Cannabis und seine Auswirkungen auf das Nervensystem: Eine umfassende Analyse

Cannabis, gewonnen aus der Hanfpflanze (Cannabis sativa, Cannabis indica), ist eine psychoaktive Substanz, die weltweit eine ambivalente Rolle einnimmt. Einerseits wird sie als potenzielles Naturheilmittel und Lifestyle-Produkt betrachtet, andererseits als gefährliches Rauschmittel wahrgenommen. Diese Polarität spiegelt sich in den Konsumzahlen wider: Laut dem Epidemiologischen Suchtsurvey konsumierten 2021 etwa 8,8 % der Erwachsenen in Deutschland innerhalb eines Jahres Cannabis, was etwa 4,5 Millionen Menschen entspricht.

Was ist Cannabis? Definition und Formen

Der Begriff "Cannabis" umfasst sowohl die Hanfpflanze selbst als auch die daraus gewonnenen Produkte, die Cannabinoide enthalten. Die bekanntesten Formen sind Gras (Blüten), Haschisch (Harz) und Öle/Extrakte. Die Wirkung von Cannabis variiert je nach Dosis, Konsumform, individueller Empfänglichkeit und Setting. Obwohl Cannabis im Vergleich zu anderen Drogen ein geringeres physisches Abhängigkeitspotenzial aufweist, kann regelmäßiger Konsum zu psychischer Abhängigkeit führen.

Die Cannabispflanze und ihre Inhaltsstoffe

Die Hanfpflanze (Cannabis L.) und ihre Produkte werden seit Jahrtausenden vom Menschen zu religiösen, medizinischen und berauschenden Zwecken genutzt. Hanf gehört ebenso wie die Gattung Humulus (Hopfen) zu der Familie der Cannabaceae (Hanfgewächse). Ursprünglich stammt die Hanfpflanze aus Zentralasien, ist aber heute in fast allen warmen und gemäßigten Zonen der Erde verbreitet.

In der Cannabispflanze wurden bisher etwa 500 individuelle chemische Substanzen gefunden, 144 davon zählen zu der Gruppe der Cannabinoide. Die beiden wichtigsten Cannabinoide sind Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Daneben finden sich zudem in der Pflanze noch weitere Nicht-Cannabinoide, wie z. B. Terpenoide, Flavonoide und Stickstoffverbindungen.

THC hat schmerz- und übelkeitslindernde, appetitanregende, muskelentspannende sowie psychotrope (z. B. Stimmungssteigerung, veränderte Wahrnehmung akustischer und optischer Reize) Wirkungen. Die berauschende Wirkung der Pflanze geht insbesondere zurück auf das THC zurück, das Agens mit der höchsten psychoaktiven Potenz. Seine chemische Struktur wurde bereits 1964 geklärt. Dem Molekül CBD werden u. a. anxiolytische, antipsychotische, anti-inflammatorische, antiemetische und neuroprotektive Effekte zugeschrieben, die eventuell aversive Effekte von THC ausgleichen können. Dem Konsum von Cannabisprodukten mit hohem THC- und gleichzeitig niedrigem CBD-Gehalt werden, bei Menschen mit entsprechender Prädisposition, unerwünschte Effekte zugeschrieben.

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Konsumformen und Verbreitung

Weltweit ist Cannabis die am häufigsten konsumierte illegale Droge. Nach Schätzungen der UNODC nutzen mehr als 200 Millionen Menschen jährlich Cannabis oder 4,3 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung - trotz national unterschiedlicher Rechtslagen. In Deutschland variieren die Schwarzmarktpreise je nach Region, Qualität und Menge zwischen etwa 8 und 15 Euro pro Gramm.

Die gängigsten Produkte aus der Cannabispflanze sind Marihuana (Blüten und Blätter) und Haschisch (Cannabisharz). Die häufigste Form des Cannabiskonsums ist das Inhalieren durch Rauchen, oft in Kombination mit Tabak als Joint. Als besonders problematisch gilt die orale Einnahme (z.B. durch den Verzehr von cannabishaltigen Lebensmitteln, sog. „Edibles“).

Rechtliche Situation in Deutschland

Mit Inkrafttreten des KCanG am 1. April begann eine neue Rechtslage: Erwachsene dürfen unter bestimmten Voraussetzungen privat bis zu 25 g Cannabis im öffentlichen Raum und bis zu 50 g im Privatraum besitzen sowie bis zu drei Pflanzen zum Eigenanbau halten. Zudem sind gemeinschaftlicher, nicht-gewerblicher Anbau in sog. Anbauvereinigungen (max.

Das Endocannabinoid-System: Schlüssel zur Wirkung von Cannabis

Anfang der 1990er-Jahre konnte nachgewiesen werden, dass Cannabinoide ihre Wirkung im Zentralnervensystem und im Körper über das sogenannte Endocannabinoid-System vermitteln. Das Auffinden der Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 sowie der zugehörigen körpereigenen Cannabinoide, wie z. B. des Anandamids (N-arachidonoylethanolamide), revolutionierte den Forschungsbereich.

Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2

Die Dichte und Lokalisationen der beiden Rezeptorarten sind äußerst unterschiedlich: CB1-Rezeptoren sind im zentralen und peripheren Nervensystem weitverbreitet. Eine hohe Dichte ist vor allem im Gehirn zu finden, wobei diese in verschiedenen Hirnregionen unterschiedlich ist. Besonders hohe Konzentrationen finden sich in Regionen, die mit der Körperbewegung, dem Lernen, dem Gedächtnis oder dem sogenannten Belohnungssystem assoziiert sind. Des Weiteren wurden CB1-Rezeptoren u. a. in der Nebennierenrinde, dem Knochenmark, im Herz und in der Lunge gefunden. CB2-Rezeptoren sind weniger verbreitet, sie wurden v. a. in Organen des Immunsystems wie z. B. den Mandeln und der Milz gefunden. Studien zeigen auch ein Vorkommen an CB2-Rezeptoren im Gehirn und Zentralnervensystem, wenn auch zu einem deutlich geringeren Anteil als im Immunsystem.

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Individuelle Unterschiede in der Wirkung

Wie ein Mensch auf Cannabis reagiert, ist individuell überaus unterschiedlich und hängt von verschiedenen Faktoren wie Stimmungslage, Veranlagung, Konsumart, Konsumerfahrung, Situation, Dauer, Menge, THC:CBD-Ratios ab.

Akute und chronische Auswirkungen von Cannabiskonsum auf das Nervensystem

Der Gebrauch von Cannabis kann Risiken bergen − besonders für Jugendliche, deren Hirnentwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Im Folgenden wird der wissenschaftliche Kenntnisstand zu den psychischen, körperlichen und sozialen Effekten des akuten und chronischen zu Rauschzwecken zusammengefasst.

Akute Effekte

Der häufigste Grund, warum Cannabis konsumiert wird, ist das „Hochgefühl“. Dies kann eine komplexe psychische Erfahrung sein, bestehend aus Heiterkeit, milder Euphorie, Wohlbefinden, Entspannung, Gelassenheit und intensivierten Sinneserfahrungen. Der Cannabisrausch ist nicht immer angenehm. Vor allem bei unerfahrenen Konsumenten können Übelkeit und Erbrechen auftreten. Beim Konsum in angstgefärbten Situationen wurden aversive Reaktionen mit Panik, Paranoia sowie Derealisation oder Depersonalisation beschrieben. In seltenen Fällen, meist beim Gebrauch von Cannabis in hohen Dosen, können psychotische Symptome (z. B. auditorische und visuelle Halluzinationen) oder toxische Delirien (Verwirrtheit, Amnesie) auftreten. Unmittelbar nach dem Konsum kann es auch zu negativen Effekten kommen. Aufmerksamkeit, Gedächtnisleistung, Reaktionsvermögen und Psychomotorik können eingeschränkt sein. Cannabis kann dadurch beispielsweise die Fahrtüchtigkeit verringern und das Verkehrsunfallrisiko erhöhen.

Auf körperlicher Ebene zeigen sich verstärkter Appetit, Rötung der Augen durch Ausdehnung der Blutgefäße, Abnahme der Körpertemperatur, Bronchodilatation bei dennoch eingeschränkter Lungenfunktion sowie Zittern und Erkalten der Hände. Nach dem Konsum einsetzendes Herzrasen, Durst und Mundtrockenheit lassen sich durch den Einfluss des THC auf die Ausschüttung von Acetylcholin erklären. Die akuten Effekte von Cannabis sind vorübergehend und bei ansonsten Gesunden nicht lebensbedrohlich (Ausnahme: erhöhtes Risiko für Unfälle).

Chronische Effekte

Die aktuelle Forschung zeigt, dass ein langjähriger, intensiver Cannabiskonsum die Hirnleistung und insbesondere das Gedächtnis verschlechtern kann. Abhängig vom Konsumverhalten zeigen sich zum Teil erhebliche Beeinträchtigungen bei der Lern- und Erinnerungsleistung, aber auch negative Auswirkungen auf andere kognitive Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Problemlösungsfähigkeiten und Denkleistung. Auswirkungen auf die Intelligenz können auftreten, wurden aber nicht in allen Studien bestätigt. Menschen, die intensiv Cannabis konsumieren, brechen statistisch häufiger die Schule ab, besuchen seltener eine Universität und haben seltener akademische Abschlüsse als ihre Altersgenossen ohne Cannabisgebrauch. Der geringere Bildungserfolg zeigt sich vor allem, wenn Jugendliche über Jahre hinweg viel Cannabis konsumieren und schon vor dem 15. Lebensjahr damit begonnen haben. Kognitive Funktionsdefizite könnten möglicherweise jedoch nach längeren Abstinenzphasen umkehrbar zu sein, wobei derzeit noch unklar ist, ob und nach welcher Zeit der Abstinenz die Symptome wieder vollkommen abklingen. Ebenso ungeklärt ist, welche Rolle ein junges Einstiegsalter und geschlechtsspezifische Unterschiede dabei spielen.

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In der wissenschaftlichen Literatur wird Cannabis auch als Risikofaktor für spätere psychische Erkrankungen untersucht. In der Regel sind immer mehrere Risikofaktoren an der Entstehung einer psychischen Störung beteiligt. Die Substanz Cannabis scheint jedoch die Wahrscheinlichkeit für vulnerable Personen zu erhöhen, an depressiven Störungen, Angststörungen und bipolaren Störungen zu erkranken. Am deutlichsten ausgeprägt ist das erhöhte Krankheitsrisiko bei psychotischen Störungen: Bei gelegentlichem Konsum ist es um das 1,4- bis 2-Fache erhöht, bei intensivem Konsum steigt das Risiko je nach Studie auf das 2- bis 3,4-Fache an. Cannabiskonsumenten erkrankten in der Regel rund 2,7 Jahre früher an der psychotischen Störung und hatten einen ungünstigeren Krankheitsverlauf als Nichtkonsumenten. Werden die Patienten abstinent, unterscheidet sich die Rückfallquote jedoch nicht mehr von Patienten, die nie Cannabis konsumiert haben.

Neben den bereits erwähnten Risiken für die psychische Gesundheit birgt ein chronischer Cannabiskonsum das Risiko für Atemwegserkrankungen und Hodenkrebs. Die Erkrankungswahrscheinlichkeit für Lungenkrebs oder Tumore im Kopf-Hals-Bereich scheint dagegen nicht erhöht zu sein. Zu anderen Krebserkrankungen ist die Datenlage zu dünn, um eine Gesundheitsgefährdung durch Cannabis beurteilen zu können. Bezüglich dem Auftreten von Herz- und Gefäßerkrankungen liegen keine ausreichenden Daten für die Auswirkungen eines chronischen Cannabiskonsums vor.

Cannabisabhängigkeit

Cannabis kann psychisch und körperlich abhängig machen. Dementsprechend kommt es zu einem starken Wunsch, die Droge zu gebrauchen, selbst wenn bereits schädliche Folgen vorliegen. Auch Toleranz bezüglich ihrer Wirkung, eine verminderte Kontrollfähigkeit des Konsums, eine Vernachlässigung anderer Vergnügungen oder Entzugssymptome bei Absetzen der Substanz (z. B. Wie auch bei anderen psychischen Erkrankungen ist die Vulnerabilität für cannabisbezogene Störungen interindividuell verschieden. Genetische, neurobiologische, psychologische, familiäre und soziale Faktoren wirken in einer komplexen Interaktion zusammen. Besondere Risikofaktoren für eine Abhängigkeit von Cannabis sind männliches Geschlecht, junges Alter bei Erstkonsum, Häufigkeit des Konsums und Co-Konsum mit Tabak.

Es wird geschätzt, dass etwa 9 % aller Menschen, die einmal Cannabis probiert haben, eine cannabisbezogene Störung entwickeln. Dieser Anteil steigt auf 17 % an, wenn der Cannabiskonsum in der Adoleszenz begann und auf 25 bis 50 %, wenn Cannabis täglich gebraucht wird. Nach alkoholbezogenen Störungen (100.4 Millionen Fälle), Opioidabhängigkeit (26.8 Millionen Fälle) zählt die Cannabisabhängigkeit (22.1 Millionen Fälle) zu den häufigsten Abhängigkeitserkrankungen weltweit. In Deutschland haben ca. 1,1 % der erwachsenen Allgemeinbevölkerung einen klinisch relevanten Cannabisgebrauch, dies sind schätzungsweise 600.000 Menschen pro Jahr. Europaweit wird die Anzahl der Menschen mit Cannabisabhängigkeit auf mindestens 3 Millionen Menschen geschätzt. Im Jahr 2017 haben sich in Europa mehr als 150.000 Menschen aufgrund von Problemen in Zusammenhang mit Cannabiskonsum in Drogenbehandlung begeben. Die Zahl der Personen, die erstmals eine Suchtbehandlung wegen cannabisbezogenen Problemen beginnen, sind von 43.000 im Jahr 2006 auf 83.000 im Jahr 2017 angestiegen (Zahl aller Behandelten: 155.000). Cannabiskonsumenten stellen inzwischen bei den erstmals wegen illegalen Substanzkonsums behandelten Personen die größte Gruppe dar.

Diagnostik von Cannabisbezogenen Störungen

Durch Cannabiskonsum können cannabisbezogene Störungen entstehen, vor allem wenn er intensiv und über einen längeren Zeitraum betrieben wird. Im Kapitel F1 des ICD-10 werden verschiedene psychische und Verhaltensstörungen beschrieben. Dies kann z. B. eine akute Intoxikation (d. h. ein akuter Rausch), ein schädlicher Gebrauch, ein Abhängigkeitssyndrom, ein Entzugssyndrom (mit/ohne Delir) oder eine psychotische Störung sein. All diese Störungen können unterschiedlicher Schweregrade haben und sich mit verschiedenen klinischen Erscheinungsbildern präsentieren. Ihre Gemeinsamkeit besteht im Gebrauch einer oder mehrerer psychotroper Substanzen. Nach ICD-10 liegt ein schädlicher Substanzgebrauch [F1x.1] vor, wenn psychische oder körperliche Probleme mindestens einen Monat lang vorliegen oder im letzten Jahr wiederholt mehrfach auftraten und die Kriterien für eine Abhängigkeitsdiagnose noch nicht erfüllt sind. Während im DSM-IV noch zwischen den zwei Kategorien „Missbrauch“ und „Abhängigkeit“ unterschieden wurde, hat das DSM-5 diese Aufteilung zugunsten des dimensionalen Konzepts einer „Substanzgebrauchsstörung“ aufgegeben. Diese wird durch elf verschiedene Symptome beschrieben. Liegen mindestens zwei Merkmale innerhalb eines Jahres vor, so gilt die Störung als erfüllt. Es gibt im DSM-5 nun auch die Möglichkeit, eine Schwere der Symptomatik zu spezifizieren. Bei zwei bis drei erfüllten Kriterien liegt eine „milde“, bei vier bis fünf Kriterien eine „moderate“, bei mehr als sechs Merkmalen eine „schwere“ Substanzgebrauchsstörung vor.

Therapie bei Cannabisabhängigkeit

Die Therapie von cannabisbezogenen Störungen ist ein multifaktorielles Geschehen. Ein breites Spektrum an Personenfaktoren (z. B. Geschlecht), sozialen Faktoren (z. B. Peergroup), individuellen Faktoren (z. B. und Konsumgewohnheiten (z. B. Konditionierung) die Entwicklung von Cannabiskonsumstörungen bedingen.

Effektive Behandlungsansätze sind beispielsweise die kognitiv-behaviorale Therapie (KBT) und Kontingenzmanagement (KM). Ziel ist es, das Konsumverhalten zu verändern und Strategien für einen abstinenten Lebensstil zu entwickeln.

Cannabis am Arbeitsplatz: Was gilt nach der Legalisierung?

Cannabis gilt in Deutschland seit dem 1. April nicht mehr als illegale Droge - allerdings mit Einschränkungen. Trotzdem sollte gelten: Cannabis hat am Arbeitsplatz nichts zu suchen. Die Sicherheit am Arbeitsplatz steht weiterhin im Mittelpunkt.

Im Arbeitskontext gilt die DGUV Vorschrift 1 „Grundsätze der Prävention“! Nach § 15 Abs. 2 DGUV Vorschrift 1 dürfen Versicherte sich durch den Konsum von Alkohol, Drogen oder anderen berauschenden Mitteln nicht in einen Zustand versetzen, durch den sie sich selbst oder andere gefährden können. Zudem dürfen Unternehmer und Unternehmerinnen nach § 7 Abs. 2 DGUV Vorschrift 1 Versicherte, die erkennbar nicht in der Lage sind, eine Arbeit ohne Gefahr für sich oder andere auszuführen, mit dieser Arbeit nicht beschäftigen. Damit gilt im Arbeitsschutzrecht ein relatives Suchtmittelverbot.

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