Franzen, Vater und die Demenz: Eine Analyse von "Die Korrekturen" und verwandten Werken

Jonathan Franzens Roman "Die Korrekturen" ist mehr als nur eine Familiensaga. Er ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Altern, der Krankheit und dem Verfall, insbesondere im Kontext der Demenz des Vaters, Alfred Lambert. Der Roman bietet einen beklemmenden Einblick in die Dynamik einer amerikanischen Familie der Mittelschicht, die mit den Herausforderungen des Lebens und den Tücken der menschlichen Natur konfrontiert ist.

Die Familie Lambert: Ein Spiegelbild der Gesellschaft

Franzen porträtiert in "Die Korrekturen" die Lamberts, eine Familie aus dem mittleren Westen der USA. Vater Alfred, Mutter Enid und ihre Kinder Gary, Chip und Denise sind komplexe Charaktere, die jeweils ihre eigenen Kämpfe austragen. Alfred, ein Mann von unerschütterlichen Prinzipien, tyrannisiert seine Familie mit seinen puritanischen Grundsätzen. Enid, hin- und hergerissen zwischen Anziehung und Verachtung für ihren Mann, versucht, ihren eigenen Weg zu finden. Gary, der nach außen hin erfolgreiche älteste Sohn, entpuppt sich als depressiver Mann. Chip, das schwarze Schaf der Familie, schlittert von einer Katastrophe in die nächste. Und Denise, die Tochter, sucht ihren Platz im Leben und in der Liebe.

Die Lamberts sind gescheiterte Existenzen, aber Franzen gelingt es, ihre verkorksten und doch so normalen Leben auf unwiderstehliche Weise in den Bann zu ziehen. Er versetzt den Leser mit erstaunlicher Leichtigkeit in die Gedankenwelt eines in Demenz versinkenden Alzheimer-Patienten. Man frisst sich durch die paranoiden Wahnvorstellungen Alfreds, als ob man durch einen nächtlichen Albtraum trudelt.

Alfreds Demenz: Ein zentrales Thema

Die Alzheimer-Erkrankung von Vater Alfred ist ein zentrales Thema des Romans. Enid, seine Frau, will angesichts seiner Erkrankung die Familie ein letztes Mal versammeln und lädt ihre Kinder zu Weihnachten ins Elternhaus nach St. Jude ein. Franzens Fähigkeit, sich in die Gedankenwelt eines dementen Menschen hineinzuversetzen, ist beeindruckend. Er schildert die Verwirrung, die Angst und die Desorientierung, die mit der Krankheit einhergehen.

Die Schilderung von Alfreds Demenz ist nicht nur ein literarisches Mittel, sondern auch ein Kommentar zur Realität des Alterns und der Krankheit. Franzen zeigt die Auswirkungen der Demenz auf den Betroffenen selbst, aber auch auf seine Familie und sein Umfeld. Die Krankheit stellt die Lamberts vor große Herausforderungen und zwingt sie, sich mit ihrer eigenen Vergangenheit und ihren Beziehungen auseinanderzusetzen.

Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben

Literarische Parallelen und Einflüsse

In vielen Buchbesprechungen werden die Parallelen zwischen "Die Korrekturen" und John Updikes "Rabbit"-Serie erwähnt. Tatsächlich gibt es einige Gemeinsamkeiten. Franzen Geschichte ist jedoch von Sarkasmus geprägt. Seine Figuren sind nicht nur schwach, sondern durch die Bank niederträchtig und selbstsüchtig. Ihnen allen mangelt es an der Fähigkeit zum Mitgefühl.

Trotz aller Kritik fesselt "Die Korrekturen" durch Franzens Witz und seine Freude am Erzählen. Die Lektüre ist ein Genuss, und Franzen verdient für den Spaß beim Lesen die volle Punktzahl.

"Der vergessliche Riese": Eine andere Perspektive auf Demenz

David Wagners Roman "Der vergessliche Riese" bietet eine andere Perspektive auf das Thema Demenz. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen einem Sohn und seinem dementen Vater. Wagner verzichtet auf beschreibende und erklärende Passagen und lässt den Vater stattdessen als sprechendes Subjekt auftreten. Der Roman besteht fast nur aus Dialogen, hauptsächlich Gesprächen zwischen Vater und Sohn.

Wagners Ansatz ist erfrischend und ungewöhnlich. Er vermeidet es, den Vater zum Objekt der Beobachtung zu machen, und konzentriert sich stattdessen auf seine Stimme und seine Erfahrungen. Die Dialoge sind oft heiter und komödienhaft, obwohl sie sich mit einem ernsten Thema auseinandersetzen. Der Sohn begegnet den immer gleichen Fragen des Vaters mit beneidenswerter Ruhe und verliert fast nie die Contenance.

Autobiografische Erzählungen über Demenz

In den letzten Jahren hat sich das öffentliche Interesse verstärkt auf die medizinischen und finanziellen Implikationen des hohen Alters, insbesondere der Altersdemenz, gerichtet. Zahlreiche Schriftsteller haben ihren an Demenz erkrankten Angehörigen autobiografische Erzählungen gewidmet, die eine lebendigere und ergreifendere Sprache sprechen als der öffentliche Diskurs.

Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.

John Bayley, Milena Michiko Flašar, Jonathan Franzen, Arno Geiger, Tilman Jens, Pierre Pachet und viele andere haben beschrieben, wie die Krankheit das Leben der Betroffenen verändert und Beistand erfordert. Sie haben davon berichtet, wie sehr der Umgang mit demenzkranken Angehörigen sie selbst aufwühlt und ihre Gewohnheiten und Sichtweisen erschüttert. Und sie haben sich bemüht, die weißen Flecken der Wissenschaft und des Alltagswissens zu besiedeln.

Die seelische Not der Hochbetagten

Anders als die Wissenschaft befassen sich die Schriftsteller intensiv mit dem seelischen Leiden der Hochbetagten und dem Einfluss, den es auf ihre körperlich-physiologische und mentale Situation ausübt, wobei sie den Kranken selbst häufig das Wort geben. Mit all dem kommen sie einem Wunsch des britisch-amerikanischen Neurologen Oliver Sacks entgegen, der dafür plädiert hat, die rigiden Fallbeschreibungen der Neurologen durch Erzählungen der Patienten über ihre existenziellen und emotionalen Nöte zu ersetzen.

Es gelte, so Sacks, die Kranken in der realen Welt, inmitten ihrer konkreten Lebensbedingungen, Beziehungen und Handlungen wahrzunehmen und die Einzigartigkeit ihrer Erfahrung zu begreifen. Die Schriftsteller, die ihre hochbetagten dementen Angehörigen ein Stück weit begleiten oder sie sogar pflegen, berichten von der Verzweiflung darüber, dass nichts mehr so ist wie früher: Denken, Wahrnehmen, Erinnern, Empfinden von Raum und Zeit, Sprechen, Kommunizieren, Wiedererkennen, Handeln - alles ist beeinträchtigt oder zusammengebrochen, Stimmungen und soziale Verhaltensweisen sind außer Kontrolle geraten. Sie leiden mit den Kranken und durchleben darüber hinaus ihr eigenes Leid: Um sich ihren Angehörigen widmen zu können, müssen sie eigene Ziele aufgeben oder zurückstecken und sich Gegebenheiten anpassen, die ihnen nicht vertraut sind.

Die Bedeutung der Sprache

Ein bekannter Sprachforscher äußerte im Jahre 2003 sein Bedauern darüber, dass sprachliche Auffälligkeiten des hohen Alters in der medizinischen Diagnostik "noch immer (eher) als Randphänomen" angesehen würden. Die Dichter - schon immer der Sprache verschrieben - widmen gerade diesen Auffälligkeiten besondere Aufmerksamkeit. Sie sammeln die wie Goldstaub herbeiwehenden Wörter ihrer dementen Angehörigen, finden an ihnen zuweilen poetisch Gefallen, nennen sie Perlen, Schmuckstücke, Reliquien oder Weisheiten.

Arno Geiger, der jedem Kapitel seines 2011 erschienenen Buches "Der alte König in seinem Exil" einen kurzen Dialog zwischen Sohn und Vater vorangestellt hat, ist fasziniert von dessen sprachlichen Funden. Der Vater, weder Schriftsteller noch Intellektueller, gibt Sätze von sich, "bei denen einem vor Staunen die Luft wegbleibt", schreibt der Autor, als so fantasievoll und poetisch empfindet er sie.

Lesen Sie auch: Tinnitus und Gehirnaktivität: Ein detaillierter Einblick

"Demenz": Ein Überblick über das Thema

Das Buch "Demenz", herausgegeben von drei "Spiegel"-Journalisten, bietet einen Überblick über das Thema Demenz aus verschiedenen Perspektiven. An die zwanzig Autorinnen und Autoren berichten aus Gedächtnisambulanzen, Pflegeheimen und Angehörigen-Gruppen, haben mit Ärzten, Pflegekräften und Rechtsexperten gesprochen. Nicht nur die dramatischen Fakten, sondern auch Hoffnungsschimmer, Momente der Liebe und des Optimismus loten sie aus.

Das Buch zeigt, dass es Wege gibt, mit Demenzkranken zu kommunizieren und ihnen mit Respekt zu begegnen. Es plädiert für das "psychobiografische Pflegemodell", bei dem man den Kranken bewusst und immer wieder auf seinen alten Beruf, seine früheren Vorlieben und Werte anspricht.

Franzen Essay "Das Gehirn meines Vaters"

Nahtlos fügt sich in die weiten Maschen dieser Sammlung aus kürzeren und längeren Essays, Reportagen, Interviews und Informationskästen auch ein literarischer Text des US-Autors Jonathan Franzen. "Das Gehirn meines Vaters" heißt er und erzählt, wie ein Sohn sich fühlt, der im Valentinspäckchen der Mutter zwischen Schokoladenriegeln und pinkfarbener Grußkarte auch ein Blatt Papier findet, darauf der Autopsiebericht des Pathologen, der das von Alzheimer zerfressene Gehirn seines toten Vater sezierte. Dicht und präzise schildert der Schriftsteller die Erfahrung der Angehörigen, all die Stadien des Nichtwahrhabenwollens und des Nichtbegreifens, der Ungeduld mit dem Kranken und eines endlosen Abschiednehmens.

Bücher über Demenz: Belletristik und Sachbücher

Es gibt eine Vielzahl von Büchern über Demenz, sowohl Belletristik als auch Sachbücher. Diese Bücher bieten wertvolle Inspiration, tiefes Verständnis und fundiertes Wissen rund um die Thematik. Einige empfehlenswerte Titel sind:

  • Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil
  • Urs Faes: Untertags
  • Tilman Jens: Demenz. Abschied von meinem Vater
  • Jonathan Franzen: Die Korrekturen
  • Hansjörg Schertenleib: Die Fliegengöttin
  • Leah Weigand: Ein wenig mehr wir - Texte über die Menschlichkeit
  • Helgard Haug: All right. Good night.
  • Frédéric Zwicker: Hier können Sie im Kreis gehen
  • Klara Obermüller (Hg.): Es schneit in meinem Kopf
  • Bernlef: Bis es wieder hell ist
  • Michael Schmieder: Dement, aber nicht bescheuert
  • Michael Schmieder: Dement, aber nicht vergessen
  • Irene Bopp u.a.: Demenz. Fakten. Geschichten. Perspektiven.
  • Pauline Boss: Da und doch so fern
  • Johanna Constantini: Abseits II
  • Tom Kitwood: Demenz - der personzentrierte Ansatz im Umgang mit verwirrten Menschen
  • Richard Taylor: Alzheimer und Ich - Leben mit Dr. Alzheimer im Kopf
  • Naomi Feil, Vicki de Klerk-Rubin: Validation in Anwendung und Beispielen
  • Wendy Mitchell: Der Mensch, der ich einst war - mein Leben mit Alzheimer
  • Angelika U. Reutter: Wenn die Worte fehlen - Von der Kraft der Seelensprache

Jonathan Franzen: Ein vielseitiger Autor

Jonathan Franzen ist ein vielseitiger Autor, der sich in seinen Romanen und Essays mit einer Vielzahl von Themen auseinandersetzt. Er ist bekannt für seine scharfsinnigen Beobachtungen, seine komplexen Charaktere und seine Fähigkeit, den Leser in den Bann zu ziehen. Franzen ist einer der wichtigsten Schriftsteller unserer Zeit, und seine Werke sind ein wichtiger Beitrag zum Verständnis der menschlichen Natur und der Herausforderungen des Lebens.

tags: #franzen #gehirn #meines #vaters