Schäden im Gehirn, insbesondere im Gesichtsbereich, können verheerende Folgen haben. Glücklicherweise besitzt unser Gehirn eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Selbsthilfe, die Neuroplastizität. Dieser Prozess ermöglicht es Nervenzellen, sich neu zu organisieren und geschädigte Funktionen zu kompensieren. Allerdings gibt es auch Grenzen, und die Forschung arbeitet kontinuierlich daran, diese Grenzen zu erweitern und neue Schutzmechanismen zu entwickeln.
Neuroplastizität: Die Reparaturzentrale des Gehirns
Die Neuroplastizität ist die Fähigkeit des Gehirns, sich immer wieder neu zu organisieren und das komplexe Netzwerk aus Nervenzellen veränderten Gegebenheiten dynamisch anzupassen. Ein Neuron kommuniziert über Synapsen mit etwa 10.000 anderen Nervenzellen. Diese Fähigkeit ist entscheidend, um neue Dinge zu lernen und sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen.
Die Bedeutung der Zeit bei Hirnschäden
Bei einem Schlaganfall gehen mit jeder Minute etwa 1,9 Millionen Nervenzellen zugrunde. Neurologen betonen daher die Wichtigkeit des Faktors Zeit: "Time is brain". Ein Schlaganfall kann durch eine Hirnblutung oder einen Hirninfarkt verursacht werden, bei dem ein Blutgefäß durch ein Gerinnsel verstopft wird und das Gehirnareal dahinter von der Sauerstoffversorgung abschneidet. In Deutschland ist der Schlaganfall nach Herzproblemen die zweithäufigste Todesursache und bei Erwachsenen der häufigste Grund für eine bleibende Behinderung. Viele Betroffene erholen sich jedoch wieder, da das Gehirn Ausfälle ausgleichen und sich die neuronalen Netze im Kopf ständig neu verschalten können.
Grenzen der Selbstheilungskräfte
"Auf Grund seiner Komplexität und weil sich Nervenzellen nur sehr eingeschränkt neu bilden, ist das Gehirn mit begrenzten Selbstheilungskräften ausgestattet", sagt Christian Grefkes-Hermann, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Frankfurt. Dennoch können Nervenzellen ein Leben lang neue Inhalte abspeichern oder unbekannte Bewegungen erlernen, wodurch sie sich ständig neu vernetzen. Diese Fähigkeit der Plastizität ist nach einem Schlaganfall oder einem Unfall von großem Wert.
Wie das Gehirn Schäden kompensiert
Schon Stunden nach einer Schädigung beginnen sich die überlebenden Nervenzellen anders zu verknüpfen. Sie bilden Fortsätze, sogenannte Axone, die aussprießen und sich über Synapsen mit anderen Nervenzellen verbinden. "Man muss sich das Gehirn vorstellen wie ein Netzwerk aus Kabeln", erklärt Christian Grefkes-Hermann. "Geht eins davon kaputt, bilden Ersatzkabel Umgehungskreisläufe."
Lesen Sie auch: Therapieansätze bei Nervenschäden
Kompensation einer fehlenden Hirnhälfte
Eine Hirnschädigung versetzt das Organ in einen höchst formbaren Zustand. Während die Hirnrinde zunächst weniger aktiv ist, steigt die Erregbarkeit vor allem in bestimmten Regionen, die an der Neuorganisation der geschädigten Gebiete beteiligt sind. Die Reorganisation findet meist in Arealen statt, die entweder ähnliche Aufgaben erfüllen wie der geschädigte Bereich oder in räumlicher Nähe dazu liegen. Ist ein Hirnschaden relativ klein, kann das Gehirn ihn durch die neue Verkabelung meist recht gut aus eigener Kraft beheben. Bei größeren Läsionen kann das Gehirn aber womöglich auf die andere, noch gesunde Hirnhälfte zurückgreifen. Dorit Klieman vom California Institute of Technology (Caltech) konnte zeigen, dass in jungen Jahren sogar der Verlust einer kompletten Hirnhälfte kompensiert werden kann.
Faktoren, die die Kompensation beeinflussen
Wie gut eine Funktion von anderen Regionen übernommen werden kann, hängt von verschiedenen Faktoren ab: dem Ausmaß der Verletzung, dem Ort des Geschehens und dem zeitlichen Verlauf von Schädigung und Reha. Kleine Schäden kann das Gehirn vor allem dann kompensieren, wenn sie langsam auftreten, wie bei neurodegenerativen Krankheiten wie Parkinson. "Der Verfall verläuft so langsam, dass andere Hirnregionen die Verluste immer wieder ausgleichen und die Erkrankung lange nicht auffällt", so Christian Grefkes-Hermann. "Erst wenn die Anpassungsfähigkeit des Nervensystems nach Jahren oder Jahrzehnten ausgeschöpft ist, bemerken Patienten Symptome."
Innovative Therapieansätze zur Unterstützung der Heilung
Die Forschung konzentriert sich auf die Entwicklung neuer Methoden, um die Reparatur des Gehirns nach einem Schlaganfall oder einer Hirnblutung zu unterstützen.
Stimulation mit Magnetfeldern
Ein vielversprechendes Verfahren ist die Stimulation mit Magnetfeldern. Das magnetische Feld einer Magnetspule bewirkt im Nervensystem einen Stromfluss. Damit lassen sich ausgewählte Areale aktivieren oder hemmen, was die Hirnregeneration in die richtigen Bahnen lenkt. Manchmal reagiert das Gehirn falsch auf einen Defekt: "Wir haben herausgefunden, dass es nach einem Schaden auch zu fehlgeleiteten Neuorganisationen kommen kann, bei denen sich Hirnregionen falsch vernetzen oder überaktiv werden und die Wiederherstellung der Funktion sogar stören", so Christian Grefkes-Hermann.
Der richtige Zeitpunkt für die Rehabilitation
Es gibt unterschiedliche Ansichten über den richtigen Startzeitpunkt für Therapiemaßnahmen. Christian Grefkes-Hermann ist überzeugt davon, dass die Reha bereits am ersten Tag nach einem Schlaganfall beginnen sollte, da die Prozesse im Kopf in der ersten Woche so umgestaltet werden, dass sie auf Lernen ausgerichtet sind. Andere Forschende sind der Meinung, dass sich das Nervengewebe in der sehr frühen Phase lieber erst mal selbst reorganisieren sollte und man mit einem ausführlichen Bewegungstraining noch nicht beginnen sollte. Zu lange warten sollte man mit den unterstützenden Maßnahmen allerdings auch nicht: "Die stärkste Dynamik hat die Erholung des Gehirns in den ersten drei bis sechs Monaten", so Christian Grefkes-Hermann. "Danach sprechen wir von einem chronischen Defizit."
Lesen Sie auch: Hilfe bei Nervenschäden: Was wirklich hilft
Intelligente Orthesen
Am Universitätsklinikum Tübingen wird versucht, die Neuroplastizität mit intelligenten Orthesen zu unterstützen. Sie sollen etwa Menschen mit gelähmten Händen helfen. Ausgelöst durch die versuchte oder nur vorgestellte Bewegung werden Hirnimpulse an die Orthese übertragen, die dann die gelähmten Finger öffnet. Durch die passive Bewegung entsteht eine Feedback-Schleife zurück zum Gehirn, die diesem hilft, sich neu zu organisieren und die Koordination der Hand wieder selbst zu lernen.
Aktives Training und äußere Reize
Sich einfach eine Magnetspule an den Kopf zu halten, reicht allerdings nicht aus, um sich von einem Schlaganfall zu erholen. Die Stimulation von außen regt das Hirn zwar an und versetzt es in einen Lernmodus. Neue Verknüpfungen entstehen aber nur, wenn die verloren gegangenen Fähigkeiten immer wieder geübt werden. "Neuroplastizität ist kein passiver Zustand", erklärt DGKN-Präsident Grefkes-Hermann. "Das Gehirn braucht äußere Reize, damit es Wachstumsfaktoren ausschüttet und eine zielgerichtete Reorganisation der Faserbahnen stattfinden kann." Die Reha der Zukunft könnte deshalb vielleicht so aussehen, dass vor jeder Physiotherapie- oder Logopädieeinheit eine drei- bis zehnminütige Magnetstimulation steht, um die Patientin oder den Patienten in einen lernfähigen Zustand zu versetzen. Auch Erholungsphasen sind dabei wichtig, denn guter Schlaf verbessert die Neuroplastizität ebenfalls - und damit den Rehabilitationserfolg.
Personalisierte Medizin
Jeder Schlaganfall ist anders, und nicht alle Schlaganfallpatienten reagieren gleich gut auf Behandlungen wie etwa eine Magnetstimulation. "Damit ist auch die Neurologie in einem Zeitalter der personalisierten Medizin angekommen", sagt Christian Grefkes-Hermann. Ziel sei es, in Zukunft schon vor der Therapie zu wissen, von welchen Maßnahmen ein Betroffener besonders profitieren wird.
Weitere Strategien zum Schutz und zur Regeneration von Nervenzellen
Neben den genannten innovativen Therapieansätzen gibt es weitere Strategien, die dazu beitragen können, Nervenzellen zu schützen und ihre Regeneration zu fördern.
Pharmakologische Ansätze
Ein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Entwicklung neuer gentherapeutischer sowie pharmakologischer Ansätze zur Förderung der axonalen Regeneration und somit der Wiederherstellung von verlorengegangenen Funktionen nach Schädigungen des Gehirns und Rückenmarks.
Lesen Sie auch: Nervenschäden und ihre Behandlung
Die Rolle von Fettgewebe bei der Nervenregeneration
Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Fettgewebe die zur Reparatur benötigten Schwann-Zellen beim Heilungsprozess stark unterstützt. Das Leptin der Fettzellen regt den Energiehaushalt regenerierender Schwann-Zellen an, indem es deren Mitochondrien stimuliert. Gleichzeitig nutzen die Mitochondrien der Schwann-Zellen dabei Anteile des geschädigten Nervengewebes als Energiesubstrat, damit eine erfolgreiche Regeneration stattfinden kann.
Bedeutung von Nährstoffen für die Nervenregeneration
Eine gute Versorgung der Nervenzelle mit den richtigen Nährstoffen ist entscheidend für die Nervenregeneration. Uridinmonophosphat (UMP) und Cytidinmonophosphat (CMP) gehören zu den Nukleotiden, den Grundbausteinen unserer Erbsubstanz, und sind an der Herstellung von Nervenzellproteinen und Membranlipiden beteiligt. Verschiedene Vitamine des B-Komplexes tragen zur normalen Funktion des Nervensystems bei. Ein Mangel an B-Vitaminen, insbesondere Vitamin B12, kann zu einer Nervenschädigung beitragen.
Keltican® forte zur Unterstützung der Nervenregeneration
Keltican® forte enthält Nervenbausteine, die den Nerv bei der Regenerierung unterstützen. Es enthält Nukleotide (Uridinmonophosphat), Vitamin B12 und Folsäure, die wichtige Coenzyme für die Nervenregeneration sind. Keltican® forte kann die Regeneration eines geschädigten Nervs quasi ernährungstherapeutisch unterstützen. Es ist gluten-, lactose- und gelatinefrei sowie vegan.
Behandlung von Nervenschmerzen
Nervenschädigungen gehen meist mit brennenden, kaum erträglichen Schmerzen einher. Eine wichtige Säule der Behandlung stellt daher die medikamentöse Schmerztherapie dar. Betroffene sollten mit der Behandlung der Schmerzen möglichst frühzeitig beginnen, da das Nervensystem ansonsten für den Schmerz geradezu sensibilisiert wird. Es kann sich ein Schmerzgedächtnis entwickeln und die Gefahr einer Chronifizierung besteht.
Medikamentöse Schmerztherapie
Die medikamentöse Schmerztherapie umfasst verschiedene Stufen:
- Stufe 1: Schwache Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure oder Paracetamol.
- Stufe 2: Mittelstarke Opioide, die vom Arzt verschrieben werden.
- Stufe 3: Starke Opioide, bei deren Einsatz eine ärztliche Überwachung wichtig ist.
Zusätzlich können Medikamente wie Antiepileptika, Antidepressiva und Capsaicin zum Einsatz kommen.
Alternative Behandlungsmethoden
Neben der medikamentösen Therapie gibt es alternative Behandlungsmethoden wie Elektrotherapie, Wärme- und Kältebehandlungen, Krankengymnastik, Sporttherapien, Biofeedback, psychologische Betreuung, Entspannungstechniken, Akupunktur und Massagen.
Polyneuropathie: Eine häufige Ursache für Nervenschäden
Eine Polyneuropathie ist eine Erkrankung, bei der mehrere Nerven oder ganze Nervenstrukturen geschädigt sind. Dadurch werden Reize zwischen Nerven, Rückenmark und Gehirn nicht mehr richtig weitergeleitet. Die Ursachen einer Polyneuropathie können vielfältig sein, darunter Diabetes, Alkoholmissbrauch, Entzündungen, Autoimmunerkrankungen, Vitaminmangel, Medikamente und Kontakt mit giftigen Substanzen. Die Behandlung einer Polyneuropathie zielt darauf ab, die zugrunde liegende Ursache zu beseitigen oder zu behandeln, Schmerzen zu lindern und begleitende Therapien wie Physio- oder Ergotherapie einzusetzen.
tags: #fur #geschadigte #nervenzellen #im #gesicht #schutz