Spannungskopfschmerzen sind weit verbreitet und können den Alltag erheblich beeinträchtigen. Sie äußern sich als leichte bis mittelschwere, dumpfe Kopfschmerzen, die bifrontal, okzipital oder holozephal auftreten können. Im Gegensatz zur Migräne fehlen meist allgemeine Begleitsymptome. Spannungskopfschmerzen werden in episodische und chronische Formen unterteilt, wobei die Ursachen noch nicht vollständig geklärt sind.
Spannungskopfschmerz: Eine Übersicht
Die epidemiologischen Daten variieren je nach Form des Spannungskopfschmerzes. Chronischer Spannungskopfschmerz (cSK) tritt häufiger mit zunehmendem Alter auf und ist in Industrienationen verbreiteter als in ländlichen Gebieten. Die höchste Prävalenz wird zwischen dem 20. und 24. Lebensjahr sowie nach dem 64. Lebensjahr beobachtet. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass viele Studien nicht zwischen chronischer Migräne und cSK unterscheiden. Die 1-Jahresprävalenz für episodischen Spannungskopfschmerz (eSK) liegt bei etwa 62,6 Prozent. Interessanterweise entwickeln etwa 81 Prozent der Patienten mit cSK zuvor episodische Kopfschmerzen, wobei der Übergang durchschnittlich 10,7 Jahre dauert.
Psychische Komorbiditäten sind bei Spannungskopfschmerzpatienten häufig, darunter Depressionen (51 Prozent), Dysthymie (8 Prozent), Panikerkrankungen (22 Prozent) und generalisierte Angststörungen (1 Prozent). Eine ausgeprägte Depression ist zudem mit einem erhöhten Risiko schwerer Kopfschmerzen assoziiert.
Ursachen und Auslöser von Spannungskopfschmerz
Die Ursachen für Spannungskopfschmerz sind multifaktoriell und noch nicht abschließend erforscht. Eine niedrigere Schmerzschwelle und sensitive Triggerpunkte in der Hals-, Nacken- und Schultermuskulatur könnten eine Rolle spielen. Situationen, die Spannungskopfschmerzen auslösen oder verstärken können, sind:
- Muskulärer und psychosozialer Stress
- Oromandibuläre Dysfunktion
- Hals-, Nacken- und Schulterschmerzen
- Muskuläre Fehlbelastung
- Überanstrengungen der Augen
- Physische und psychische Überlastungen
- Fieberhafte Infekte
- Menstruation
- Schlafstörungen
- Depression
- Angst
Genetische Faktoren scheinen beim eSK eine untergeordnete Rolle zu spielen, während beim cSK häufig eine familiäre Belastung vorliegt. MRT-Untersuchungen zeigen beim chronischen Spannungskopfschmerz Hinweise auf strukturelle Veränderungen im Bereich des zentralen schmerzverarbeitenden Systems.
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Pathophysiologische Modelle und Abgrenzung zur Migräne
Es gibt bislang kein abschließendes pathophysiologisches Modell für eSK oder cSK. Die Abgrenzung zur Migräne ist nach wie vor umstritten. Diskutiert werden eine vermehrte Anspannung der Hals-, Nacken- und Schultermuskulatur bzw. sensitive muskuläre Triggerpunkte, die einen vermehrten nozizeptiven Einfluss auf trigeminale Neurone haben könnten. Dieser vermehrte afferente Einstrom soll über NO-abhängige Prozesse eine sekundäre Sensibilisierung in zentralen Kerngebieten und anschließend eine globale verringerte Schmerzschwelle bewirken.
Hinweise auf eine kraniomandibuläre Dysfunktion mit vermehrtem Bruxismus finden sich ebenfalls häufig bei Patienten mit Spannungskopfschmerz. Neben statischen mechanischen Fehlbelastungen werden auch psychische Stressfaktoren als Auslöser diskutiert. Bildgebende Befunde weisen auf eine möglicherweise veränderte Hämodynamik und Veränderungen in den zentralen schmerzverarbeitenden Strukturen hin.
Diagnose und Differentialdiagnose
Die Diagnose Spannungskopfschmerz basiert auf der Klassifikation der International Headache Society (IHS-Score). Unterschieden werden:
- Episodischer Spannungskopfschmerz: Mindestens zehn Episoden an durchschnittlich weniger als 15 Tagen pro Monat über mindestens drei Monate.
- Sporadischer episodischer Kopfschmerz vom Spannungstyp: Mindestens zehn Episoden, durchschnittlich an weniger als einem Tag pro Monat und weniger als an zwölf Tagen pro Jahr auftretend.
- Häufig auftretender episodischer Kopfschmerz vom Spannungstyp: Mindestens zehn Episoden ab einen Tag pro Monat, aber maximal 14 Tagen pro Monat über mindestens drei Monate.
- Chronischer Spannungskopfschmerz: Kopfschmerzen an durchschnittlich mindestens 15 Tagen pro Monat über mindestens drei Monate.
Die Kopfschmerzen sind meist von milder bis maximal mittelschwerer Qualität und treten bifrontal, okzipital oder holozephal auf. Der Schmerzcharakter wird als dumpf-drückend mit einem Engegefühl beschrieben. Begleitsymptome fehlen klassischerweise, jedoch kann es in wenigen Fällen zu Phono- und/oder Photophobie kommen.
Die Diagnostik beginnt mit einer ausführlichen Anamnese und einem Kopfschmerztagebuch. Eine neurologische Untersuchung ist regelmäßig unauffällig. Bei älteren Patienten sollte die Diagnosestellung ausgeweitet werden, um sekundäre Ursachen auszuschließen. Eine Bildgebung ist nur bei Verdacht auf eine sekundäre Form indiziert.
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Die Abgrenzung des chronischen Spannungskopfschmerzes von der chronischen Migräne ist mitunter schwierig. Anamnestische Hinweise, die auf das Vorliegen einer Migräne hindeuten, sind:
- Mehrfach im Monat auftretende Kopfschmerzen mit pulsierendem Charakter
- Begleitende Übelkeit und Erbrechen
- Verstärkung der Schmerzen durch körperliche Aktivität
- Kopfschmerzen, die auf Triptane reagieren
Bei Risikofaktoren sollte eine idiopathische intrakranielle Hypertension ausgeschlossen werden. Bei übermäßiger Selbstmedikation besteht die Gefahr eines Medikamenten-induzierten Kopfschmerzes (MOH).
Therapie des Spannungskopfschmerzes
Die Therapie richtet sich nach der Form des Spannungskopfschmerzes und umfasst Akuttherapie und prophylaktische Behandlung. An erster Stelle steht die Aufklärung des Patienten über das Erkrankungsbild und die diversen Behandlungsoptionen. Etwaige Komorbiditäten wie Depressionen oder Angststörungen sind ebenfalls zu behandeln.
Medikamentöse Akuttherapie
- Episodischer Spannungskopfschmerz: Acetylsalicylsäure, Paracetamol, Ibuprofen, Naproxen, Metamizol, fixe Wirkstoffkombination aus Acetylsalicylsäure, Paracetamol und Koffein.
- Chronischer Spannungskopfschmerz: Klassische Analgetika oder nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR), Kombination aus Analgetika oder NSAR mit Koffein. Die Einnahme sollte höchstens an zehn Tagen pro Monat erfolgen.
Therapie des chronischen Spannungskopfschmerzes
Metaanalysen zeigen widersprüchliche Ergebnisse für die medikamentöse Therapie des cSK. Amitriptylin zeigt Wirksamkeit, die mit Dauer der Einnahme noch zunehmen kann. Für Mirtazapin, Venlafaxin und Tizanidin liegt nur eine schwache Evidenz vor. Botulinumtoxin ist nach bestehender Studienlage nicht wirksam.
Nicht-pharmakologische Maßnahmen
- EMG-basierte Biofeedback-Therapie
- Physiotherapiemedizinische Trainingstherapie
- Manualtherapie
- Entspannungstechniken wie PMR und AT
- Verhaltenstherapie
- Klassische Akupunktur (nur geringe Evidenz)
Migräneprophylaxe: Wann und wie?
Die Indikation für eine Migräneprophylaxe besteht bei mindestens drei Migräneattacken pro Monat, Attacken, die auf Akuttherapie nicht ausreichend ansprechen, oder bei nichttolerablen Nebenwirkungen der Akuttherapie.
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Allgemeine Prophylaxe-Maßnahmen
- Entspannungstraining (z.B. nach Jacobson)
- Ausdauertraining (Joggen, Schwimmen, Radfahren)
- Stressbewältigungsstrategien
Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Patienten mit cSK profitieren signifikant von einer Standardtherapie mit Training der HWS- und Schultermuskulatur, Dehnübungen und Massage sowie Entspannungsübungen.
Medikamentöse Migräneprophylaxe
Verschiedene orale Medikamente wie Betablocker, Antidepressiva und Antiepileptika werden zur präventiven Migränebehandlung eingesetzt. Die Abbruchraten sind jedoch hoch, was auf die oft nicht optimale Verträglichkeit zurückzuführen ist.
Substanzen mit gesicherter Wirkung sind die BetaRezeptorenblocker Metoprolol und Propanolol sowie Flunarizin. Substanzen mit möglicher Wirkung sind die Serotonin-Antagonisten (Pizotifen, Methysergid und Lisurid), Dihydroergotamin, Cyclandelat, nichtsteroidale Antirheumatika, Acetylsalicylsäure und Valproinsäure.
Fluoxetin und Migräne: Eine mögliche Verbindung
Einige Betroffene berichten von einer Besserung ihrer Migräne nach der Einnahme von Fluoxetin, einem Antidepressivum. Es gibt jedoch auch Berichte über eine Zunahme von Migräneattacken im Zusammenhang mit der Umstellung auf Fluoxetin.
Fallberichte und Erfahrungen
- Positive Erfahrungen: Einige Anwender berichten, dass sie seit der Einnahme von Fluoxetin kaum bis keine Kopfschmerzen und Migräne mehr haben. Dies könnte auf die psychische Komponente von Kopfschmerzen zurückzuführen sein, da Fluoxetin bei Depressionen und Angstzuständen helfen kann.
- Negative Erfahrungen: Andere berichten von einer Zunahme der Migräneattacken nach der Umstellung auf Fluoxetin. In solchen Fällen sollte ein Zusammenhang mit dem Medikament in Betracht gezogen und mit dem Arzt besprochen werden.
Mögliche Erklärungen
- Psychische Faktoren: Kopfschmerzen und Migräne können durch psychische Faktoren wie Stress, Angst und Depressionen ausgelöst oder verstärkt werden. Fluoxetin kann helfen, diese Faktoren zu reduzieren und somit die Kopfschmerzen zu lindern.
- Nebenwirkungen: Fluoxetin kann auch Nebenwirkungen haben, die Kopfschmerzen oder Migräne auslösen können. Es ist wichtig, die Vor- und Nachteile der Einnahme von Fluoxetin sorgfältig abzuwägen und mit dem Arzt zu besprechen.
- Individuelle Reaktion: Jeder Mensch reagiert anders auf Medikamente. Was für den einen hilfreich ist, kann für den anderen schädlich sein. Es ist wichtig, die eigene Reaktion auf Fluoxetin zu beobachten und gegebenenfalls die Therapie anzupassen.
Was tun bei Migräne unter Fluoxetin?
- Arzt konsultieren: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über die Zunahme der Migräneattacken. Er kann beurteilen, ob ein Zusammenhang mit Fluoxetin besteht und gegebenenfalls die Therapie anpassen.
- Kopfschmerztagebuch führen: Notieren Sie, wann die Kopfschmerzen auftreten, wie stark sie sind und welche Faktoren sie auslösen oder verstärken. Dies kann helfen, Muster zu erkennen und die Therapie besser anzupassen.
- Alternative Behandlungsmöglichkeiten in Betracht ziehen: Es gibt verschiedene alternative Behandlungsmöglichkeiten für Migräne, wie z.B. Entspannungstechniken, Akupunktur oder andere Medikamente. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über die verschiedenen Optionen.
Migräneprophylaxe im Kindes- und Jugendalter
Auch Kinder und Jugendliche leiden zunehmend unter Kopfschmerzen und Migräne. Die Diagnose kann bei Kindern erschwert sein, da sie oft keine klaren sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten haben. Ein Kopfschmerztagebuch kann bei der Diagnose und dem Aufspüren von Triggerfaktoren hilfreich sein.
Therapie bei Kindern und Jugendlichen
- Akuttherapie: Ibuprofen oder Paracetamol in altersabhängiger Dosierung. Jugendliche ab zwölf Jahren können auch Sumatriptan oder Zolmitriptan als Nasenspray einsetzen.
- Nicht-medikamentöse Vorbeugung: Regelmäßige Nahrungsaufnahme, ausreichendes Nahrungsangebot, individuelles »Gewusst-Wie« bei Anstrengung und Stress, regelmäßige Schlafenszeiten, kluger Umgang mit Medien, Vermeiden von identifizierten Auslösern, ausgewogener Tagesablauf, ausreichend Ruhepausen, regelmäßige sportliche Betätigung sowie Entspannungsverfahren.
Der Nutzen einer medikamentösen Vorbeugung ist unklar. Amitriptylin und Topiramat sind in der Prophylaxe von Migräneepisoden bei Patienten im Alter von acht bis 17 Jahren nicht wirksamer als Placebo. Ist eine medikamentöse Prophylaxe erforderlich, kann der Arzt Betablocker wie Propranolol oder Flunarizin erproben und nach drei bis sechs Monaten den Nutzen überprüfen.
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