Einführung
Fernsehen ist eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen weltweit, doch der Einfluss des Fernsehkonsums auf unser Gehirn ist ein viel diskutiertes Thema. Während einige Studien negative Auswirkungen auf kognitive Fähigkeiten und Hirnstruktur nahelegen, zeigen andere überraschende positive Effekte. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Perspektiven und Forschungsergebnisse, um ein umfassendes Bild der Auswirkungen des Fernsehens auf unser Gehirn zu zeichnen.
Negative Auswirkungen von Fernsehkonsum auf das Gehirn
Langfristige Studien aus den USA
Drei langfristig angelegte Studien aus den USA haben untersucht, was mit unserem Gehirn passiert, wenn wir über einen langen Zeitraum viel fernsehen. Untersucht wurde beispielsweise, wie das Gehirn mit 50 Jahren aussieht, wenn die Versuchsteilnehmenden mit 30 Jahren angegeben hatten, dass sie viel fernsehen. Dabei hat sich gezeigt, dass hoher Fernsehkonsum zu schlechteren kognitiven Fähigkeiten führt. Die Menschen, die über einen langen Zeitraum viel ferngesehen hatten, konnten beispielsweise schlechter Aufgaben lösen, die das Gehirn anstrengen. Darin unterschieden sie sich von anderen, die gar nicht oder nur wenig TV schauen. Vor allem Binge-Watching kann eine negative Auswirkung auf unsere Hirnfunktionen haben, schließen die Studienautoren aus ihren Beobachtungen.
Reduzierte graue Substanz und Hirnvolumen
Das Team um Dr. Tina Hoang vom Northern California Institute for Research and Education hat Resultate der CARDIA-Studie zu den Auswirkungen des TV-Konsums publiziert. In ihrer aktuellen Auswertung haben sich die Forscher um Hoang auf knapp 700 Teilnehmer der Studie konzentriert, die sich 25 Jahre nach Beginn einer strukturellen Hirn-MRT unterzogen hatten. Zum Zeitpunkt der MRT-Analyse waren die Teilnehmer 50 Jahre alt. Im Schnitt hatten sie über die vergangenen zwei Dekaden hinweg 2,3 Stunden täglich auf den TV-Bildschirm gestarrt, 15% sogar vier oder mehr Stunden.
Die Ergebnisse zeigten einen signifikanten Zusammenhang zwischen hohem Fernseherkonsum und geringem Gesamthirnvolumen, geringem Volumen der grauen Substanz und einem reduzierten Volumen im Frontalhirn. Wurden vaskuläre Risikofaktoren wie Nikotin- und Alkoholkonsum, Adipositas, Hypertonie, Depression sowie die körperliche Aktivität ebenfalls in die Rechnung aufgenommen, blieb ein signifikanter Zusammenhang bei der grauen Substanz im Allgemeinen und dem Frontalhirn im Besonderen bestehen.
Die Graue Substanz wird oft als Maß dafür genommen, wie gut die kognitiven Fähigkeiten sind. Vereinfacht gesagt: Wie schnell und wie gut Aufgaben gelöst werden können. Ein Ergebnis, zu dem auch andere Studien gekommen sind, lautet: Je mehr Graue Hirnsubstanz vorhanden ist, desto besser können bestimmte Aufgaben gelöst werden. Vereinfacht gesagt steht die Graue Substanz im Gehirn für diejenigen Areale, in denen höhere Funktionen ausgeführt werden. Zum Beispiel das Treffen von Entscheidungen. Zu diesen Hirnregionen zählen die Großhirnrinde oder der Cortex.
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Sedentärer Lebensstil und mangelnde Stimulation
Die Forschenden sehen auch einen Zusammenhang zwischen langem Sitzen, wenn wir fernsehen, und dem Nachlassen von Hirnfunktionen. Denn nachgewiesenermaßen ist Bewegung nicht nur für die körperliche Fitness wichtig, sondern fordert und fördert gleichzeitig auch unser Gehirn. Dabei unterscheiden die Forschenden verschiedene Tätigkeiten, die wir in der Regel im Sitzen ausführen: beispielsweise Lesen oder Computer- und Brettspiele spielen, halten sie für weniger schädlich, weil das Hirn dabei gefordert werde. Fernsehen hingegen gilt als nicht-stimulierend für unsere kognitiven Funktionen.
Dr. Tina Hoang sprach von einer geringeren kognitiven Reserve bei Personen mit hohem Fernseherkonsum, bedingt durch ihren sedentären Lebensstil. Allerdings wurde in der Studie nicht untersucht, ob sich viel Zeit vor dem Computerbildschirm mit kognitiv meist anspruchsvolleren Tätigkeiten ebenfalls negativ auf die Hirnzellen auswirkt.
Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche
Für die Entwicklung der Nervenfasern im Frontallappen ist es wichtig, dass Kinder ihrem Alter entsprechend gefördert werden, miteinander spielen und sich untereinander austauschen können. Nur so könenn sich stabile Verbindungen zu den Neuronen bilden. Wenn Kinder nun fernsehen, hat das zur Folge, dass die Entwicklung des Frontallappens stagniert. Gleichzeitig stoppt die Entwicklung der rechten Gehirnhälfte. Diese gehemmte Entwicklung des Frontallappens bei Kindern kann ihre Fähigkeit zur Kontrolle von unsozialem Verhalten beeinflussen.
Passivität und unkritische Informationsaufnahme
Das Medium Fernsehen sorgt für eine passive Art der Kommunikation. Die Frage ist, inwieweit wir durch die Meinung anderer, die uns über das Medium Fernsehen präsentiert wird, beeinflusst werden. Insbesondere dann, wenn wir einen Standpunkt vehement vertreten, sollten wir uns fragen, wie wir zu dieser Meinung gekommen sind.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Flut an negativ-Informationen, die uns über das Fernsehen in Form von Nachrichten übermittelt wird. Die Nachrichten werden ständig wiederholt und auf allen Sendern übertragen.
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Zusammenhang mit schlechterer körperlicher Fitness
Dass viel Fernsehen mit einer schlechteren körperlichen Fitness einhergeht, ist klar. Denn wer viel Fernsehen schaut (mehr als 4 Stunden/Tag), hat nun mal weniger Zeit für Sport. Damit verbunden sind ein höheres Gewicht und ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankung, sowie auch Diabetes.
In einer amerikanischen Studie im Jahr 1985 mit 3250 jungen Erwachsenen im Alter zwischen 18 bis 30 Jahren (die CARDIA- Studie) wurden die Teilnehmer alle 5 Jahre nach ihren Fernsehgewohnheiten befragt, alle 2-5 Jahre nach ihren Freizeitaktivitäten. In dieser Studienpopulation wurden knapp 11% als sogenannte Viel- Fernseher klassifiziert: sie schauten mehr als 3 Stunden/Tag Fernsehen. Wie sich zeigte, schnitten sowohl die chronischen Couch-Potatoes (geringe sportliche Aktivitäten, Fernsehen weniger als 3 Stunden/Tag) als auch die Vielfernseher bei diesen Test signifikant schlechter ab als der Rest der untersuchten Population. Geringe körperliche Aktivität wie auch Überfernsehkonsum waren verbunden mit einer schlechten Verarbeitungsgeschwindigkeit und Exekutivfunktion.
Hypnotischer Zustand und Beeinflussbarkeit
Einige Menschen werden überrascht sein wenn sie erfahren, dass es sich beim Medium Fernsehen um ein Kontrollmedium handelt. Es ist in der Lage, uns derart zu entspannen, dass unsere linke, analytische Gehirnhälfte beim längeren fernsehen abgeschaltet wird. Das hat zur Folge, dass wir die ganzen Informationen, die uns das Fernsehen präsentiert, völlig unkritisch übernehmen, so dass es uns letztendlich immer schwerer fällt, die aufgenommenen Informationen neutral zu beurteilen.
Unter Hypnose ist unser Gehirn einem ganz ähnlichen Prozess ausgesetzt. Unter Hypnose werden wir offen für die Suggestionen des Therapeuten, da wir uns in einem vollkommen entspannten Zustand befinden. In diesem Zustand verändert sich der Frontallappen im Gehirn. Das hat zur Folge, dass wir nur noch unsere rechte Gehirnhälfte benutzen. Wenn wir Fernsehen, dauert es nur etwa 30 Sekunden, und wir befinden uns in einem ähnlich hypnotischen Stadium. Das hat jedenfalls Professor Herbert Krugmann in einer Studie herausgefunden, die bereits 1971 durchgeführt wurde. Das Ergebnis seiner Studie war, dass wir über die Informationen, die uns das Fernsehen übermittelt, nicht nachdenken. Verbleiben wir für eine längere Zeit in diesem Stadium - und es gibt tatsächlich eine Menge Menschen, die mehr oder weniger den ganzen Tag über fernsehen - so fällt es uns immer schwerer, uns zu konzentrieren oder alltägliche Probleme zu lösen.
Positive Auswirkungen von Fernsehkonsum auf das Gehirn
Studie aus Jena: Verbesserte kognitive Fähigkeiten
Dr. Matthias Nürnberger aus der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Jena hat in einer prospektiven Studie die Auswirkungen des Fernsehens untersucht. Entgegen gängiger Annahmen fand er heraus, dass exzessives Fernsehen nicht nur keine negativen Auswirkungen hat, sondern die visuelle Informationsverarbeitung und die motorische Lernfähigkeit sogar signifikant verbessern kann.
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In einer randomisierten, kontrollierten Interventionsstudie untersuchten sie, ob eine intensive visuelle Stimulierung durch Fernsehen unsere Verarbeitung von optischen Informationen, also unser visuelles Kurzzeitgedächtnis, und unsere motorische Lernleistung - das ist die Fähigkeit, bestimmte Bewegungsmuster durch wiederholte Ausführungen zu erlernen - verbessern können. Dazu ließen sie 74 junge Erwachsene zwischen 20 und 30 Jahren fünf Tage lang in einer kontrollierten Umgebung entweder exzessiv fernsehen, das heißt acht Stunden pro Tag, oder eben überhaupt nicht fernsehen. Beide Gruppen absolvierten während des Experiments einen Kurs im Tippen auf der Tastatur im 10-Finger-System - eine Fertigkeit, die sie vorher nicht beherrschten und die motorische Fähigkeiten mit visueller Informationsverarbeitung verknüpft.
Das Ergebnis überraschte in seiner Deutlichkeit selbst das Forschungsteam: Die TV-Gruppe schnitt bei allen Testungen besser ab als die Kontrollgruppe ohne TV-Konsum, teilweise sogar signifikant. Die Effekte ließen sich direkt im Gehirn nachweisen.
Ergebnisse der Jenaer Studie im Detail
- Motorisches Lernen: Teilnehmer der TV-Gruppe zeigten beim Erlernen des Zehnfingersystems für das Tastaturschreiben signifikant bessere Ergebnisse als die Kontrollgruppe.
- Visuelles Kurzzeitgedächtnis: Die Fähigkeit zur kurzfristigen visuellen Wahrnehmung war in der TV-Gruppe um 25 Prozent besser ausgeprägt als in der Kontrollgruppe, die kein Fernsehen konsumierte.
- Verknüpfung im Gehirn: Es wurde eine verstärkte Verbindung zwischen visuellen und motorischen Lernnetzwerken im Gehirn der TV-Gruppe beobachtet. Dies ergab sich aus funktionellen MRT-Aufnahmen im Ruhezustand, die vor und nach dem Experiment gemacht wurden. Bei der TV-Gruppe zeigte sich außerdem eine Volumenzunahme in der linken Gehirnhälfte, konkret im entorhinalen Kortex, der zur Verarbeitung visueller Informationen, also dem visuellen Kurzzeitgedächtnis, beiträgt.
Mögliche Erklärungen für die positiven Effekte
„Eigentlich gilt das Gehirn ab einem gewissen Alter als kognitiv austrainiert. Mit etwa 25 Jahren ist das Maximum an Synapsen erreicht und es ist sehr schwierig, diese Obergrenze zu verändern.
Relativierung der Ergebnisse
„Ob diese Effekte von Dauer sind und wie sich im Vergleich ein durchschnittlich langer Fernsehkonsum auswirkt, muss noch untersucht werden“, sagt Nürnberger. Derzeit untersucht er mit seinem Team den Einfluss des Fernsehkonsums auf die kognitive Leistungsfähigkeit älterer Menschen. „Bislang ist noch vieles unerforscht.
Medienpsychologische Perspektive
Malte Elson, Medienpsychologe an der Ruhr-Universität Bochum, betont, dass es keinen unmittelbaren Schaden vom Bildschirm aus gibt. Das Gehirn ist plastisch und verändert sich ständig, unabhängig davon, ob man fernsieht oder Bücher liest. Er warnt vor der Vorstellung, dass jede extra Minute vor dem Bildschirm einen Punkt Abzug bedeutet, da es dafür keine Evidenz gibt.
Die Bedeutung des Inhalts und der Nutzung
Elson betont, dass es sehr darauf ankommt, was man ansieht und was man daraus macht: Spricht man als Kind mit seinen Eltern oder Gleichaltrigen darüber, was man da gesehen hat? Er verweist darauf, dass jedes Medium eine Bereicherung sein kann, wenn es richtig eingesetzt wird. Genauso, wie es gute Bücher gibt, aber auch totale Schrottbücher, ist es auch mit dem Fernsehen.
Fernsehen als Ablenkung und Entspannung
Fernsehen kann auch eine Möglichkeit sein, sich von schwierigen Lebensumständen abzulenken und zu entspannen.
Empfehlungen für einen gesunden Umgang mit Fernsehen
Maßvoller Konsum
Wie bei vielen Dingen im Leben ist auch beim Fernsehen ein maßvoller Konsum entscheidend. Die Broschüre des Bundesfamilienministeriums gibt folgende Richtwerte für Kinder:
- Kinder zwischen 3 und 5 Jahren: nicht mehr als 30 Minuten pro Tag
- Kinder zwischen 6 und 9 Jahren: nicht mehr als 45 Minuten
- Kinder ab 10 Jahren: nicht mehr als 60 Minuten
Aktive Mediennutzung
Es ist wichtig, sich bewusst mit den Inhalten auseinanderzusetzen, die man im Fernsehen sieht. Gespräche mit anderen über das Gesehene können helfen, die Informationen kritisch zu hinterfragen und einzuordnen.
Ausgewogene Freizeitgestaltung
Fernsehen sollte nicht die einzige Freizeitbeschäftigung sein. Es ist wichtig, auch andere Aktivitäten zu pflegen, wie Sport, Lesen, Spielen und soziale Kontakte.
Förderung der Medienkompetenz
Kinder und Jugendliche sollten lernen, Medien kritisch zu hinterfragen und bewusst auszuwählen. Eltern können dabei eine wichtige Rolle spielen, indem sie mit ihren Kindern über Medieninhalte sprechen und ihnen helfen, Fake News und Propaganda zu erkennen.
Vermeidung von Passivität
Es ist wichtig, sich nicht von negativen Informationen und Meinungen im Fernsehen überfluten zu lassen. Versuchen Sie, für einige Tage oder Wochen konsequent auf das Fernsehen zu verzichten und beurteilen Sie die Auswirkungen, die dieser Verzicht auf ihr Leben hat.
Pflege von Körper und Geist
Es ist nicht nur wichtig, dass wir unseren Körper durch gesunde Ernährung und ausreichende Bewegung bei guter Gesundheit erhalten. Genauso wichtig ist es, dass wir unseren Geist pflegen und positiv stimulieren.
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