Gangblockade bei Parkinson: Ursachen und Behandlung

Parkinson-Patienten leiden häufig unter Gangstörungen, die ihre Mobilität und Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Ein besonders tückisches Symptom ist das sogenannte Gang-Freezing, bei dem Betroffene plötzlich bewegungslos erstarren. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Gangblockaden bei Parkinson und stellt verschiedene Behandlungsansätze vor.

Was ist eine Gangstörung?

Bei einer Gangstörung ist der automatisierte, reibungslose und harmonische Ablauf von Gehbewegungen beeinträchtigt. Dabei kann entweder das Gangmuster oder die Ganggeschwindigkeit oder beides gleichzeitig betroffen sein. Die Ausprägungen reichen von leicht bis stark eingeschränkter Bewegungsfähigkeit; aber auch völlige Immobilität ist möglich. Eine Beeinträchtigung von Gehbewegungen kann sich auf vielerlei Arten äußern. Durch die Einschränkungen können sich zusätzlich Schonhaltungen entwickeln, wie das Hochziehen und Anspannen der Schultern, das Verdrehen oder Beugen des Oberkörpers. Sie verursacht durch jahrelange Überlastung von Knochen und Knorpeln eine schmerzhafte Bewegungseinschränkung und bei starker Ausprägung auch eine Deformierung der Gelenke. Typisch ist ein kleinschrittiger Gang (Trippelschritte) mit nach vorne gebeugtem Oberkörper. Die Fußspitze hängt beim Laufen nach unten, dadurch muss der Fuß extrem hoch angehoben werden (Storchengang). Sie kommt vor bei Schäden des Wadenbeinnervs (Nervus peroneus), bei Verletzungen oder Operationen am Knie, der Hüfte oder bei Wirbelsäulenverletzungen. Missempfindungen in Armen und Beinen verhindern ein normales Gangbild. Nicht körperliche Störungen, sondern psychische Beeinträchtigungen sind die Auslöser. In der Regel liegen mehrere Ursachen gemeinsam vor. Nur äußerst selten lässt sich ein einziger Grund für die Gangstörung verantwortlich machen. Sarkopenie beschreibt den Verlust an Muskelmasse und Kraft im höheren Lebensalter. Es kommt zu einer deutlichen Verlangsamung des Gangbildes, breitbeinigem und kleinschrittigen Gangbild und erhöhter Sturzneigung. Im Rahmen einer Demenzentwicklung ist eine Bewegungseinschränkung im Verlauf meist vorhanden. Messbar wird sie zunächst durch das Phänomen „stops walking when talking“, also die Fähigkeit, gleichzeitig zu laufen und zu sprechen.

Gang-Freezing als besonderes Symptom bei Parkinson

Besonders relevant sind Gangstörungen bei der Parkinsonkrankheit in Form des sogenannten Gang-Freezings, bei dem Betroffene eine Gangblockade entwickeln und „wie eingefroren“ stehen bleiben. Bei bis zu 80 Prozent aller Patientinnen und Patienten tritt diese plötzliche Bewegungsblockade mit fortschreitender Krankheit auf. Das unvorhersehbare "Einfrieren" kann nur wenige Augenblicke, aber auch bis zu mehreren Sekunden andauern.

Ursachen von Gangblockaden bei Parkinson

Die Ursachen für Gangblockaden bei Parkinson sind vielfältig und komplex. Ein zentraler Faktor ist der Verlust von Dopamin, was bei der Parkinson-Krankheit auftritt. Dieser Mangel stört die Kommunikation zwischen den Nervenzellen, die für die Bewegungssteuerung verantwortlich sind. Die Ursachen für das Freezing sind multifaktoriell. Stress, Veränderungen im Umfeld oder sogar das Fehlen von visuellen oder akustischen Hinweisen können zu einer Blockade führen. Auch Richtungswechsel oder ein neuer Schritt kann zum plötzlichen Einfrieren führen.

Tübinger Forschende der Neurologischen Universitätsklinik und des Instituts für Neuromodulation und Neurotechnologie konnten nun erstmals mittels Messung von Nervenzellaktivität aus tiefen Hirnstimulationselektroden zeigen, was bei Patientinnen und Patienten mit Parkinson während des Gang-Freezings im Gehirn passiert. Die Studie um Prof. Dr. Daniel Weiß, Dr. Philipp Klocke und Prof. Dr. Alireza Gharabaghi konnte mit dieser neuen Methode zeigen, dass die Gangblockaden - anders als das willkürliche Stoppen beim Gehen - spezifische Fehlaktivierungen des sogenannten Nucleus subthalamicus zeigten. Dieser Nervenkern in der Tiefe des Gehirns spielt eine entscheidende Rolle bei der Bewegungskontrolle und erklärt die Fehlsteuerung der Beinmuskulatur in Folge der fehlerhaften Hirnaktivierung.

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Neuronale Mechanismen des Gang-Freezings

Die Studie Supraspinal contributions to defective antagonistic inhibition and freezing of gait in Parkinson’s disease, liefert Erkenntnisse über die Mechanismen hinter dem Gang-Freezing. Dabei wurde versucht, die Mechanismen des Gang-Freezings, wie folgt, zu entschlüsseln:

  • Verstärkte Muskelspannung: Es kommt zu einer fehlerhaften Koordination zwischen Beuge- und Streckmuskeln. Die Gegenspieler-Muskulatur (z. B. Beuger und Strecker) zeigt eine erhöhte Co-Kontraktion.
  • Störungen im Zeitmuster: Der Wadenmuskel (Gastrocnemius) weist vor einer Blockade ein gestörtes Aktivierungsmuster auf.
  • Überaktive Synchronisation: Die Verbindung zwischen subthalamischen Schaltkreisen und spinalen Signalen ist übersteuert, was normale Bewegungen verhindert. Die Verbindung zwischen subthalamischen und spinalen Signalen wird überaktiv und verhindert eine normale Bewegungskoordination.

Interessanterweise zeigt das Gangbild des Gehirn bereits wenige Schritte und Sekunden vor einer solchen Gangblockade bereits Auffälligkeiten - zu einer Zeit, in der der Patient aber noch mobil ist und eine Chance besteht, eine bevorstehende Blockade noch abzuwenden.

Wann tritt Freezing auf?

Viele Patienten erleben Freezing in verschiedenen Stadien der Erkrankung. Laut speziellen Fragebögen leiden etwa die Hälfte aller Patienten mit Parkinson darunter. Genauer gesagt sind es rund 51 von 100 Betroffenen. In frühen Krankheitsstadien (≤ 5 Jahre) erleben etwa 37,9% solche Episoden. In fortgeschrittenen Stadien (≥ 9 Jahre) steigt die Häufigkeit auf 64,6%.

Freezing kann in vielen Alltagssituationen auftreten, wie beispielsweise beim Starten des Gehens, beim Überqueren von Türen oder beim Wechseln von Oberflächen (z.B. von Teppich auf Fliesen). Oft passiert es auch in stressigen oder ungewohnten Umgebungen.

21 typische Situationen, in denen Freezing of Gait auftritt:

  • Beim Losgehen (Starthemmung)
  • Während Drehungen
  • Beim Passieren enger Türrahmen
  • In Menschenmengen
  • Bei Änderungen des Fußbodenbelags
  • Beim Manövrieren um Hindernisse
  • Unter Stress oder Angst
  • Wenn du in Eile bist
  • Vor dem Erreichen eines Ziels
  • Beim Öffnen oder Schließen von Türen
  • Wenn der Boden unterschiedliche Farben aufweist
  • Bei Richtungsänderungen
  • Beim Übergang von einem Raum in einen anderen
  • An Kreuzungen oder Straßenübergängen
  • Beim Betreten eines Aufzugs
  • Wenn sich die Umgebung plötzlich ändert (z.B. von hell zu dunkel)
  • Beim Planen von weiteren Handlungen (z.B. Topf von der Herdplatte nehmen und abschütten)
  • Beim Angesprochen werden
  • Beim Aussteigen aus dem Auto
  • Bei unerwarteten Geräuschen oder visuellen Reizen
  • Beim Tragen eines Tabletts

Freezing bei Parkinson tritt nicht nur beim Gehen auf, sondern kann auch in anderen Situationen vorkommen.

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Hier sind einige Beispiele für 9 typische Freezing-Episoden:

  • Beim Sprechen (Sprechblockaden)
  • Während des Schreibens (plötzliches Stocken der Handbewegung)
  • Bei feinmotorischen Tätigkeiten wie Knöpfe schließen oder Reißverschlüsse öffnen
  • Beim Aufstehen von einem Stuhl
  • Während des Umdrehens im Bett
  • Bei der Nahrungsaufnahme (z.B. plötzliches Erstarren beim Führen des Löffels zum Mund)
  • Beim Anziehen von Kleidungsstücken
  • Während der Körperpflege (z.B. beim Zähneputzen oder Rasieren)
  • Bei der Bedienung von Geräten (z.B. Telefon oder Computer)

Es ist interessant, dass das Einfrieren im Grunde nie beim Treppensteigen oder Fahrradfahren auftritt.

Zusammenhang zwischen Freezing und Medikamentenwirkung

Die Wirkung von Parkinson-Medikamenten, insbesondere der dopaminergen Therapie, kann schwanken. In sogenannten Off-Phasen, in denen die Medikation nicht optimal wirkt, treten Freezing-Episoden häufig verstärkt auf.

Sturzgefahr durch Freezing

Freezing kann dich abrupt zum Stehen bringen, während sich dein Oberkörper weiter vorwärts bewegt. Dies führt zu einem Ungleichgewicht, das einen Sturz verursachen kann. Bedingt durch die typische vornübergebeugte Haltung vieler Parkinson-Patienten kann es leichter zu Gleichgewichtsverlust und Stürzen kommen.

Einfluss der Umgebung auf Freezing-Episoden

Die Umgebung hat einen erheblichen Einfluss auf Freezing. Enge Räume, unebene Oberflächen oder plötzliche Veränderungen im Licht können Freezing-Episoden auslösen oder verschärfen.

Behandlungsmöglichkeiten gegen Freezing

Es gibt effektive Therapieoptionen, die dir helfen können, die Blockaden zu überwinden.

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Medikamente

Medikamente spielen eine zentrale Rolle bei der Behandlung von Freezing bei Parkinson. Dopamin-Ersatztherapien können helfen, die Symptome zu lindern. Neueste Studien zeigen, dass die Anpassung der Medikation und die Kombination verschiedener Präparate die Wirkung auf Freezing Parkinson deutlich verbessern können.

Tiefe Hirnstimulation (THS)

Da Freezing im späteren Stadium oft nicht ausreichend auf Medikamente anspricht, wird nach anderen Möglichkeiten gesucht. Die Tiefe Hirnstimulation (THS) hat sich als vielversprechende Therapie bei Parkinson Freezing erwiesen. Bei der THS wird durch die Implantation von Elektroden im Gehirn die Nervenzellaktivität reguliert. Das kann zu einer Verbesserung der Bewegungsabläufe führen.

Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2022 zeigt, wie gut die Tiefe Hirnstimulation (THS) bei Parkinson-Patienten gegen Freezing of Gait (FOG) wirkt. Die Forscher fanden heraus:

  • THS kann Freezing des Gehens bei Parkinson-Patienten verbessern.
  • Niedrige Frequenzen der Stimulation wirken besser als hohe Frequenzen.
  • Die Wirkung lässt mit der Zeit (besonders nach 2 Jahren) nach.
  • Die Stärke der Stimulation muss für jeden Patienten individuell eingestellt werden.
  • Beidseitige Stimulation des Gehirns funktioniert besser als einseitige.
  • THS zusammen mit Medikamenten zeigt die besten Ergebnisse.

Die kombinierte THS stimuliert zusätzlich die Substantia nigra pars reticulata (SNr). Sie ist eine kleine Nervenzell-Struktur, die an das untere Ende des STN angrenzt. „Dieser Teil eines Kernkomplexes im Mittelhirn scheint stärker mit Gang und Gleichgewicht in Verbindung zu stehen als der STN. Diese SNr ist bei Parkinson-patienten nämlich überaktiv und wirkt dadurch vermutlich übermäßig hemmend auf Gang und Gleichgewicht“, erläutert Krüger die Gründe für die Auswahl des zusätzlichen anatomischen Zielpunktes.

Freezing of gait und Gangtraining

Zielgerichtetes Gangtraining und auch Hindernistraining kann enorm hilfreich sein, um einer Gangblockade aktiv entgegenzuwirken. Trainiere deine Gehhaltung und mache spezielle Übungen zur Verbesserung des Gleichgewichts. Damit kannst du z. B. auch das Sturzrisiko senken. Studien zeigen außerdem, dass Gangtraining auf dem Laufband positive Effekte auf FOG haben kann. Regelmäßiges Training kann die Häufigkeit von Freezing-Episoden deutlich reduzieren.

Kognitive Übungen

Kognitive Fähigkeiten stehen in engem Zusammenhang mit der Bewegungssteuerung. In einer Metaanalyse aus dem Jahr 2023 wurde der Zusammenhang zwischen Freezing of Gait (FOG) und kognitiven Fähigkeiten bei Parkinson-Patienten untersucht. Dabei fiel auf, dass Parkinson-Patienten mit FOG schlechtere kognitive Leistungen zeigten als solche ohne FOG. In einer Studie aus dem Jahr 2021 wurde untersucht, inwieweit kognitives Training einen Einfluss auf Freezing of gait hat. Die Studie zeigte tatsächlich, eine signifikante Verbesserung der FOG-Schwere nach dem kognitiven Training.

Hilfsmittel

Es gibt eine Vielzahl an Hilfsmitteln, die dir helfen sollen, Freezing zu überwinden.

Studie zu Gehstöcken:

Eine Studie aus dem Jahr 2000 untersuchte zwei spezielle Gehstöcke:

  • Modifizierter umgekehrter Stock (MIS)
  • Stock mit Laserstrahl (LBS)

28 Parkinson-Patienten testeten diese auf einer 18-Meter-Strecke.

Ergebnisse:

  • Keine deutlichen Unterschiede in Gehzeit und Freezing-Episoden zwischen den Hilfsmitteln und ohne Hilfe
  • Nur je sechs Patienten zeigten Verbesserungen mit MIS oder LBS

Fazit: Die Hilfsmittel waren nicht allgemein wirksam. Individuelle Tests unter Aufsicht könnten zeigen, wer davon profitiert.

Vibrationssocken:

Ein anderes Projekt erforscht die Verwendung von Vibrationssocken als Cueing-Methode, um FOG zu behandeln, ohne Medikamente einzusetzen. Dabei wird das Gangmuster maschinell analysiert und ein passender Vibrationsreiz zur Linderung gegeben, sobald Freezing auftritt.

Rollatoren:

Im Bezug auf Rollatoren gibt es unterschiedliche Ergebnisse:

  • Studie 2003 (19 Teilnehmer):
    • Rollatoren verlangsamten das Gehen
    • Kein Rollator reduzierte Freezing
    • Rollator mit Rädern empfohlen, wenn nötig
  • Studie 2012 (6 Teilnehmer):
    • Laser am Rollator getestet
    • Patienten gingen schneller und hatten weniger Freezing
    • Mobilaser könnte hilfreich sein

Neue Hoffnung im Kampf gegen Parkinson

Tübinger Forschende haben neuronale Muster aufgedeckt, die Gang-Freezing hervorrufen - ein potenzieller Therapieansatz könnte folgen. Wissenschaftler des Universitätsklinikums Tübingen haben mithilfe innovativer Technologien, wie neuer Generationen von Hirnstimulationselektroden, entscheidende Fortschritte gemacht. Diese Elektroden erlauben es, die Aktivität des Gehirns während des Gehens in Echtzeit zu messen. Damit konnten die Forscher erstmals die genauen neuronalen Abläufe vor und während einer Gangblockade analysieren.

Eine zentrale Entdeckung der Studie ist, dass die neuronalen Signale schon wenige Schritte vor einer Gangblockade auffällig werden - also in einer Phase, in der der Patient noch mobil ist. Dies eröffnet eine vielversprechende Möglichkeit: Die Entwicklung neuer neurostimulatorischer Therapien, die eine Blockade verhindern könnten, bevor sie eintritt.

„Interessanterweise konnten wir mit der neuen Methode bei Patientinnen und Patienten mit Parkinson nachweisen, dass diese Fehlsteuerung der eigentlichen Blockade bereits um wenige Schritte vorausging. Dies ist eine großartige Möglichkeit, die Neurostimulation gezielter einzusetzen, um eine sich ankündigende Gangblockade mittels Neurostimulation möglicherweise noch abzuwenden - zu einer Zeit, wenn sie sich bereits ankündigt, aber noch nicht definitiv eingetreten ist“, fasst Prof. Weiß zusammen. „Die aktuellen Hirnschrittmacher verfügen teilweise bereits über die technologischen Voraussetzungen für solche Therapieanwendungen. Bis eine solche adaptive Therapie allerdings hoffentlich in Zukunft einmal zur Verfügung gestellt werden kann, sind noch weitere Entwicklungsschritte und klinische Studien erforderlich“, ergänzt Prof. Weiß.

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