Die Polyneuropathie ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, die sich durch Schädigung mehrerer peripherer Nerven auszeichnet. Diese Nerven sind für die Wahrnehmung von Berührungen, Temperatur oder Schmerzempfindungen sowie für die Steuerung der Muskelbewegungen verantwortlich. Eine Schädigung dieser Nerven beeinträchtigt die Signalübertragung zwischen Gehirn, Rückenmark und den übrigen Körperregionen. Circa fünf Prozent aller Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Polyneuropathie, wobei das Risiko mit zunehmendem Alter kontinuierlich ansteigt.
Was ist Polyneuropathie?
Bei einer Polyneuropathie sind mehrere periphere Nerven geschädigt. Dadurch ist die Weiterleitung von Signalen zwischen Gehirn, Rückenmark und den übrigen Körperregionen beeinträchtigt - und zwar sowohl in Richtung der Gliedmaßen als auch zurück zum Zentralen Nervensystem (ZNS).
Symptome einer Polyneuropathie
Je nachdem, welche Nerven betroffen sind, können unterschiedliche Beschwerden auftreten.
Schäden an den sensiblen Nerven (Empfindungsnerven)
Sensible Nerven übermitteln Informationen von der Haut zum Gehirn. Bei Beeinträchtigungen treten oft stechende oder brennende Schmerzen auf. Betroffene haben das Gefühl, als ob tausende Ameisen über ihre Haut krabbeln. Manchmal entwickeln sie eine Überempfindlichkeit, bei der selbst leichte Berührungen (Allodynie) schmerzhaft sein können.
Schäden an den kleinen Nervenfasern
Diese Nerven vermitteln Schmerz-, Temperatur- und Berührungsempfindungen. Bei Nervenschäden nehmen Betroffene Hitze, Kälte und Schmerzen nur noch abgeschwächt oder gar nicht mehr wahr. Zusätzlich treten oft Taubheitsgefühle auf, besonders in Händen und Füßen. Die Haut fühlt sich pelzig und fremd an. Als Folge steigt die Verletzungsgefahr erheblich: So wird beispielsweise die Wassertemperatur beim Duschen oder Baden nicht mehr als zu heiß empfunden. Auch kleine Verletzungen wie Schnittwunden, Brandblasen oder Druckstellen bleiben oftmals unbemerkt und werden erst spät entdeckt. Dadurch erhöht sich das Risiko für Entzündungen oder chronische Wunden.
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Schäden an motorischen Nerven
Motorische Nerven steuern die Muskeln. Sind sie betroffen, können die Impulse, welche die Muskeln zum Bewegen anregen, nicht mehr richtig weitergeleitet werden. Die Folge sind Muskelschwäche oder Lähmungen, insbesondere in den Beinen und Füßen. Bei einigen Menschen sind auch in die Arme und Hände betroffen. Langfristig kann die fehlende Nutzung der Muskeln zu einem Abbau der Muskelmasse führen, was die Bewegungsfähigkeit weiter einschränkt.
Schäden an den autonomen Nerven
Autonome Nerven steuern das vegetative Nervensystem. Sind sie geschädigt, können sie Kreislaufprobleme wie Schwindel oder Ohnmacht beim Aufstehen verursachen. Zudem kann die Verdauung beeinträchtigt sein, was zu Symptomen wie Verstopfung, Durchfall oder Inkontinenz führen kann. Auch Probleme mit der Blase, etwa eine Blasenschwäche oder Schwierigkeiten beim Wasserlassen, sind durch die Nervenschäden möglich.
Gangstörungen als Folge von Polyneuropathie
Gangstörungen sind eine häufige Folge von Polyneuropathie. Sie entstehen durch die Schädigung der Nerven, die für die Steuerung der Muskeln und die Koordination der Bewegungen verantwortlich sind. Die Ganggeschwindigkeit oder das Gangmuster weichen dabei erheblich von der Norm ab. Gangstörungen können ganz unterschiedlich ausgeprägt sein: von leichter Unsicherheit bis hin zu schweren Beeinträchtigungen, die das Gehen unmöglichmachen.
Ursachen einer Polyneuropathie
Typischerweise beginnt die Polyneuropathie schleichend. Zu den häufigsten Auslösern zählen:
- Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit): Ein dauerhaft hoher Blutzuckerspiegel schädigt die Nerven.
- Langjähriger Alkoholmissbrauch: Alkohol greift das empfindliche periphere Nervensystem an und schädigt die Schutzschicht (Myelinschicht) der Nervenfasern oder die Nervenfasern selbst.
Weitere Auslöser der Polyneuropathie sind unter anderem:
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- Infektionskrankheiten, wie etwa Borrelien oder Herpes zoster-Viren
- Autoimmunreaktionen, wie das Guillain-Barré-Syndrom und rheumatoide Arthritis
- Vitaminmangel, z. B. Vitamin B12
- Schilddrüsen-, Leber- oder Krebserkrankungen
- Genetische Faktoren
- Metabolische Ursachen (Diabetes mellitus, Hepatopathie, Urämie, Hypothyreose, Hyperurikämie)
- Vaskulitiden
- Kollagenosen
- Paraneoplastische Ursachen
- Critical-illness-PNP
- Hereditäre Polyneuropathien (HMSN)
- Toxische Ursachen (Arsen, Blei, Thallium, Quecksilber)
- Medikamentös-toxische Ursachen (Chemotherapeutika, Cisplatin, Thalidomid, Vinblastin, Vincristin, Nitrofurantoin, Amiodaron, Penicillin…)
- Nutritiv-toxische Ursachen: Alkohol
- Infektiöse Ursachen (Borreliose, CMV, HIV, Hepatitis, FSME, Masern, Mononukleose, Mykoplasmen)
In etwa 20 Prozent der Fälle bleibt die Ursache trotz umfassender Abklärung ungeklärt.
Diagnose von Polyneuropathie
Entscheidend ist die umfangreiche, gründliche Suche nach möglichen Ursachen - nur so lassen sich Polyneuropathien gezielt behandeln. Zu den Untersuchungen zählen:
- Eine umfangreiche Labordiagnostik (Blutuntersuchungen, eventuelle Untersuchung des Nervenwassers mittels Lumbalpunktion)
- Messung der elektrischen Nervenleitung (Elektroneurographie oder Elektromyographie)
- Bei der körperlichen Untersuchung werden Reizempfinden, Geh- und Stehvermögen, Muskelstärke und Reflexe geprüft.
- Differenzierte Sensibilitätsprüfung (inklusive Lageempfinden)
- Muskelfunktionsprüfung (Insbesondere Paresen der Fuß- und Zehenextension, und -flexion. Auch Prüfung proximaler Muskelgruppen!)
- Aufstehen aus der Hocke
- Inspektion (Muskelatrophien, Muskelumfangsmessung, Fußdeformitäten?)
- Muskeleigenreflexe (Abschwächung?)
- Autonome Funktionsstörung (Hydrosis, Haut trocken?)
- Elektrophysiologische Diagnostik (Nervenleitungsgeschwindigkeitsmessung - NLG, Nervus peronaeus und Nervus tibialis mit F--Wellen, Nervus suralis, Elektromyograpgie)
- Evozierte Potentiale (Abhängig von Lokalisation der Symptomatik, Tibialis- oder Peronaues-SEP, Medianus- oder Ulnaris-SEP)
- Herzfrequenzvarianzanalyse
- Sympathischer Hautreflex
- Quantitativ sensorische Testung (QST) (Insbesondere bei Verdacht auf Small-fibre Polyneuropathie)
- Labor (Eventuell Liquordiagnostik, Eventuell 24h Urin (bei V.a. Intoxikation, Porphyrie))
- Evtl. Muskel- und Nervenbiopsie
Anamnese
Die Anamnese ist ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik. Hierbei werden Fragen zu den aktuellen Symptomen, ihrem ersten Auftreten, Grunderkrankungen und Medikation gestellt. Wichtige Fragen sind:
- Pelzigkeitsgefühl, Engegefühl (Manschetten), Gefühl auf Watte zu laufen, Überempfindlichkeit auf Reize (Temperatur, Berührung, Schmerz…)
- Schwindelgefühl beim Laufen, unsicheres Gangbild
- Auftreten verstärkt in Ruhe oder auch nachts
- Zunahme der Gangunsicherheit im Dunkeln
- Muskelkrämpfe (Crampi) - häufig nachts in Ruhe
- Erektionsstörungen? Blasenentleerungsstörungen? Orthostatische Dysregulation?
Klinische Untersuchung
Bei der körperlichen Untersuchung werden Reflexe, Temperatur-, Schmerz- und Vibrationsempfinden an betroffenen Gliedmaßen überprüft sowie Gleichgewicht, Stand, Gang und Muskelkraft getestet.
Sensibilitätsstörungen
- Hypästhesie (oder auch Pelzigkeitsgefühl ohne Taubheit)
- Parästhesien (Kribbeln, Ameisenlaufen, Brennen, Stechen)
- Pallhyp- oder Anästhsie
- Graph- oder Anästhesie auf Fußrücken (im Verlauf auch der Fingerspitzen)
- Hyperalgesie (im Verlauf Hyp- oder Analgesie)
- Thermhyp- oder Anästhesie
- Gemindertes Spitz-Stumpf Empfinden
- Lageempfinden beeinträchtigt
- 2-Punkte Diskrimination reduziert
Paresen
- Meist symmetrische Paresen vorwiegend der kleinen Fußmuskeln
- Hackenstand erschwert
- Auch proximale Muskulatur kann betroffen sein
- Atropien der Muskulatur (M. extensor digitorum brevis häufig betroffen)
- Gelegentlich Schwerpunktsneuropathien mit besonderer Affektion einzelner Nerven
Gangstörung und Gleichgewicht
- Gangunsicherheit
- Ataxie
- Einbeinstand erschwert (z.B. Sensibilität)
Elektrophysiologische Diagnostik
- Nervenleitungsgeschwindigkeitsmessung - NLG
- Nervus peronaeus und Nervus tibialis mit F--Wellen
- Nervus suralis
- Elektromyograpgie
- Chronische Denervierung
- Erhöhte Muskelsummenaktionspotentiale
- Erhöhte Polyphasierate
- Faszikulationen, komple-repetitive Entladungen
- Floride Denervierung
- Spontanaktivität mit positiven scharfen Wellen, Fibrillationen
- Auftreten vom Verlauf abhängig
- Evozierte Potentiale
- Abhängig von Lokalisation der Symptomatik
- Tibialis- oder Peronaues-SEP
- Medianus- oder Ulnaris-SEP
Therapiemöglichkeiten bei Polyneuropathie
Die Therapie der Polyneuropathie richtet sich nach der Ursache.
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- Diabetische Polyneuropathie: Eine stabile Blutzuckereinstellung ist der entscheidende Faktor. Gelingen kann dies durch eine angepasste Ernährung, ausreichend Bewegung und gegebenenfalls eine medikamentöse Therapie. Durch die Senkung des Blutzuckers kann ein Voranschreiten der Erkrankung verhindert werden.
- Alkoholbedingte Polyneuropathie: Hier hilft nur konsequenter Verzicht auf Alkohol. Alkoholabstinenz ist immer eine Voraussetzung für eine Verbesserung oder Ausheilung der Symptomatik.
- Entzündungsbedingte Nervenschädigung: Je nach Erreger kann eine Antibiotika-Therapie oder eine antivirale Medikation helfen.
- Autoimmunentzündung: Entzündungshemmende Medikamente wie Kortison oder Immunglobuline kommen zum Einsatz.
- Vitaminmangel: Gezielte Ernährungsumstellung oder die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln. Wichtig ist das Vermeiden einer Überdosierung, etwa von Vitamin B6.
Schmerzen oder Gangstörungen bei Polyneuropathie können medikamentös oder durch eine physikalische Therapie gebessert werden. Dazu zählen etwa Physiotherapie, Gleichgewichts- und Gehtraining sowie gelenkschonende Sportarten wie Aqua-Fitness. Diese können helfen, Beweglichkeit, Kraft und Gleichgewicht zu verbessern. Spezielle Schienen oder orthopädische Einlagen können zusätzliche Stabilität geben.
Medikamentöse Therapie
- Herkömmliche Schmerzmittel zeigen bei Nervenschmerzen kaum Wirkung. Besser wirken Medikamente, die ursprünglich gegen Epilepsie und gegen Depression entwickelt wurden.
- In schweren Fällen können Opioide in Betracht gezogen werden.
- Eine Alternative zu oralen Medikamenten können Schmerzpflaster mit hochdosiertem Capsaicin oder Lidocain sein, insbesondere bei lokalisierten Beschwerden wie Schmerzen und Missempfindungen.
- Seit 2017 können Ärzte in Deutschland medizinisches Cannabis auf Rezept verschreiben. Der Einsatz von medizinischem Cannabis bei chronischen neuropathischen Schmerzen wird kontrovers diskutiert.
Physikalische Therapie
- In der physikalischen Therapie können vor allem sensible und motorische Symptome gelindert werden. Dazu nutzen wir Bäder, Elektrotherapie und Wärmeanwendungen
- In der Krankengymnastik, der Sporttherapie und der medizinischen Trainingstherapie (spezielles Krafttraining) lernen Sie spezielle Übungen und stärken Ihre geschwächte Muskulatur.
- Bei der transkutanen Elektrostimulation, kurz TENS, werden kleine Elektroden auf die Haut geklebt, die sanfte elektrische Impulse abgeben. TENS ist eine nicht-medikamentöse Therapie, die oft bei starken neuropathischen Schmerzen in Kombination mit anderen Behandlungen eingesetzt wird.
Weitere Therapien
- Missempfindungen und Schmerzen können überdies mit einer Neural-Akupunktur behandelt werden.
- Lähmungen und Muskelschwund, Gleichgewichtsstörungen und Gangstörungen können mit einer spezifischen Physiotherapie behandelt werden. Diese kann gegebenenfalls um elektrische oder magneto-elektrische Stimulationverfahren ergänzt werden.
Alltag mit Polyneuropathie
Der Alltag mit einem eingeschränkten Temperatur- und Schmerzempfinden kann herausfordernd sein und erfordert besondere Vorsicht und Vorsorge, um Verletzungen zu vermeiden und frühzeitig zu erkennen sowie um Stürze zu vermeiden.
Wie kann ich Verletzungen frühzeitig erkennen?
Kontrollieren Sie täglich sorgfältig Ihre Hände und Füße und achten Sie auf Rötungen, kleine Schnitte oder Druckstellen. Nutzen Sie für schwer einsehbare Stellen einen Handspiegel.
Welche Rolle spielt Hautpflege?
Regelmäßiges Eincremen beugt trockener, rissiger Haut vor, die anfällig für Erreger ist. Stellen Sie Wunden oder Entzündungen fest, sollten Sie frühzeitig ärztlichen Rat einholen. Auch medizinische Fußpflege kann eine sinnvolle Ergänzung sein.
Wie schütze ich mich vor Verbrennungen oder Erfrierungen?
Nutzen Sie ein Thermometer, um die Wassertemperatur zu überprüfen. Verzichten Sie zudem auf Wärmflaschen oder Heizdecken. Im Winter können warme Handschuhe und gut isolierte Schuhe vor Kälte schützen.
Worauf sollte ich zuhause und draußen achten?
In den eigenen vier Wänden sind unter anderem rutschfeste Böden, ausreichende Beleuchtung und das Entfernen von Stolperfallen wie losen Teppichen, wichtig, um Stürzen vorzubeugen. Im Freien sollten Sie auf festes Schuhwerk, Gehhilfen, gut beleuchtete Wege und die Vermeidung glatter oder unebener Flächen achten.
Polyneuropathie und Sexualität
Die Nervenschädigung kann bei Männern und Frauen zu sexuellen Funktionsstörungen führen. Durch die Polyneuropathie sind die Nerven geschädigt, die für die Empfindungen und Steuerung von Körperfunktionen zuständig sind - darunter auch die Nerven, die an der sexuellen Reaktion beteiligt sind. Männer haben häufig Schwierigkeiten eine Erektion zu bekommen oder aufrechtzuerhalten. Frauen hingegen verspüren oft eine geringere Empfindlichkeit im Intimbereich, wodurch Erregung und Orgasmus erschwert sind. Zudem kann auch eine vaginale Trockenheit auftreten, was den Geschlechtsverkehr unangenehm macht. Auch Schmerzen oder Unsicherheiten können die Lust mindern und den Sexualtrieb negativ beeinflussen.
Was kann Betroffenen helfen?
Sprechen Sie offen mit Ihrem behandelnden Arzt, am besten einem Neurologen oder Sexualmediziner.
Wo finde ich mit Polyneuropathie Unterstützung?
Für Erkrankte kann der Austausch mit anderen Betroffenen sehr hilfreich sein, zum Beispiel über Selbsthilfegruppen wie die Deutsche Polyneuropathie Selbsthilfe e. V..
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