Aktuelle Forschung zur Friedreich-Ataxie

Die Friedreich-Ataxie ist eine seltene, fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die vor allem durch Koordinationsstörungen gekennzeichnet ist. Die Forschung auf diesem Gebiet hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht und konzentriert sich auf das Verständnis der Krankheitsmechanismen, die Entwicklung neuer Therapien und die Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen. Dieser Artikel bietet einen Überblick über die aktuellen Forschungsaktivitäten zur Friedreich-Ataxie.

Grundlagen der Friedreich-Ataxie

Die Friedreich-Ataxie wird meist durch eine homozygote GAA-Repeat-Expansion im FXN-Gen verursacht. Seltener liegt eine GAA-Expansion auf einem Allel in Kombination mit einer inaktivierenden Mutation auf dem anderen Allel vor. Das FXN-Gen kodiert Frataxin, ein mitochondriales Protein, das für die Eisenhomöostase und Biogenese von Eisen-Schwefel-Clustern essenziell ist. Ein Frataxinmangel führt infolgedessen zu einer reduzierten mitochondrialen ATP-Produktion, Eisenakkumulation, einer beeinträchtigten Reaktion auf oxidativen Stress und letztlich zum Zelltod. Klinisch führt die Erkrankung unter anderem zu unkoordinierten Bewegungsabläufen (Ataxie), Haltungs- und Gangstörungen, Gleichgewichts- und Sehstörungen, aber auch zu Herzmuskelerkrankungen, Diabetes und Skoliose.

Die Friedreich-Ataxie ist eine Multisystemerkrankung, die neben dem Nervensystem auch das Herz, das Muskel-Skelett-System und den Stoffwechsel betrifft. Die Symptome beginnen meist vor dem 25. Lebensjahr und umfassen Gangunsicherheit, Koordinationsprobleme, Muskelschwäche und Sprachstörungen. Die Erkrankung verläuft fortschreitend, und viele Patienten sind im jungen Erwachsenenalter auf einen Rollstuhl angewiesen.

Beobachtungsstudien zur Friedreich-Ataxie

Beobachtungsstudien spielen eine wichtige Rolle im Verständnis des Krankheitsverlaufs und bei der Identifizierung von Biomarkern für die Friedreich-Ataxie. Mehrere Forschungsgruppen führen derzeit Beobachtungsstudien durch, um klinische Daten, Biomaterialien und Bildgebungsdaten von Patienten mit Friedreich-Ataxie zu sammeln.

FACROSS-Studie

Die FACROSS-Studie (Friedreich Ataxia Clinical Research Observational Study) ist eine Beobachtungsstudie, die die Multiorgan-Komplexität bei der Friedreich-Ataxie untersucht. Ziel ist es, nicht nur die Symptome des Nervensystems zu untersuchen, sondern auch andere betroffene Körpersysteme in die Forschung mit einzubeziehen, z. B. Herz, Stoffwechsel oder Muskel-Knochensystem. Um dieses Ziel zu erreichen, arbeiten verschiedene Fachrichtungen der Uniklinik RWTH Aachen zusammen, und es bestehen Kooperationen mit dem Forschungszentrum Jülich (FZJ), dem Institut für Medizinische Statistik (Uniklinik RWTH Aachen) und dem Lehrstuhl für Mathematik der Informationsverarbeitung (RWTH Aachen Universität).

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Die FACROSS-Studie umfasst verschiedene Untersuchungen, darunter neurologische und orthopädische Untersuchungen, Bioproben (Blut, Speichel, Urin, Stuhl), kognitive und sprachliche Tests sowie verschiedene Fragebögen. Die Teilnahme an den einzelnen Untersuchungen ist optional.

TRACK-FA-Studie

Die TRACK-FA-Studie ist eine multizentrische Beobachtungsstudie, die Veränderungen des Gehirns und des Rückenmarks mittels MRT untersucht. Gesucht werden Patienten mit genetisch gesicherter Friedreich-Ataxie, insbesondere in frühen Stadien der Erkrankung, und gesunde Kontrollprobanden.

Die TRACK-FA-Studie umfasst die Erhebung von Daten zur Demografie, Familien- und Krankengeschichte, Medikation, Begleiterkrankungen, Aktivitäten des täglichen Lebens und Lebensqualität. Außerdem werden körperlich-neurologische Untersuchungen, Tests zu Feinmotorik, Sprache, Sehvermögen und Kognition sowie Blutabnahmen und MRT-Untersuchungen durchgeführt. Die Visiten finden jährlich über einen Zeitraum von zwei Jahren statt.

SCA Registry/ESMI

Das SCA Register ist eine Beobachtungsstudie für Patienten mit spinozerebellären Ataxien (SCA). Zielgruppe sind Patienten mit genetisch gesicherter SCA (alle Genotypen), gesunde Angehörige sowie gesunde Kontrollprobanden.

Die Studie umfasst die Erhebung von Daten zur Demografie, Familien- und Krankengeschichte, Medikation, Begleiterkrankungen, Aktivitäten des täglichen Lebens und Lebensqualität. Außerdem werden die Vitalzeichen bestimmt, körperlich-neurologische Untersuchungen durchgeführt, Tests zur Gehfähigkeit und Feinmotorik absolviert sowie Blut abgenommen und ggf. neuropsychologische Tests und MRT-Untersuchungen durchgeführt. Die Visiten finden jährlich statt.

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UNIFAI-Studie

Die UNIFAI-Studie ist eine globale, multizentrische, prospektive, longitudinale Beobachtungsstudie zum natürlichen Krankheitsverlauf der Friedreich-Ataxie. Sie dient dazu, den Verlauf der Erkrankung besser zu verstehen und neue Therapieansätze zu entwickeln.

PROFA-Studie

Das Gesamtziel des PROFA-Verbundprojektes ist es, die Auswirkung der Friedreich-Ataxie auf patientenbezogene, gesundheitsökonomische und psychosoziale Outcomes mithilfe einer patienten-zentrierten e-Health-App zur ambulanten Datenerfassung (selbstständige Erfassung von Daten über eine App) zu untersuchen. Hierbei sollen wichtige und tiefgreifende Einblicke in den Alltag von Patientinnen und Patienten mit Friedreich-Ataxie gewonnen werden.

Klinische Studien zur Friedreich-Ataxie

Klinische Studien sind entscheidend für die Entwicklung neuer Therapien zur Behandlung der Friedreich-Ataxie. Derzeit laufen mehrere klinische Studien, in denen verschiedene Therapieansätze untersucht werden.

Nomlabofusp

Eine Phase-3-Studie untersucht die Wirksamkeit und Sicherheit von subkutan verabreichtem Nomlabofusp bei Patienten mit Friedreich-Ataxie im Alter von 12 bis 21 Jahren. Die Rekrutierung für diese Studie wird voraussichtlich im Jahr 2026 beginnen.

Omaveloxolon (Skyclarys)

Eine zweiteilige, randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Phase-3-Studie (Teil 1) und eine offene Verlängerungsstudie (Teil 2) untersucht die Wirksamkeit, Sicherheit, Pharmakokinetik und Pharmakodynamik von Omaveloxolon (BIIB141) bei Teilnehmern mit Friedreich-Ataxie im Alter von 2 bis > 16 Jahren. Die Rekrutierung für diese Studie wird voraussichtlich im Herbst 2025 beginnen.

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Ein multinationales Register zur Beobachtung von mit Omaveloxolone behandelten Patienten mit Friedreich-Ataxie nach der Markteinführung wird ab Sommer 2025 eingerichtet.

EFACTS-Studie

Der europäische Forschungsverbund European Friedreich's Ataxia Consortium for Translational Studies (EFACTS) hat seine Forschungsergebnisse in The Lancet Neurology veröffentlicht. Die Studie analysierte prospektiv erhobene Querschnittsdaten von 592 Friedreich-Ataxie-Patienten aus elf europäischen Kliniken. EFACTS stellte fest, dass ein früherer Ausbruch der Krankheit mit dem Ausmaß des Gendefektes (sog. GAA-Wiederholungen) in Zusammenhang steht und einen schneller fortschreitenden Krankheitsverlauf zur Folge hat.

Therapeutische Ansätze und Medikamente

Die Behandlung der Friedreich-Ataxie zielt in erster Linie darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Zu den wichtigsten Therapieansätzen gehören:

  • Physiotherapie: Zur Verbesserung von Gangbild, Gleichgewicht, Koordination, Körperhaltung und Muskelkraft.
  • Ergotherapie: Zur Verbesserung der alltäglichen Handlungskompetenz.
  • Logopädie: Zur Verbesserung der Aussprache sowie der Schluck- und Atemfunktionen.
  • Medikamentöse Therapien: Zur Behandlung spezifischer Symptome wie neuropathische Schmerzen, Spastik, Herzrhythmusstörungen und Diabetes.

Omaveloxolon: Ein Hoffnungsschimmer

Anfang 2024 wurde Omaveloxolon von der Europäischen Kommission zur Behandlung der Friedreich-Ataxie bei Patient*innen ab 16 Jahren zugelassen. Es aktiviert den Nrf2-Signalweg, der antioxidative Gene reguliert, die mitochondriale Funktion unterstützt und oxidativen Stress auf zellulärer Ebene reduzieren soll. In der Phase-2-Studie MOXIe zeigte sich nach 48 Wochen eine Verbesserung der mFARS um 1,55 Punkte in der Behandlungsgruppe gegenüber einer Verschlechterung um 0,85 Punkte unter Placebo. Häufige Nebenwirkungen sind transiente Erhöhungen der Aminotransferasen, Cholesterinerhöhungen sowie u. a. gesteigerte BNP-Werte, Kopfschmerzen, Gewichtsverlust und Übelkeit.

Weitere Forschungsprojekte und Initiativen

Neben den oben genannten Studien und Therapieansätzen gibt es eine Vielzahl weiterer Forschungsprojekte und Initiativen, die sich mit der Friedreich-Ataxie befassen. Dazu gehören:

  • SIMPATHIC-Konsortium: Ein Konsortium, das einen neuen Ansatz entwickelt, um den Einsatz vorhandener Medikamente für Patientengruppen mit seltenen neurologischen Erkrankungen zu beschleunigen.
  • TREAT-ARCA-Projekt: Ein präklinisches Forschungsprojekt, das sich auf zwei seltene Ataxien konzentriert: Autosomal rezessive spastische Ataxie von Charlevoix-Saguenay (ARSACS) und COQ8A-Ataxie.
  • PROSPAX-Projekt: Ein Gemeinschaftsprojekt von Neurologen an mehreren Standorten in Europa und Kanada, das ein besseres Verständnis dafür gewinnen will, wie spastische Ataxien im Laufe der Zeit fortschreiten.
  • Initiative „Ich hab Friedreich-Ataxie“: Eine Disease-Awareness-Initiative, die von dem Biotechnologieunternehmen Biogen ins Leben gerufen wurde, um auf die Erkrankung aufmerksam zu machen und die Situation von Betroffenen zu verbessern.

Die Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit

Die Behandlung von Patient:innen mit Friedreich-Ataxie beruht vor allem auf wirkungsvollen symptomatischen Therapien, die über unterschiedliche Fachgebiete hinweg koordiniert werden müssen. Regelmäßige Facharzttermine (Neurologie, Kardiologie, Orthopädie) sind zentral. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Neurologen, Kardiologen, Orthopäden, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden ist entscheidend für eine umfassende und individuelle Betreuung der Patienten.

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