Fibromyalgie, oft umgangssprachlich als Weichteilrheuma bezeichnet, ist eine chronische Erkrankung, die durch weit verbreitete Schmerzen, Erschöpfung, Schlafstörungen und kognitive Beeinträchtigungen gekennzeichnet ist. Die Erkrankung betrifft schätzungsweise 3 bis 4 % der Bevölkerung und stellt eine der häufigsten Ursachen für chronische Schmerzen dar. Obwohl die genauen Ursachen der Fibromyalgie noch nicht vollständig verstanden sind, deuten aktuelle Forschungsergebnisse darauf hin, dass Veränderungen im Gehirn eine entscheidende Rolle spielen. Dieser Artikel beleuchtet die neuesten Erkenntnisse in der Fibromyalgieforschung, insbesondere im Hinblick auf Veränderungen im Gehirn und neue Therapieansätze.
Neurobiologische Erkenntnisse zur Fibromyalgie
Die moderne Forschung zur Neurobiologie der Fibromyalgie hat einen entscheidenden Wendepunkt erreicht. Anstatt Schmerz als isoliertes Phänomen zu betrachten, versuchen Wissenschaftler nun, die zugrunde liegenden neurobiologischen Mechanismen zu verstehen. Moderne bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) haben enthüllt, dass bestimmte Hirnregionen bei Fibromyalgie-Patienten anders reagieren. Ein vielversprechender Ansatzpunkt liegt in der Untersuchung von Neuromodulatoren wie Serotonin und Noradrenalin. Die Dysregulation dieser Neurotransmitter könnte einen maßgeblichen Beitrag zur Schmerzverarbeitung leisten.
Veränderungen im Gehirn von Fibromyalgie-Patienten
Eine Studie der Ruhr-Universität Bochum hat gezeigt, dass sich das Gehirn von Menschen mit Fibromyalgie verändert. Gehirnbereiche, die mit der Verarbeitung und emotionalen Bewertung von Schmerz zu tun haben, sind bei Patientinnen mit Fibromyalgie auf typische Weise verändert. Das Team um Professor Martin Diers und Benjamin Mosch analysierte die Daten der Kernspintomografien von 23 Patientinnen mit Fibromyalgie und 21 gesunden Kontrollpersonen. Dabei ging es ihnen einerseits um das Volumen der grauen Substanz, also der Nervenzellen, in verschiedenen schmerzverarbeitenden Gehirnarealen, und andererseits um die sogenannte weiße Substanz. Sie umfasst vor allem die Faserverbindungen zwischen den Nervenzellen, über die Signale weitergeleitet werden.
Die Forscher fanden Veränderungen der grauen Substanz vor allem in Regionen, die für die Verarbeitung und Bewertung von Schmerz zuständig sind. Das Volumen dieser Regionen war bei Fibromyalgie-Patienten deutlich verkleinert. Was die Weiterleitung von Signalen anbelangt, wurden vor allem im Thalamus Veränderungen gefunden. Der Thalamus gilt als wichtiger Knotenpunkt der neuronalen Schmerzverarbeitung. Die Gehirnscans zeigten bei den Probandinnen mit Fibromyalgie Veränderungen der weißen Substanz. Das deutet auf eine veränderte Reizleitung von Schmerzsignalen hin.
Zusammenhang zwischen Schmerzwahrnehmung und Gehirnstruktur
Das wissenschaftliche Team setzte die strukturellen Veränderungen des Gehirns schließlich in Bezug zu Wahrnehmung und Verhalten der Studienteilnehmerinnen. Es zeigte sich, dass das Volumen einer Reihe relevanter Gehirnregionen geringer ist, je stärker die Patientinnen ihre Schmerzen wahrnehmen. Eine interessante Beobachtung machten die Forscher bei der Analyse der Beziehung zwischen Depressivität und Aktivität mit der Veränderung des Volumens bestimmter Gehirnareale. Das Volumen der Gehirnregion des Putamens korrelierte negativ mit der Ausprägung depressiver Symptome und positiv mit dem Aktivitätsniveau der Teilnehmerinnen. Das könnte als Hinweis darauf angesehen werden, dass die Veränderungen im Gehirn nicht endgültig sind, sondern dass sie sich beeinflussen lassen, etwa durch eine aktive Alltagsgestaltung.
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Die Rolle des "Default Mode Network"
Auch eine Eindämmung der Katastrophisierung korreliert mit MRT. Diese Veränderungen können mit einer MRT-Variante sichtbar gemacht werden, die die Aktivität des „Default Mode Network“ misst. Das „Default Mode Network“ umfasst eine Gruppe von Gehirnregionen, die dann aktiv sind, wenn sich eine Person nicht auf die Außenwelt konzentriert und das Gehirn im Wachzustand ist. Dort kommt es nach längerfristigen katastrophisierenden Gedanken zu einer Verstärkung der Signale und der Konnektivität im Salienz-Netzwerk. Eine Arbeitsgruppe in Boston hat in einer randomisierten Studie gezeigt, dass eine kognitive Verhaltenstherapie in der Lage ist, die Patientinnen mithilfe einer kognitiven Verhaltenstherapie von der Schmerzkatastrophisierung zu befreien.
An der Studie nahmen 98 Patientinnen teil, die zu 2/3 auf die kognitive Verhaltenstherapie und zu 1/3 auf eine Kontrollgruppe randomisiert wurden, in der es nur eine Schulung zu der Erkrankung, aber keine Psychotherapie gab. Am Ende des Interventionszeitraums gaben die Patientinnen der 1. Gruppe an, dass die Schmerzen sie weniger im Alltag beeinträchtigen und sich ihre Lebensqualität gebessert habe. Im MRT zeigte sich, dass die Aktivität des „Default Mode Network“ sich vermindert, die Verbindungen zum somatomotorischen und Salienz-Netzwerk sich abgeschwächt hatten.
Genetische und immunologische Aspekte der Fibromyalgie
Die genetische Grundlage von Fibromyalgie rückt immer stärker in den Fokus. Fortschritte in genomweiten Assoziationsstudien haben spezifische genetische Marker identifiziert, die mit einem erhöhten Risiko für Fibromyalgie verbunden sind. Neben genetischen Markern gewinnt die Epigenetik an Bedeutung. Forschung zeigt, dass Umweltfaktoren die Genexpression beeinflussen können. Diese epigenetischen Veränderungen könnten erklären, warum nicht alle Personen mit genetischer Prädisposition für Fibromyalgie tatsächlich erkranken.
Die Forschung zu entzündlichen Prozessen und Autoimmunreaktionen bei Fibromyalgie hat eine neue Dimension erreicht. Es gibt zunehmende Hinweise darauf, dass chronische Entzündungen eine Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der Symptome spielen könnten. Die Suche nach spezifischen Immunzellentypen und Autoantikörpern, die mit Fibromyalgie in Verbindung stehen, ist im Gange.
Diagnosemethoden für Fibromyalgie
Moderne Bildgebungstechniken haben nicht nur dazu beigetragen, die Neurobiologie besser zu verstehen, sondern auch die Diagnose von Fibromyalgie zu verbessern. Biomarkerstudien befinden sich ebenfalls auf dem Vormarsch. Die Suche nach spezifischen Blut- oder Serum-Biomarkern, die charakteristisch für Fibromyalgie sind, könnte zu einem Durchbruch in der schnelleren und genaueren Diagnose führen.
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Die Rolle von RNAs bei der Diagnose
Auf der Suche nach messbaren Veränderungen haben Forschende kleine, nicht-kodierende Ribonukleinsäuren (RNAs) aus dem Blut und den Hautzellen von FMS-Patientinnen gewonnen. RNAs sind wichtige Informations- und Funktionsträgerinnen einer Zelle. Mit Hilfe moderner RNA-Sequenzierungstechniken konnten sie zeigen, dass einige kleine RNAs wie hsa-miR-182-5p und hsa-miR-576-5p bei FMS-Patientinnen vermehrt im Blut vorkommen. Die Möglichkeit, unterschiedlich regulierte kleine RNAs im Blut oder in der Haut zu bestimmen, stellt somit eine minimalinvasive Perspektive zur Verbesserung der Diagnose dar. Mehrere kleine RNAs wurden auch mit dem Schweregrad der Symptome in Verbindung gebracht, beispielsweise mit der Ausdehnung des Schmerzes im Körper und der empfundenen Schmerzstärke, was zur Verlaufskontrolle der Krankheit oder zur Einteilung der Patientinnen und Patienten in diagnostische und eventuell auch therapeutische Subgruppen genutzt werden kann.
Neue Therapieansätze für Fibromyalgie
Die Therapieansätze bei Fibromyalgie sind ebenso vielschichtig wie die Symptome der Erkrankung selbst. Von Bewegungstherapien wie Wassergymnastik und Kraftübungen, über Physio-, Ergo und Musiktherapie, Achtsamkeit und Meditation bis hin zu Psychotherapie werden verschiedene Ansätze genutzt, um den Betroffenen Linderung zu verschaffen, sowohl physisch als auch psychisch. Aufgrund der gestörten Schmerzwahrnehmung im Gehirn zeigen medikamentöse Behandlungen bis heute leider nur sehr begrenzte Wirkung. Zwar zeigen extra für Fibromyalgie hergestellte Antidepressiva oder Antikonvulsiva (Antiepileptika) Linderung, dies aber nur in Einzelfällen. Betroffene sprechen oft nicht auf Medikamente an, sodass sich neuerdings das Interesse der Forschung auf die nicht mehr chemischen, sondern elektrischen Therapieansätze fokussiert.
Gehirnstimulationsmethoden
Neue Hoffnungen machen sogenannte Gehirnstimulations-Methoden, bei denen das Gehirn und die Nervenzellen nicht-invasiv angeregt werden. Obwohl die aktuelle Forschung in Richtung Gehirnstimulation noch in ihren Anfängen ist, zeigen sich trotzdem optimistische Resultate. Durch magnetische oder elektrische Energie werden durch den Kopf (“transkraniell”) die darunterliegenden neuronalen Netzwerke angeregt, die unteraktiv bei Fibromyalgie-Betroffenen sind. Daher wird besonders der Präfrontalcortex stimuliert, damit wieder eine intakte Hemmung der Schmerzen passiert. Ziel ist es, die Top-Down Hemmung wieder auf ein gesundes Level zu bringen.
Transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS)
Eine Form der Hirnstimulation ist die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS). Dabei werden am Kopf zwei Elektroden angebracht, die einen leichten Strom erzeugen und damit die Neuronen im Gehirn anregen. Eine groß angelegte Studie testete diese Methode bei Frauen, die über einen Zeitraum von einem Monat täglich 20 Minuten eigenständig mit einem Stimulationsgerät die Gehirnstimulation durchführten. Die Studie war Placebo-kontrolliert und doppelblind, das heißt, weder die Teilnehmerinnen noch die Untersuchenden wussten, wer die reale oder die Placebo-Stimulation erhielt. In der Studie wurde der linke dorsolaterale Präfrontalcortex für die Stimulation ausgesucht. Zudem absolvierten die Teilnehmer Bewegungsübungen und nahmen an Schmerzschulungs-Trainings teil. Die Ergebnisse zeigten, dass der Schmerz bei Frauen mit echter Stimulation um ca. 38.8 % verringert war (bei der Placebogruppe waren es ca. 16,0 %). Generell kommen die Studienergebnisse zusammenfassend nach aktuellem Stand zu einem vorsichtig positiven Fazit bezüglich tDCS. Um die Details, wie Intensität, Ort der Stimulation und Dauer zu klären, bedarf es jedoch noch weiterer Forschung.
Repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS)
Eine andere Gehirnstimulationsmethode ist die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS), welche im Gegensatz zu tDCS keine elektrischen Impulse sendet, sondern magnetische. Auch mit dieser Methode konnte in einer großen Studie gezeigt werden, dass rTMS über dem rechten Präfrontalkortex signifikant Schmerzen linderte und sich die allgemeine schmerzliche Belastung bei den Teilnehmern verringerte. Weitere Studien zeigten außerdem, dass die positiven Effekte auch noch bis zu drei Monate nach Beendigung der Stimulation anhielten! Weitere Studien rund um das Thema rTMS stimulierten auch oft den Motorkortex, welcher ebenfalls zur Hemmung der Schmerzen führt. Studien zeigen, dass rTMS über dem Motorkortex bei vielen Fibromyalgie-Patientinnen und Patienten die Schmerzen spürbar reduzieren kann, auch oft sogar über Wochen hinweg. Doch auch rund um rTMS als Therapie lassen sich zusammenfassend die Ergebnisse so beschreiben, dass moderate, aber keine absolut signifikanten Verbesserungen der Schmerzen im Vergleich zu Placebogruppen gefunden wurden. Auch hier bedarf es weiterhin an Forschung, am besten mit größeren Stichproben, um die Forschung weiter voranzutreiben.
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Pharmakologische Innovationen und ganzheitliche Therapieansätze
Pharmakologische Innovationen sind vielversprechend, da sie auf die spezifischen neurobiologischen und immunologischen Aspekte von Fibromyalgie abzielen. Neue Medikamente befinden sich in der Entwicklung, darunter auch solche, die auf bisher unerforschte Zielstrukturen eingehen. Ganzheitliche Therapieansätze werden ebenfalls verstärkt in den Mittelpunkt gerückt. Neben pharmakologischen Interventionen betonen sie die Rolle von Physiotherapie, kognitiver Verhaltenstherapie und alternativen Therapieformen.
Medikamentöse Therapie
Bei der medikamentösen Therapie gilt zu beachten, dass aktuell in Deutschland kein Medikament für die Behandlung eines Fibromyalgie-Syndroms zugelassen ist. Das bedeutet, nur wenn relevante Begleiterkrankungen vorhanden sind (z.B. eine Depression), kann der Arzt auch Antidepressiva „im Label“ verschreiben, da er die Antidepressiva nicht zur Behandlung des Fibromyalgie-Syndrom sondern zur Behandlung der Depression einsetzt. Dasselbe gilt für die anderen Medikamente, wenn der Arzt die Therapie nicht „off label“ (außerhalb der eigentlichen Zulassung) verschreiben will.
Zu den am häufigsten verwandten Medikamenten in der Fibromyalgie-Behandlung zählt Amitriptylin. In der Fibromyalgie-Behandlung sind deutlich niedrigere Dosen notwendig, als bei der Behandlung einer Depression. In der Regel kommt man mit 10 bis 50 Milligramm Amitriptylin aus. Es hat darüber hinaus einen schlaffördernden Effekt und sollte deshalb vorwiegend abends, etwa ein bis zwei Stunden vor dem Schlafengehen eingenommen werden. Steht der gestörte Schlaf im Vordergrund der Beschwerden, kann auch Trimipramin gegeben werden, das einen stärker schlaffördernden Effekt hat als Amitriptylin.
Wenn antidepressiv wirkende Medikamente nicht ausreichend anschlagen, kann ein Versuch mit Tropisetron, einem Serotonin blockierenden Medikament, gemacht werden. Bei einem Teil der Patienten kann man dabei eine schmerzstillende Wirkung erzielen. Im Gegensatz zu den Antidepressiva, die über mehrere Wochen eingenommen werden müssen, wird Tropisetron nur für wenige Tage gegeben. Der Therapieerfolg kann schneller eingeschätzt werden. Bei nachlassender Wirkung ist eine erneute Gabe möglich.
Eine der wenigen wirklichen Neuerungen ist die Behandlung mit Pregabalin (Lyrica®). Bei diesem Medikament handelt es sich um ein Mittel gegen Epilepsie. Das neue Antiepileptikum Pregabalin konnte bei einem Teil der Fibromyalgie-Patienten die Schmerzen mindern. Da Pregabalin noch nicht sehr lange beim Fibromyalgie-Syndrom eingesetzt wird, kann man seine Bedeutung zurzeit noch nicht abschließend bewerten.
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