Die Geburt ist ein komplexer und bemerkenswerter Prozess, der komplizierte biomechanische Interaktionen zwischen dem mütterlichen Becken, dem fetalen Schädel, der Gebärmutter, der Eihäute, dem Gebärmutterhals und den umgebenden Weichteilen beinhaltet. Obwohl die vaginale Geburt ein entscheidender Prozess für die Gesundheit von Mutter und Kind ist, birgt sie auch Risiken. Dieser Artikel beleuchtet die potenziellen Nervenverletzungen, die während der Geburt auftreten können, ihre Ursachen, Folgen und verfügbaren Behandlungsoptionen.
Biomechanik der Geburt: Ein komplexes Zusammenspiel
Um die Ursachen von Nervenverletzungen während der Geburt zu verstehen, ist ein Einblick in die Biomechanik dieses Prozesses unerlässlich. Der Bereich der Geburtsbiomechanik umfasst ein breites Spektrum von Faktoren, das vom Geburtsbeginn bis zur Geburt der Plazenta reicht. Die Austrittsphase der Geburt, bei der der Fetus den Geburtskanal passiert, ist besonders relevant.
Traditionell wurden die meisten Studien zu Schwangerschaft und Geburt mit einem klinischen Ansatz durchgeführt, der sich auf umfangreiche statistische Analysen stützt. Um die derzeitigen Schwierigkeiten wirksamer anzugehen, kann eine ingenieurwissenschaftliche Perspektive, die ein tiefes Verständnis der zugrundeliegenden Biomechanik beinhaltet, eine wertvolle Ergänzung sein. Herkömmliche Methoden zur Erforschung solcher biomechanischen Prozesse in vivo sind schwierig und invasiv. Daher wird ein technischer Modellierungsansatz verwendet, um biomechanische Untersuchungen durchzuführen.
Das Becken, die Beckenhöhle, der Beckenboden und der Damm spielen eine wichtige mechanische Rolle bei der Unterstützung und dem Schutz der inneren Organe, der Übertragung von Gewicht und Kräften, der Ermöglichung von Mobilität und Flexibilität sowie beim Geburtsvorgang. Die Erstellung biomechanischer Modelle der Beckenregion erfordert verschiedene Arten von Eingabedaten, z. B. Geometriedaten, Materialeigenschaften und -verhalten sowie andere Rahmenbedingungen, die Belastung-, kinematische und physiologische Daten beinhalten.
Der Gebärmutterhals spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle bei der Geburt, da er während der Schwangerschaft als Barriere für den Fetus und während der Geburt als Durchgangspassage fungiert. Computermodelle der Geburt wurden seit den 1990er-Jahren benutzt, um unser Verständnis der Geburtsvorgänge und der damit verbundenen Verletzungen zu verbessern. Es wurden biomechanische Modelle entwickelt, um vor allem die Wehen in der Austreibungsphase zu simulieren und die Wirksamkeit verschiedener mütterlicher Belastungsmuster zu analysieren. Die Finite-Elemente-Modellierung ist ein leistungsfähiges Werkzeug, mit dem sich die Biomechanik der Geburt simulieren und es sich vorhersagen lässt, wie verschiedene Faktoren den Prozess beeinflussen können.
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Mit dem Einsetzen von Wehen beginnt eine Reihe koordinierter biomechanischer Vorgänge, die den Fortgang der Geburt erleichtern. Eine Abfolge kontinuierlicher und progressiver Uteruskontraktionen trägt dazu bei, dass sich der Gebärmutterhals öffnet (zervikale Dilatation) und verkürzt (zervikales Effacement), sodass der Fetus durch den Geburtskanal tiefer treten kann. Bleiben die Uteruskontraktionen abnormal/unregelmäßig, wird der Uterus verschiedenen Belastungen ausgesetzt, die sich direkt auf die Sauerstoffversorgung des Feten auswirken, was die Geburt und die Gesundheit von Mutter und Fetus gefährden kann.
Die Austrittsphase der Geburt kann als ein dynamischer und koordinierter Prozess beschrieben werden, der verschiedene Kräfte und Bewegungen umfasst. In dieser Phase zieht sich die Gebärmutter kräftig zusammen und übt Druck auf den Kopf des Feten aus. Die Beckenbodenmuskulatur, bestehend aus dem M. levator ani und den am Os coccygis inserierenden Muskeln, spielt eine entscheidende Rolle in Form von Unterstützung und Widerstand. Der Schädel des Feten, der aus sich überlappenden Knochen und flexiblen Nähten besteht, passt sich dem mütterlichen Geburtskanal an, indem sich seine Schädelnähte übereinander schieben und er seine Form verändert, sodass er durch die engsten Stellen des Beckens tiefertreten kann.
Ursachen für Nervenverletzungen
Nervenverletzungen während der Geburt können verschiedene Ursachen haben, die sowohl mütterliche als auch fetale Faktoren umfassen:
- Druck und Dehnung: Der Geburtskanal ist eng, und der Fetus muss sich anpassen, um hindurchzukommen. Dies kann zu Druck und Dehnung auf die Nerven führen, insbesondere im Bereich des Beckens und der Schultern.
- Lagerung der Mutter: Bestimmte Gebärpositionen können den Druck auf bestimmte Nerven erhöhen. Beispielsweise kann die Schädigung des N. cutaneus femoris lateralis, die Meralgia paraesthetica, während der natürlichen Geburt durch die Lagerung der Mutter provoziert werden.
- Instrumentelle Entbindung: Der Einsatz von Saugglocke oder Zange kann zusätzliche Kräfte auf den Fetus ausüben und das Risiko von Nervenverletzungen erhöhen. Die mechanische Krafteinwirkung auf den formbaren Schädel des Babys wird bei einer Saugglocken- oder Zangengeburt nochmals erhöht. Zahlreiche Kräfte wirken gleichzeitig auf das Köpfchen des Säuglings ein.
- Beckenendlage: Eine Beckenendlage, bei der das Kind mit dem Gesäß oder den Füßen zuerst liegt, kann den Geburtsvorgang erschweren und das Risiko von Nervenverletzungen erhöhen. Ein häufiger Folgeschaden bei einer Geburt in Beckenendlage betrifft die Nerven des Armes (Plexus brachialis).
- Hohes Geburtsgewicht: Babys mit einem hohen Geburtsgewicht haben ein höheres Risiko für bestimmte Nervenverletzungen, wie z. B. Plexus brachialis Verletzungen.
- Lange oder komplizierte Geburt: Eine langwierige oder komplizierte Geburt kann zu einer erhöhten Belastung des Fetus und der mütterlichen Nerven führen.
Arten von Nervenverletzungen
Während der Geburt können verschiedene Nerven verletzt werden, was zu unterschiedlichen Symptomen und Beeinträchtigungen führen kann:
Beim Kind:
- Plexus brachialis Lähmung (Erb-Lähmung): Dies ist die häufigste Nervenverletzung bei Neugeborenen. Sie betrifft die Nerven, die Schulter, Arm und Hand versorgen. Die Erb-Lähmung entsteht meist während der Geburt, wenn Nervenstränge, die im Bereich der Achseln verlaufen (Plexus brachialis), verletzt werden. Dabei sind die Nervenabgänge im Bereich des fünften und sechsten Halswirbels betroffen. Bei den Neugeborenen lassen sich Lähmungserscheinungen im Bereich der Armmuskulatur feststellen, die zumeist auf eine Körperseite beschränkt sind, in Einzelfällen jedoch auch beidseitig auftreten können. Der obere Armplexus ist ein Geflecht aus Nerven, die für die Versorgung von Schulter und Oberarmmuskeln verantwortlich sind. Durch Kräfte, die beim Drücken und Zerren während der Entbindung auf den Säugling ausgeübt werden, kann es zu einer Schädigung des Nervengeflechts kommen. Schädigungen treten vermehrt bei komplizierten Geburten auf - etwa, wenn Probleme beim Hervorholen des Kindes aus dem Geburtskanal auftreten. Die Symptome können von einer leichten Schwäche bis hin zu einer vollständigen Lähmung des Armes reichen.
- Fazialisparese: Eine Schädigung des Gesichtsnervs kann zu einer Schwäche oder Lähmung der Gesichtsmuskulatur führen.
Bei der Mutter:
- Meralgia paraesthetica: Eine Schädigung des N. cutaneus femoris lateralis kann zu Schmerzen, Taubheit und Kribbeln an der Außenseite des Oberschenkels führen.
- Howship-Romberg-Syndrom: Eine Schädigung des N. obturatorius kann zu Missempfindungen an der Innenseite des Oberschenkels führen.
- Karpaltunnelsyndrom: Eine Kompression des Nervus medianus im Handgelenk kann zu Schmerzen, Taubheit und Kribbeln in den Fingern führen. Die vermehrte Flüssigkeitseinlagerung führt zu dem typischen nächtlichen Kribbeln in den Fingern oder zu Schmerzen.
- Läsionen anderer Beinnerven: Läsionen anderer Beinnerven (N. femoralis, N. ischiadicus, Plexus lumbosacralis) machen den CT- oder MR-tomografischen Ausschluss von Einblutungen (retroperitoneal, M. iliopsoas) erforderlich.
Diagnose
Die Diagnose von Nervenverletzungen wird in der Regel durch eine körperliche Untersuchung gestellt. Bei Kindern mit Verdacht auf Plexus brachialis Lähmung werden beispielsweise die Reflexe geprüft und die Muskelaktivität beurteilt. In einigen Fällen können zusätzliche Tests wie Elektromyographie (EMG) erforderlich sein, um die Diagnose zu bestätigen und den Schweregrad der Verletzung zu bestimmen.
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Behandlung
Die Behandlung von Nervenverletzungen hängt von der Art und dem Schweregrad der Verletzung ab.
Beim Kind:
- Plexus brachialis Lähmung: In vielen Fällen erholen sich die Kinder innerhalb weniger Monate von selbst. Physiotherapie ist jedoch wichtig, um die Beweglichkeit des Armes zu erhalten und die Muskeln zu stärken. In schweren Fällen kann eine Operation erforderlich sein, um die Nerven zu reparieren oder zu transplantieren.
- Fazialisparese: In den meisten Fällen erholt sich die Gesichtsmuskulatur innerhalb weniger Wochen oder Monate von selbst.
Bei der Mutter:
- Meralgia paraesthetica und Howship-Romberg-Syndrom: Diese Erkrankungen werden in der Regel mit konservativen Maßnahmen wie Schmerzmitteln, Physiotherapie und Injektionen behandelt.
- Karpaltunnelsyndrom: Die Behandlung kann das Tragen einer Handgelenkschiene, Injektionen oder eine Operation umfassen.
Osteopathie als ergänzende Behandlungsmethode
Osteopathie kann eine wertvolle ergänzende Behandlungsmethode bei Nervenverletzungen während der Geburt sein, sowohl für Mutter als auch für Kind. Osteopathen betrachten den Körper als eine Einheit und suchen nach Bewegungseinschränkungen und Spannungen, die die Nervenfunktion beeinträchtigen können.
- Beim Kind: Osteopathen können sanfte Techniken anwenden, um Verspannungen im Schädel, in der Wirbelsäule und im Becken des Babys zu lösen. Dies kann dazu beitragen, den Druck auf die Nerven zu verringern und die Beweglichkeit zu verbessern. Nach Ansicht zahlreicher Kinderosteopathen behalten Säuglinge häufig ein leichtes Geburtstrauma zurück, sei es durch eine sehr intensive und schmerzhafte Geburt, den Einsatz einer Saugglocke oder einen Kaiserschnitt. Die Folgen zeigen sich z.B. in einer stark angespannten Muskulatur, in andauerndem Schreien, Fütterungsstörungen oder Schlafproblemen. Osteopathie kann gerade Kinder, die mit Kaiserschnitt oder Sauglocke auf die Welt gekommen sind, bei ihrer Entwicklung und ihren Beschwerden unterstützen. Während Schwangerschaft und Geburt wirken enorme Kräfte auf den Körper eines Babys ein, insbesondere auf den Kopf- und Halsbereich. Da der Schädel bei Säuglingen sehr formbar ist, können die mechanischen Krafteinwirkungen und die Enge im Geburtskanal zu einer Verschiebung der Schädelknochen oder der oberen Halswirbel führen. Auch eine um den Hals gewickelte Nabelschnur kann die obere Halswirbelsäule beeinträchtigen und Gefäße und Nerven einengen.
- Bei der Mutter: Osteopathen können Techniken anwenden, um Verspannungen im Becken, in der Wirbelsäule und in den umgebenden Muskeln zu lösen. Dies kann dazu beitragen, den Druck auf die Nerven zu verringern und die Schmerzen zu lindern.
Prävention
Obwohl nicht alle Nervenverletzungen während der Geburt vermeidbar sind, gibt es Maßnahmen, die ergriffen werden können, um das Risiko zu verringern:
- Sorgfältige Überwachung des Geburtsverlaufs: Eine kontinuierliche Überwachung des Feten und der Mutter kann helfen, Komplikationen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
- Vermeidung unnötiger Interventionen: Der Einsatz von Saugglocke oder Zange sollte nur bei klaren Indikationen erfolgen.
- Berücksichtigung der Gebärposition: Die Wahl der Gebärposition sollte individuell auf die Bedürfnisse der Mutter und des Feten abgestimmt sein. Geburtspositionen mit flexibler Kreuzbeinmobilisation wie Knien, Stehen, Hocken und Sitzen sind günstiger für die knöcherne Struktur des Beckens, da sie eine größere Bewegung des Steißbeins und eine geringere Verbreiterung der Schambeinfuge ermöglichen.
- Umfassende Beratung bei Beckenendlage: Eltern sollten umfassend über die Risiken und Vorteile einer vaginalen Geburt bei Beckenendlage informiert werden.
Rechtliche Aspekte
In einigen Fällen können Nervenverletzungen während der Geburt auf medizinische Fehler zurückzuführen sein. Wenn Eltern den Verdacht haben, dass ein Behandlungsfehler vorliegt, sollten sie sich rechtlich beraten lassen. Wenn durch fehlerhafte Behandlungen Folgeschäden wie neurologische oder körperliche Beeinträchtigungen auftreten, können betroffene Eltern Schmerzensgeld für das Kind sowie Schadensersatz für zukünftige Therapie- und Betreuungskosten fordern.
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