Fumarsäure bei Multipler Sklerose: Erfahrungen, Wirksamkeit und Perspektiven

Einleitung

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Gehirn und das Rückenmark betrifft. Die Erkrankung ist durch eine Vielzahl von Symptomen gekennzeichnet, die von Person zu Person unterschiedlich sein können. Obwohl MS bis heute nicht heilbar ist, gibt es verschiedene Medikamente, die den Verlauf der Erkrankung verlangsamen und die Symptome lindern können. Fumarsäureester, insbesondere Dimethylfumarat, haben sich als vielversprechende Therapieoption erwiesen und werden zunehmend zur Behandlung von schubförmig remittierender MS eingesetzt. Dieser Artikel beleuchtet die Erfahrungen mit Fumarsäure bei MS, die Wirksamkeit, den Wirkmechanismus, mögliche Nebenwirkungen und gibt einen Ausblick auf zukünftige Entwicklungen.

Was ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose (MS) ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Myelinscheiden angreift, die die Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark umhüllen. Diese Myelinscheiden sind für die reibungslose Weiterleitung von Nervenimpulsen unerlässlich. Werden sie beschädigt, kann dies zu einer Vielzahl von neurologischen Symptomen führen.

Ursachen und Verlauf

Experten gehen davon aus, dass in den meisten Fällen das eigene Immunsystem die Isolierungsschicht angreift und für deren Abbau sorgt oder der Körper Probleme beim Aufbau dieser sehr komplexen Schutzschicht um die Nerven hat. Der Verlauf einer Multiplen Sklerose ist von Person zu Person unterschiedlich, verschlechtert sich aber meist über die Jahre. Derzeit gibt es keine Heilung für MS. Mithilfe moderner Medikamente lässt sich aber eine Lebenserwartung erreichen, die nur um fünf bis zehn Jahre verkürzt ist.

Symptome

Die Symptome von MS sind vielfältig und können je nach betroffenem Bereich des Nervensystems variieren. Häufige Symptome sind:

  • Müdigkeit (Fatigue)
  • Sehstörungen
  • Gleichgewichtsstörungen
  • Muskelschwäche
  • Spastik
  • Taubheitsgefühle oder Kribbeln
  • Schmerzen
  • Kognitive Beeinträchtigungen

Fumarsäure: Ein Hoffnungsträger in der MS-Therapie

Fumarsäure ist eine natürlich vorkommende Substanz, die in vielen Pflanzen und im menschlichen Körper vorkommt. In der Medizin werden vor allem die Ester der Fumarsäure, wie Dimethylfumarat (DMF), zur Behandlung von MS und Schuppenflechte (Psoriasis) eingesetzt.

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Dimethylfumarat (DMF): Tecfidera® und seine Wirkung

Dimethylfumarat (DMF) ist ein Fumarsäureester, der als Prodrug wirkt. Das bedeutet, dass DMF selbst nicht die aktive Form ist, sondern erst im Körper in Monomethylfumarat (MMF) umgewandelt wird, welches die eigentliche Wirksamkeit entfaltet. DMF ist der Hauptwirkstoff des Medikaments Tecfidera®, das seit Anfang 2014 in Europa zur Behandlung von schubförmig remittierender MS zugelassen ist.

Wirkmechanismus von Fumarsäure bei MS

Der genaue Wirkmechanismus von Fumarsäure bei MS ist noch nicht vollständig aufgeklärt. Es wird jedoch angenommen, dass die Substanz direkt auf die an der Krankheit beteiligten Zellen wirkt und dabei entzündungshemmende sowie Immunsystem-modulierende Eigenschaften zeigt. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Aktivierung des Nrf2-Signalwegs (nuclear factor erythroid 2-related factor 2 antioxidant response pathway). Dieser zelluläre Mechanismus schützt die Zelle vor oxidativem Stress und Entzündungen.

Durch die Behandlung mit Fumarsäure werden zudem weniger Entzündungsbotenstoffe vom Immunsystem ausgeschüttet, wodurch im Endeffekt das Fortschreiten der Erkrankung gehemmt wird.

Klinische Studien und Ergebnisse

Mehrere klinische Studien haben die Wirksamkeit von Fumarsäure bei MS belegt. Besonders hervorzuheben sind die DEFINE- und CONFIRM-Studien.

  • DEFINE-Studie: An dieser Studie nahmen 1234 MS-Patienten teil. Die Ergebnisse zeigten, dass die Schubrate durch Fumarsäure um etwa die Hälfte reduziert werden konnte. Die jährliche Schubfrequenz unter Verum lag bei 0,17 bzw. 0,19 gegenüber 0,36 unter Placebo. Dies entspricht einer Reduktion um 43 bzw. 48 Prozent.
  • CONFIRM-Studie: In dieser Studie wurde BG-12 (Dimethylfumarat) gegen den Immunmodulator Glatiramer und Placebo geprüft. Die Ergebnisse bestätigten die Wirksamkeit von Fumarsäure bei der Reduktion der Schubrate.

Eine weitere Studie mit über 2400 Patienten zeigte, dass Fumarsäureester die MS-Schubraten um bis zu 50 Prozent reduzierten und zu bis zu 90 Prozent weniger entzündlich aktiven Herden führten, die mit der Kernspintomografie sichtbar waren.

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Vorteile von Fumarsäure in der MS-Therapie

  • Hohe Wirksamkeit: Fumarsäure hat in klinischen Studien eine signifikante Reduktion der Schubrate und der Krankheitsaktivität gezeigt.
  • Orale Verabreichung: Im Gegensatz zu vielen anderen MS-Medikamenten, die injiziert werden müssen, wird Fumarsäure in Tablettenform eingenommen. Dies erleichtert die Anwendung und verbessert die Lebensqualität der Patienten.
  • Potenzielle Neuroprotektion: Es gibt Hinweise darauf, dass Fumarsäure nicht nur das Immunsystem beeinflusst, sondern auch einen schützenden Effekt auf die Nervenzellen hat.

Nebenwirkungen und Risiken

Wie alle Medikamente kann auch Fumarsäure Nebenwirkungen verursachen. Die häufigsten Nebenwirkungen sind:

  • Flush-Symptome: Rötung und Hitzegefühl im Gesicht, oft begleitet von Juckreiz. Diese Symptome treten vor allem zu Beginn der Therapie auf und können durch eine langsame Eindosierung und die Einnahme mit Nahrung reduziert werden.
  • Gastrointestinale Beschwerden: Übelkeit, Durchfall, Bauchschmerzen und Blähungen. Auch diese Beschwerden treten häufiger zu Beginn der Therapie auf und können durch eine Anpassung der Dosierung oder die Einnahme mit Nahrung gelindert werden.
  • Veränderungen des Blutbildes: Ein Abfall der Lymphozyten (Lymphopenie) ist eine mögliche Nebenwirkung von Fumarsäure. Regelmäßige Blutkontrollen sind daher wichtig, um diese Veränderungen frühzeitig zu erkennen und gegebenenfalls die Therapie anzupassen.
  • Erhöhung der Leberwerte: In seltenen Fällen kann Fumarsäure zu einer Erhöhung der Leberwerte führen. Auch hier sind regelmäßige Kontrollen wichtig.
  • Nierenschäden: Akutes Nierenversagen ist eine mögliche, aber seltene Nebenwirkung von Fumarsäure-haltigen Präparaten. Patienten, die mit Fumarsäure behandelt werden, müssen daher regelmäßig auf Veränderungen der Nierenfunktion untersucht werden.

Umgang mit Nebenwirkungen

Viele Nebenwirkungen von Fumarsäure sind vorübergehend und können durch einfache Maßnahmen gelindert werden. Eine langsame Eindosierung, die Einnahme mit Nahrung und die Vermeidung von scharfen oder fettreichen Speisen können helfen, gastrointestinale Beschwerden zu reduzieren. Bei Flush-Symptomen kann die Einnahme von Aspirin oder Antihistaminika helfen. Wichtig ist, dass Patienten ihre Ärzte über alle auftretenden Nebenwirkungen informieren, damit diese entsprechend behandelt werden können.

Kontraindikationen

Es gibt bestimmte Situationen, in denen Fumarsäure nicht oder nur mit Vorsicht eingesetzt werden sollte. Dazu gehören:

  • Schwere Nierenerkrankungen
  • Schwere Lebererkrankungen
  • Bekannte Überempfindlichkeit gegen Fumarsäure oder einen der sonstigen Bestandteile des Medikaments
  • Schwere Magen-Darm-Erkrankungen

Erfahrungen von MS-Patienten mit Fumarsäure

Die Erfahrungen von MS-Patienten mit Fumarsäure sind vielfältig. Viele Patienten berichten von einer deutlichen Reduktion der Schubrate und einer Verbesserung ihrer Lebensqualität. Einige Patienten haben jedoch auch mit Nebenwirkungen zu kämpfen, die die Therapie erschweren können.

Positive Erfahrungen

  • Reduktion der Schubrate: Viele Patienten berichten, dass sie unter Fumarsäure weniger Schübe haben als zuvor.
  • Verbesserung der Lebensqualität: Durch die Reduktion der Schübe und die Linderung der Symptome können viele Patienten ihren Alltag besser bewältigen und ihre Lebensqualität verbessern.
  • Einfache Anwendung: Die orale Verabreichung von Fumarsäure wird von vielen Patienten als großer Vorteil gegenüber anderen MS-Medikamenten empfunden.

Negative Erfahrungen

  • Nebenwirkungen: Flush-Symptome und gastrointestinale Beschwerden sind die häufigsten Gründe, warum Patienten die Therapie mit Fumarsäure abbrechen.
  • Angst vor Nebenwirkungen: Einige Patienten haben Angst vor den möglichen Nebenwirkungen von Fumarsäure und zögern daher, die Therapie zu beginnen.
  • Unzureichende Wirkung: Bei einigen Patienten zeigt Fumarsäure nicht die gewünschte Wirkung. In diesen Fällen müssen andere Therapieoptionen in Betracht gezogen werden.

Es ist wichtig zu betonen, dass die Erfahrungen mit Fumarsäure sehr individuell sind und von Patient zu Patient unterschiedlich sein können.

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Fumarsäure und Schuppenflechte

Fumarsäure wird nicht nur bei MS, sondern auch bei Schuppenflechte (Psoriasis) eingesetzt. Die Schuppenflechte ist eine nicht-ansteckende, entzündliche Hauterkrankung, bei der sich meist an Knien und Ellenbogen punktförmige bis handtellergroße, stark schuppende, gerötete Hautveränderungen bilden. Ähnlich wie bei MS greift der Wirkstoff auch hierbei ins Entzündungsgeschehen ein und bessert dieses maßgeblich.

Zufallsentdeckung der Wirkung bei MS

Die Entdeckung des pharmazeutischen Potenzials der Fumarsäure bei MS war ein Zufall. Bei MS-Patienten, die zugleich auch an Schuppenflechte litten, besserte sich die Symptomatik der MS auffällig unter der Einnahme von Fumarsäureester. Dies führte zu weiteren Studien, die die Wirksamkeit von Fumarsäure bei MS bestätigten.

Zukünftige Entwicklungen

Die Forschung im Bereich der Fumarsäure und MS ist noch lange nicht abgeschlossen. Es gibt weiterhin viele offene Fragen, die beantwortet werden müssen. Dazu gehören:

  • Optimierung der Dosierung: Es wird untersucht, ob eine individuelle Anpassung der Dosierung die Wirksamkeit von Fumarsäure verbessern und die Nebenwirkungen reduzieren kann.
  • Kombinationstherapien: Es wird untersucht, ob die Kombination von Fumarsäure mit anderen MS-Medikamenten die Wirksamkeit der Therapie erhöhen kann.
  • Langzeitstudien: Es sind weitere Langzeitstudien erforderlich, um die langfristige Wirksamkeit und Sicherheit von Fumarsäure bei MS zu beurteilen.
  • Weitere Fumarsäureester: Mit Diroximelfumarat steht ein weiterer Abkömmling dieser Wirkstoffklasse zur Verfügung, dessen aktives Stoffwechselprodukt ebenfalls Monomethylfumarat ist. Da bei der Aktivierung von Diroximelfumarat im Körper weniger Methanol gebildet wird, erhofft man sich dadurch eine bessere Verträglichkeit im Magen-Darm-Trakt.

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