streaming (AVOD), Streaming klassischer TV-Sender übers Netz (vMPVD) sowie eigenständigen Apps von TV-Anbietern. Der Anteil der Streaming-Nutzer, die mit dem Angebot mittelmäßig bis sehr zufrieden waren, sank von 2022 bis 2024 um 4,1 Prozent. Damit sind sie zwar immer noch deutlich beliebter als alle anderen erfassten Ausspielformate, aber ein Trend ist erkennbar. Allerdings zeigt auch bei allen anderen Diensten die Zufriedenheitstendenz nach unten.
Rückgang der Serienproduktionen
Zudem sank im letzten Jahr die reine Zahl an Serien erstmals seit Beginn der COVID-19-Pandemie, berichtet Axios: 516 Serien wurden im Jahr 2023 produziert, nachdem im Jahr davor eine Rekordzahl von insgesamt 600 Serien auf den Markt gekommen war. Beobachter rufen „Peak TV“ als Trend aus: Die Ära aufwendig produzierter Serien mit überdurchschnittlich hohen Budgets sei vorbei. Stattdessen setzten die Konkurrenten zunehmend auf Übertragungsrechte von Sportveranstaltungen, um Zuschauer zu gewinnen und zu binden.
Streaming als Verlustgeschäft
Trotz steigender Monatsbeiträge bleibt Streaming für viele Hollywood-Studios ein Verlustgeschäft: Comcast, Disney, Discovery und Paramount erwarten frühestens zum Jahresende eine schwarze Null im Streaming-Geschäft. Dies wird eine doppelte Herausforderung für Streaming-Anbieter, da die Kunden mittlerweile ihre Abonnements reduzieren: Während ein durchschnittlicher US-Haushalt im 2. Quartal 2023 noch 6,9 kostenflichtige Dienste abonnierte, sank die Anzahl übers Jahr auf 5,7 Streaming-Abonnements.
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Der Trend sinkender Zufriedenheit
Streamingdienste erhöhen die Preise, während die Zufriedenheit der Nutzer sinkt. Neue Umfragen zeigen, dass Abonnenten trotz höherer Gebühren immer unzufriedener mit dem Angebot werden. Die goldene Ära des Streamings, im Englischen in der Regel "Peak TV" genannt, neigt sich dem Ende zu. Laut einer aktuellen Studie von TiVo ist die Zahl der Nutzer, die die Inhalte ihrer Streamingdienste als "durchschnittlich bis sehr gut" bewerten, rückläufig. Bei werbefreien Diensten sank dieser Anteil von 78,6 Prozent im zweiten Quartal 2022 auf 74,5 Prozent im gleichen Zeitraum 2024. Wie Ars Technica berichtet, zeigt sich ein ähnlicher Trend in anderen Studien. Eine Umfrage von CableTV.com ergab, dass die Zufriedenheit mit Originalinhalten bei großen Anbietern wie Disney+, Hulu, Max, Netflix und Paramount+ von 2023 auf 2024 gesunken ist.
Strategien der Streaming-Anbieter
Netflix-Co-CEO Ted Sarandos gab kürzlich bekannt, dass der Streaming-Gigant aufgrund der Streiks in Hollywood einige populäre Originalproduktionen wie "Cobra Kai" und "Nobody Wants This" bis in die zweite Jahreshälfte 2024 verschieben musste. Mit der Stabilisierung der Produktionsabläufe und Zeitpläne sollte sich aber auch die Veröffentlichungsstrategien verbessern, so die Hoffnung und Erwartung von Sarandos. Experten sehen die Lösung in einer Fokussierung auf die richtigen Projekte. Laut dem Branchenmagazin Variety könnten dies "mehr Shows mit breiter Anziehungskraft, vernünftigen Budgets und weniger Filmstars" sein.
Veränderungen in der Serienproduktion
In den vergangenen Jahren haben sich Fernsehserien stärker gewandelt als in den Jahrzehnten zuvor. Staffeln werden kürzer, Folgen länger, die Besetzung prominenter. Allein 2019 sind schätzungsweise 532 neue TV-Serien in den USA ausgestrahlt worden.
Um zu verstehen, warum frühere Serien häufig 20 bis 24 Episoden pro Staffel hatten, muss man ins traditionelle US-Free-TV blicken. Dort orientierte sich die Episodenzahl jahrzehntelang an der klassischen Fernsehsaison: Von September bis Mai mussten Programmplätze gefüllt und verlässlich Quoten generiert werden. Serien wurden in einem fast industriellen Takt produziert. Eine Folge pro Woche, teilweise unter enormem Zeitdruck, oft mit geringeren Budgets. Drehbuchautorinnen und -autoren hatten die Aufgabe, eine Staffel möglichst lange zu strecken: Nebenhandlungen wurden eingefügt oder Filler-Folgen produziert, die kaum zum roten Faden der eigentlichen Story beitrugen.
Mit dem Aufstieg des Streamings verschoben sich diese Logiken grundlegend. Plattformen wie Netflix, Amazon Prime oder Disney+ sind nicht auf lineare Sendeplätze angewiesen. Sie müssen keine 24 Episoden füllen, sondern ein möglichst attraktives, jederzeit abrufbares Angebot schaffen. Gleichzeitig suchen sie nach Formaten, die Abonnentinnen und Abonnenten binden, statt sie nur Woche für Woche zu unterhalten. Die Antwort darauf ist eine deutliche Verdichtung: Staffeln mit sechs bis zehn Episoden, erzählt als große, zusammenhängende Geschichte mit filmischer Dramaturgie. Die Budgets steigen signifikant, die Produktionszeiten verlängern sich, die Kreativen erhalten mehr Freiheiten - aber auch mehr Verantwortung, etwas abzuliefern, das im dicht gedrängten Serienmarkt auffällt.
Auswirkungen auf Sehgewohnheiten und Wettbewerb
Auch die veränderten Sehgewohnheiten spielen eine große Rolle. Binge-Watching hat das Publikum daran gewöhnt, kompakte und straffe Staffeln zu konsumieren, die dramaturgisch funktionieren wie überlange Filme. Eine Staffel mit über 20 Episoden wäre heute für viele ein enormer Zeitaufwand und wirkt im Vergleich zu den konzentrierten Mini-Staffeln vieler neuer Serien schwerfällig. Gleichzeitig hat die Masse an verfügbaren Formaten den Wettbewerb verschärft: Jede Serie kämpft um Aufmerksamkeit.
Der Wandel der Seriendarsteller
Hinzu kommt die Aufwertung der Serien als künstlerisches Medium. Während es früher eine mehr oder weniger klare Trennung zwischen den großen Filmstars wie Brad Pitt oder George Clooney und TV-Gesichtern wie Mischa Barton oder Nina Dobrev gab, verschwimmt diese Grenze zunehmend. Heute gehört es fast zum guten Ton, dass Hollywood-Größen sich in anspruchsvolle Serienrollen stürzen - von Nicole Kidman und Matthew McConaughey bis hin zu Harrison Ford oder Kate Winslet. Der Grund ist simpel: Serien bieten die Möglichkeit, über mehrere Stunden hinweg komplexere Figuren zu entwickeln, was ein zeitlich doch sehr eingeschränkter Film oft nicht zulässt. Gleichzeitig sorgen deutlich höhere Budgets und eine globale Reichweite dafür, dass namhafte Darstellerinnen und Darsteller nicht mehr abgeschreckt werden, sondern Serienrollen gar attraktiv und prestigeträchtig machen. Der klassische Seriendarsteller, der über viele Jahre hinweg fast ausschließlich in genau einer Rolle und einer Produktion zu sehen ist, wird zunehmend seltener.
Der Fokus auf kurzlebige Formate
Streamingdienste interessieren sich weniger für langlebige Serien, die über Jahre hinweg entwickelt werden müssen, sondern eher für Formate, die schnell Aufmerksamkeit generieren und abgeschlossene Geschichten liefern. Längere Serien sind teuer, binden Cast und Crew auf lange Zeit und ihr Nutzen in Bezug auf Abozuwachs oder Medienresonanz sinkt mit jeder Staffel. Ein kurzer, intensiver Run hingegen sorgt für ein klares Profil, ist international vermarktbar und erzeugt den Eindruck von Exklusivität. Es gibt keinen finanziellen Anreiz mehr, auf Biegen und Brechen möglichst viele Staffeln zu produzieren.
Vor- und Nachteile des Wandels
Einerseits steigt die erzählerische Qualität vieler Serien tatsächlich. Die straffere Erzählweise macht sie homogener und konzentrierter. Die höhere Produktionsqualität sorgt für beeindruckende Bilderwelten, die Kinoästhetik erreichen oder sogar übertreffen. Die prominente Besetzung zieht ein breiteres Publikum an, hebt das Prestige und erhöht die Bereitschaft, sich mit komplexen Themen auseinanderzusetzen. Kurz gesagt: Die Serie ist erwachsen geworden - in ihrem Anspruch wie in ihrer Wirkung.
Andererseits gibt es auch Schattenseiten. Kürzere Staffeln bedeuten weniger Zeit für Figurenentwicklung, weniger Raum für humorvolle Ausflüge oder abgeschlossene Nebenepisoden, die früher oft Kultstatus erreichten. Die hohe Produktionsdauer sorgt dafür, dass zwischen den Staffeln teils Jahre liegen - lange Wartezeiten, in denen das Interesse des Publikums erkalten kann. Und während Streamingdienste künstlerische Freiheit versprechen, sind sie ebenso bekannt dafür, Serien schnell abzusetzen, sobald die Zahlen nicht stimmen. Viele Formate enden abrupt oder bleiben unvollendet, was früher deutlich seltener vorkam. Nicht zuletzt, weil der hohe Produktionsstandard zu Kostenexplosionen führen kann, die eine Serie zu einem riskanten Unterfangen machen - ein wirtschaftlicher Druck, der dann oft zu vorsichtigen Entscheidungen führt.
Kostenexplosionen in der Serienproduktion
Wo früher Serien wie „Game of Thrones“ mit etwa 15 Millionen US-Dollar pro Folge als teuer galten, spielen neue Produktionen wie die aktuelle Staffel „Stranger Things“ oder die vierte Staffel „The Witcher“ mit bis zu 60 Millionen US-Dollar pro Folge in einer ganz anderen Liga. Auch aus Perspektive der Schauspielenden verändert sich vieles. Größere Stars bedeuten zwar mehr Sichtbarkeit fürs Projekt, aber auch mehr Abhängigkeit von deren Terminen, Gagen und künstlerischen Vorstellungen.
Auswirkungen auf das Publikum
Nicht zuletzt beeinflusst dieser Wandel aber auch das Publikum. Die Fülle an hochwertigen Formaten, die immer kürzer und intensiver erzählt werden, erzeugt einen gewissen Erschöpfungseffekt. Alles scheint „Event“, alles will Aufmerksamkeit. Was früher ein Sonderfall war - eine Serie, über die alle sprechen -, ist heute nur eine von zehn Neuerscheinungen im Monat. Eine große Fandom-Bildung, wie es früher bei bekannten TV-Produktionen wie „The Vampire Diaries“ oder „Friends“ der Fall war, bleibt bis auf wenige Ausnahmen komplett aus. Oft bleiben es Eintagsfliegen, die für einen Moment den großen Hype erleben, selten aber Jahre später noch einmal aus nostalgischen Gesichtspunkten rewatched werden.
Streaming und Connected TV
Streaming und Connected TV haben den Fernsehmarkt komplett umgekrempelt. Nun zeichnet sich die nächste Disruption ab: Was kommt, was geht, was bleibt - ein kurzer Überblick über die Trends der expansiven Welt des Bewegtbilds. Inhalte nach Wahl, jederzeit und überall verfügbar: Das Streaming-Angebot hat das Sehverhalten in der letzten Dekade komplett auf den Kopf gestellt. Die Bewegtbildbranche schien verteilt und stabil. Doch derzeit erlebt sie weitere deutliche Veränderungsprozesse.
Flexibilität bieten inzwischen alle, die vormals linearen Sender haben mit Mediatheken nachgelegt. Die Programmqualität allerdings nimmt bei den vormaligen Revulotionären nicht mehr zu: Die wachsende Zahl der Anbieter hat nur kurzfristig dazu geführt, dass die Produktionen sich mit inhaltlicher und technischer Brillanz von der Masse abgehoben haben. Heute führt der Konkurrenzdruck dazu, dass Serien, Dokus und Filme am Fließband veröffentlicht werden. Der ursprüngliche Ansatz der Streamer von Amazon Prime bis Netflix, viele Nischen machen auch Masse, scheint sich zu Gunsten austauschbarer Massenware aufzulösen. Weil der Wettbewerb außerdem dazu führt, dass sich die (stagnierenden) Umsätze mit abofinanziertem Streaming (SVoD) auf viel mehr Anbieter verteilen, steigt der Kostendruck - Qualität hat aber, die Binsenweisheit stimmt, ihren Preis. Nach und nach wird bei den einzelnen Produktionen gespart und oftmals stattdessen in die Menge gepumpt. Die logische Folge: Die SVoD-Streamer büßen bei einem ihrer größten Verkaufsargumente, der Qualität, ein. Die Marktanteile der großen SVoD-Anbieter steigen nicht mehr, die der kleineren wachsen auf niedrigem Niveau.
Werbefinanzierung im Streaming
Werbeunterbrechungen waren in den Goldenen Zeiten des Streamings verpönt, galten als zu überwindendes Konzept aus dem bemitleideten klassischen, linearen Fernsehen. Bei Letzteren deutet sich eine wachsende Akzeptanz für Werbefinanzierung an. Noch auch niedrigem Niveau, aber mit steigender Tendenz. Angesichts aktueller Krisen und Preissteigerungen erhält diese Überlegung der Verbraucher:innen ein noch stärkeres Gewicht als vor dem Beginn des Kriegs in der Ukraine. Die Bereitschaft, ein Streaming-Abo zu kündigen, steigt, die Zahlungsbereitschaft sinkt. Werbefinanzierte Angebote bieten einen Ausweg aus dem Dilemma, das in schwereren Zeiten aus dem Preisbewusstsein einerseits und dem Bedürfnis nach Unterhaltung und Entspannung andererseits entsteht. Die Anbieter wiederum, allen voran Amazon Prime und Netflix, haben die heilige Kuh Werbefreiheit bereits 2022 geschlachtet). Auf der Suche nach zusätzlichen Einnahmequellen und unterstützt von den verbesserten technischen Möglichkeiten spielt nun werbefinanziertes Video-on-Demand (AVoD: Ad-supported VoD) eine große Rolle. Zugleich bietet das den Streamern die Chance, in einem gesättigten Markt die sinkenden Abo-Erlöse zu kompensieren.
Die Robustheit des linearen Fernsehens
Krisen, Komplexität und Konnektivität helfen dem Fernsehen. Für lineare Angebote der zahlreichen deutschen Sender ist das eine sehr gute Nachricht. Viele Male schon wurden sie totgesagt, der internationalen Streaming-Konkurrenz und Qualitätsoffensive scheinbar nicht gewachsen. Doch erweisen sich die nationalen Angebote als sehr robust. Das vorübergehende Wachstum des Fernsehens während der Pandemie ist danach nicht nachhaltig eingebrochen, der Krieg in der Ukraine hat die Relevanz von klassischem und Live-TV erneut gestützt. Vor allem, was solide Information, Nähe und Relevanz, Sport- und Live-Veranstaltungen angeht, sind sie für viele Zuschauer:innen unverzichtbar. Dazu sind die Angebote kostenlos, weil werbefinanziert. Und diese Erlössäule ist und bleibt laut PWCs „German Entertainment & Media Outlook 2022-2026“ recht stabil bei rund 4,4 Mrd.
Addressable TV
Dazu trägt neben den Personalisierungsmöglichkeiten für Werbung durch Addressable TV die Personalisierung der Kanäle bei. Die Zahl der Anbieter nimmt auch hier zu und umfasst etablierte Sender ebenso wie neue Plattformen. Die Zuschauer:innen haben die Wahl zwischen (unter anderem) DMAX, Crunchyroll, Freevee (Amazon), Joyn (ProSiebenSat.1), Popcorntimes, LG Channels, Netflix Basis-Abo mit Werbung, Netzkino, Pluto TV, Rakuten TV Free, Rlaxx TV (Foxxum), RTL Plus, Samsung TV Plus, Wakanim, Waipu.tv, Zattoo. Alles AVoD und FAST, also werbefinanzierte Angebote, die klassisches Programm mit den Möglichkeiten des Smart TV vereinen.
Addressable TV wiederum nutzt nicht nur den Sendern, sondern auch den Werbekunden: In mehreren Studien wiesen die Vermarkter nach, dass genauer auf die Zuschauer:innen zugeschnittene Werbung bei den Verbraucher:innen besser ankommt, sie sich besser daran erinnern und auch Akzeptanz und Markenwahrnehmung steigen (El Cartel und Mediaplus, "The Power of Addressable TV").
Die Zukunft des Fernsehens
Die Freiheiten, die mit dem Streaming kamen, wollen die Nutzer:innen behalten: Jenseits von Nachrichten und Live-Inhalten werden sie schauen, wann und wo sie wollen. Nach wie vor ist das große Gerät im Wohnzimmer der Hauptzugang - aufgrund der Zugänglichkeit von Internetanschluss und nutzerfreundlichen Apps wird das so bleiben, für den Konsum unterwegs oder nebenbei ergänzt durch Mobiltelefon und Tablet. Fernsehen ist nicht tot, Fernsehwerbung ebenfalls nicht - nur heute ganz anders. Wer sich mit dem Markt verändert und beweist, dass er auf die Stimmung der Nutzer:innen achtet, kann sich in einem hochkomplexen Markt behaupten. Dazu gehört die vermeintlich flache und gern mal verdrängte Erkenntnis, dass Qualität sich am Ende durchsetzt. Und die Tatsache, dass Fernsehen vernetzt ist und erst mal bleiben wird.
Streaming, Connected TV, AVoD, FAST, OTT, Addressable TV, Social TV: Viele Facetten prägen den dynamischen Bewegtbild-Kosmos. Doch welche Trends, Business-Modelle, Content- und Media-Strategien setzen sich durch? Welche Technologien, Anwendungen und Player geben künftig den Ton an? Wie nutzen wir im Jahr 2030 den großen Bildschirm?
Preiserhöhungen bei Sky und Netflix
Schon Ende 2021 kündigten sich gleich zweimal Preiserhöhungen für Sky an - auch, weil der Pay-TV-Sender mit Netflix kooperierte. Auch Netflix selbst zog die Preise im vergangenen Mai beziehungsweise im Oktober für Apple-Kunden an. 2022 plant der Streaming-Dienst nach eigenen Angaben, die Grundgebühr für jedes Abo-Modell zu erhöhen.
Die Pläne betreffen vorerst nur die USA sowie Kanada und dort auch nur Neukunden. Für Bestandskunden sollen die Preise im Laufe des Jahres aber ebenfalls Schritt für Schritt angepasst werden. So kostet das Basis-Modell in Zukunft anstatt 8,99 Dollar nun 9,99 Dollar. Auch das Standardmodell, das nicht nur zwei Streams parallel, sondern im Gegensatz zum Basis-Abo auch HD inkludiert hat, stockt Netflix um knapp 2 Dollar auf. Kunden müssen nun 15,49 Dollar anstatt 13,99 Dollar zahlen. Am teuersten bleibt nach wie vor die Premiumversion des Streaming-Dienstes, die mitunter 4K-Qualität bietet.
Auch wenn Netflix sich zu Preiserhöhungen in Europa respektive Deutschland bislang nicht geäußert hat, so kann man davon ausgehen, dass sie auch hier kommen. Das dürfte nur eine Frage der Zeit sein. Denn 2020 erhöhte der Streaming-Dienst ebenfalls erst die Preise für die USA, die 2021 dann auch auf dem europäischen Markt griffen. Die Frage: Da sich die Abstände zwischen den immer teurer werdenden Preisen bei Netflix in den vergangenen Jahren stark verkürzt haben, folgen nun jährlich Preiserhöhungen?
Die Gründe für den Schritt sind nicht eindeutig klar. Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters betonte ein Netflix-Sprecher, dass man beständig an neuen Optionen und Angeboten arbeitet, die Kunden ein besseres Erlebnis bieten sollen. Zuletzt integrierte Netflix etwa eine eigene „Gaming-Plattform“, die für Kunden bereits im normalen Netflix-Abo integriert ist. Möglicherweise gerät der Streaming-Dienst aber auch immer mehr unter Druck. Die Konkurrenz schießt förmlich aus dem Boden - wie etwa die Dienste Paramount+ und Peacock. Auch Disney+ wird immer wichtiger auf dem Markt, vor allem aufgrund der populären Inhalte, die nach und nach nur noch exklusiv bei Disney+ zu sehen sind. Die Lizenzen für viele Serien und Filme laufen somit bei Netflix und Co.