Die Trigeminusneuralgie, auch bekannt als Gesichtsschmerz oder Tic Doloureux, ist eine chronische Schmerzerkrankung, die durch blitzartige, einschießende Schmerzen im Gesicht gekennzeichnet ist. Diese Schmerzen treten im Versorgungsgebiet des Nervus trigeminus auf, dem fünften Hirnnerv, und sind meist auf eine Gesichtshälfte beschränkt. Oft werden die Schmerzattacken durch leichte Berührungen, Sprechen, Essen, Zähneputzen oder den Übergang von warmer zu kalter Umgebung ausgelöst. Einige Patienten leiden zusätzlich zu diesen Attacken unter anhaltenden Gesichtsschmerzen. Die Behandlung der Trigeminusneuralgie hat sich in den letzten Jahren erheblich weiterentwickelt, wobei die Gamma Knife Radiochirurgie eine immer wichtigere Rolle spielt.
Klassifizierung und Differenzialdiagnose
Es ist entscheidend, die Trigeminusneuralgie korrekt zu klassifizieren und von anderen Ursachen für Gesichtsschmerzen abzugrenzen. Dazu gehören:
- Trigeminusneuropathien: Diese entstehen oft nach Unfällen.
- Zahnerkrankungen: Schmerzen, die von den Zähnen ausgehen.
- Entzündungen der Gefäße: Wie die Riesenzellarteriitis.
- Pseudotrigeminusneuralgie: Gesichtsschmerzen, die von der Halswirbelsäule herrühren.
Liegt eine sekundäre Trigeminusneuralgie vor, wird diese, soweit möglich, zielgerichtet behandelt. Auch im Falle der klassischen Trigeminusneuralgie wird zunächst eine medikamentöse Therapie begonnen, um einen operativen Eingriff zu vermeiden.
Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Therapie ist oft der erste Schritt in der Behandlung der Trigeminusneuralgie. Es kommen verschiedene Medikamente zum Einsatz, darunter:
- Carbamazepin
- Oxcarbamazepin
- Lamotrigin
- Pregabalin
- Gabapentin
- Baclofen
- Selten Phenytoin
Diese Medikamente werden teilweise auch kombiniert. Die Vielzahl der Therapiemöglichkeiten zeigt, dass es keine einzelne, universell wirksame Therapie gibt, sondern jede spezifische Vor- und Nachteile aufweist.
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Gamma Knife Radiochirurgie: Eine minimalinvasive Option
Das Leksell Gamma Knife bietet eine nichtinvasive, hochpräzise Methode zur Behandlung der Trigeminusneuralgie. Es ist eine radiochirurgische Einzeitbestrahlung des Nervus Trigeminus. Erstmals wurden Ergebnisse über diese Behandlungsalternative bereits 1971 durch dessen Erfinder Dr. Lars Leksell mit positivem Ergebnis vorgestellt. Durch die fokussierte Hochpräzisionsbestrahlung wird der Nerv gezielt vernarbt.
Wirkmechanismus
Die hochpräzise Bestrahlung mit hoher Dosis führt zu einer funktionellen Destruktion (Funktionsausschaltung) von pathologisch aktiven Nervenfasern in der Eintrittszone des Nervus trigeminus in das Ponsareal (Bereich des Hirnstamms).
Wirksamkeit und Ergebnisse
Laut Literatur führt eine Gamma Knife Bestrahlung bei Trigeminusneuralgie in etwa 75 % der Fälle zu einer deutlichen Schmerzlinderung. Anders als bei anderen Verfahren tritt die Schmerzbesserung zeitverzögert ein, im Schnitt erst nach Wochen bis Monaten. Die initiale Schmerzfreiheit wird dabei mit 90 Prozent und mehr angegeben. Diese Behandlung steht den klassischen Verfahren in nichts nach, ohne aber deren hohes Nebenwirkungsniveau zu erreichen.
Vorteile der Gamma Knife Behandlung
- Nicht-invasiv: Kein chirurgischer Eingriff erforderlich, daher geringere Risiken und kürzere Erholungszeiten.
- Hohe Präzision: Zielgerichtete Behandlung mit minimalen Schäden am umliegenden Gewebe.
- Geeignet für schwer zugängliche Bereiche: Besonders wertvoll bei der Behandlung des Trigeminusnervs im Gehirn.
- Ambulante Behandlung: Die Behandlung kann in der Regel ambulant durchgeführt werden.
- Geringe Morbidität und Mortalität: Nach bisherigen Erfahrungen geht die Behandlung ohne wesentliche perioperative Morbidität oder gar Mortalität einher.
Indikationen
Die Radiochirurgie (punktgenaue Bestrahlung) stellt eine anerkannte, minimalinvasive Option bei therapierefraktären Verläufen (nicht auf Medikamente ansprechende Verläufe) der klassischen Trigeminusneuralgie dar. Sie eignet sich insbesondere für ältere oder chirurgisch nicht belastbare Patienten. Auch bei Multipler Sklerose als Ursache der Trigeminusneuralgie, besteht häufig keine Möglichkeit zu einer Operation (Mikrovaskuläre Dekompression nach Janetta). Sollte ein Tumor die Ursache für die trigeminalen Schmerzen sein, führt dessen radiochirurgische Behandlung häufig zu einer Besserung der Beschwerden.
Nebenwirkungen und Risiken
Nebenwirkungen sind selten, beinhalten vor allem leichte Hypästhesien oder Parästhesien (vermindertes oder unangenehmes Gefühl) im Versorgungsgebiet des N.
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Langzeitergebnisse
Bei Fünf-Jahres-Verläufen in Bezug auf die Schmerzkontrolle, erreicht die Gamma Knife Behandlung ähnliche Ergebnisse wie andere Verfahren. Bei 10% dieser Patienten kehren die Schmerzen innerhalb eines Jahres zurück.
Alternative Behandlungsoptionen
Neben der medikamentösen Therapie und der Gamma Knife Radiochirurgie gibt es weitere Behandlungsoptionen für die Trigeminusneuralgie:
Mikrovaskuläre Dekompression (Janetta-Operation)
Die mikrochirurgische mikrovaskuläre Dekompression (Janetta-Operation) wird über einen Zugang am Hinterkopf am Kleinhirn vorbei neurochirurgisch ein Stück Teflon zwischen das pulsierende Gefäß und den Nervus Trigeminus implantiert, mit dem Ziel, die Blutdruck bedingten Pulsationen des Gefäßes nicht mehr auf den Nerven zu übertragen. Es ist die einzige zielgerichtet Therapie bei der klassischen Trigeminusneuralgie. In geübter Hand und bei gesunden Patienten gilt der Eingriff als sicher.
Ablative Verfahren
Weitere Methoden sind sogenannte ablative (destruierende, zerstörende) Verfahren mittels Hitze, Kompression oder Glycerolinjektion. Bei all diesen Verfahren wird über eine Sonde, welche innerhalb der Wange bis an die Schädelbasis in das Foramen ovale vorgeschoben wird, das Ganglion Gasseri, welches sich anatomisch intrakraniell eben dort befindet gezielt läsioniert und die Nervenimpulsweiterleitung herabgesetzt. Das Risikoprofil dieses Eingriffs ist in geübten Händen klein. Zu nennen wären hier Blutungen bei Verletzung von Gefäßen, neue Schmerzen wie beispielsweise dauerhafte Beschwerden (Anästhesie dolorosa), ein Taubheitsgefühl im Gesicht (häufig), eine Gefühlsstörung im Auge bei Verletzung des 1. Trigeminusastes mit der Gefahr einer Verletzung der Hornhaut des Auges (ein Fremdkörper im Auge kann nicht mehr wahrgenommen werden) und dadurch bedingter Sehverlust.
Ablauf der Gamma Knife Behandlung
Die Radiochirurgie erfordert eine genaue Planung und Vorbereitung, um die Strahlung exakt auf das Zielgebiet auszurichten. Der Ablauf umfasst normalerweise folgende Schritte:
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- Bildgebung: Zunächst werden MRT oder CT-Bilder angefertigt, um die Lage und Größe des Nervs präzise zu bestimmen.
- Planung der Strahlenbehandlung: Ein interdisziplinäres Team berechnet die genaue Strahlendosis und den Einstrahlwinkel, um das Zielgewebe optimal zu treffen.
- Fixierung und Positionierung: Um Bewegungen des Patienten zu verhindern, wird im Kopfbereich oft eine spezielle Fixierung verwendet.
- Behandlung: Die eigentliche Behandlung dauert in der Regel 15 bis 60 Minuten. Der Patient liegt dabei ruhig auf dem Behandlungstisch, während das System die Strahlendosis aus verschiedenen Winkeln abgibt.
- Nachsorge: Nach der Behandlung können Patienten oft sofort nach Hause gehen, da die Behandlung nicht invasiv ist und keine chirurgische Erholungszeit erforderlich ist. Regelmäßige Nachuntersuchungen durch Bildgebung überprüfen den Erfolg der Therapie.
Individuelle Behandlung: Maske oder Ring
Es besteht die Möglichkeit, die Bestrahlung entweder mit einer Maske oder durch eine komfortable Ringanlage durchzuführen, bei der das Gesicht frei bleibt. Dies sorgt besonders bei längeren Sitzungen für ein angenehmeres Behandlungserlebnis. Die Entscheidung zwischen beiden Methoden erfolgt in enger Absprache mit dem Patienten und berücksichtigt sowohl die optimale Technik als auch die persönlichen Wünsche und Bedürfnisse.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Eine umfassende Betreuung auf höchstem universitärem Niveau wird durch die enge Zusammenarbeit zwischen den Fachdisziplinen, darunter Neurochirurgie, Radioonkologie und Neurologie, gewährleistet.
Zentren für Gamma Knife Behandlung
Unser Gamma Knife Zentrum am TUM Klinikum in München, unter der Leitung von Prof. Combs und ihrem erfahrenen Team, zählt zu den führenden Einrichtungen Deutschlands im Bereich der Neuro-Radioonkologie. Hochspezialisiert auf die Behandlung von Hirntumoren, Hirnmetastasen und Erkrankungen der Schädelbasis, kombinieren wir modernste Technik mit interdisziplinärer Expertise. Ein besonderer Fokus liegt auf der Re-Bestrahlung von Gliomen und Glioblastomen, bei der wir innovative Verfahren anwenden, um auch bei komplexen Fällen eine optimale Patientenversorgung sicherzustellen.
In Hamburg ist die Radiologische Allianz die einzige medizinische Einrichtung, die die Therapie mit dem HyperArc-Verfahren anbietet.
HyperArc
Patienten mit gutartigen und bösartigen Hirntumoren und Hirnmetastasen, insbesondere wenn sich zum Beispiel statt üblicherweise einer hochdosierten Behandlung mit dem Gamma-Knife mehrere schonendere Bestrahlungen mittels Linearbeschleuniger empfehlen, können mit HyperArc behandelt werden. HyperArc ist das neueste Verfahren stereotaktischer Radiochirurgie und macht in Ergänzung zum Gamma-Knife das Behandlungsspektrum im Bereich Hirn-Strahlenchirurgie auf Gold-Standard-Niveau komplett. Dank erhöhter Rechenleistung der Software und des Einsatzes eines neuen Behandlungstisches, auf dem der Patient während der Bestrahlung im Linearbeschleuniger liegt, ist die Behandlung noch sicherer und genauer. Tisch und Maschine kreisen nach enorm komplexen Berechnungen der Hochleistungssoftware umeinander, um so Tumore noch gezielter zu bestrahlen und umliegendes gesundes Gewebe zu schonen. So reduziert HyperArc Rotationsfehler und andere Abweichungen auf ein Minimum und macht die Behandlung damit ein großes Stück sicherer.
Kostenübernahme und Unterstützung
Für viele Behandlungen mit dem Gamma Knife bestehen bereits Sondervereinbarungen mit Krankenkassen.
Fazit
Die Gamma Knife Radiochirurgie ist eine hochmoderne, schonende und effektive Behandlungsoption für die Trigeminusneuralgie. Sie bietet eine nicht-invasive Alternative zu herkömmlichen Operationen und kann in vielen Fällen eine deutliche Schmerzlinderung erzielen. Welche Therapie für den einzelnen Patienten die erfolgsversprechende ist, sollte in einem persönlichen Gespräch mit dem Patienten eruiert werden.
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