Gabapentin bei Polyneuropathie: Wirksamkeit, Anwendung und Risiken

Einführung

Gabapentin ist ein Medikament, das ursprünglich zur Behandlung von Epilepsie entwickelt wurde. Es wird jedoch zunehmend auch zur Behandlung neuropathischer Schmerzen eingesetzt, insbesondere bei diabetischer Polyneuropathie. Dieser Artikel beleuchtet die Wirksamkeit von Gabapentin bei Polyneuropathie, seine Anwendung, mögliche Nebenwirkungen und Risiken, insbesondere im Hinblick auf das Abhängigkeitspotenzial.

Was ist Polyneuropathie?

Polyneuropathie ist eine Erkrankung, die mehrere periphere Nerven betrifft. Die häufigste Form ist die distal-symmetrische Polyneuropathie (DSP), bei der die Nervenenden in Füßen und Beinen zuerst betroffen sind. Typische Symptome sind Schmerzen, Kribbeln, Taubheitsgefühl und Missempfindungen. Bei Diabetikern tritt häufig die diabetische Polyneuropathie (DPN) auf, bei der ein chronisch erhöhter Blutzucker die Nerven schädigt.

Gabapentin: Wirkmechanismus und Anwendungsgebiete

Gabapentin ist ein Strukturanalogon der Gamma-Aminobuttersäure (GABA), einem Neurotransmitter, der im Gehirn die Erregung von Nervenzellen hemmt. Allerdings wirkt Gabapentin nicht direkt wie GABA. Der genaue Wirkmechanismus ist noch nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass Gabapentin die glutamaterge Erregungsübertragung hemmt und zentrale Calcium-Kanäle vom L-Typ blockiert.

Gabapentin ist zugelassen zur:

  • Monotherapie (ab zwölf Jahren) oder Zusatztherapie (ab sechs Jahren) bei Epilepsie-Patienten mit partiellen Anfällen mit und ohne sekundäre Generalisierung.
  • Behandlung peripherer neuropathischer Schmerzen, schmerzhafter diabetischer Neuropathie sowie neuropathischen Schmerzen nach einer Gürtelrose (postherpetische Neuralgie/Post-Zoster-Neuralgie).
  • Off-Label-Behandlung von Spastiken bei MS-Patienten, wenn andere zugelassene Substanzen keine ausreichende Linderung erzielen oder Unverträglichkeit vorliegt.

Weitere Off-Label-Anwendungen sind beispielsweise bei refraktärem Husten, vasomotorischen Beschwerden in den Wechseljahren oder dem Restless-Legs-Syndrom.

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Wirksamkeit von Gabapentin bei Polyneuropathie

Gabapentin hat sich bei der Behandlung der diabetischen Neuropathie und der postzosterischen Neuralgie als wirksamer erwiesen als Placebo. Studien haben gezeigt, dass Gabapentin die Schmerzen bei neuropathischen Schmerzen reduzieren kann. In Studien wurde eine Schmerzreduktion von mindestens 50 % bei Patienten mit diabetischer Neuropathie erreicht, die Gabapentin erhielten.

Allerdings ist die Wirksamkeit von Gabapentin bei allgemeinen chronischen Schmerzen ohne neuropathische Komponente zweifelhaft. Eine Analyse von Verschreibungsdaten der Krankenversicherungen zeigte, dass Gabapentin häufig bei allgemeinen chronischen Schmerzen verschrieben wird, obwohl ein entsprechender Wirksamkeitsbeleg fehlt. Die hohe Abbruchrate der Behandlung lässt vermuten, dass die Verabreichung keinen therapeutischen Nutzen bringt oder unerwünschte Nebenwirkungen auftreten.

Dosierung und Anwendung

Die Dosierung von Gabapentin muss individuell angepasst werden.

  • Erwachsene und Jugendliche (ab 12 Jahren): Start mit 300 mg am ersten Tag, steigerbar in 300-mg-Schritten alle 2 bis 3 Tage bis maximal 3.600 mg/Tag.
  • Kinder (6 bis 12 Jahre): Beginn mit 10 bis 15 mg/kg/Tag, Aufdosierung über 3 Tage bis zu einer wirksamen Dosis von 25 bis 35 mg/kg/Tag.

Bei Menschen im hohen Lebensalter und Patienten mit beeinträchtigter Atemfunktion, Atemwegs- oder neurologischen Erkrankungen sollte die Dosis angepasst werden. Gabapentin kann mit oder ohne Nahrung eingenommen werden.

Nebenwirkungen und Risiken

Häufige Nebenwirkungen von Gabapentin sind:

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  • Virusinfektionen
  • Fieber
  • Schläfrigkeit
  • Ermüdung
  • Schwindel
  • Ataxie
  • Appetitsteigerung oder -minderung
  • Feindseligkeit
  • Verwirrtheit
  • Affektlabilität
  • Depressionen
  • Angst
  • Nervosität
  • Denkstörungen

Schwerwiegende, potenziell lebensbedrohliche Interaktionen in Form von Atemdepression und Sedierung sind mit Opioiden möglich. Bei Missbrauchsrisiko sollten diese Arzneistoffe nicht kombiniert werden.

Abhängigkeitspotenzial

Gabapentin weist ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Abhängigkeit auf und wird missbräuchlich angewendet. Durch die GABA-mimetische Wirkung kann sich Euphorie, mit entsprechend rascher Toleranz und die Motivation zur Dosissteigerung, als eine häufig auftretende und bei der missbräuchlichen Anwendung gewünschte Nebenwirkung der Gabapentinoide einstellen. Es entsteht ein „Kick“- oder „High-Gefühl“, ein Benzodiazepin-ähnlicher, sedierender und anxiolytischer Effekt. Des Weiteren können die sedierenden Effekte von Alkohol oder Methadon verstärkt werden.

Patienten, die mit Gabapentin behandelt werden, sollten über Symptome eines Missbrauchs oder einer Abhängigkeit informiert und entsprechend überwacht werden.

Wegen des Risikos von Entzugserscheinungen sollten Gabapentinoide unabhängig von der Indikation schrittweise über einen Zeitraum von mindestens einer Woche abgesetzt werden. Bei höheren Dosen empfiehlt es sich, langsam über mehrere Wochen auszuschleichen.

Alternativen zu Gabapentin

Neben Gabapentin gibt es weitere Medikamente zur Behandlung neuropathischer Schmerzen bei Polyneuropathie. Dazu gehören:

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  • Pregabalin: Ein weiteres Antiepileptikum, das ähnlich wie Gabapentin wirkt.
  • Trizyklische Antidepressiva (TCA): Amitriptylin ist ein häufig verwendetes TCA zur Behandlung neuropathischer Schmerzen.
  • Selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI): Duloxetin ist ein SSNRI, der zur Behandlung der schmerzhaften diabetischen Neuropathie zugelassen ist.
  • Opioide: Tramadol und Tapentadol sind Opioide, die bei starken neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden können.
  • Topische Behandlungen: Capsaicin-Pflaster und Lidocain-Pflaster können bei lokalisierten neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden.
  • Alpha-Liponsäure: Eine antioxidative Therapie, die bei diabetischer Polyneuropathie eingesetzt werden kann.

Nicht-medikamentöse Therapieoptionen

Neben Medikamenten können auch nicht-medikamentöse Therapieoptionen zur Linderung der Symptome der Polyneuropathie beitragen. Dazu gehören:

  • Physiotherapie: Zur Verbesserung von Stand, Gang und Gleichgewicht sowie zum gezielten Training der Muskelkraft.
  • Ergotherapie: Zur Verbesserung der Feinmotorik.
  • Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Eine nicht-invasive Methode zur Schmerzlinderung.
  • Akupunktur: Einige Studien deuten auf eine mögliche Wirksamkeit bei neuropathischen Schmerzen hin.

Fazit

Gabapentin kann bei der Behandlung neuropathischer Schmerzen bei Polyneuropathie wirksam sein, insbesondere bei diabetischer Neuropathie und postherpetischer Neuralgie. Es ist jedoch wichtig, die möglichen Nebenwirkungen und Risiken, insbesondere das Abhängigkeitspotenzial, zu berücksichtigen. Die Behandlung sollte individuell angepasst und von einem Arzt überwacht werden. Neben Medikamenten können auch nicht-medikamentöse Therapieoptionen zur Linderung der Symptome beitragen.

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