Das Tourette-Syndrom (TS) ist eine angeborene, neuropsychiatrische Erkrankung, die durch das Auftreten von Tics gekennzeichnet ist. Tics sind unwillkürliche, sich wiederholende Bewegungen (motorische Tics) oder Lautäußerungen (vokale Tics), die ohne Zusammenhang zur momentanen Situation auftreten. Die Erkrankung beginnt meist im Kindesalter und kann mit anderen psychischen Erkrankungen wie ADHS oder Zwangsstörungen einhergehen. Obwohl eine Heilung des Tourette-Syndroms derzeit nicht möglich ist, gibt es verschiedene Behandlungsansätze, die darauf abzielen, die Tics zu mindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Eine davon ist das Habit Reversal Training (HRT).
Das Tourette-Syndrom und seine Behandlung
Das Tourette-Syndrom (Gilles-de-la-Tourette-Syndrom, TS) ist eine neuropsychiatrische Erkrankung, die durch Tics gekennzeichnet ist. Der französische Arzt Georges Gilles de la Tourette beschrieb die Erkrankung erstmals 1885 und gab ihr seinen Namen. Tics sind unwillkürliche, kurze Bewegungen (motorische Tics) oder wiederholte Lautäußerungen (vokale Tics). Die Tics werden ohne Zusammenhang zur momentanen Situation wiederholt. Es gibt nur eine Form des Tourette-Syndroms, aber es gibt verschiedene Tic-Störungen. Das Tourette-Syndrom stellt im Erwachsenenalter die häufigste Tic-Störung dar. Die Symptome treten in der Regel erstmals im Grundschulalter zwischen dem sechsten und achten Lebensjahr auf. Bei den meisten Betroffenen bessern sich die Symptome nach der Pubertät, häufig verschwinden sie auch vollständig. Häufig ist das Tourette-Syndrom bereits im Kindesalter von anderen Erkrankungen (Komorbiditäten) wie einer Zwangsstörung mit Zwangssymptomen, einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) oder Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) begleitet. Nur rund zehn bis zwanzig Prozent der Kinder mit Tourette-Syndrom zeigen keine weitere Störung.
Eine Heilung des Tourette-Syndroms ist derzeit nicht möglich, eine Behandlung jedoch schon. Nach heutigem Kenntnisstand können alle verfügbaren Therapien und Behandlungen weder die Ursache noch die Prognose der Tic-Störung positiv beeinflussen. Die Behandlung des Tourette Syndrom verfolgt das Ziel, die Tics zu mindern. Eine Therapie der Tics sollte dann erfolgen, wenn die Tics stark ausgeprägt sind oder wenn die Tics zu einer deutlichen psychosozialen Beeinträchtigung führen.
Psychoedukation als Basis der Behandlung
Im Vordergrund steht die Psychoedukation. Patienten und ihren Angehörigen ist sehr geholfen, wenn sie über die Erkrankung, die erforderlichen Behandlungsmaßnahmen, den Verlauf, sowie Hilfsangeboten in den sozialen Belangen (Nachteilsausgleiche, Antrag zur Feststellung einer Schwerbehinderung, Führerschein, Schul- und Berufswahl) umfassend informiert sind. Das Verstehen- und Annehmenkönnen der eigenen Erkrankung ermöglicht einen selbstverantwortlichen Umgang mit der Erkrankung und der Krankheitsbewältigung. Hilfreich ist darüber hinaus der Austausch mit anderen Betroffenen bzw. auch deren Angehörigen. Es ist wichtig, alle Beteiligten (z.B. auch Lehrer, Schulbegleiter) in einen psychoedukativen Dialog mit einzubeziehen. Denn nur so können Verständnis vermittelt und Strategien ausgearbeitet werden, die zu einer angemessenen Krankheitsbewältigung führen. Durch Psychoedukation können Folgeerscheinungen wie eine Soziale Phobie (Angsterkrankung) der Patienten entgegengewirkt werden.
Verhaltenstherapeutische Verfahren
Die tiefenpsychologisch-orientierte Psychotherapie ebenso wie die Psychoanalyse müssen als ungeeignet in der Therapie von Tics eingestuft werden, da die Ursache von Tics organisch und nicht psychogen ist. Verhaltenstherapeutische Verfahren haben sich als wirksam erwiesen, insbesondere das Habit Reversal Training (HRT), die Comprehensive Behavioral Intervention for Tics (CBIT) und Exposure and Response Prevention (ERP).
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Habit Reversal Training (HRT)
Habit Reversal Training (HRT), Comprehensive Behavioral Intervention (CBIT) und Exposure and Response Prevention (ERP): Die Verfahren HRT, CBIT und das ERP basieren auf das bewusste Wahrnehmen eines den Tics vorangehenden Vorgefühls. Die Wirksamkeit konnte bereits für Kinder und Erwachsene durch kontrollierte Studien belegt werden. Hierzulande sind diese Therapieformen leider noch wenig bekannt und werden kaum angeboten. Tics umzuleiten. Das HRT-Verfahren dient dazu, die Wahrnehmung dem jeweiligen Tic vorausgehender Sensationen zu verbessern und eine motorische Gegenantwort auf erste mögliche Tic-Anzeichen (Muskelspannung, Kribbeln) zu entwickeln, d.h. eine dem Tic entgegen gerichtete Bewegung auszuführen, die im Alltag unauffällig ist.
Das Habit-Reversal-Training wird bei Trichotillomanie (zwanghaftes Ausreißen der Haare) bereits seit Jahren erfolgreich eingesetzt. Beim Habit-Reversal-Training wird das problematische Verhalten durch eine andere, neue Verhaltensweise ersetzt, ersetzt, die nicht mit dem Pulen, Kratzen und Knibbeln vereinbar ist. Das alte Problemverhalten wird also verhindert und auf diese Weise verlernt. Verspürt man beispielsweise den Antrieb (Impuls), die Finger Richtung Gesicht zu einer Hautstelle zu führen, kann man sich stattdessen eine Zeit lang auf beide Hände setzen. So ist es unmöglich, die Haut zu bearbeiten. Nach einiger Zeit lässt dann gewöhnlich der Drang nach, die Haut kratzen zu müssen. Außerdem lernt das Gehirn auf diese Weise, anders mit dem Impuls umzugehen.
Comprehensive Behavioral Intervention for Tics (CBIT)
Das CBIT-Verfahren beinhaltet neben dem HRT eine ausführliche Psychoedukation, ein Achtsamkeitstraining zur Wahrnehmung der Tics und der Vorgefühle, eine Funktionsanalyse, um Situationen zu identifizieren, die zu einer Verschlechterung der Tics führen und die Progressive Muskelentspannung.
Exposure and Response Prevention (ERP)
Innerhalb der ERP-Therapie wird geübt, das Vorgefühl vor den Tics für eine längere Zeit auszuhalten, um die Ausführung des Tics zu verhindern.
Anwendung von HRT und Alter der Patienten
Besonders bewährt hat sich bei den psychotherapeutischen Methoden eine Verhaltenstherapie mittels „Habit Reversal Training“ (HRT) oder „Exposure and Response Prevention Training“ (ERPT). Hierdurch kann es zu einer Tic-Reduktion von 30 Prozent kommen. Allerdings muss bei diesen Maßnahmen das Lebensalter der erkrankten Kinder berücksichtigt werden. Denn die meisten jüngeren Kinder (d.h. unter 10 Jahren) sind noch nicht in der Lage die dem jeweiligen Tic vorausgehenden Sensationen zu erkennen und mit einer „Tic-Gegenantwort" zu reagieren.
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Medikamentöse Behandlung
Eine medikamentöse Behandlung kann die Tics nur selten vollständig unterdrücken. Da die einzelnen Tic-Störungen hinsichtlich ihrer Intensität und Ausprägung sehr schwanken, erfolgt die medikamentöse Einstellung mit langsamer Dosissteigerung. Ist sie gelungen und es kommt nach einiger Zeit dennoch zu einer Verstärkung der Tics, so sollte ein Ändern der Medikation erst dann erfolgen, wenn sich die Beschwerden längerfristig (d.h. über Wochen) verschlechtern.
Dopaminrezeptor-Antagonisten: Dopaminrezeptor-Antagonisten wirken hemmend auf das Dopaminssystem, sie unterscheiden sich aber teils erheblich in ihrer Wirkung auf die verschiedenen Dopaminrezeptoren im Gehirn. Diese Medikamente wirken bei Betroffenen sehr verschieden, sowohl hinsichtlich ihrer positiven Effekte als auch in den Nebenwirkungen. Bei der Beurteilung der Wirksamkeit muss beachtet werden, dass die Tics grundsätzlich Schwankungen unterliegen. So kann bei Behandlungsbeginn die spontane Fluktation gerade ansteigen und der Eindruck entstehen, die Medikation würde nicht wirken bzw. die Tics verschlechtern. Die Dosis wird sehr langsam gesteigert, bis die Patienten eine Wirkung erfahren.
- Klassische Neuroleptika: Haldol®, Orap®, Tiapridex®, Dogmatil®, Sulpirid
- Atypische Neuroleptika: Risperdal®, Zyprexa®, Seroquel®, Zeldox®, Abilify®, Solian®
Andrenoagonisten: Andrenoagonisten beeinflussen nicht das dopaminerge, sondern das adrenerge System des Gehirns. Catapresan® (Clonidin), Estulic® (Guanfacin)
Cannabis-basierte Medikamente: Manche Patienten profitieren von der medizinischen Verwendung von Cannabis.
Innerhalb der atypischen Antipsychotika wird Risperidon zur Behandlung von Tic-Störungen eingesetzt. Weil es nicht selten zu unerwünschten Nebenwirkungen (Müdigkeit, Gewichtszunahme) kommt, werden oft die Benzamide Tiaprid und Sulpirid eingesetzt. Aus der Gruppe der klassischen Antipsychotika können Haloperidol und Pimozid zur Behandlung von Tic-Störungen eingesetzt werden. Weitere Substanzen, die eine Tic-reduzierende Wirkung haben könnten, sind Tetrabenazin (Dopaminspeicherentleerer), Topiramat (Antiepileptikum) oder Tetrahydrocannabinol.
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Tiefe Hirnstimulation
Ist die Lebensqualität durch das Tourette-Syndrom bei Erwachsenen sehr stark eingeschränkt, und alle andere Therapien helfen nicht, kann eine tiefe Hirnstimulation infrage kommen. Die tiefe Hirnstimulation (THS; englisch DBS ‚Deep Brain Stimulation‘) ist ein grundsätzlich reversibler, neurochirurgischer Eingriff in das Gehirn, der für die Behandlung bestimmter neurologischer Erkrankungen wie zum Beispiel der Parkinson-Krankheit weltweit zugelassen ist. Der Behandlungserfolg beim Tourette Syndrom ist sehr unterschiedlich. Laut einer Studie, an der auch die Berliner Charité beteiligt war, führt die tiefe Hirnstimulation zu einer Verminderung der Tics und Komorbiditäten wie Zwang, Depression, Angst und Autoaggression.
Weitere Therapieansätze
- Ernährung: Bisher liegen keine Studien vor, die hierzu eine Antwort geben. Allerdings berichten einige Betroffene von einer Linderung bei Verzicht auf Kaffee, Cola, aber auch Fleisch.
- Neurochirurgie: Spezielle Hirnoperationen werden nur sehr selten und bei extrem schweren Fällen in Betracht gezogen. Dabei zerstört man bestimmte Hirnareale bzw.
Studien zum Tourette-Syndrom
Als Universitätsklinik mit der derzeit größten Sprechstunde für Patienten mit Tourette-Syndrom in Deutschland sind wir nicht nur darum bemüht, unsere Patienten stets optimal zu beraten und zu behandeln, sondern auch ständig neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Ursache und Therapie dieser Erkrankung zu gewinnen. Dies ist allerdings nur dadurch möglich, dass sich Menschen mit Tourette-Syndrome bereit erklären, an wissenschaftlichen Studien teilzunehmen. Sehr herzlich bedanken wir uns an dieser Stelle bei der großen Zahl von Personen, die uns in den vergangenen Jahren durch ihre Teilnahme an wissenschaftlichen Untersuchungen bei der Erforschung des Tourette-Syndrom aktiv unterstützt haben. Nachfolgend stellen wir Ihnen alle Studien vor, die aktuell in unserer Klinik durchgeführt werden. Zu jeder Studie finden Sie zudem eine ausführliche Patienteninformation. Sofern Sie Interesse an einer Teilnahme an einer der unten aufgeführten Studien haben, stehen wir Ihnen gerne für weitere Fragen persönlich zur Verfügung.
Studie zur Bewertung von Videos mittels KI-Modellen
Da für eine solche Studie eine möglichst große Zahl an Videos erforderlich ist, suchen wir Personen mit o.g. Symptomen, die bereit sind, uns ein Video von sich zu übersenden. Ihr Video würde zunächst durch Expert:innen für Tic-Erkrankungen bewertet. Nachfolgend wird das Video anonymisiert, so dass ein Rückschluss auf Ihre Person nicht mehr möglich ist, und mittels eines KI-Modells erneut bewertet. Die Studienteilnahme ist von Zuhause aus möglich und dauert einmalig ca. eine Stunde. Die Studie beinhaltet eine einmalige anonyme Befragung in Form eines Online-Fragebogens über den Befragungsserver SoSci-Survey. Um an der Studie teilnehmen zu können, ist daher ein Computer oder Handy mit Internetzugang erforderlich.
Medikamentenstudie mit NOE-105
Das Prüfpräparat trägt die Bezeichnung NOE-105 und wird von dem Schweizer Unternehmen Noema Pharma hergestellt. In ersten Studien an Menschen erwies sich NOE-105 als verträglich. Nun soll es im Rahmen einer 16-wöchigen Studie bei Kindern und Jugendlichen mit Tourette-Syndrom getestet werden. Die Studie dient dem Zweck, die optimale Dosis für das neue Medikament NOE-105 zu ermitteln. Dafür wird die Dosis schrittweise erhöht. Die Studie ist offen und findet ohne Kontrollgruppe statt, d.h., dass alle Teilnehmenden das Medikament NOE-105 erhalten.
Studie zur Wirkung von Habit Reversal Training (HRT) auf das Gehirn
Ziel dieser Studie ist es zu untersuchen, wo bei Menschen mit Tourette-Syndrom im Gehirn das Dranggefühl entsteht, einen Tic auszuführen und wie das Gehirn Tics unterdrückt. Zusätzlich möchten wir herausfinden, wie das Dranggefühl und die Verarbeitung im Gehirn durch eine Verhaltenstherapie mittels Habit Reversal Training (HRT) verändert wird. Um diese Fragen zu beantworten, führen wir bei Personen mit Tourette-Syndrom eine Verhaltenstherapie mittels HRT durch. Vor Beginn und nach Ende der Therapie erfolgt zusätzlich eine Untersuchung des Gehirns mittels MRT und EEG.
Die Tourette-Syndrom Arbeitsgruppe der Medizinischen Hochschule Hannover sucht erneut ProbandInnen zur Teilnahme an einer Studie: Darin wollen wir die Auswirkungen einer Verhaltenstherapie der Tics mit „Habit Reversal Training“ auf das Gehirn untersuchen. Im Rahmen der Studie erhalten alle ProbandInnen eine vollständige Behandlung der Tics über 10 Stunden mit „Habit Reversal Training“. Teilnehmen können Erwachsene ab 18 Jahren sowie Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 10 und 16 Jahren. Vor und nach Ende der Therapie wollen wir mittels MRT (Kernspintomographie) und EEG (Hirnstromkurve) untersuchen, welche Hirnareale bei der Entstehung des Dranggefühls vor einem Tic beteiligt sind.
Dermatillomanie und Habit Reversal Training
Das Pulen oder Zupfen bestimmter Hautbereiche zur Beseitigung von Unreinheiten, Schuppen, Krusten oder Härchen ist ein weitverbreitetes Reinigungs- und Pflegeritual, das auf viele Menschen eine beruhigende Wirkung hat. Wenn diese Handlungen exzessiv ausgeübt werden, einen Großteil der Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen und das tägliche Leben beeinträchtigen, spricht man von Dermatillomanie (alternativ: Skin Picking oder „compulsive skin picking“). Menschen, die darunter leiden, berühren, reiben, kratzen oder quetschen bestimmte Hautstellen oder dringen mit spitzen Gegenständen in diese ein. Die Erkrankung zählt zu den Impulskontrollstörungen. Das bedeutet, dass die Betroffenen einen starken inneren Drang verspüren, dem sie kaum Widerstand entgegensetzen können. Verstand, Einsicht in die Störung oder das Wissen um die möglichen Folgeschäden bleiben meist wirkungslos. Der Impuls, die Haut bearbeiten zu wollen, scheint übermächtig. Die Handlung wird daher oft geistig abwesend und automatisch ausgeführt.
Wir fanden in einer eigenen Studie (Moritz et al., 2012) heraus, dass die Anwendung der Reaktionsumkehr (Habit-Reversal-Training) als Selbsthilfetechnik bei einigen Betroffenen mit Dermatillomanie zu einer deutlichen Symptomreduktion führt.