Freizeitgestaltung bei Tetraplegie: Möglichkeiten und Fortschritte

Eine Tetraplegie, auch Quadriplegie genannt, ist eine Form der Querschnittlähmung, bei der alle vier Gliedmaßen betroffen sind. Sie entsteht meist durch eine Schädigung des Rückenmarks im Halswirbelbereich. Die Lebensumstände von Menschen mit Tetraplegie ändern sich dadurch oft grundlegend. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Freizeitgestaltungsmöglichkeiten für Menschen mit Tetraplegie, die Fortschritte in der medizinischen Behandlung und die Bedeutung von Hilfsmitteln und Therapien.

Ursachen und Auswirkungen der Tetraplegie

Die Ursachen für eine Tetraplegie sind vielfältig. In etwa 60 Prozent der Fälle ist ein Trauma, meist durch Unfälle im Straßenverkehr oder bei sportlichen Aktivitäten, die Ursache. Weitere Ursachen können Tumore, Entzündungen, Erb- oder Infektionskrankheiten sein. Auch idiopathische, also ohne fassbare Ursache entstandene Tetraplegien sind möglich.

Die Tetraplegie führt zu einer kompletten oder inkompletten Lähmung der Arme und Beine. Bei einer kompletten Lähmung (Tetraplegie) verliert der Körper ab der Verletzung des Rückenmarks jegliche Bewegung und Sensibilität. Bei einer inkompletten Lähmung (Tetraparese) treten die Einschränkungen nur in Teilbereichen des Körpers auf. Betroffene können die Sensibilität für Schmerz, Druck oder Temperatur verlieren. Auch die Funktion innerer Organe kann beeinträchtigt sein, was zu Störungen im Magen-Darm-Trakt, der Blase oder den Sexualorganen führen kann.

Fortschritte in der medizinischen Behandlung

Nerventransfers zur Wiederherstellung der Handfunktion

Ein vielversprechender Fortschritt in der Behandlung von Tetraplegie ist der Nerventransfer. Bei diesem Verfahren leiten Chirurgen noch funktionsfähige Nerven um, um gelähmte Muskeln wieder beweglich zu machen. Eine Studie von Natasha van Zyl und ihrem Team von Austin Health in Melbourne zeigte, dass Patienten nach einer Halswirbelverletzung durch Nerventransfers in Kombination mit intensiver Physiotherapie wieder selbstständig alltägliche Tätigkeiten verrichten konnten. Dazu gehören essen und trinken, Zähne putzen, schreiben, den Computer benutzen oder einen Rollstuhl antreiben.

Voraussetzung für die Behandlung ist, dass das Rückenmark nicht oberhalb des sechsten Halswirbels verletzt ist. In diesen Fällen stehen noch unversehrte Nerven für den Transfer zur Verfügung. Die Chirurgen können oberhalb des sechsten Halswirbels entspringende Nervenstränge so umleiten, dass sie in gelähmte Armmuskeln einwachsen und wieder Impulse geben. In einer Variante wurde der Nerv, der den kleinen Rundmuskel im Schulterbereich aktiviert, mit einer Nervenbahn verbunden, die zum Trizeps führt. In anderen Varianten wurden Nervenverbindungen zu verschiedenen Muskeln des Unterarms umgeleitet.

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Van Zyl erläutert, dass Nerventransfers erfolgreich mit traditionellen Sehnentransfers kombiniert werden können, um den größtmöglichen Nutzen zu erzielen. Bei der Kombination beider Verfahren nutzten die Patienten den Arm mit den Nerventransfers für feinmotorische Tätigkeiten, während sie den Arm mit der Sehnentransplantation für kraftvolle Aktivitäten verwendeten. Die meisten Teilnehmer der Studie würden die Operation wiederholen und sie anderen empfehlen.

Elspeth Hill und Ida Fox von der Washington University in St. Louis betonen in einem Kommentar, dass Nerventransfers eine kostengünstige Möglichkeit sind, die körpereigene Fähigkeit zur Wiederherstellung der Bewegung in einem gelähmten Glied zu nutzen. Sie weisen jedoch auch darauf hin, dass es Monate dauern kann, bis neue Bewegungen möglich werden, und Jahre, bis die volle Kraft erreicht ist. Rüdiger Rupp vom Universitätsklinikum Heidelberg hebt die relativ große Zahl der Patienten in der Studie hervor und betont, dass es sich um eine ehrliche Studie handelt, die auch die Grenzen der Methode und die Zufriedenheit der Patienten thematisiert.

Funktionelle Elektrostimulation (FES)

Die funktionelle Elektrostimulation (FES) ist eine weitere Methode zur Wiederherstellung von Funktionen bei Tetraplegie. Sie wird bereits in der Akutphase eingesetzt. FES nutzt elektrische Impulse, um Muskeln zu aktivieren, die aufgrund der Rückenmarksverletzung nicht mehr von selbst funktionieren. Dies kann helfen, die Muskelkraft zu erhalten oder wieder aufzubauen, die Durchblutung zu verbessern und die Beweglichkeit zu fördern. FES kann auch zur Unterstützung der Atmung eingesetzt werden.

Hilfsmittel für mehr Unabhängigkeit

Hilfsmittel spielen eine entscheidende Rolle bei der Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit Tetraplegie. Sie ermöglichen ein mobiles, unabhängiges und produktives Leben.

Adaptive Hilfsmittel im Alltag

Adaptive Hilfsmittel können in vielen Bereichen des Lebens helfen, Aufgaben selbstständig zu bewältigen. Beispiele hierfür sind adaptives Besteck bei eingeschränkter Handfunktion oder Anpassungen im Auto zur Erhaltung der Mobilität. Auch spezielle Game-Controller für Tetraplegiker und Spiele, die von vorneherein so angelegt sind, dass auch Menschen mit eingeschränkter Finger-, Hand- oder Armfunktion sie nutzen können, können die Freizeitgestaltung erleichtern.

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Rollstühle und Mobilitätshilfen

Der Rollstuhl ist ein zentrales Hilfsmittel für Menschen mit Tetraplegie. Es gibt verschiedene Arten von Rollstühlen, die an die individuellen Bedürfnisse angepasst werden können. Elektrische Rollstühle ermöglichen es, sich selbstständig fortzubewegen. Das "BikAble", ein Hybrid-Rad, das sich mit wenigen Handgriffen vom Handbike in einen Rollstuhl verwandeln lässt, ist ein Beispiel für innovative Mobilitätshilfen.

Bedeutung von Therapie und Rehabilitation

Eine konsequente Teilnahme an Physio- und Ergotherapie kann die Lebensqualität nach einer Rückenmarksverletzung erheblich verbessern.

Physiotherapie

Ein Physiotherapeut beurteilt die verbleibenden Fähigkeiten von Menschen mit Tetraplegie und erstellt einen individuellen Trainingsplan, um Kraft und motorische Kontrolle zu verbessern. Ziel ist es, die Mobilität so weit wie möglich zu verbessern.

Ergotherapie

Die Ergotherapie hilft Betroffenen, die Unabhängigkeit im Alltag zu verbessern. Dazu gehört das Üben von Aktivitäten des täglichen Lebens wie Essen, Kochen, Körperpflege, Anziehen und der Umgang mit Hilfsmitteln für das Blasen- und Darmmanagement. Die Ergotherapie gewährleistet eine Reintegration in das private und berufliche Umfeld.

Psychotherapie

Da viele Betroffene aufgrund ihrer Lebenssituation Depressionen entwickeln oder sogar suizidgefährdet sind, ist auch die Psychotherapie ein wichtiger Bestandteil der Behandlung.

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Freizeitgestaltung trotz Tetraplegie

Auch mit Tetraplegie gibt es viele Möglichkeiten, die Freizeit aufregend zu gestalten.

Sportliche Aktivitäten

Sportarten können als Para-Sport ausgeübt werden. Tanzen im Rollstuhl ist eine perfekte Sportart, um aktiv zu bleiben. Auch das Geocaching kann eine interessante Freizeitbeschäftigung sein.

Hobbys und Interessen

Hobbys, die man vor Eintritt der Querschnittlähmung hatte, kann man u. U. auch danach ausüben. Auch das Suchen und Finden neuer Hobbys ist möglich. Ein Betroffener berichtet, dass er sich heute für Naturwissenschaften, Computer, Medizin, Radios restaurieren und reparieren, Musizieren (Mundharmonika, Midi-Keyboard+ PC) und Technik interessiert.

Selbsthilfegruppen und soziale Kontakte

Kontakte zu Selbsthilfegruppen oder Peer-Programmen können helfen, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und von deren Erfahrungen zu profitieren. Neue Freundschaften können ehrlicher und ernst gemeint sein. Die Organisation „Inklusion muss laut sein“ (IMLS) bringt Menschen mit Behinderung und ehrenamtliche Buddies zusammen.

Pflege bei Tetraplegie

Die Pflegebedürfnisse von Menschen mit Tetraplegie sind häufig komplex. Wichtig ist die Prävention von Kontrakturen durch regelmäßige Bewegung und Dehnung der Gelenke. Schluckstörungen können die Nahrungsaufnahme erschweren. Querschnittgelähmte spüren keine Schmerzen, wenn sie zu lange in derselben Position liegen oder sitzen. Daher ist es wichtig, Patient:innen regelmäßig zu mobilisieren und umzulagern, um Druckstellen zu vermeiden. Die meisten Menschen mit Querschnittlähmung haben keine Kontrolle mehr über Blase bzw. Darm. Mehrmals am Tag muss die Harnblase per Katheter entleert werden. Um Stuhlinkontinenz zu verhindern, ist regelmäßiges Abführen nötig. Querschnittgelähmte haben auch teilweise keine Kontrolle mehr über ihre Körpertemperatur. Unterhalb der Lähmungshöhe können Betroffene dann weder schwitzen noch vor Kälte zittern. Es kommt rasch zu Überhitzung bzw. Unterkühlung. Eine Querschnittlähmung beeinträchtigt häufig das Atmen. Regelmäßige Umlagerung ist auch hier wichtig. Über zwei Drittel der Querschnitt-Patient:innen haben eine krankhaft erhöhte Muskelspannung und gesteigerte, nicht kontrollierbare Reflexe. Regelmäßiges Durchbewegen und Dehnen sowie geräteunterstützte Bewegungen helfen.

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