Die Frage, ob die Impfung gegen humane Papillomviren (HPV) das Risiko für Multiple Sklerose (MS) oder andere demyelinisierende Erkrankungen des zentralen Nervensystems erhöht, ist von großer Bedeutung. Seit der Zulassung des ersten HPV-Impfstoffes im Jahr 2006 gab es Berichte über MS-Erkrankungen in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung, was zu Verunsicherung führte. Dieser Artikel analysiert die verfügbaren Daten und Studien, um diese Frage umfassend zu beantworten.
Hintergrund: HPV-Impfung und Multiple Sklerose
Die Infektion mit humanen Papillomviren (HPV) ist die weltweit häufigste sexuell übertragene Infektion. Die Impfung gegen HPV, die seit 2007 verfügbar ist, schützt vor einer Ansteckung mit diesen Viren. Zunächst wurden nur Mädchen geimpft, seit 2018 wird die Impfung auch für Jungen empfohlen. Es gibt jedoch Befürchtungen, dass die Impfung das Risiko für Autoimmunerkrankungen wie MS erhöhen könnte.
MS ist eine chronische Autoimmunerkrankheit, bei der die Hüllen der Nervenzellen angegriffen werden. Der Verlauf der Krankheit ist sehr unterschiedlich und führt in vielen Fällen über Jahre hinweg zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustands. In Deutschland sind rund 200.000 Menschen von MS betroffen, weltweit sind es mehr als 2 Millionen. Gebärmutterhalskrebs, vor dem die HPV-Impfung schützen soll, macht etwa 2 % aller Krebsneuerkrankungen bei Frauen aus.
Aktuelle Studien und Metaanalysen
Mehrere Studien haben untersucht, ob ein Zusammenhang zwischen der HPV-Impfung und dem Risiko für MS besteht. Zwei aktuelle Analysen kommen zu dem Schluss, dass die HPV-Impfung nicht mit einem erhöhten MS-Risiko einhergeht.
Skandinavische Kohortenstudie
Eine Kohortenstudie aus Skandinavien analysierte die Daten von fast 4 Millionen dänischen und schwedischen Frauen im Alter zwischen 10 und 44 Jahren (2006-2013). Von diesen Frauen hatten knapp 800.000 insgesamt zwei Millionen Dosen des tetravalenten HPV-Impfstoffs erhalten.
Lesen Sie auch: Seltene Fälle von Meningitis nach Impfung
Die Ergebnisse zeigten, dass in der zweijährigen „Risikoperiode“ nach der Impfung 73 Fälle von MS und 90 demyelinisierende Erkrankungen auftraten. Die Kohortenanalyse ergab jedoch kein erhöhtes MS-Risiko bei der geimpften Gruppe im Vergleich zu nicht-HPV-geimpften Frauen (6,12 vs. 21,54 Fälle/100.000 Personenjahre; adjustierte Rate Ratio [RR]: 0,90; 95-%-Konfidenzintervall [KI]: 0,70-1,15). Auch die Inzidenz für andere demyelinisierende Erkrankungen war nicht erhöht (7,54 vs. 16,14 Fälle pro 100.000 Personenjahre; RR: 1,00; 95-%-KI: 0,80-1,26).
Studie aus Südkalifornien
Eine weitere Studie, die in Südkalifornien durchgeführt wurde, untersuchte Krankenakten der Versicherungsfirma Kaiser Permanente Southern California von 2008 bis 2011. Die Forscher verglichen 780 Fälle von MS oder anderen demyelinisierenden Krankheiten mit knapp 4000 gesunden Versicherten, die den Erkrankten bezüglich Alter, Geschlecht und Wohnort ähnelten.
Auch in dieser Studie fanden die Wissenschaftler keinen Zusammenhang zwischen einer HPV-Impfung und dem Risiko einer demyelinisierenden Krankheit binnen drei Jahren. Es gab jedoch Hinweise darauf, dass das Risiko, in den ersten 30 Tagen nach der Impfung zu erkranken, für Geimpfte unter 50 Jahren mehr als doppelt so hoch war wie für Nichtgeimpfte. Die Autoren der Studie betonten jedoch, dass diese Daten gegen einen ursächlichen Zusammenhang sprechen.
Metaanalyse zum MS-Risiko nach Tetanusimpfung
Das Paul-Ehrlich-Institut zitiert die Ergebnisse einer Metaanalyse zum MS-Risiko nach vorheriger Tetanusimpfung (Neurology 67, 2006, 212), die ebenfalls keinen Zusammenhang fand.
Mögliche Erklärungen für zeitliche Zusammenhänge
Obwohl die Studien keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen der HPV-Impfung und MS feststellen konnten, gab es in einigen Fällen einen zeitlichen Zusammenhang zwischen der Impfung und dem Auftreten von MS-Symptomen. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass bei Menschen mit einer bereits vorhandenen, unterschwelligen Erkrankung eine Impfung den Übergang zu sichtbaren Symptomen beschleunigen kann.
Lesen Sie auch: Der Zusammenhang zwischen Impfungen und Epilepsie
Professor Dr. Bernhard Hemmer, Direktor der Neurologischen Klinik der Technischen Universität München, erklärt: „Wahrscheinlich sei vielmehr, dass bei Menschen mit einer bereits vorhandenen, unterschwelligen Erkrankung, eine Impfung den Übergang zu sichtbaren Symptomen beschleunigen könne. Solch ein Übergang kann auch durch jede natürliche Infektion - etwa mit Schnupfenviren - eingeleitet werden.“
Diese These wird dadurch gestützt, dass MS und ähnliche Krankheiten sich bei Frauen meist erst im zweiten Lebensjahrzehnt entwickeln, während das Impfalter in der Regel zwischen 10 und 15 Jahren liegt. In einer Korrekturrechnung passten die Forscher ihre Zahlen entsprechend der natürlichen Altersverteilung von MS an, wodurch sich die Wahrscheinlichkeit, nach einer HPV-Impfung an MS zu erkranken, als genau so groß wie ohne Impfung erwies.
Fallberichte und Verdachtsfälle
Trotz der beruhigenden Ergebnisse der großen Kohortenstudien und Metaanalysen gibt es Fallberichte, die einen möglichen Zusammenhang zwischen der HPV-Impfung und dem Auftreten von demyelinisierenden Erkrankungen nahelegen.
Eine australische Studie berichtete über fünf Fälle von Entzündungen des ZNS, die innerhalb von 28 Tagen nach der ersten oder zweiten Impfung mit Gardasil® auftraten. Bei drei der Patientinnen waren bereits zuvor neurologische Symptome aufgetreten, sodass nun die Diagnose Multiple Sklerose gestellt wurde. Die zwei anderen zeigten erstmal neurologische Symptome; eine von ihnen entwickelte ebenfalls Multiple Sklerose.
Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) weist jedoch darauf hin, dass Impfungen entzündliche Erkrankungen zwar triggern können, jedoch nicht als ihr Auslöser angesehen werden. Das Risiko für schwerwiegende neurologische Erkrankungen würde mit 0,1 bis 0,2 Fälle pro 1 Million Impfungen als gering eingestuft.
Lesen Sie auch: Aktuelle Forschung zu Demenz und Corona-Impfung
Bislang listet die deutsche Datenbank für Verdachtsfälle von Impfkomplikationen des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) zehn Fälle von MS im zeitlichen Zusammenhang mit einer HPV-Impfung. Fünf davon seien «unwahrscheinlich», vier «nicht beurteilbar» und eine Beurteilung ist aufgrund fehlender Informationen noch nicht abgeschlossen.
Weitere Aspekte: Autoimmunerkrankungen und andere Impfungen
Es gibt auch Bedenken, dass die HPV-Impfung das Risiko für andere Autoimmunerkrankungen wie rheumatoide Arthritis erhöhen könnte. Eine kanadische Studie, die die Gesundheitsdaten von fast 300.000 Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren auswertete, fand jedoch kein erhöhtes Risiko für Autoimmunerkrankungen infolge einer HPV-Impfung.
Auch im Zusammenhang mit anderen Impfungen wurde untersucht, ob sie das Risiko für MS erhöhen. Eine französische Fall-Kontroll-Studie fand keine Verbindung zwischen einer Hepatitis-B-Impfung und einem erhöhten Risiko für MS.
Schlussfolgerung
Die verfügbaren wissenschaftlichen Daten deuten darauf hin, dass die HPV-Impfung nicht mit einem erhöhten Risiko für Multiple Sklerose oder andere demyelinisierende Erkrankungen des zentralen Nervensystems einhergeht. Große Kohortenstudien und Metaanalysen haben keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Impfung und dem Auftreten von MS gefunden.
Es gibt zwar Fallberichte, die einen zeitlichen Zusammenhang zwischen der HPV-Impfung und dem Auftreten von MS-Symptomen nahelegen, aber diese Fälle sind wahrscheinlich auf das Zusammentreffen von Impfung und einer bereits vorhandenen, unterschwelligen Erkrankung zurückzuführen.
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) empfiehlt Mädchen und jungen Frauen, sich guten Gewissens gegen HPV impfen zu lassen, da der Schutz vor Gebärmutterhalskrebs nicht durch Erkrankungsrisiken des Nervensystems erkauft wird.
Professor Ralf Gold, einer der renommiertesten MS-Forscher in Deutschland, betont, dass die Studienlage beruhigend ist und die HPV-Impfung weiterhin empfohlen werden kann.
tags: #gebarmutterhalskrebs #impfung #multiple #sklerose