Aktuelle Forschung in der Neurologie: Von Alzheimer-Prävention bis zur Tiefenhirnstimulation

Die neurologische Forschung macht stetig Fortschritte und bietet neue Einblicke in die Prävention und Behandlung von Erkrankungen wie Alzheimer, Schlaganfall, Demenz und Parkinson. Dieser Artikel fasst einige aktuelle Studien und Entwicklungen zusammen, die aufzeigen, wie ein gesunder Lebensstil, innovative Therapien und ein besseres Verständnis der Gehirnfunktionen zur Verbesserung der neurologischen Gesundheit beitragen können.

Alzheimer-Prävention durch moderate körperliche Aktivität

Eine Studie, die in "Nature Medicine" veröffentlicht wurde, untersuchte den Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und der Anreicherung von Beta-Amyloid-Ablagerungen und Tau-Proteinen im Gehirn, die als ursächlich für Alzheimer vermutet werden. Das Team um die Neurologen Way-Ying Wendy Yau und Jasmeer P. Chhatwal untersuchte fast 300 ältere Personen, von denen 88 bereits diese Ablagerungen aufwiesen, aber noch keine Symptome zeigten. Die Probanden wurden anhand ihrer täglichen Schrittzahl in vier Gruppen eingeteilt: inaktive (≤ 3.000 Schritte), wenig aktive (3.001-5.000 Schritte), mäßig aktive (5.001-7.500 Schritte) und aktive (> 7.501 Schritte).

Über einen Zeitraum von 14 Jahren wurden die kognitiven Fähigkeiten der Teilnehmer jährlich getestet und die Amyloid- und Tau-Ablagerungen im Gehirn gemessen. Die Ergebnisse zeigten, dass Personen, die mehr als 3.000 Schritte pro Tag gingen, eine signifikant geringere Anreicherung der Ablagerungen aufwiesen als die "Inaktiven". Die größte Reduktion wurde bei 5.001 bis 7.500 Schritten beobachtet, wobei zusätzliche Bewegung darüber hinaus keine weitere Verbesserung brachte. Auch bei den kognitiven Tests schnitten die mäßig aktiven Probanden am besten ab.

Die Autoren schlussfolgerten, dass bereits ein moderates Maß an körperlicher Aktivität, das auch für ältere Menschen erreichbar ist, ausreicht, um Alzheimer entgegenzuwirken. Emrah Düzel vom Uni-Klinikum Magdeburg bestätigte, dass Bewegungsmangel ein etablierter Risikofaktor für Alzheimer ist und dass die Studie erstmals Effekte bei Menschen mit bereits vorhandenen Alzheimer-typischen Veränderungen im Gehirn zeigt. Körperliche Aktivität scheint die Ausbreitung der Krankheit zu verlangsamen und die mentale Leistungsfähigkeit zu schützen.

Es wird vermutet, dass Bewegung auch die Kognition trainiert, da die Personen navigieren, sich orientieren und mit ihrer Umgebung interagieren müssen. Es wird empfohlen, sich nicht nur mit 5.000 Schritten zufriedenzugeben, sondern auch Sportarten wie Radfahren, Tanzen oder Joggen auszuüben, die das Gehirn zusätzlich stimulieren.

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Kritiker der Studie bemängelten, dass das Ausmaß der Bewegung nur einmal zu Beginn der Studie gemessen wurde und andere Bewegungsformen wie Radfahren nicht berücksichtigt wurden. Zudem könne mit dem Studiendesign keine Kausalität gezeigt werden. Dennoch passt das Ergebnis zu vielen anderen Studien, die eine ähnlich positive Wirkung von körperlicher Aktivität auf die Gehirngesundheit zeigen.

Ein gesunder Lebensstil, der regelmäßige Bewegung, ausgewogene Ernährung, geistige Aktivität und soziale Kontakte umfasst, ist entscheidend für die Prävention von Gehirnerkrankungen.

Lebensstilfaktoren und ihr Einfluss auf Schlaganfall- und Demenzrisiko

Eine im Fachjournal "BMC Public Health" veröffentlichte britische Studie untersuchte die Auswirkungen von Bewegung, Muskelkraft, Schlaf und Sitzzeiten auf das Risiko von Schlaganfall und Demenz. Die Auswertung von Daten von fast einer halben Million Menschen ergab, dass die Kombination mehrerer gesunder Gewohnheiten das Risiko deutlich senken kann.

Die Studie berücksichtigte vier Gewohnheiten: regelmäßige Bewegung (mindestens 150 Minuten moderate oder 75 Minuten intensive Aktivität pro Woche), kräftiger Händedruck (als Zeichen für Muskelkraft), ausreichend Schlaf (7-8 Stunden pro Nacht) und wenig Sitzen (weniger als 6 Stunden am Tag). Für jede erfüllte Gewohnheit wurde ein Punkt vergeben, sodass die Teilnehmenden einen "Lebensstil-Score" zwischen null und vier Punkten erhielten.

Im Laufe der Studie erlitten knapp 4992 Menschen einen Schlaganfall, 2120 erkrankten an einer Demenz. Die Auswertung des "Lebensstil-Scores" zeigte, dass das Risiko, an einem der beiden Ereignisse zu leiden, umso geringer war, je mehr Kriterien erfüllt waren:

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  • Zwei von vier Kriterien erfüllt: Das Schlaganfall-Risiko nahm um 15 Prozent ab, das Demenzrisiko um 26 Prozent.
  • Drei von vier Kriterien erfüllt: Das Schlaganfall-Risiko sank um 29 Prozent, das Demenzrisiko um 36 Prozent.
  • Alle vier Kriterien erfüllt: Das Schlaganfall-Risiko sank um 35 Prozent, das Demenzrisiko sogar um 57 Prozent.

Die Ergebnisse zeigten, dass ein gesünderer Lebensstil Vorteile für Schlaganfall und Demenz unabhängig vom Vorliegen der APOE-ε4-Genvariante hat, einem der stärksten bekannten genetischen Risikofaktoren für die Entwicklung von Demenz-Erkrankungen.

Tiefe Hirnstimulation bei Parkinson: Innovationen für eine präzisere Therapie

An der Neurochirurgischen Klinik des Uniklinikums Würzburg (UKW) wurde erstmals in Deutschland die Elektroden Vercise Cartesia X des Herstellers Boston Scientific bei einem Patienten mit Parkinson-Erkrankung implantiert. Diese direktionalen Elektroden mit 16 Kontakten ermöglichen eine Tiefen Hirnstimulation (THS), die die Symptome von Bewegungsstörungen lindert, indem sie elektrische Impulse an spezifische Gehirnregionen sendet.

Die Elektroden sind mit einem Hirnschrittmacher, dem Vercise Genus, verbunden, der unterhalb des Schlüsselbeins unter der Haut implantiert wird. Die elektrische Stimulation harmonisiert das Zusammenspiel der funktionell gestörten Hirnareale, wodurch Bewegungsabläufe wieder besser koordiniert werden können.

Die Verdoppelung der Elektrodenkontakte und die Segmentierung in noch kleinere Kontakte ermöglichen eine sehr genaue Steuerung der Stimulation und eine individuelle Anpassung an die Bedürfnisse der Patienten. Mithilfe einer neuen Software können die Ärzte die Stimulationsprogramme anhand der Hirnbilder der Patienten am Computer entwerfen, berechnen und simulieren. Dies optimiert die Ansteuerung der Elektrodenkontakte und beschleunigt die Austestung des individuellen Stimulationsprogramms.

Die Parkinson-Erkrankung ist eine langsam fortschreitende, degenerative Bewegungsstörung, die durch den Verlust von Nervenzellen zu einer Fehlfunktion des motorischen Netzwerks des Gehirns führt. Die THS kann die Symptome wie verlangsamte Bewegungen, Zittern, Muskelsteifheit und Schwierigkeiten bei Gleichgewicht und Koordination lindern.

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Komorbiditäten bei Multipler Sklerose: Epilepsie, Restless-Legs-Syndrom und Schlafapnoe

Auf dem Jahreskongress der American Academy of Neurology (AAN) wurden zahlreiche Forschungsarbeiten zu verschiedenen Aspekten der Multiplen Sklerose (MS) vorgestellt. Ein Team der Harvard Medical School untersuchte die Prävalenz von Epilepsie bei MS-Patienten und fand eine erhöhte Prävalenz gegenüber der Allgemeinbevölkerung.

Eine Studie der Marianne-Strauß-Klinik in Berg (Deutschland) untersuchte die Zusammenhänge zwischen dem Restless-Legs-Syndrom (RLS), neuropathischen Schmerzen und phasischer Spastik bei MS-Patienten. Die Ergebnisse zeigten, dass RLS häufig mit MS assoziiert ist und oft von neuropathischen Schmerzen und schmerzhaften phasischen Spastiken begleitet wird.

Forscher aus Israel untersuchten die Prävalenz von obstruktiver Schlafapnoe (OSA) bei MS-Patienten und fanden ein hohes Risiko für OSA bei 50 % der Patienten sowie eine Korrelation mit der MS-Progression. Sie folgerten, dass die Erkennung und Therapie von OSA bei MS-Patienten Fatiguesymptome reduzieren und die allgemeine Leistungsfähigkeit erhöhen könnte.

Reduktion der Hirnatrophie durch Immunmodulatoren bei MS

Studien zu den Immunmodulatoren Daclizumab und Alemtuzumab zeigten positive Effekte auf die Hirnatrophie bei MS-Patienten. Daclizumab führte in der DECIDE-Studie zu einer signifikanten Reduktion des Hirnvolumenverlusts im Vergleich zu Interferon beta-1a. Auch Alemtuzumab verlangsamte die Hirnatrophie bei Patienten, die von Interferon beta-1a umgestellt worden waren. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass diese Medikamente einen Benefit für Behinderungsprogression, kognitive Funktionen und funktionelle Outcomes haben könnten.

Barrieren auf dem Weg zur MS-Therapie

Eine Untersuchung der Plattform "PatientsLikeMe" zeigte, dass Restriktionen der Krankenversicherungen bei der Abdeckung der Kosten für MS-Medikamente in den USA nicht nur klinische und finanzielle Auswirkungen auf die Patienten haben, sondern auch emotionale. Ein hoher Selbstbehalt bei den Therapiekosten erwies sich als größtes Hindernis und als direkte Gefahr für die Therapieadhärenz.

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